Die Rolle der Eltern in der Kinder- und Jugendtherapie

... oder warum Lerntherapie einen wichtigen Baustein der Kinder- und Jugendtherapie darstellt.

264037346 Lerntherapie

Als ich mich vor knapp zwölf Jahren im Raum Salzgitter als Lerntherapeutin in eigener Praxis selbstständig gemacht habe, bin ich auf deutlichen Gegenwind gestoßen. Zwar gab es kein vergleichbares Angebot der integrativen Lerntherapie. Doch jegliche Bemühungen, in diverse Leistungskataloge aufgenommen zu werden, scheiterten zunächst. Allen Absagen war eines gemeinsam: Die Qualifikation als Heilpraktikerin für Psychotherapie, die meinem Beruf als Lerntherapeutin zugrunde lag, wurde nicht als „vergleichbare Qualifikation“ zu den anderen Hochschulabschlüssen anerkannt. Alle Zusatzqualifikationen verloren an dieser einen Stelle völlige Bedeutung.

Durch Vortragsveranstaltungen an hiesigen Schulen erhielt ich von einigen Innovativen die Gelegenheit, meine Kompetenzen darzustellen und mich in der Prävention und Früherkennung von Lernstörungen zu engagieren. Darauffolgende regionale Vernetzungen konnten nachhaltige Wirkung erzielen. Inzwischen wird meine Leistung unter bestimmten Voraussetzungen auch vom Jugendamt getragen und mein Angebot ist regional anerkannt.

Da ich jedoch immer wieder an verschiedenen Punkten auf Ressentiments gegenüber Heilpraktikern für Psychotherapie (immer m/w/d) – besonders von niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten – stoße, ist es mir ein Anliegen, unseren Berufsstand zu stärken und Kollegen in ihren Bemühungen und ihrem wertvollen Wirken zu unterstützen.

Nicht zuletzt stößt die aktuelle Jahrhundertkrise mittlerweile ein Umdenken der Gesellschaft an und erfreulicherweise wagen immer mehr offene und innovativ denkende Entscheidungsträger die Zusammenarbeit mit uns Heilpraktikern für Psychotherapie. So arbeite ich seit einiger Zeit in einer interdisziplinären Mutter-Kind-Kurklinik im Harz mit, was mir weitere wertvolle Erfahrungen und Kompetenzen eröffnet.

Obwohl es bereits an der einen oder anderen Stelle positive Entwicklungen zu beobachten gibt, missachten viele niedergelassene Ärzte und Psychiater noch immer unseren wertvollen Beitrag im Gesundheitssystem. Das allein wird ja schon durch die Tatsache deutlich, dass Kinder im Falle einer entsprechend diagnostizierten Lernstörung zwar sehr wohl eine Maßnahme als Eingliederungshilfe nach § 35 a SGB VIII seitens des Jugendamtes in Anspruch nehmen können – jedoch keine Leistung, die in irgendeinem Katalog einer gesetzlichen Krankenkasse aufgeführt wäre.

Heute möchte ich ganz besonders den Stellenwert der Lerntherapie in der Kinder- und Jugendpsychotherapie hervorheben und die Wichtigkeit dieser darstellen.

Nehmen wir mal eine Analogie: Ähnlich einem Puzzle stellt die Testung in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis vielleicht den Rahmen des Puzzles dar.

Hier liefern wissenschaftlich erprobte Testverfahren belastbare Befunde, die einem Rahmen gleichkommen könnten. Weil die Behandler in diesen Praxen die Kinder meist nur während kurzer und vereinzelter Termine beobachten können, ergibt sich mit dem Rahmen zunächst nur eine annähernde Idee des Bildes. Vielleicht können noch einzelne Beobachtungen Orientierungspunkte innerhalb des erahnten Gesamtbildes liefern. Doch das komplette Bild kann sich mangels Fakten so kaum ergeben.

Während die Behandler dort also im Regelfall nur wenige Termine zur Verfügung haben, sehen wir in der Lerntherapie die Kinder viel häufiger. Eine integrative Lerntherapie ist je nach individuellem Konzept mindestens über einen Zeitraum von einem Jahr angelegt – mit einem Behandlungsintervall von einer Therapieeinheit wöchentlich außerhalb der Schulferien (während der die Schüler dringend tatsächlich Freizeit benötigen).

Meist begleiten die Eltern die Kinder und so können sich auch außerhalb der Therapieeinheiten mit den Kindern Beobachtungen ergeben, die wichtige Hinweise auf die Familiensituation liefern. So ist z. B. der sehr despektierliche Umgang einer Bezugsperson mit einem Kind während der Begrüßungssituation ein wichtiges Indiz – ein weiteres wichtiges Puzzleteil, wenn man so will – um ein umfassendes Bild der Situation des Kindes zu zeichnen.

Warum ist nun also die (integrative) Lerntherapie ein wichtiger Baustein in der Kinder- und Jugend- bzw. Familientherapie?

In meinem Praxiskonzept habe ich die wissenschaftlich belegten Befunde von Herrn Prof. Dr. Dieter Betz und Frau Dr. Helga Breuninger (u. a. Begründerin des Fachverbandes Integrative Lerntherapie e. V.) zugrunde gelegt, die den Kern einer jeglichen Lernstörung im defizitären Selbstwertgefühl des Kindes sehen. Die Lerntherapie nach dem „Teufelskreis Lernstörung“ der beiden Zuvorgenannten fußt auf drei Säulen: Dem Kind mit seinen interpersonellen Voraussetzungen, den Bezugspersonen – im Regelfall sind das die Eltern – und der Schule bzw. dem schulischen Umfeld (bitte sehen Sie mir nach, dass ich diese wertvollen Ergebnisse hier zugunsten eines leichteren Verständnisses massiv nach unten gebrochen habe).

Diese integrative Lerntherapie beinhaltet demnach auch Interventionen mit den Eltern, die u. a. auch am Aufbau eines stabilen Selbstbewusstseins Anteil haben. Die Notwendigkeit dieser Einbeziehung der Eltern ist doch auch ganz logisch erklärbar ...

und nun wieder eine Analogie: Wenn ich aus einem Mobile, das etwas „unrund“ läuft, ein einzelnes Objekt herausnehme, kann es sein, dass es für diese Zeit der Entnahme „anders“ läuft, wird es jedoch spätestens beim Zurücksetzen in das sonst unveränderte System wieder von den anderen Objekten in seinem „Schwung“ beeinflusst werden.

Wenn wir also mit Blick auf Nachhaltigkeit und somit vielleicht auch auf Symptomfreiheit den Leidensdruck des Kindes vermindern oder gar vollständig beheben wollen, sollten wir im therapeutischen Rahmen immer auch die beeinflussenden weiteren Faktoren berücksichtigen.

Nun hat meine Erfahrung gezeigt, dass Eltern in diesem Prozess eine entscheidende Rolle zukommt.

Wir dürfen nicht vergessen, dass auch die Eltern nicht nur die eine Rolle ausfüllen. Auch sie bringen ihre ganz individuellen Erfahrungen und Geschichten mit.

Stellen Sie sich doch einfach einmal folgendes Szenario vor: Ein Elternteil ist selbst mit der Prämisse „du darfst keine Schwäche zeigen“ in seinem Elternhaus aufgewachsen. Und nehmen wir weiter an, dass diese Aussage über die Zeit und die Wiederholungen der Eltern zu einer inneren Überzeugung gereift war und somit in das Unbewusste verschoben wurde. Wir wissen ja, dass diese unbewussten Überzeugungen sehr machtvoll auf der Handlungsebene Wirkung zeigen. Wenn nunmehr dieses Elternteil bei seinem Kind eine Lernschwäche feststellen muss, könnte die bei dem Elternteil selbst wirkende unbewusste Überzeugung zunächst dazu führen, dass die Lernschwäche des eigenen Kindes negiert oder heruntergespielt wird. Eine passende Hilfe wird hier u. U. erst sehr spät oder gar nicht eingeholt, da dies ja eine vermeintliche eigene Schwäche preisgeben könnte.

Darum ist es so wichtig, für Eltern niedrigschwellige Angebote zu schaffen, die ihnen über derartige Hürden hinweghelfen können.

In meiner Praxis konnte ich beobachten, dass Familien mit solchen Hindernissen der Zugang zu „Präventionskursen“ oder „Workshops“ leichter gelingen kann. Und über diesen Umweg oft auch spätere therapeutische und zielgerichtetere Interventionen zugelassen und in Anspruch genommen werden können. Vielleicht kann ich Ihnen das mit einem Fallbeispiel etwas anschaulicher beschreiben:

(Alle personenbezogenen Daten wurden zum Schutz der Betroffenen redaktionell geändert. Die Situationen sind aber so oder so ähnlich geschehen.)

Die Mutter des seinerzeit neunjährigen Hugo suchte erstmals im August 2019 meine Praxis auf. Sie berichtete von einer ersten abgeschlossenen Testreihe in der nächstgelegenen kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik im Jahr 2017. Zu diesem Zeitpunkt erfüllten die erhobenen Befunde nicht alle Kriterien einer juvenilen Depression (entscheidende Beobachtungen/Informationen lagen dem Behandler seinerzeit noch nicht vor). Diese Diagnostik habe sie aufgrund der in Schule aufgefallenen Defizite und auf Anraten der Lehrkräfte eingeleitet. Schulischerseits wurden deutliche Defizite im Bereich des Mathematiklernens beschrieben.

Ferner konnte man zu diesem Zeitpunkt bereits erste Defizite im Bereich des Lesens und Schreibens beobachten. Bezüglich der Persönlichkeitsentwicklung waren ein geringes Selbstvertrauen sowie ängstliche und depressive Verhaltensreaktionen zu beobachten. Die erhobenen Befunde zeigten bei einem Intelligenzwert im Normbereich deutliche Anzeichen von Unsicherheiten und erhöhter Ablenkbarkeit. Das Arbeitstempo des Kindes war sehr schwankend von angemessen bis langsam. Hugo habe daraufhin Ergotherapie erhalten, die zwar eine leichte Verbesserung der ebenfalls erhobenen grob- und feinmotorischen Defizite brachte – jedoch keinen Effekt auf die schulischen Schwierigkeiten hatte.

Die Mutter beschrieb ergänzend noch soziale Schwierigkeiten in der ersten Klasse. Die Mathematiklehrerin habe ein wenig förderliches und wohlwollendes Lernklima geschaffen und großen Druck auf Hugo ausgeübt. Seine Defizite seien zu diesem Zeitpunkt regelrecht „zur Schau gestellt“ worden. Zeitgleich habe er sich von seinem besten Freund verabschieden müssen, was ihm emotionale Sicherheit genommen habe. Es folgten Mobbing seitens der Mitschüler und sozialer Rückzug. Die Kindsmutter leitete daraufhin einen Wohnortund Schulwechsel ein.

Sie berichtete ergänzend noch von einem eigenen Krankenhausaufenthalt kurz vor Hugos Einschulung, wegen dem sie längere Zeit die Erziehungsaufgaben an ihre Eltern übergeben musste. Darauf reagierte Hugo mit massiven Verlustängsten und anklammerndem Verhalten. Psychosomatische Beschwerden, wie „Bauchschmerzen“ ohne somatischen Befund, waren häufig zu beobachten.

Die Mutter gab an, im Jahr 2019 erneut mit der Klinik Kontakt aufgenommen zu haben. Sie hatte die Absicht, für Hugo Maßnahmen zum Nachteilsausgleich in der Schule beantragen zu wollen. Nach erneuter Diagnostik wurde ihr eine lerntherapeutische Maßnahme angeraten. Das zuständige Jugendamt habe aufgrund der Symptomatik die integrative Lerntherapie empfohlen, wie sie auch in meiner Praxis konzeptionell verankert ist.

An dieser Stelle möchte ich kurz noch einbringen, dass wir in der Lerntherapie mehr Zeit für derartige Elterngespräche haben. Viele Eltern berichten, dass sie bei den Ärzten „immer so schnell machen müssen“ und daher wichtige Details vergessen würden.

Im ersten Gespräch berichtete die Mutter mir also noch, wie die dramatische Geburt von Hugo zu lebensbedrohlichen Momenten für Mutter und Kind geführt hatte. Nach der Geburt erlebte Hugo im Inkubator einen Herzstillstand. Sie gab an, sich vom Kindsvater seit Hugos Geburt getrennt zu haben, nachdem es zu häuslicher Gewalt gekommen sei. Er habe in seiner eigenen Biografie ebenfalls Gewalt erlebt und leide schon lange unter schweren Depressionen und Ängsten. In die Erziehung und den Alltag von Hugo sei er nicht involviert. Sie übe alle Erziehungspflichten allein neben ihrer in Vollzeit ausgeübten Berufstätigkeit aus. Die einzige und sehr begrenzte Unterstützung erhalte sie von ihren eigenen Eltern. Sie selbst habe seit dem Gewalterleben bzw. der Geburt keine weitere Unterstützung in Anspruch genommen.

Aufgrund meiner psychotherapeutischen Ausbildung blieben mir bereits im Erstkontakt Hinweise auf depressive Symptome bei der Mutter nicht verborgen. Sie war in dem Kontakt deutlich verlangsamt und schilderte die Biografie aus einer sehr defensiven Haltung, wie z. B. einer erlernten Hilflosigkeit, heraus. Sie benannte, keine Lebensfreude mehr zu empfinden, und beschrieb negative Veränderungen in Antrieb und Schlaf. Hugo sei ihr einziger Halt und Lebensinhalt. Eine neue Partnerschaft käme für sie auf keinen Fall infrage.

Im Erstkontakt zeigte sich Hugo sehr unsicher und zurückgenommen. Es bedurfte viel positiver Zuwendung, um ihn zum Antworten zu bewegen. Die Kontaktaufnahme über Spiele gelang leichter und während des Spiels und eines deflektierenden, nicht zielgerichteten Dialogs begann er, sich zu öffnen. Er beschrieb zahlreiche Momente, in denen er sich benachteiligt erlebte. Er konnte keine eigenen Stärken benennen und wirkte motorisch deutlich unruhig. Es zeigten sich in weiteren Sitzungen massive Defizite in der Konzentrationsund Merkfähigkeit. Kleine unkomplizierte Arbeitsaufträge konnten nur schwer erinnert und umgesetzt werden. Es bedurfte sehr engmaschiger Begleitung in den einzelnen Arbeitsschritten.

Da die Mutter Hugo zu den Terminen brachte und wieder abholte, fielen Verhaltensweisen im Umgang miteinander auf: Statt ihn in seiner Entwicklung der Eigenständigkeit zu fördern, übernahm sie im Alter von inzwischen zehn Jahren noch immer das Anziehen des Schülers (Schuhe und Jackenreißverschluss schließen, Mütze aufsetzen etc.). Hugo suchte während dieses Prozederes oft den Augenkontakt zu mir.

Auf meine diesbezüglichen Hinweise hat sie zwar mit Einsicht und Verständnis reagiert – doch auf Handlungsebene konnte sie dies nicht umsetzen. Das zeigte sich an vielen anderen Stellen ebenfalls. So ergaben Gespräche mit ihr z. B., dass Sport und körperliche Betätigung kaum zum Alltag der beiden gehörten. Wir forschten nach Aktivitäten, die Hugo und ihr in der Vergangenheit Spaß gemacht hätten. Das Fahrradfahren schien eine geeignete Ressource zu sein. Bei nachfolgenden Terminen und diesbezüglichen Nachfragen berichtete die Mutter, dass ja leider ihr eigenes Fahrrad defekt sei. Als ich fragte, wie man dies ändern könne, erschien sie sehr hilflos.

Sie sehen schon, hier fanden sich bei Mutter und Kind ähnliche Tendenzen.

Wir erinnern uns noch einmal an die Wichtigkeit unserer Tätigkeit: Solche relevanten Beobachtungen fehlen den klinisch Arbeitenden oftmals für ein umfassendes Bild.

Bereits zu diesem Zeitpunkt sammelte ich zahlreiche Hinweise für eine symbiotische Mutter-Kind-Beziehung, die jedoch noch nicht die Qualität einer Kindswohlgefährdung erreichte. Da die Maßnahme seitens des Jugendamtes finanziert und begleitet wurde, erfolgten halbjährliche Hilfeplangespräche, in denen ich über die erhobenen Befunde jeweils informiert und mich auch mit der zuständigen Dipl.-Sozialpädagogin beraten habe. Nachdem die Kindsmutter nach einem erneuten Krankenhausaufenthalt in einer psychiatrischen Klinik über den Anlass dazu berichtete, sie benannte es als „Burnout“, erfolgte eine eingehende Beratung mit ihr und dem Jugendamt. Sie wurde ermuntert, sich auch nach dem stationären Aufenthalt ergänzende Unterstützung, wie z. B. eine ambulante Psychotherapie, zu suchen. Sie schien dem gegenüber zunächst offen, doch umgesetzt hat sie diese Pläne nie.

Die Möglichkeiten unserer Einflussnahme sind leider oft sehr beschränkt, falls die Kriterien einer Kindswohlgefährdung nicht erreicht sind. Es gilt also, die Mutter zu weiteren Maßnahmen zu bewegen, ohne ihre Compliance zu verlieren. Das ist ein äußerst schwieriges Unterfangen, wenn bei der Mutter eigene klinische psychiatrische Krankheitsbilder vorhanden sein könnten. Da ja sie hier nicht die eigentliche Patientin war, fehlten hier natürlich zum einen der Auftrag und zum anderen die notwendigen Informationen. Es gilt hier tatsächlich, die einzelnen Beobachtungen – wie in dem zuvor erwähnten Puzzle – zusammenzutragen und gemeinsam Lösungswege zu suchen.

In Hugos Fall hat das Jugendamt noch Hilfe zur Erziehung angeboten, nachdem die Mutter in einem weiteren Hilfeplangespräch deutliche Hinweise auf eine eigene depressive Episode zeichnete und sie handlungsunfähig erschien. Diese lehnte sie ab.

Die Familie musste in der Folge noch den Verlust des Arbeitsplatzes der Mutter sowie den Tod ihres Vaters nach schwerer Krankheit verkraften. Trauer als Reaktion auf ein belastendes Ereignis kann ja auch Einfluss auf den Hirnstoffwechsel und somit auf die Konzentrations- und Merkfähigkeit nehmen, was Hugo mit weiteren Schwierigkeiten konfrontierte.

Während der coronabedingten Schließzeiten hielt ich zu einigen Schülern per Videogespräch Kontakt. Dieser Möglichkeit konnte sich die Kindsmutter zunächst überhaupt nicht öffnen. Auf mein wiederholtes Angebot eröffnete sie dann, dass sie noch keinen Internetanschluss habe. Es folgte kleinschrittige Unterstützung der Mutter, damit sie diesen – übrigens auch für das Homeschooling notwendigen – Anschluss erhalten und nutzbar machen konnte. Oft habe ich sie am Telefon Schritt für Schritt anleiten müssen, wie der Videozugang möglich sei. Während der Gesprä- che saß sie oft direkt neben Hugo und ich konnte ihn in einer anderen Facette erleben. In dieser Situation war die Stimmung zwischen beiden deutlich angespannt und Hugos Verhalten mutete gehemmt aggressiv an.

Es mag ein Konglomerat aus sehr ungünstigen äußeren Lebensumständen, genetischer Disposition und/oder dysfunktionaler Beziehungsmuster zusammengespielt haben, warum Mutter und Kind hier scheinbar eine Depression entwickeln mussten.

Umso wichtiger ist es, alle an diesem Prozess in irgendeiner Form Beteiligten aufmerksam, zugewandt und wohlwollend zu begleiten. Hugos Mutter war bis zum Schluss bemüht, den äußeren Anschein einer „guten Mutter“ zu wahren und ihre eigene Ohnmacht zu negieren.

Vermutlich haben ihre alten unbewussten Überzeugungen scheinbar ein eigenes Erleben derart abgewehrt, dass sie die zielgerichtete Hilfe nicht zulassen konnte, ihre eigenen Grenzen missachtet hatte und oft über diese hinausging. Bis zuletzt hörte ich von ihr häufig die Aussage: „Zwischen Hugo und mir ist alles in bester Ordnung.“

In der integrativen Arbeit war es also auch ein Ziel, die Mutter zu begleiten und sie mit fachlichen Informationen und zugewandten Hilfsangeboten in ihrer Aufgabe zu unterstützen. Nicht zuletzt aufgrund des erfolgreichen Beziehungsaufbaus zur Mutter fand diese Zutrauen, sich zu öffnen – auch den weiteren Hilfsangeboten gegenüber. Denn es braucht auch Veränderung bei ihr, damit Hugo nicht nach erfolgter Behandlung in ein persistierendes dysfunktionales Beziehungskonstrukt zurückkehren muss.

Meine ganz persönliche Auffassung und mein Berufsverständnis gehen dahin, das gesamte Familiensystem zu berücksichtigen. Auch wenn unser Auftrag in Richtung Kindswohl formuliert wurde, ist dies aber sehr eng mit den involvierten Bezugspersonen verknüpft und diese verdienen daher auch unser Augenmerk. Das hat obiges Beispiel doch sehr anschaulich gezeigt.

Zu Hugos Wohl war der behandelnde Psychologe – im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen – sehr offen für die Fremdanamnese und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. Dies konnte schlussendlich die Diagnostik zielgerichtet lenken. Da die Mutter einzelne Informationen dort nicht preisgegeben hat, erschien in der Klinik zunächst ein verzerrtes, unklares Bild. Erst all die zusammengeführten Beobachtungen in ihrer Summe führten zu der Diagnose einer juvenilen Depression.

Diese erklärt die Konzentrations- und Merkfähigkeitsschwäche und somit auch die erschwerten Lernbedingungen für Hugo. Diese Symptome müssen zuerst die passende Behandlung erfahren, bevor sich eine positive Lernstruktur entwickeln kann. Er hatte in der Vergangenheit leider so viele Belege im Außen erfahren, die sein defizitäres Selbstbild bestätigt haben, dass es einige Zeit und Anstrengung brauchen wird, dies ins Gegenteil zu verkehren – wenn es überhaupt nachhaltig gelingen kann.

Dass Hugo nunmehr durch eine erneute Diagnostik in der psychiatrischen Klinik eine passgenaue Hilfe erfährt, um seine inzwischen entwickelte juvenile Depression zu behandeln, ist ein großer Erfolg. Er nimmt nun an Interventionen einer Tagesklinik teil. Durch die Unterbrechung der dysfunktionalen und vermutlich symbiotischen Beziehungsmuster haben Hugo und seine Mutter die Chance, ihre Selbstwirksamkeit zu erleben, alte Wunden zu heilen und in eine neue, funktionale Beziehungsgestaltung einzutreten.

Um nun den Bogen wieder zu schließen: Ohne diese „beiläufigen“ Beobachtungen im Rahmen der eingeleiteten Lerntherapie, einschließlich der Elternarbeit wäre hier eine zielgerichtete Hilfe zu diesem Zeitpunkt nicht geschehen. Ich möchte nicht mutmaßen, welche negativen Folgen für Hugo in der Zukunft noch hinzugekommen wären. Der Rektor schlug bereits den Wechsel an eine Schule mit sonderpädagogischem Förderschwerpunkt vor. Hugo wäre aus dieser Abwärtsspirale kaum aus eigener Kraft herausgekommen. Die Arbeit aller in solchen Systemen Tätigen ist wichtig und wertvoll. Daher haben Heilpraktiker für Psychotherapie auch ihre Berechtigung und mehr Wertschätzung verdient. Diese Kompetenz hatte mir das Erkennen dieser Symptome überhaupt ermöglicht. Denn wir dienen auch in der Früherkennung und haben Anteil an einer besseren Versorgung der Hilfesuchenden.

Ich persönlich leiste meinen Dienst an der Menschheit bei aller erforderlichen Sachlichkeit von Herz zu Herz – das begründet auch die Art und Weise des Beziehungsaufbaus einer tragfähigen therapeutischen Beziehung zu meinen Patienten. Daher habe ich die Information über Hugos Diagnose sehr differenziert erlebt: Zum einen ist da großes Mitgefühl für den Jungen und das Schicksal der Familie, da ich erahne, welcher Weg noch vor ihnen liegt. Zum anderen Freude, dass meine Beobachtungen und mein Handeln zu einer Verbesserung der seelischen Gesundheit dieses Kindes beitragen können.

Unsere Kompetenzen stehen leider noch immer im Gegenwind verschiedener voreingenommener Lobbys, die unseren Berufsstand infrage stellen. Lassen Sie sich nicht entmutigen, treten Sie nicht zurück, sondern zeigen Sie Ihre Fachkompetenz. Die Gesellschaft ist im Wandel und wie dieses Beispiel so schön zeigt, gibt es auch andere klinisch Arbeitende, die unsere Mitarbeit schätzen. Wir können in unserem Gesundheitssystem positive Impulse setzen und sind wichtig – auch in der Früherkennung!

In diesem Sinne,
bleiben Sie beteiligt,
liebe Kollegen.

Muna StroblMuna Strobl
Heilpraktikerin für Psychotherapie, Hypnose- und Lerntherapeutin, Traumatherapie
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