Aspekte der Vergebung

Einordnung in die Psychologie und die psychotherapeutische Praxis

©Hemut SingerIn dem Maße, wie die Psychologie sich der Spiritualität/Religiosität öffnet und sie als (mögliche) Ressource anerkennt, hat seit dem Jahr 2000 auch das Thema „Vergebung“ in der Psychotherapie zunehmend an Bedeutung gewonnen. „Vergebung“ ist von Interesse, ablesbar an der Vielfalt von Veröffentlichungen zu diesem Thema. Während der Begriff „Vergebung“ in der Psychotherapie zuvor vermieden wurde, ist er nun in der psychotherapeutischen Literatur angekommen und präsent. Von daher stellt sich die Frage, warum dem Thema Vergebung eine immer größer werdende Aufmerksamkeit entgegengebracht wird.

Der Wandel ist darauf zurückzuführen, dass Vergebung nicht mehr ausschließlich mit Religion und innerhalb einer (kirchlich/institutionell gebundenen) Glaubenspraxis in Zusammenhang gestellt wird. Das Interesse am „Vorgang von Vergebung“ korreliert mit den Erkenntnissen psychologischer Studien. Dabei geht es um die Wirkungen, die der Fähigkeit zur Vergebung zugeschrieben werden.

Die psychologische Funktion von Vergebung steht im Mittelpunkt. Vergebung wird – unabhängig vom weltanschaulichen Standpunkt und entsprechenden Menschenbild – als eine Methode gesehen, die zur Behandlung von psychischen Dysfunktionen, z. B. im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie, zur Disposition steht.

Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Studien, die die gesundheitsfördernden Aspekte von Vergebung belegen. Gleichwohl ist bei der Auswahl einer konkreten psychotherapeutischen Vergebungsarbeit der jeweils zugrunde liegende weltanschauliche Standpunkt zu berücksichtigen. Denn damit verbunden ist die Frage, ob der Vorgang der Vergebung ausschließlich willentlich machbar ist. Reicht es, aus Gründen der Vernunft sich auf Vergebung einzulassen, um in den Genuss der gesundheitlichen Vorteile zu gelangen? Denn dass Vergebung sich auf die körperliche wie psychische Gesundheit positiv auswirkt, gilt als unbestritten. Oder braucht Vergebung auch die Offenheit für etwas, was dem menschlichen Einfluss entzogen ist? Ist das Vergebungsgeschehen somit nicht einfach abrufbar, sondern geschenkt oder Gnade?

Damit kommt das entsprechende Weltund Menschenbild in den Blick. Davon betroffen ist die Art und Weise der Vergebungsarbeit, das heißt, mit welchem Verständnis Vergebungsarbeit erfolgt.

Auswirkungen der Vergebungsarbeit auf die körperliche und psychische Gesundheit

Das seit 1999 an der Standford Universität durchgeführte Foregiveness Projekt von Frederic Luskin und Carl Thoresen kam zu dem Ergebnis, dass es gesund ist, nicht nachtragend zu sein. In ihren Studien wurde nachgewiesen, dass Vergebungsarbeit Beschwerden positiv beeinflusst. Sie senkt den Blutdruck, hilft gegen Rückenschmerzen, lindert chronische Schmerzen und normalisiert das Körpergewicht von Übergewichtigen. Sie ist gut gegen Kopfschmerzen, Schlafstörungen und viele andere psychosomatische Beschwerden. Außerdem wirkt sie bei Depressionen und Angstzuständen. Es gibt also viele gute Gründe für das Vergeben. Doch das Nachtragen bietet ebenso Vorteile.

(Scheinbare) Vorteile durch Vergebungsverweigerung

Obwohl die Vorzüge der Vergebung überzeugend sind, ist es nicht selbstverständlich, dass Vergebung auch wie selbstverständlich zu veranlassen ist. Vielmehr hat auch Vergebungsverweigerung Vorteile. Diese als solche überhaupt wahrzunehmen und aufzugeben, bedeutet Überwindung und harte innere Arbeit. An dieser Stelle ist auf die Einsicht der modernen Psychotherapie hinzuweisen, dass der wirksamste Wirkfaktor einer „erfolgreichen“ Therapie ein stabiles Vertrauensverhältnis zwischen Patient/Klient und Therapeut (immer m/w/d) ist. Die Verweigerung und Unfähigkeit zu vergeben, wird als vorteilhaft empfunden, weil es anscheinend entlastend ist, sich nicht mit bedrohlichen Gefühlen wie Schmerz, Ohnmacht, Scham, Wut und Hass auseinanderzusetzen. Auch braucht der eigene Anteil weder in Blick genommen noch angenommen zu werden. Als Opfer kann ich weiterhin Verständnis und Zuwendung einfordern, mich passiv verhalten und in der Opferhaltung auf Entschuldigung hoffen. Außerdem bleibt das Selbstbild erhalten, recht zu behalten und sich moralisch zu erheben. Und letztlich schützt das Nichtvergeben vor dem Risiko einer erneuten Beziehungsverletzung. So gesehen, gibt es gute Gründe, nicht zu vergeben.

Vergebung ist nicht gleich Versöhnung

1. Missdeutungen von Vergebung
Dass Vergebung und Versöhnung zu unterscheiden sind, ist entscheidend für das Verständnis hinsichtlich der Möglichkeit und Bereitschaft zu vergeben sowie hinsichtlich der Möglichkeit und Bereitschaft zur Versöhnung. Oftmals wurde und wird Vergebung mit Versöhnung verwechselt. Versöhnung setzt Vergebung voraus. Doch Vergebung kann unabhängig von Versöhnung geschehen. Diese Unterscheidung ist wichtig. Sie ermöglicht, die Entscheidung für den Weg zur Vergebung zu treffen, ohne an die Zustimmung oder Einsichtsfähigkeit des Täters gebunden zu sein. Vergeben muss nicht automatisch zur Versöhnung führen. Dadurch sind unnötige Blockaden genommen: sich zu versöhnen heißt, dass zwei Menschen das Vertrauen zueinander zurückgewinnen. Damit das geschehen kann, erfordert es die Mitarbeit beider. Demgegenüber kann der Vergebende dem Schuldigen vergeben, ihm aber auch gleichzeitig den Rücken zukehren. Die Vergebung betrifft ausschließlich denjenigen, dem Unrecht oder Schaden zugefügt wurde.

Erfährt jemand Leid durch die Schuld eines anderen, braucht es zunächst notwendende Zeit und Abstand, bis er in der Lage ist, sich auf den Prozess der Vergebung einzulassen. Vor dieser Arbeit zur inneren Aussöhnung oder Befreiung, wie der Vergebungsprozess auch bezeichnet wird, ist es wichtig, das Vergebungsgeschehen von oftmals weiteren verbundenen Missverständnissen zu trennen. Besonders in einer christlich geprägten Kultur ist es wichtig, die falschen Vorstellungen von Vergebung aufgrund fehlender Differenzierung und Deformierung zu entlarven. Ein zu hastig spiritualisierter Zugang zur Vergebung lässt die Rolle der Emotionen außer Acht – mit oftmals verheerenden Folgen in Form von Depressionen und Stress. Ohne Beachtung des Gefühlserlebens wird dann Vergebung auf einen einfachen Willensakt reduziert.

Die Annahme, dass Vergeben eine bloße Sache des guten Willens ist, ist eine unangemessene Vereinfachung, die vor allem in christlichen Kreisen kursiert: Vergebung als Christenpflicht. Besteht der Irrtum dann darin, Vergebung zu einem einfachen Willensakt zu machen? Ist Vergebung nicht vielmehr als Ergebnis eines mühsamen Lernprozesses anzusehen, der die besten Kräfte und alle Fähigkeiten eines Menschen erfordert?

Psychologische Studien zeigen, dass die meisten Menschen während eines Vergebungsprozesses eine spirituelle Perspektive einnehmen – je nach persönlichem Hintergrund. Zu Beginn steht der feste Entschluss, sich auf den Prozess einzulassen. Die Bereitschaft, sich dafür zu entscheiden, ist umso günstiger, wenn sie von Irrtümern über das Wesen der Vergebung befreit wird.

Zur Bereitschaft zu vergeben, gehört die Freiheit. Sie ist das oberste Gebot. Vergeben lässt sich nicht anordnen. Vergebung bedeutet auch nicht, das erlittene Unrecht zu vergessen oder zu leugnen. Vergeben erfordert ebensowenig, auf seine Rechte zu verzichten. Es geht dabei auch nicht darum, den anderen zu entschuldigen, ihn von moralischer Verantwortlichkeit zu entlasten oder das erlittene Leid zu verharmlosen. Das heißt im Umkehrschluss: Vergebung kann nicht vergessen machen, was passiert ist, indem das Leid relativiert, ignoriert oder banalisiert wird. Auch die berechtigte Inanspruchnahme des Ausgleichs evtl. durch ein Gerichtsurteil bleibt bestehen. Es ist notwendig, die Vergebung von solchen Vorstellungen zu befreien, um sie zu ermöglichen. Vergeben ist menschliches Handeln und zugleich mehr und zwar unter Berücksichtigung des religiösen/spirituellen Elements als eines wesentlichen Aspekts der Vergebung.

Wie diese beiden Ebenen einander ergänzen, darum geht es im Folgenden.

2. Deutungen von Vergebung
Vergebung fällt nicht vom Himmel. Vergebung bedeutet die Bereitschaft für einen Prozess der inneren Reifung. Am Anfang dieses Prozesses steht die freie Entscheidung, vergeben zu wollen. Dieser Entschluss zu vergeben, hat weitreichende Folgen auf das innere Erleben und das eigene Selbstverständnis. Vergeben bedeutet infolgedessen, sich nicht mehr im selben Zustand wie vorher zu befinden und „nicht länger auf eine bessere Vergangenheit zu hoffen“. Damit weise ich hin auf das Vergebungskonzept nach Konrad Stauss, das ich in einem weiteren Beitrag vorstellen möchte.

Literatur
Die verwendete Literatur kann bei der Autorin abgefragt werden.

Ursula von GehlenUrsula von Gehlen
Heilpraktikerin für Psychotherapie, Coaching-Ausbildung (mit GFK), zertifizierte Fachqualifikation Gesprächstherapie nach C. Rogers, zertifizierte Psychologische Beraterin (VfP), systemische Beraterin für Transaktionsanalyse
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Foto: ©Hemut Singer

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