„Konrad ist nicht faul!“ Lebensrealität eines hypotonen Kindes

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Konrad kam vor fünf Jahren mit seiner Mutter in meine Praxis. Sein Schicksal steht für das vieler Kinder, die einen hypotonen Muskelzustand aufweisen, antriebsschwach sind und entwicklungsretardiert erscheinen. Nicht immer liegen medizinische Diagnosen vor, Muskelhypotonie tritt in unterschiedlichen Graden auf und leider bekommen die betroffenen Kinder und Eltern nicht immer das Verständnis und die Hilfestellung, die im Hinblick auf die breit gefächerten Auswirkungen dieser Problematik notwendig sind. Konrad steht für Kinder, deren Problematik oftmals unerkannt oder unberücksichtigt bleibt, weil es sich nicht um eine schwere, pathologische Muskelstörung, sondern um eine Problematik der sensorischen Integration handelt.

fotolia©rimmdreamFrau Dr. Anna Jean Ayres (1920-1989) hat sich als Neuro- und Entwicklungspsychologin den besonderen Problemen sensorisch gestörter Kinder gewidmet und ein spezielles Verfahren, die „Sensorische Integrationstherapie“, entwickelt. Diese kann (Ergo-)Therapeuten, Pädagogen und Eltern wichtige Hinweise und Fördermöglichkeiten im Hinblick auf die Entwicklung der Kinder mit Wahrnehmungsproblemen geben. Dank dieser Erkenntnisse lässt sich eine hypotone, antriebsschwache Haltung im Kindesalter als eine komplexe, frühe Problematik verstehen, die bereits Störungen im Umgang mit der körpereigenen Schwerkraft im Säuglingsalter bedingt. Da die Muskulatur auch im Bereich der Mundmotorik eine große Rolle spielt, können sogar Saug- und Ernährungsschwierigkeiten auftreten, die auf hypotone Haltungen aufmerksam machen. Die Stabilität sowie die Mobilität des kleinen Kindes weisen hierbei beobachtbare Auffälligkeiten auf, allgemein sind die Aktivität und Beweglichkeit vermindert. Körperwahrnehmung, Kraftdosierung der Muskeln, Gleichgewicht und Koordination bleiben auffällig und damit verbunden können weitere, aufbauende Wahrnehmungsbereiche, wie z. B. die visuelle und auditive Verarbeitung von Sinneseindrücken im Gehirn, Fehlfunktionen entwickeln.

Die Literatur im Anhang bietet Interessierten gute Möglichkeiten, sich weiter zu informieren, ich möchte nun über die Schwierigkeiten von Konrad berichten, den ich drei Jahre begleiten durfte. Der Junge war fast fünf Jahre alt, als die Mutter ihn in der Praxis zu einem Vorbereitungskurs für Vorschulkinder anmeldete. Zu diesem Zeitpunkt erhielt er bereits Ergotherapie, doch die Fortschritte waren der Mutter zu gering angesichts der bald anstehenden Einschulung.

Konrad war beim Erstgespräch anwesend, er wirkte sehr verspannt, blass, die Hände zu Fäusten geballt, als suche er Halt. Ich zeigte beiden die Praxisräume, Konrad ging unwillig mit, stöhnte, als er die Treppe sah und überhaupt schien ihn nichts von dem zu interessieren, was ich ihm zeigte. Ich erlaubte ihm, auf dem Trampolin zu springen, Konrad schüttelte den Kopf: „Das ist doof.“ Der Mutter war die Situation peinlich, Konrad wollte gehen und ich vermutete schon, dass er nicht wieder käme.

Noch am selben Abend erfolgte ein Anruf der Mutter: „Bitte nehmen Sie es Konrad nicht übel, wir können ihn für nichts begeistern, er mag keine Spielplätze, geht nicht auf Kindergeburtstage, am liebsten würde er nur auf seinem Autoteppich sitzen und mit den Wagen spielen. Er mag keine Ballspiele, keine Fahrgeräte, will nicht in den Wald und überhaupt ist er nur selten fröhlich. Mein Mann droht immer wieder, nicht mehr mit Konrad zu spielen, denn immer will er nur seine Sachen durchsetzen und sich so wenig bewegen wie möglich.“

Ich holte weitere Entwicklungsdaten ein. Die Geburt war unauffällig, doch Konrad konnte nicht gestillt werden. Beim Nuckel an der Trinkflasche vergrößerte die Mutter das Loch, weil das Trinken nur mühselig und langsam vor sich ging, gerade nachts war das Stress für die Eltern. Scheinbar war sein Kopf zu schwer, Konrad kippte noch im Sitzalter immer wieder zur Seite. Am liebsten wollte er immerzu Körpernähe und getragen werden, auf dem Boden liegend wirkte er unglücklich und ohne Kraft sich aufzurichten. Die Mutter hatte Mitleid, kaufte sich einen Tragegurt, um überhaupt noch den Haushalt verrichten zu können. Ansonsten schlief Konrad viel, war ein „liebes Baby“, verschmust und weinte wenig.

Mit acht Monaten bekam Konrad Frühförderung, weil sich der Abstützreflex nicht einstellte. Er krabbelte nicht, sondern robbte mühselig mit Stöhnen und Lauten durch die Wohnung. Doch mit 14 Monaten lief Konrad anscheinend mit Freude, die Eltern glaubten, dass nun die Probleme überwunden waren. Dass er viele Spiele mied, sich manchmal „seltsam“ benahm, vor allen Dingen Besuchern gegenüber, Kirmes und Spielplätze (bis auf den Sandkasten) ablehnte, darüber machten sie sich kaum noch Gedanken, hatten sich den Gewohnheiten von Konrad angepasst.

Mit drei Jahren folgte die Anmeldung im Kindergarten, ein nächster Abschnitt, der Konrad und seine Eltern stark herausforderte. Konrad machte kaum Probleme bei der Verabschiedung, stand dann aber oft nur an der Wand oder saß auf einem Stuhl und beobachtete die anderen Kinder. Arbeitsanweisungen und Aufforderungen kam er nicht nach, verstand sie offenbar nicht, was von den Erzieherinnen als Verweigerung erlebt wurde. Im Stuhlkreis sang er nicht mit, saß schlapp oder verkrampft auf dem Stuhl und „träumte sich weg“. Basteln fand er meistens blöd, er wirkte lustlos und ungeschickt, schloss eine Arbeit selten selbstständig ab. Nie wusste er, was zu seinen Sachen gehörte, in der Frühstücksrunde war er unsicher, was er essen durfte, fragte immer wieder nach, was die Erzieherinnen verständnislos machte, denn schließlich wirkte Konrad ansonsten nicht „dumm“. Es war, als warte er, dass der Tag vorübergehe, er hatte keinen Spaß mit den anderen Kindern.

2015 01 Konrad3Dann lernte Konrad Liam kennen, ein anderes Kindergartenkind, mit dem er sich befreundete. Von dem Tag an ging Konrad gerne in den Kindergarten. In der Gruppe benahm er sich wie immer, doch beim Spielen im Außengelände stellten die Erzieherinnen fest, dass Konrad durchaus frei spielen konnte, wenn es nicht um gezielte Spielaktionen ging. Zusammen mit Liam suhlte er sich in Pfützen, Dreck und Sandkästen. Er ließ sich gerne fallen, kugelte am Boden und beide lachten oft, dass es auf dem ganzen Gelände zu hören war. Sobald Konrad jedoch aufgefordert wurde, gezielte Bewegungsaktionen durchzuführen, z. B. einen Ball zu werfen, Spielsachen aus dem Schuppen zu holen oder Spielregeln zu berücksichtigen, erstarrte er und wusste anscheinend nicht, was zu tun war. Diese mangelnde Handlungsplanung kann mit Störungen der sensorischen Integration zusammenhängen, doch stattdessen wurde den Eltern vorgeworfen, Konrad zu verwöhnen und ihn damit zur Unselbstständigkeit zu erziehen.

Der Kinderarzt wies die Eltern zudem an, mehr Sport mit Konrad zu machen, weil er so bequem und kraftlos wirkte. Schließlich wurde er zu einer Ergotherapie überwiesen. Die Ergotherapeutin stellte Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen fest, war aber auch schon ungehalten, weil Konrad einige Übungen schlichtweg verweigerte. Eine orthopädische Untersuchung brachte weitere Befunde hervor, die Fußstellung war auffällig, auch wurde eine hypotone Körperhaltung festgestellt, zunächst ohne weitere Behandlungsvorschläge.

Innerhalb der Lern- und Spielförderung liebte Konrad es, sich in unseren Sitzsack fallen zu lassen und Bilderbücher anzusehen. Bei Gleichgewichtsübungen auf Krepppapierlinien bemerkte ich, wie viel Kraft es ihn kostete, an einer Linie entlangzulaufen. Er verzerrte sein Gesicht, während er einen Fuß vor den anderen setzte, und es gelang ihm kaum eine kurze Strecke, ohne aus der Bahn geworfen zu werden. Er konnte keinen Augenblick gerade stehen, wackelte, lautierte, lenkte durch „Blödsinn“ ab. Beim Überkreuzschritt rannte er weg, ließ sich auf den Sitzsack fallen und war völlig aufgelöst.

Die Hörübungen zeigten ebenfalls Auffälligkeiten. Er konnte Anlaute nicht heraushören, überhaupt nur kurze Zeit zuhören und Inhalte nicht wiedergeben. Beim Zuhören träumte er sich weg, besonders wenn er auf einem Stuhl sitzen sollte, wackelte er nervös oder verfiel in eine Starre. Übungen im Bereich der Körperwahrnehmung konnte Konrad nicht nachvollziehen. Er konnte keine Körperteile zeigen oder benennen, stand hilflos da, wenn es um kleine Bewegungsübungen ging, z. B. „Klemme die Wäscheklammer an deinen Pullover“. Belohnungen nahm er nicht an, aß nichts vor den anderen Kindern, steckte es sich höchstens ein und schaute beim Freispiel nur zu.

2015 01 Konrad4Je mehr ich Gelegenheiten hatte Konrad zu beobachten, desto mehr wurde mir bewusst, wie schwer für ihn die Bewältigung der Lebensrealität war. Er malte gerne, doch seine Bildgestaltung schien unreif, er war nicht zu einer entspannten Stifthaltung zu bewegen, die allgemeine Kraftdosierung in der Feinmotorik zeigte eindeutige Auffälligkeiten. Das ließ ihn ungeschickt erscheinen, doch trübte dieses nicht seine Freude an den Ergebnissen, sodass ich ihn weiterhin in seiner Weise hantieren ließ, um nicht Hemmungen und Blockaden aufzubauen.

Nach einem „unschönen“ Abschied aus dem Kindergarten war der Übergang in die 1. Klasse zunächst mit vielen Hoffnungen von Seiten der Eltern verbunden. Doch die Probleme kamen schnell. Die Klassenlehrerin beschwerte sich, Konrad träume im Unterricht, er müsste mal früher ins Bett. Er holte seine Materialien nicht aus dem Ranzen, „schaute nur in der Gegend herum“ und erledigte gar keine Aufgaben oder nur so langsam, dass er nicht einmal die Hälfte schaffte. Konrad wurde zunehmend nervöser, schließlich beobachteten die Eltern Tics, Räuspern und Kopfzucken.

Konrad kam weiter zu mir in die Praxis, nun in ein Lern- und Wahrnehmungstraining innerhalb einer Einzelförderung. Mit verschiedenen Programmen unterstützte ich aufbauend seine Wahrnehmungsfunktionen und motorischen Fähigkeiten. Wir bauten Entspannungsphasen in das Training ein.

Die Verzweiflung der Eltern wuchs, die Schule machte heftige Vorwürfe. Im 2. Schuljahr sollte er schließlich auf eine Förderschule wechseln. Sein Schriftbild war auffällig, er konnte schwer von der Tafel abschreiben. Für Kinder mit Gleichgewichtsstörungen kann schon das Sitzen auf dem Stuhl eine Herausforderung darstellen. Hinzu kommen verbundene visuelle Störungen, bei denen die Betroffenen immer wieder die Zeilen verlieren und das Abschreiben nur langsam und mit hoher Anstrengung möglich ist. Konrad kam nun 2x die Woche zu mir und die Förderung konnte intensiviert werden.

Die Eltern wehrten sich gegen die Förderschuleinweisung, Konrad machte Fortschritte, doch die Lehrerin lehnte ihn mittlerweile ab, begann, ihn vor der Klasse zu kritisieren. „Nun sei mal nicht so faul!“, „Schläfst du wieder Konrad?“, „Mach mal schneller, wir sind hier nicht in Schneckenhausen!“. Es wurden sonderpädagogische Tests veranlasst, die Konrad einen überdurchschnittlichen IQ bescheinigten, also wollte die Klassenlehrerin bestätigt haben, dass Konrad ADS hatte und er sollte Medikamente bekommen. Die Eltern weigerten sich.

Zusammen mit den Eltern führte ich ein klärendes Gespräch mit der Lehrerin, die daraufhin besser auf Konrad einging und ihn in die vordere Reihe setzte, um besser helfen zu können. Mit der Förderung erbrachte Konrad zunehmend recht gute Leistungen in den Klassenarbeiten. In entspannter Atmosphäre war er bereit zu lernen. Doch seine psychische Situation war noch sehr angespannt, die Probleme haben großen Einfluss auf sein Seelenleben genommen.

In einer Förderstunde bauten wir eine Stabpuppe, mit der er sich selbst darstellte. Die Puppe machte alles falsch, ich sollte mit ihr schimpfen und ihr sagen: „Du bist faul!“. Ich führte die Anleitung aus, stellte mich vor die Puppe und sagte: „Was bist du so langsam? Sei nicht so faul!“ Konrad ließ die Stabpuppe sinken, sah mich traurig an: „Weißt du, Konrad ist nicht faul. Er ist immer müde, bekommt alles nicht mit und fühlt sich kein bisschen stark.“

Ich hockte mich nieder, bis ich auf Konrads Höhe war. „Es ist gut, dass du das gesagt hast und ich verstehe, was du meinst. Doch du hast schon so viel gelernt, bist in vielen Dingen ganz toll und stark und darauf bauen wir weiter auf. Konrad, du bist ganz bestimmt nicht faul!“

Konrads hypotone Haltung ist weiterhin ein Problem, genauso wie das mangelnde Verständnis der Umwelt. Doch die Eltern wurden durch Begleitgespräche aufgeklärt, sie versuchen, Konrad zu motivieren, ihm aber auch die notwendigen, eigenen Räume zu geben und sein Tempo nicht durch zu hohen Druck voranzutreiben, sie können ihn nun besser unterstützen.

Das Verständnis von Schule und Umwelt ist nach wie vor nur mäßig vorhanden. Konrads Probleme sind für viele, die mit ihm umgehen, nicht fassbar. Eingeschränkte Wahrnehmungsfunktionen können in vielen Bereichen für Auffälligkeiten in der Entwicklung, dem Verhalten, Erleben und Lernprozess eines Kindes verantwortlich sein.

Ich hoffe, das Schicksal von Konrad hat sie neugierig gemacht, mehr über die Förderansätze bei hypotonen Kindern zu erfahren. Diese werde ich praxisorientiert in einem zweiten Artikel beschreiben.

Bettina Papenmeier Bettina Papenmeier
Dipl.-Soz.-Pädagogin, Dipl.-Soz.-Arbeiterin, dipl. Legasthenietrainerin, Lehrerin für AT und PME, geprüfte Psychologische Beraterin (VFP), Dozentin an der Paracelsus Schule Bielefeld
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