Der Wald als Entwicklungsraum

Gerade im Wald wird dieses Zitat von Virginia Satir sichtbar und spürbar:
„Wachstum bedeutet, dass das Leben in beständiger Veränderung besteht, und es gibt keine Möglichkeit dies zu unterbinden ...“.

Der Wald bietet ein riesiges Potenzial für Therapie, Beratung und Coaching. Ich möchte dazu ermutigen, kreativer und offener Bewegung in Entwicklungsprozesse zu bringen. Verlassen wir das herkömmliche beengte Therapiezimmer und lassen Licht, Luft, Natur und Weite unsere Möglichkeiten und die unserer Klienten (immer m/w/d) erweitern.

Insbesondere für Menschen mit Stress- und Burnout-Symptomen bietet der Wald einen reizarmen Raum der Kraft und Ruhe. Oft sind es gerade die stressbedingten Symptome, wie innere Unruhe, ständiges Grübeln, Konzentrationsprobleme, Anspannung, Erschöpfung und Übermüdung, die einer Lösungsentwicklung im Wege stehen. Das Denken der Klienten ist häufig eingeengt und die belastende Situation wird von ihnen subjektiv als ausweglos empfunden.

Daher steht häufig die Entspannung an erster Stelle. Der Wald liefert unseren Klienten jedoch nicht nur Entspannung und Ruhe, sondern auch Kraft und Lebensenergie, hier entfaltet der Wald sein großes Wirkungsspektrum.

Gern stelle ich Ihnen den Wald mit seinen für den Therapie- oder Coachingbereich wichtigen Dimensionen vor. Dabei möchte ich verschiedene Werkzeuge bzw. Methoden erläutern, mit denen die Entwicklungsmöglichkeiten der Klienten in den Vordergrund gestellt und genutzt werden können.

Wald als Erholungsraum

Schon beim Eintauchen in den Wald erfahren wir dessen lebendige Vielfalt, wir können Flora und Fauna beobachten, die besondere Luft einatmen und zur Ruhe kommen. Die Japaner haben bereits in den 1980er-Jahren eine anerkannte Therapieform, das Shinrin Yoku entwickelt, das bei uns zunehmend als Waldbaden bekannt wird. Hierbei geht es um das achtsame Erleben des Waldes durch spazieren, beobachten und spüren. Die Urkraft des Waldes soll mit allen Sinnen erlebt werden, die Hände dürfen bewusst in die Erde greifen und die Bäume dürfen umarmt werden.

Viele Menschen sehnen sich in ihrem gestressten Alltag nach Ruhe und Entschleunigung. Der Wald selbst strahlt eine tiefe Ruhe aus. Die bewusste Abwendung vom ständigen Versuch, alle Erwartungen zu erfüllen, verbindet uns wieder mit unserem wahren Selbst. Durch das achtsame im Jetztsein können sich Blockaden und Spannungen auflösen, wir können unsere Ganzheitlichkeit und unsere Kraft wieder wahrnehmen.

Es gibt zahlreiche Studien, die die gesundheitsfördernde und stressreduzierende Wirkung des Waldes belegen, gerade bei psychischen Belastungen kann Waldbaden hilfreich sein. Insbesondere die Naturklänge, die grünen Farbtöne und die Gerüche haben positive Auswirkungen auf unsere Empfindungen. So haben die ätherischen Öle einiger Nadelbäume (Terpene), die wir über unsere Atmung aufnehmen, nachweislich umfangreiche gesundheitsfördernde Eigenschaften. Sie wirken entzündungshemmend, angstlösend, schmerzlindernd, lindern Schlaflosigkeit und helfen bei Atemwegserkrankungen.

Für die gemeinsame Therapie- oder Coachingarbeit im Wald empfehle ich zunächst eine einfache Atemübung zur Entspannung. Die Waldluft ist staub- und schadstoffarm, ähnlich wie Meeresluft, und die Luftfeuchtigkeit ist meist höher als in der Stadt. Hier können wir die angenehme Luft ein paar Mal tief ein- und ausatmen. Je mehr wir die Ausatmung verlängern, umso besser gelangt unser Körper in die Entspannung.

Wir können anschließend hier die Box-Atmung üben, sie hilft beim Stressabbau, beruhigt, verbessert die Stimmung und wirkt angstlösend. Wir atmen dazu vier Takte durch die Nase ein, halten vier Takte die Luft an, atmen vier Takte durch den Mund aus und halten wieder vier Takte die Luft an. Diese Technik will ein wenig geübt werden, also nehmen wir uns viel Zeit dafür.

Um den Wald als Erholungsraum noch mehr zu nutzen, können wir den Klienten weitere Achtsamkeitsübungen zeigen. Das Hineinspüren in den eigenen Körper oder bewusstes Barfußgehen bringen den Fokus schnell vom Außen ins Innen. Hier kann ich Bücher zum Thema Waldbaden zur weiteren Vertiefung empfehlen.

Wald als Projektionsraum

Viele Menschen wünschen sich, allein durch den Wald zu spazieren. Diesen Wusch nach Selbstwahrnehmung sollten wir unbedingt fördern. Lassen Sie die Klienten sozusagen als Hausaufgabe alleine in den Wald baden gehen. Dabei gibt es nur den einen Auftrag
... wahrnehmen!

Der Wald bietet einiges an Projektionsfläche für die Stimmungen und Gefühle der Klienten, hier lohnt es sich später, vielleicht direkt am gleichen Ort, gemeinsam über die Wahrnehmungen zu sprechen und so vielleicht verdeckte Themen ans Licht zu bringen.

Hierzu eignet sich auch eine Übung, die gut auf einer Lichtung durchgeführt werden kann. Wir bestimmen vier Blickrichtungen und legen zu jeder Richtung ein Thema fest, z. B.: Problem – Hindernisse – Ressourcen – Ziel, oder einzelne Lebensbereiche wie Beruf – Familie – Gesundheit – Freizeit, je nach Auftrag ist hier vieles möglich. Die Klienten nehmen jeweils die Blickwinkel ein, konzentrieren sich auf das Thema und beschreiben, was sie wahrnehmen, und notieren, was das Wahrgenommene mit ihrem Thema zu tun hat. Durch den Wald als Projektionsfläche können unterbewusste Prozesse sichtbar und so veränderbar werden, aber auch zur Visualisierung von Zielvorstellungen kann der Wald dienen.

Um in den Kontakt mit dem Unterbewusstsein zu kommen, können Klienten für verschiedene Bereiche ihres Lebens stellvertretende Bäume auswählen, so kann z. B. der Familienbaum eine ganz alte, fest verwurzelte Eiche sein oder auch eine zarte Pappel, je nachdem, wie die Klienten ihren Familienbezug wahrnehmen. So können ganz persönliche Waldbaden-Pfade entstehen.

Der Wald kann zusätzlich ein Ort des kreativen Gestaltens sein, es können Mandalas gelegt werden oder andere Kunstwerke erschaffen oder z. B. fotografisch festgehalten werden. Auch kreative Methoden eignen sich gut, um innere, unbewusste Gedanken und Zustände ins Blickfeld zu rücken.

Wald als Wandlungsraum

Der Wald befindet sich im ständigen Wandel. Das Prinzip des elementaren Kreislaufs des Lebens wird hier sichtbar: Leben – Sterben – Erneuerung. So wirkt der Wald im Wandel der Jahreszeiten als Sinnbild für unseren Lebenszyklus. In der TCM wird sogar von fünf Jahreszeiten oder Wandlungsphasen ausgegangen, sie sind verschiedenen Elementen zugeordnet. Das Element Holz seht für den Frühling, Feuer für den Sommer, Erde für den Spätsommer, Metall für den Herbst und Wasser für den Winter. Die Elemente stehen wiederum mit unserer Gesundheit in Verbindung. Hier können wir z. B. Qigong-Übungen durchführen, um unsere Lebensenergie, unser Qi, wahrzunehmen. Unsere Atmung vertieft sich, der Parasympathikus wird angeregt und unser Stresshormonspiegel wird gesenkt.

In einem Gespräch über die Wandlungsphasen können Lebensthemen unserer Klienten aufgedeckt und anschließend bearbeitet werden. Hilfreiche Fragen können sein: Wo stehen wir im Wandlungszyklus, wie haben wir Übergänge erlebt, was half/ hilft uns bei der Wandlung, welche positiven Gefühle verbinden wir mit den verschiedenen Phasen, wo in unserem Leben nehmen wir noch Wandlungen und Kreisläufe wahr?

Wald als Imaginationsraum

Der Wald ist fest mit unserer Fantasie verknüpft, er besitzt einen besonderen „Zauber“, oft hat er etwas Märchenhaftes. Er kann eine schützende Zuflucht, aber auch ein unheimlicher Schattenort sein. Gerade diese Ambivalenz macht ihn so vielfältig für Imaginationen und intuitives Erleben.

Der Baum ist für viele Menschen ein Sinnbild des Lebens, er ist fest in der Erde verwurzelt und seine Krone ist aufgerichtet in Richtung Himmel. Der Lebensbaum oder Weltenbaum ist in vielen Religionen und philosophischen Lehren ein wichtiges Symbol, als Quelle des Lebens, als Symbol für Wachstum und Fruchtbarkeit. Viele Menschen haben einen inneren oder auch äußeren Kraftbaum als Energiegeber, dieser Kraftbaum ist ein wunderbarer Ausgangspunkt für Imaginationen, wie Traumreisen oder Meditationen.

Wir können uns gemeinsam mit unseren Klienten einen Ort der Ruhe und Kraft suchen, in die Entspannung kommen und ein imaginatives Verfahren anwenden. Hierbei bringen wir die Klienten durch tiefes Atmen und die Aufmerksamkeitsführung nach innen. Wir lassen ihnen den Raum, zu ihrem Kraftbaum zu reisen, und laden sie ein, ihn mit all ihren Sinnen wahrzunehmen. Sie können den Stamm und die Blätter sehen, fühlen, seinen Geruch wahrnehmen, seine Größe bestaunen oder die Wurzeln befühlen. Steht der Baum allein auf einer Lichtung oder im Verbund mit anderen?

Klienten, die sich gut auf diese Imaginationen einlassen können, können eingeladen werden, den Platz des Baumes einzunehmen, die Erdung über die Wurzeln zu spüren und die Aufrichtung zur Sonne durch die Krone wahrzunehmen. Vielleicht können sie die Sonnenstrahlen spüren, die Wärme und das Licht. Begleiten Sie Ihre Klienten einladend mit Fragen und lassen Sie viel Zeit zum Fühlen. Nach der Rückführung zum Hier und Jetzt lassen Sie viel Raum, um über die Erfahrungen zu sprechen.

Vielleicht geben Sie Ihren Klienten als Hausaufgabe mit, ihren Baum zu malen, ruhig auch abstrakt. Nach meiner Erfahrung nutzen viele Menschen die Energie ihrer so imaginierten Kraftbäume auch im Alltag, in Situationen, die angst- oder druckbesetzt sind. Je öfter der Kraftbaum imaginiert wurde, umso klarer und schneller ist sein Bild visualisierbar und die dazugehörigen Gefühle von Kraft und Erdung stellen sich ein.

Zur weiteren Vertiefung kann ich Bücher zum Thema Imagination empfehlen, es bieten sich unzählige Möglichkeiten der Ausgestaltung und zur Weiterarbeit mit imaginierten Bildern.

Wald als Ressourcenraum

Im Ökosystem Wald befinden sich Pflanzen, Pilze und Tiere in einem verbundenen Miteinander, es gibt Kommunikation, symbiotische Beziehungen, Abhängigkeiten und natürliche Nahrungsketten. Jedes Systemmitglied ist eine wichtige Ressource zur Systemerhaltung.

Wir können viele Strukturen gemeinsam mit unseren Klienten beobachten und Äquivalente zum eigenen Leben finden.

Ich möchte dazu einladen, einen Lebensweg-Spaziergang durchzuführen. Wir beginnen unseren gemeinsamen Weg bei der Geburt über die frühe Kindheit, Kindergartenzeit, Schulzeit, Jungend, frühe Erwachsenenzeit usw. Zu jeder Etappe sammeln wir gemeinsam mit unseren Klienten positive Erinnerungen, wir sammeln zum einen Dinge oder Handlungen, die die Klienten glücklich machten, und zum anderen Ressourcen, die geholfen haben, auch Schwierigkeiten zu überstehen. Vielleicht finden wir einen Schatz? So kann z. B. die Malerei oder der Tanz oder ein Pferd ein solcher Schatz sein, den die Klienten vielleicht wieder neu in ihr Leben integrieren möchten.

Systemische Aufstellungsarbeit ist auch im Wald wunderbar möglich, wir können dies sogar ohne ein Familienbrett durchführen, einfach auf dem Boden des Waldes. Hierbei können Bodenanker aus Waldmaterialien (Steine, Zapfen, Zweige, Früchte ,,,) mitgebrachte Figuren oder auch handgeschriebene Zettel als Darsteller und Platzhalter verwendet werden.

Gerade auch die im Wald naheliegende Märchenperspektive kann uns helfen, den verborgenen Ressourcen auf die Spur zu kommen, wir können mit unseren Klienten ihre bisherigen problematischen Lebensereignisse wie ein Märchen inszenieren. So können typische Märchenelemente, wie Auftrag, Prüfung, Helfer, Zweifel, Angst, Mut, Kampf, Belohnung, Lehre, genauer betrachtet werden und die verborgenen Ressourcen verdeutlicht werden. Auch negativ bewertete Erlebnisse können durch die neue Perspektive verändert und die Ich-Kräfte der Klienten verstärkt werden. Weiterführend kann man sich mit Mythenspiel, systemischer Erlebnispädagogik oder systemischer Naturtherapie befassen.

Schlussbemerkung

Der Wald allein kann schon ein guter Schritt zu einem besseren Umgang mit sich selbst sein. Er fördert die Entspannung und bringt Energie. Eine Therapie oder ein Coaching ersetzt er natürlich nicht.

Ich denke, dass das Verlassen von herkömmlichen Settings in Kombination mit dem Wald in seinen verschiedenen Dimensionen eine Öffnung von Entwicklungsräumen schafft.

Immer wenn Neues entsteht, kann Altes, das nicht mehr ins Leben passt, losgelassen werden. In diesen Momenten kann Entwicklung und Selbstwerdung gelingen.

Jannine Schäfer
Heilpraktikerin für Psychotherapie, Entspannungstherapeutin, Systemische Beraterin

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Fotos: ©Michelle Hebel | adobe stock.com, ©danielschoenen | adobe stock.com, ©Smileus | adobe stock.com

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