Protokoll einer regressionstherapeutischen Sitzung

Zusammenfassung

Mit dem Protokoll der 90minütigen regressionstherapeutischen Sitzung eines 60jährigen Klienten wird gezeigt, was Babys vor, während und nach der Geburt sehr exakt wahrnehmen. Traumen, auch wenn sie weit zurückliegen, werden erinnert und sie sind einer schonenden therapeutischen Verarbeitung zugänglich. Bei der Methode der Ambulanten Regressionstherapie wird „Regression“ verstanden als ein von Klienten selbstbestimmter, aktiver Prozess des „Zurückschreitens“ in vergangene, persönlich bedeutsame Lebensabschnitte. Die Therapie geschieht in der Einzelarbeit. Klienten liegen mit geschlossenen Augen auf einer bequemen Liege. Es finden keinerlei körperliche Berührungen statt. Die therapeutische Arbeit von je etwa 90 Minuten Dauer wird als „Liegung“ bezeichnet.

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Klienten sind wach und konzentriert auf ihre Innenwahrnehmung. Sie sind aufnahmebereit und aufmerksam für ein Spüren und Gewahrwerden. Dabei bleibt es aber nicht. Das Wahrgenommene wird mitgeteilt, ausgesprochen oder auch frei ausgetönt. Der Selbstausdruck der Klienten ist eine wichtige Selbst-Äußerung, weil es um die Wiedergabe inneren Erlebens geht. Inneres Spüren basiert auf Vorerfahrungen. Bei der regressionstherapeutischen Arbeit mit Erwachsenen rücken präund perinatale Prägungen im Laufe der Therapie häufig in den Vordergrund, wenn sie für den weiteren Lebensweg von Bedeutung waren. Nicht immer sind in der Therapie ausschließlich seelische und körperliche Verletzungen erspürbar. Sehr oft kommt es auch zu aufbauenden pränatalen Wahrnehmungen. Das sind bedeutende Ressourcen, die sehr hilfreich bei der Verarbeitung schwerer Kindheitstraumen und späterer Schicksalsschläge sind.

Es ist noch zu wenig bekannt, wie Babys vorgeburtlich auf Außenreize reagieren, was sie spüren und wie sie sich vorgeburtlich auf die künftige Außenwelt einstellen. Mit dem folgenden anonymisierten Protokoll wird der Leserin/dem Leser ein Lebensschicksal vorgestellt. Wir können hier Zeuge werden, wie ein Baby in einer entwürdigenden Familiensituation leiden und um sein Leben kämpfen musste. Wir erkennen, wie exakt ein Mensch 60 Jahre nach seiner Geburt diese Lebensumstände rund um die eigene Geburt wahrnimmt und zum Ausdruck bringt. Diese frühesten Erfahrungen, die dieser Mensch machte, prägten nachhaltig sein ganzes späteres Leben, seine Beziehung zu Frauen und sein Ringen um eine tragfähige Lebensperspektive. Stichworte zur Vorgeschichte: Herr M., geboren 1943 - vierte Liegung - Dauer 90 Minuten. Familiensituation: Erstes von vier Kindern - unehelich geboren - Großmutter väterlicherseits unterstellt seiner Mutter, sie habe sich mit der Schwangerschaft die Ehe mit ihrem Sohn erschlichen - Wohnen unter einem Dach - lebenslanger Kampf zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter - offene Ablehnung des Klienten durch diese Oma, die sadistisch gewesen sei und von Anfang an sein Kinderleben vergiftet habe - der Opa sei oft ins Wirtshaus geflüchtet, sei andererseits für ihn der rettende Engel gewesen und habe ihn geliebt. Zangengeburt - unter der Geburt offene Verletzung am Kopf links - Schiefhals OP mit vier Jahren - nach dieser Operation eine Woche Gips - im Bett festgebunden - bei der Entfernung des Gipsverbandes schneidet der Arzt aus Versehen unterhalb des linken Armes in die Haut des Kindes. Der Klient empfindet seinen aktuellen Zustand als unerträglich. Er erlebt Erschöpfungszustände und Hoffnungslosigkeit - depressive Phasen - Schlaflosigkeit - nächtliches Aufwachen mit verkrampften Händen – die linke Seite ist wie gelähmt – häufig überfällt ihn das Gefühl, nicht verstanden zu werden, isoliert und allein zu sein.

Hinweis:

Es empfiehlt sich, das folgende Protokoll langsam zu lesen, da man dann einen besseren Eindruck vom Therapieprozess bekommt, der ja insgesamt 90 Minuten dauert. Protokoll Die Gesprächsthematik zu Beginn dieser Liegung:

Untergründige Wut, Verzweiflung, Angst und Ohnmachtgefühle. Das Gespräch endet mit dem Satz:

Klient: Ich fühle immer Wut und Ärger in mir, weil mir nicht geglaubt wurde seit der Babyzeit, da hatte ich ja diese Verletzung links durch die Zangengeburt. (Klient macht eine Pause)

Therapeutin: Sie haben jetzt die ganze Zeit über von Ihrer Kindheit gesprochen, was spüren Sie denn gerade in Ihrem Körper?

Kl.: Eine Verspannung im linken Hüftbereich …, ein Gefühl, als sei ich links gelähmt, das gleiche, was ich oft nachts spüre und davon auch aufwache1.

Th.: Mein Vorschlag wäre, dass Sie mit dem Wort „gelähmt“ einmal in die Einzelwortarbeit2 gehen.

Kl.: Gelähmt, gelähmt, gelähmt, gelähmt …, ich habe Angst zu ersticken, wie Angst vor dem Tod. (Das Protokoll ist ab hier stichpunktartig aufgeschrieben worden. Der Klient ist mit der Einzelwortarbeit vertraut. Er hat auch den Sinn der Dialogarbeit3 verstanden und wechselt selbständig zwischen beidem.)

Kl.: Angst, Angst, Angst, Angst, Angst – verspannt, verspannt, verspannt - Kloß im Hals - Jucken an der Oberlippe – Kloß, Kloß, Kloß, Kloß, - Oberlippe juckt, juckt, juckt, juckt, juckt - Ohnmacht - ich bin jetzt im Krankenhaus (als 4jähriger), Ohnmacht – hilflos, hilflos, hilflos, hilflos, hilflos, hilflos – juckt, juckt, juckt, juckt - es juckt rechts - seltsam, das Jucken wandert nach oben - jetzt liege ich als Baby, zugedeckt - hilft mir denn keiner? – „Mutter, komm doch“ - mit mal bin ich wieder im Krankenhaus4 - „Schwester, reib mir doch das Gesicht oder hilf mir, die Riemen loszumachen, damit ich den Juckreiz lösen kann.“- Die reagiert nicht.

Th.: Was macht das dem damaligen Kind?

Kl.: Total allein und hilflos, wie als Baby - sehe mich jetzt als Baby, nackt, wie tot, gelähmt, gelähmt, gelähmt, gelähmt, - wie tot – tot, tot, tot, tot – leblos, leblos, leblos, leblos, leblos – erschöpft, erschöpft, erschöpft - . Da laufen Frauen um mich rum, wissen nicht, was sie machen sollen, - jucken, jucken, jucken, jucken, jucken - ich werde gebadet - mein Gesicht haben sie vergessen, kann meine Hände nicht bewegen, bin angebunden

4. Es juckt, juckt, juckt, juckt - hilflos ausgeliefert, hilflos, hilflos, hilflos, hilflos - ich fühle mich als Baby, mein Gesicht juckt, als wenn man vergessen hätte, das Gesicht zu benetzen, es juckt unerträglich. Juckt, juckt, juckt - (hustet) - juckt, juckt, juckt, juckt - an den Augen ein Jucken, aber auch das Empfinden, spucken zu müssen. „Du Hebamme, du hast mich nicht wahrgenommen, vergessen, mich abzuwaschen“. Sie ist zappelig und aufgeregt. Auch die Oma ist aufgeregt - der Opa ist im Hintergrund. - Das ganze ist im Schlafzimmer des Elternhauses. Jucken, juckt, juckt, juckt - rundherum ist Chaos - es ist nass - Blut - Schmerz am Hals - Kloß im Hals - muss ersticken - kopflose Hebamme. Es ist Schleim in meinem Hals, das muss raus - der Mund ist voll Schleim oder Wasser - nicht rauszukriegen - drohe zu ersticken - (hustet) spucke was aus - linke Seite ist verspannt – verspannt, verspannt, verspannt, verspannt, verspannt - alles ist verspannt und juckt – verspannt, verspannt, verspannt, verspannt - sehe mich leblos liegen, aber atme - rausgehustet - Kloß im Hals - mein Herz schmerzt - kann nur schwer atmen – schwer, schwer, schwer, schwer, schwer. Das Gefühl kenne ich, völlig erschöpft – leblos, leblos, leblos, leblos, leblos - die Hebamme ist kopflos, alle rennen hin und her - vergessen mein Gesicht. (Nach einer Pause:) Es ist so, als würde ich allmählich zu mir kommen und atmen - Kloß - Angst - Angst, dass es noch mal kommt - Angst, noch mal gezogen zu werden. Kann das sein? Mir wurde erzählt, ich wäre zurückgeschoben worden.

Th.: Ja, das kommt vor. Wenn das Kind bei der Geburt nicht richtig liegt, kann es Sinn machen, dass es zurückgeschoben wird, damit es in die richtige Geburtslage kommen kann.5 Im Folgenden gelingt es dem Klienten, vorgeburtliches Geschehen wahrzunehmen.

Kl.: Bisher war das ja nachgeburtlich - jetzt setzt wieder das Jucken ein - krieg keine Luft - Gefühl zu ersticken - dunkel - Jucken - Angst, ich muss sterben - Angst, ich muss ersticken, versuche zu atmen - es geht aber nicht - bin erschöpft. Ich spüre eine Ambivalenz: Einerseits muss ich kämpfen, damit ich nicht ersticke, andererseits will ich mich fallen lassen, weil ich nicht mehr kann - hänge zwischen Baum und Borke - versuche zu atmen - Luft in Bronchen und Lunge - Hängepartie - zwischendrin bin ich draußen - bin erschöpft - habe keine Kraft mehr. Meine linke Seite ist verkrampft – Schmerz, Schmerz, Schmerz, Schmerz, Schmerz, Schmerz - und die Schulterpartie - die linke Seite bis zur Hand ist verkrampft – verkrampft, verkrampft, verkrampft, verkrampft. Der Hals tut jetzt weh an der Halswirbelsäule - früher fühlte ich mich wie ein Schmerzklumpen - das Jucken im Gesicht kommt mir dazwischen. Jetzt bin ich wieder nach der Geburt: Verkrampft - gelähmt - alles schmerzt - Schmerz schießt in den Hals - linke Hand total verkrampft - übrigens letzte Nacht auch - manchmal auch am Tag - manchmal sind einige Finger richtig dick. Jetzt bin ich plötzlich wieder im Krankenhaus - jetzt spüre ich die Seitenschmerzen - auch die Geburtsschmerzen am Hals - der Arzt wollte mir an den Hals, habe ich gedacht - den Hals abreißen, so dieses Gefühl. „Du, Arzt, du hättest mit mir reden sollen, ich hatte doch Angst, dass du mir den Hals abreißt“. Die Angst von der Geburt kam hoch und das Jucken. Ich war total ausgeliefert - den Schwestern - und der verrückte Arzt konnte es nicht nachfühlen - ich hatte diese Schmerzen plötzlich am Hals - und der Doktor hat mich dann noch geschnitten. Ich will jetzt hier Schluss machen.

Th.: Ich schlage Ihnen vor, dass Sie diese Liegung ausklingen lassen und in das Ausatmen jeweils ein „vorbei“ sprechen.

Kl.: Vorbei, vorbei, vorbei.

Wer solch ein Protokoll zum ersten Mal liest, mag betroffen sein. Man könnte glauben, dies sei ein Einzelschicksal oder eine besonders dramatische Situation gewesen. Sicherlich ist nicht jedem Klienten möglich, solch eine Dichte des Nacherlebens bei der regressionstherapeutischen Arbeit zu erfahren. Die therapeutische Praxis zeigt jedoch: Dies ist kein Einzelfall.6 Um aus solch tragischer Lebensgeschichte zu lernen, müssten Erkenntnisse aus Erwachsenentherapien unmittelbar in die Geburtsvorbereitung und Geburtshilfe einfließen. Es wird deutlich, wie wichtig Kenntnisse über Familiensysteme sind, damit werdende, unerfahrene Eltern destruktiven großelterlichen Einmischungsversuchen nicht völlig ausgeliefert sind. In der Unterstützung werdender und junger Familien, bei der Prävention und Nachsorge und bei der Aufklärung zur Vermeidung unerwünschter Schwangerschaften lägen wesentliche gesellschaftliche Aufgaben.

 

 


1 Häufige Beobachtung: Klienten kennen ihre Symptome aus dem Alltag.

2 Einzelwortarbeit: Ein Klient benennt eine Wahrnehmung, z. B. einen brennenden Schmerz. Das Wort „brennend“ ist eine Charakterisierung des Schmerzes. Dem Klienten wird empfohlen, das Wort „brennt“ fühlend in das Ausatmen hineinzusprechen. Nach dem Einatmen wird das Ganze wiederholt, etwa drei bis acht Mal. Der Klient konzentriert sich dabei gut auf seinen Schmerz und er bemerkt Veränderungen, so dass z. B. aus dem „brennt“ ein „sticht“ wird. Es entstehen so Wort-Wahrnehmungsketten, die meist zu einer Lösung von Anspannungen, Schmerzen und Krämpfen führen. Physiologische Erklärung: Auto-Stimulation des limbischen Systems.

3 Sinn der Dialogarbeit: Kontakt zu den eigenen Gefühlen ist deutlich näher, als wenn über eine Person gesprochen würde.

4 Mehrere Traumen können sich verschachteln. Der Klient springt von Situation zu Situation und kann dies auch benennen. Damit findet er die Zuordnung und zeitliche Einordnung dieser Traumen - ein Zeichen dafür, dass das Geschehen nachträglich geordnet und verarbeitet wird.

5 Mich beschäftigen hier folgende Fragen: Wieso kommt es überhaupt zu dieser Zangengeburt? Will dieses Kind nicht geboren werden? Das widerspräche allem, was wir als biologisch sinnvoll erachten. Wir hatten gehört, dass die gehasste Oma bei der Geburt anwesend war. Sie hatte die Gebärende als Schwiegertochter von Anfang an abgelehnt. Hier fungiert sie als Geburtshelferin zusammen mit einer allem Anschein nach überforderten Hebamme. Bei der folgenden Liegung fragte ich den Klienten, wie er darüber denkt, warum es zu einer Zangengeburt gekommen sei. Seine Antwort: „Ich wollte nicht geboren werden.“

6 Weitere Protokolle in dem Buch: Irene Behrmann, Zurück ins Leben – Erfahrungen mit der Ambulanten Regressionstherapie. U. Leutner Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-934391-15-X

 

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Irene Behrmann

Irene Behrmann, M.A. Erziehungswissenschaften,
Psychotherapie (HP),
Korrespondenzanschrift:
Brömmerkamp 10, 29331 Lachendorf
www.ambulante-regressionstherapie.

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