Konzentrative Bewegungstherapie

Überarbeitete Version einer Darstellung der Methode der Konzentrativen Bewegungstherapie anläßlich eines Besuches von Vertretern der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte in einer Klinik im Schwarzwald im November 1992

KBT ist ein körperorientiertes psychotherapeutisches Verfahren. Es ist an der Nahtstelle zwischen Körper und Seele angesiedelt. Die Arbeit setzt am Körperlichen an; die psychischen Inhalte, die dabei auftreten, werden verbal aufgearbeitet. Diese Methode ist besonders bei psychosomatischen Patienten wirksam, weil diese ihre Probleme sozusagen auf der körperlichen Ebene anbieten. Wir kommen ihnen auf dieser Ebene entgegen und führen sie dann zu den eigentlichen, dahinterliegenden Konflikten. Wir arbeiten mit verschiedenen Schwerpunkten:

Wahrnehmung des Körpers und der Bewegung

Viele Menschen haben den Bezug zu ihrem Körper verloren oder nehmen ihren Körper nur noch über Schmerzen, also auf der Symptomebene, wahr. Ziel unserer Arbeit ist es, daß die Patienten von einer eher ablehnenden, zerstörerischen Haltung sich selbst und ihrem Körper gegenüber zu einem annehmenderen, liebevolleren Umgang finden. Voraussetzung ist zunächst einmal, den Körper kennenzulernen und ein Gefühl für sich selbst zu entwickeln z.B. durch Hinspüren und auch konkretes Berühren einzelner Körperteile. Welchen Körperteil ich mir auch vornehme – jeder Teil ist Symbol, Repräsentant für die Person als Ganzes. In der Auseinandersetzung mit dem Körper werden Assoziationen wachgerufen, die nicht seiten verschüttete Erinnerungen wieder lebendig werden lassen und zu unbewältigten früheren Situationen führen. Das Zulassen der emotionalen Auseinandersetzung führt dann zu einem heilsamen Freiwerden für neue innere Einstellungen.

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Fallbeispiel: Eine 47-jährige Patientin kam wegen psychosomatischer Bauchbeschwerden, Partnerproblemen und Gewalttätigkeiten gegen ihre Kinder zu mir in Behandlung. Schon mehrmals äußerte sie Schwierigkeiten, aufgrund schwerer Schmerzen in Bauch und Füßen vom Sitzen oder Liegen wieder auf die Füße zu kommen. So arbeitete ich in einer Stunde mit ihr an den Füßen. Als sie ihren rechten Fuß in die Hand nahm, fing der heftig an zu schmerzen. Sie beginnt sehr zu weinen und erinnert sich, wie ihr Vater, der ihr gegenüber oft gewalttätig war, ihr im Zorn als Kind einen Vorschlaghammer auf den Fuß hat fallen lassen. Damals hatte sie ihren Zorn und Haß aus Angst nicht zum Ausdruck bringen können. Ich begleitete sie nun durch einen heftigen emotionalen Prozeß: Sie schrie nachholend ihre damals verschütteten Gefühle der Verletzung, der Wut und des Schmerzes heraus. Nachdem wir miteinander durch diese Episode hindurchgegangen waren, konnte sie sich wieder ihren Füßen zuwenden. Die Schmerzen in ihrem rechten Fuß waren weg. Es gelang ihr, die Füße zu streicheln und liebevoll mit ihnen zu sprechen. Dabei brach sie noch einmal in heftiges Weinen aus. Die liebevolle Zuwendung konfrontierte sie mit der lieblosen Einstellung sich selbst und ihren Kindem gegenüber. Nachdem sie nun auch durch diesen emotionalen Prozeß hindurch war, äußerte sie schließlich von selbst den Wunsch, sich auf ihre Füße zu stellen. Sie schaute sie an, machte spielerische Bewegungen mit den Zehen und begann vorsichtige Gehversuche. Sie freute sich über die Lebendigkeit und das Wohlbefinden in den Füßen, das sie zum ersten Mal wahrnehmen konnte, wie sie mitteilte. Interessant ist auch, daß ihre Bauchschmerzen, an denen sie fast ununterbrochen gelitten hatte, plötzlich ebenfalls verschwunden waren.

An diesem Beispiel wird deutlich, wie durch die Arbeit an einem Körperteil verschiedene Ebenen emotionalen Erlebens angesprochen werden können. Der Schmerz über die Gewalttätigkeiten ihres Vaters und über ihre Entbehrungen und ihre Schutzlosigkeit, über die eigene gewaltsame Einstellung zu sich selbst und über ihre Unfähigkeit, ihren eigenen Kindern Schutz und Liebe zu geben, konnte in dieser therapeutischen Situation seinen Ausdruck finden. Der Körper war die Sprachebene, auf der diese Patientin emotional erreicht werden konnte, nachdem sie mehrere Wochen eine starke Abwehrhaltung gegen den Ausdruck ihrer Gefühle aufrechterhalten hatte. Der Prozeß der Wahrnehmung vollzieht sich entweder im Zustand der Ruhe, z.B. im Liegen, Sitzen oder Stehen – aber immer mit der wachen Aufmerksamkeit auf die inneren Vorgänge -, oder in der Bewegung wie z.B. beim Gehen oder beim Prozeß des Aufrichtens oder beim Ausprobieren von verschiedenen Körperhaltungen oder beim Ausprobieren der Beweglichkeit verschiedener Gelenke. Relevante Fragen bezüglich der Wahrnehmungsebene sind „Wie geht es mir, wenn ich Körperteile spüre oder Bewegungen ausprobiere?“, „Welche Signale, welche Botschaften, welche Antworten gibt mir der Körper an welchen Stellen?“, „Stellen sich Bedürfnisse ein?“, Kann ich den Bedürfnissen nachgehen oder neige ich eher dazu, mich von sozusagen querlaufenden Botschaften wie „Ich sollte eigentlich...“, „Ich müßte eigentlich...“, oder “Die anderen tun ja etwas ganz anderes, dem muß ich mich anpassen” leiten zu lassen? Viele Menschen leben, um sich besser spüren zu können, in Extremen. Um dieses Phänomen und diesbezüglich die Arbeit auf der Wahrnehmungsebene zu verdeutlichen, benutze ich gerne das Bild des inneren Ampelsystems. Wenn der Körper „seine Ampel auf rot schaltet“ z.B. in Form von Schmerzen wie z.B. Kopfschmerzen, was bedeuten könnte: Jetzt sollte ich mir vielleicht etwas Ruhe gönnen oder so geht’s nicht weiter, heißt das bei vielen Menschen noch lange nicht, daß sie „auf die Bremse treten“, sondern erst recht weitermachen und die Signale „überfahren“. Genau der gleiche Mechanismus – nur umgekehrt – läuft ab, wenn „die Ampel auf grün“ schaltet. Man könnte eigentlich „die Bremsen lösen“, es gibt vordergründig keine Barrieren mehr, aber man fährt trotzdem mit „angezogener Handbremse“, es gibt Hemmungen, die man sich auf den ersten Blick nicht erklären kann. Oder noch extremer: man nimmt an, „die Ampel sei auf rot“ (aus lauter Gewohnheit) und bleibt lieber schon vorher stehen, vielleicht sogar bevor man „die Ampel überhaupt sehen kann“. Meistens kennen die gleichen Leute beide Seiten der Medaille. Ich nenne das Phänomen das Prinzip des „Entweder-Oder“. In der KBT lernen wir über gezielte Wahrnehmung - nämlich das, was wir spüren für wahr zu nehmen, einen uns und den Bedürfnissen unseres Körpers gemäßen Umgang mit uns selbst zu finden, von den Extremen zur Mitte zu finden. Arbeit auf der Handlungsebene bzw. Symbolebene Praktisch jede Lebenssituation, jeder Problembereich kann in der KBT als sogenanntes Bewegungsangebot formuliert werden und sozusagen in Szene gesetzt werden. Beispiel: Ich stelle den Teilnehmern die Aufgabe, daß jeder 1. „seinen“ Platz im Raum suchen und dabei wahrnehmen möge, nach welchen Kriterien er dorthin findet. Mit dieser Fragestellung wird implizit auch angesprochen, welchen Platz jemand im Leben einnimmt, also in der Familie, in der Arbeitssituation und so weiter. Es gibt Menschen, die ihren Platz nicht finden können oder sich sträuben, sich niederzulassen, oder andere, die sich in die Ecke verkriechen und außerhalb des Geschehens bleiben, oder solche, die immer im Mittelpunkt stehen müssen. Die Therapeutin kann bei den verschiedensten Bewegungsangeboten auch ohne Gegenstände auf die Symbolebene gehen. Wenn ich zum Beispiel „am Gehen im Raum“ arbeite, stellen folgende Fragestellungen einen Bezug zum eigenen Befinden und zur Lebenssituation des einzelnen her: „Wie gehe ich, wie geht es mir? Weiche Haltung nehme ich ein? Welches Tempo wähle ich? Wähle ich eigene Richtungen oder schließe ich mich einer allgemeinen Gruppeneinrichtung (im Kreis) an?“

Fallbeispiel: In einer KBT-Gruppensitzung arbeite ich mit einem 50-jährigen Patienten. Ich rege ihn an zu beobachten,

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welche Teile der Füße beim Gehen besonders belastet werden. Ich gehe neben dem Patienten her, und nach einer Weile äußert er, er gehe fast ausschließlich auf den Außenkanten seiner Füße. Als ich ihn frage, was „außen“ für ihn bedeute, bleibt er stehen und antwortet sichtlich betroffen: „Mein ganzes Leben bin ich nach außen orientiert. Ich achte immer darauf, was andere von mir erwarten, ich versuche, es allen immer recht zu machen. Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich will oder was mir gut tut. Ich habe gar keinen Zugang dazu, was mich von innen bewegt oder wie es wirklich in mir aussieht“. Er beginnt zu weinen und sagt, nun zeige sich ihm, was „innen so alles verborgen ist“. Er schaut auf seine Füße, geht weiter, lacht plötzlich und sagt: „Wenn ich so sehe, wie ich auf den Außenkanten meiner Füße laufe, fällt mir dazu ein: ich bin ja Vertreter im Außendienst!“ Wir müssen beide fürchterlich lachen und setzen dann unsere Arbeit fort, indem wir üben, wie er seine Füße gleichmäßiger belasten kann und wie sich diese neue Gehweise auf sein Befinden auswirkt.

Ein anderes Beispiel: Nehme ich z.B. das Thema „NäheDistanz“, das für viele Klienten ein relevantes Thema ist, stelle ich die Aufgabe, sich zu zweit zusammenzutun und aufeinander zuzugehen. Es werden dann parallel zum Tun Fragen gestellt, die einerseits die Erfahrungsebene im Hier und Jetzt ansprechen und gleichzeitig einen Bezug zur Lebenssituation jedes einzelnen herstellen können, wie z.B. „In welchem Tempo möchte ich auf meinen Partner zugehen?“, „Nehme ich mir genug Zeit zu spüren, wie nah ich auf meinen Partner zugehen will?“, „Nehme ich mir vielleicht auch das Recht, entweder eine etwas größere Distanz oder auch Nähe entstehen zu lassen, als es „höflich“ scheint?“, „Was geht in mir vor und wie reagiere ich, wenn jemand auf die ihm eigene Weise auf mich zugeht?“ Die Fragestellungen kann man beliebig variieren je nach Gruppensituation und spezieller Thematik einzelner in der Gruppe. Häufig passiert es, daß die Teilnehmer zunächst genau dasselbe reinszenieren, was sie gewohnt sind, Bei einem 2. Anlauf und nachdem es ihnen bewußt geworden ist, riskieren sie es, mal etwas ganz anderes auszuprobieren. So werden korrigierende Erfahrungen möglich. Eine weitere korrigierende Möglichkeit ist bei einem Partnerangebot der Partnerwechsel. Der Klient nimmt Unterschiede wahr und kommt vielleicht von der festgefahrenen Selbsteinstellung „So bin ich“ zu einer flexibleren Selbsteinschätzung. Außerdem wird den Teilnehmern durch das Wahrnehmen der anderen und deren Tun ein breiteres Spektrum von Handlungsspielräumen zugänglich, was dann wiederum zum Ausprobieren von Neuem reizt. Für die Arbeit auf der Handlungs- oder Symbolebene verwenden wir auch Gegenstände wie Bälle, Kugeln, Stäbe, Reifen, Muscheln, Steine und dergleichen. Jeder Gegenstand hat durch seine eigene Sinnesqualität für jeden Teilnehmer auch eine eigene Erlebnisqualität und bietet dadurch eine Projektionsfläche für seelische Inhalte. Ein bewährtes Mittel, um einen Zugang zum eigenen Körper zu vermitteln, ist die Aufgabe, mit Hilfe von Gegenständen das eigene „Körperbild“ symbolisch auf den Boden zu legen. Das ist gleichzeitig auch als Diagnostikum geeignet, welche Körperteile besondere Problemfelder darstellen. Beispiele: Bei den Angehörigen von Abhängigen sieht man häufig durch die hingelegten Gegenstände einen Körper mit überdimensional breiten Schultern dargestellt, Das zeigt, daß sie Last tragen. Manche Patienten vergessen die Darstellung ihrer Hände. Im Gespräch kommen sie dann selbst darauf, daß Hände mit Handlungsfähigkeiten zu tun haben. Wieder andere legen ihre Füße nicht symbolisch hin, was bedeuten kann, daß ihnen der Standpunkt oder das Stehvermögen fehlt. Magersüchtige legen oft gar nicht ihre Körperkonturen mit ausgewählten Gegenständen hin, sondern sie legen nur ein Seil in Kreisform oder einen Reifen oder einen großen Ball hin. Asthmatiker haben spontan Eisenplatten symbolisch für die Brustgegend hingelegt. Zu ihrer Betroffenheit wurden sie erst bei der Besprechung darauf aufmerksam gemacht: es war ihnen offensichtlich entgangen, wie sehr sie in diesem Bereich unter Druck leiden. In der therapeutischen Arbeit werden allgemeine Lebensthemen wie „Geben und Nehmen“ oder „Beziehungsaufnahme“ oder „Grenzen abstecken“ mit Hilfe von Gegenständen symbolisch aufgegriffen. Bleiben wir beim Beispiel „Geben und Nehmen“, kann das Angebot lauten, daß sich Paare finden, die einen Gegenstand wählen und ihn hin- und hergeben. Zunächst könnte interessant sein, wie die Partner miteinander den Gegenstand auswählen. Setzt sich einer gegen den anderen durch oder wird daraus ein gemeinsames Tun? Wie gebe ich? Wie nehme ich? Halte ich den Gegenstand beim Geben einfach hin, ober gebe ich ihn dem anderen direkt in die Hand? Nehme ich den Gegenstand aktiv, oder lasse ich ihn mir in die Hand geben? Nehme ich, was mir gegeben wird an, oder gebe ich sofort zurück? All diese Fragen können einen intensiven Selbsterfahrungsprozeß in Gang setzen.

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Es ist vielleicht nachvollziehbar geworden, wie durch die Art der Aufgabenstellung spezifische Problembereiche jedes einzelnen zum Ausdruck kommen können und wie sich in der Art der Ausführung die Haltung des Teilnehmers sich selbst gegenüber und sein Verhalten anderen gegenüber zeigen kann. Wichtig ist, daß durch das Handeln nicht nur die Konflikte deutlich werden, sondern daß die Angebote auch Suchprozesse nach möglichen Lösungen in Gang setzen und neue Möglichkeiten ausprobiert werden können. Das Wiedererleben von unbewältigten Situationen, aber auch das Suchen nach Lösungen wird meistens von einem tiefen emotionalen Prozeß begleitet. Gerade dadurch werden korrigierende Erfahrungen möglich. Der Fokus meiner Arbeit liegt auf den sogenannten Ressourcen, das sind vorhandene, aber nicht genutzte oder schlummernde Fähigkeiten.

Ein Fallbeispiel dazu: Es gab in einer Gruppe in der Klinik eine Patientin, die in Gruppen nie sprach. Zur Bedingung an der Teilnahme hatte ich gemacht, daß sie am Anfang der Stunde im Rundgang als erste einen Satz zu ihrem Befinden sagte, sonst brauchte sie nichts zu sagen, wenn ihr nicht danach war. Dazu war sie bereit. Mir war bekannt, daß sie geme sang und ihr das auch in Gruppen möglich war. Sie sang im Chor. So arbeitete ich in den ersten Stunden mit Stimme, Atem und Tönen - zunächst jeder für sich, dann mit Partnern, dann die ganze Gruppe miteinander Über Töne konnte sie sich ausdrücken. So war es ihr möglich, sich als normales Mitglied in der Gruppe zu integrieren und sich sicher zu fühlen. Das war wohl die Voraussetzung dafür, daß sie in einer der darauffolgenden Sitzungen in einem emotionalen Ausbruch ihre Not über ihr Nichtsprechen, das mit den gewalttätigen übergriffen ihres Vaters (er schlug ihr als Kind auf den Mund, wenn sie sprach) zu tun hatte, ausdrücken konnte. Sie warf mit Bällen um sich, und ihre Hemmungen lösten sich. Sie schrie ihre Wut, ihre Not und ihren Schmerz heraus. Das war der Anfang. Zunächst sprach sie in der KBT-Gruppe, dann auch allmählich in anderen Gruppen, bis sie am Schluß ihres Klinikaufenthalts sogar Patientensprecherin wurde, wo sie vor der großen Gruppe reden mußte.

Familientherapeutisch- Systemorientierte Ebene in der KBT-Arbeit

Viele „Bewegungsangebote“ führen uns auch auf die sogenannte Systemorientierte Betrachtungsebene. Um ein Beispiel zu nennen: das Thema „Führen und Folgen“ bringt uns, wenn wir die Übung zu zweit machen, auf die Partnersituation. Wenn diese Übung zu dritt oder zu viert gemacht wird, sind wir sehr schnell in den verschiedensten Familienkonstellationen und damit auf der systemischen Ebene. In der verbalen Konfliktbearbeitung arbeite ich fast ausschließlich Systemorientiert, d.h. daß der Konflikt im familiären Zusammenhang betrachtet wird und daß Lösungen gesucht werden, die dem Interesse und den Ansprüchen aller Systemmitglieder gerecht werden. Wichtige Techniken dabei sind das Zirkuläre Fragen im Sinne des sogenannten Heidelberger Teams um Prof. Heim Stierlin, hypnotherapeutische Techniken nach Milton Erickson und die Systembezogene Psychotherapie nach Bert Heilinger. Anhand eines Fallbeispiels werde ich zeigen, wie ich Körperarbeit mit Systemischer Arbeit (in diesem Fall dem systemischen Ansatz von Bert Hellinger) verbinde.

Eine 24-jährige, auffallend burschikos wirkende, beruflich erfolgreiche und aufgeschlossene Sozialpädagogin kommt zu mir in die Praxis, weil sie darunter leide, noch nie eine Partnerschaft eingegangen zu sein und Ablösungsprobleme vom Elternhaus zu haben. Sie fühle sich zeitlebens und immer noch besonders von ihrer Mutter extrem kontrolliert und bringe es nicht fertig, sich ihrer Kontrollen zu entziehen. Sie berichtet keine besonderen traumatischen Erlebnisse, auch die Familienanamnese zeigt keine Auffälligkeiten. Sie fragt sich allerdings, warum sie Einzelkind geblieben ist. Auf Fragen hätten die Eitem immer ausweichend reagiert. Sie wolle Körperarbeit machen, um ein besseres Gefühl für sich selbst und ihren Körper zu entwickeln und ihre Fraulichkeit zu entdecken. Sie ist sehr kooperativ. Um so auffälliger ist es, daß sie sich über längere Zeit strikt weigert, sich auf den Boden zu legen. Das könne sie sich nicht vorstellen auszuprobieren, sie empfinde bei dem Gedanken große Angst, sich ausgeliefert zu fühlen, vom Boden verschlungen zu fühlen und „auszurasten“ - schlicht die Kontrolle zu verlieren. Wir lassen das Thema ruhen, bis sie selbst wieder darauf zu sprechen kommt. Sie äußert den starken Wunsch, „daranzugehen“. Sie fühle sich stark genug, sich mit dem „Schlimmen“ zu konfrontieren. Als sie auf dem Boden liegt, empfindet sie Kälte überall und fühlt sich wie erstarrt, sie sagt “wie tot”. Ich frage sie, ob sie diesen Zustand kenne, und sie antwortet, daß sie dieser Zustand seit ihrem 13. Lebensjahr hin und wieder überfalle. Seitdem könne sie auch nicht mehr weinen. Sie wisse aber kein Erlebnis, das Auslöser für diesen Zustand sein könne. Ich frage sie ganz gezielt nach Schicksalen in der Familie mütterlicherseits, denn die Erfahrung zeigt, daß häufig das Erleben des Bodens auf symbolischer Ebene mit der Beziehung zur Mutter oder dem Mütterlichen zu tun hat. Plötzlich erinnert sie sich - das sei ihr ganz entfallen -, daß der Bruder der Mutter im Alter von 13 Jahren tödlich verunglückt sei, als er vom Baum gefallen sei. Nun war der Schlüssel zu diesem ihr eigentlich fremden Gefühl gefunden. Bei dieser Klientin liegt nach Heilingers systemischem Ansatz eine unbewußte ldentifizierung mit dem verstorbenen Bruder der Mutter vor.

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Zu einer solchen ldentifizierung kommt es, wenn ein Mitglied des Systems ausgeklammert wird. Für das Ausklammem eines Systemmitglieds im Sinne von z. B. Verleugnen, totschweigen, verteufeln oder verachten kann es verschiedene Gründe geben: sei es, daß die ausgeklammerte Person sich schuldig gemacht hat, daß man sich ihrer schämt, oder - wie in unserem Fallbeispiel - daß die Person ein so schlimmes Schicksal hatte, daß das System auf Grund magischen Denkens so etwas wie eine Wiederholung fürchtet. Wenn jemand also aus den oben genannten Gründen aus dem System ausgeschlossen wird, setzt sich das Bedürfnis nach Ausgleich im System durch. Ein Nachgeborener übernimmt dann unbewußt die Anliegen der ausgeklammerten Person, indem er oder sie aus Loyalität das Schicksal dieser Person nachahmt. Wie bei der Klientin führt das zu den als fremd empfundenen, nicht nachvollziehbaren Gefühlen und Verhalten. Aus ihrer persönlichen, individuellen Geschichte gibt es keine Erklärung dafür, daß die Patientin seit ihrem 13. Lebensjahr nicht mehr weinen kann oder in Zustände von emotionaler Erstarrung und Kälte gerät oder daß sie sich nicht als Frau fühlen kann und sich daher unfähig fühlt, Partnerschaften einzugehen. Auf dem Hintergrund von Heilingers Systemtheorie bieten sich bei einem solchen Fall Erklärungen und dann auch Lösungen an. Ein Weg, die Verstrickung sichtbar werden zu lassen und eine Lösung zu finden ist die Aufstellung der sogenannten Familienkonstellation nach dem inneren Bild des Klienten. Mit Mitgliedern in der Gruppe geht das natürlich einfacher, man kann das Medium aber auch in Einzeltherapien anwenden. In meinem Fall habe ich die Klientin ihre Familie mit Hilfe von Kissen darstellen lassen. Ich kann jetzt nicht alle Einzelheiten des Prozesses beschreiben. Es wurde schließlich deutlich, daß der Bruder der Mutter mit in die Aufstellung genommen werden mußte, damit sich das System beruhigte. Die Position des Bruders der Mutter hat noch einmal bestätigt, daß die Klientin mit ihm identifiziert ist. Die ldentifizierung konnte aufgelöst werden, indem sie ihm sein Schicksal in Achtung zumutet und das mit entsprechenden Sätzen nachvolizieht. Hierbei ist das symbolische Ansprechen der Person von besonderer Wichtigkeit, um aus der ldentifizierung mit der Person in eine Beziehung mit ihr zu kommen. Der Prozeß führt dahin, daß die Klientin der ausgeklammerten Person - in dem Fall dem Onkel der Klientin - einen Platz in ihrem Herzen gibt. So kann sie ihren Onkel als wohlwollend hinter sich stehend und als Schutzpatron empfinden, und bildlich gesprochen wird der Weg nach vorne frei. Während dieser Arbeit hat die Klientin immer wieder heftig geweint - zum ersten Mal nach 11 Jahren. Für sie habe sich - wie sie sagt -„ein Schleier gelüftet“. Nach außen war mir deutlich sichtbar, wie das Burschikose von ihr abfiel und sie plötzlich fraulicher aussah.


Erstveröffentlichung:
Krisis Nr. 23 aus 2003
Die Autorin war früher in einer Klinik im Schwarzwald tätig
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