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Stuhlarbeit: Wenn deine Gefühle dir gegenübersitzen

Ich habe die Stuhlarbeit mittlerweile von drei Seiten kennen- und schätzengelernt. Erstens als Beobachterin in meiner Ausbildung in humanistischer Therapie (Gesprächstherapie nach Rogers und Gestalttherapie nach Perls). Zweitens bei mir selbst während einer gestalttherapeutischen Sitzung. Und drittens als Therapeutin in der Arbeit mit meinen Klienten (immer m/w/d).

Mich überzeugt die Stuhlarbeit vor allem deshalb, weil man vom „drüber reden“ ins „erleben“ kommt. So ist oft auch ein viel besserer Zugang zu den Gefühlen möglich. Sie fördert und begünstigt damit neue Betrachtungsweisen und Verarbeitungsprozesse.

Am meisten beeindruckt hat mich eine analytische Stuhlarbeit, die ich während meiner o. g. Ausbildung miterleben durfte. Sie hat bei der Teilnehmerin Katja K. (Name geändert) zu einem neuen Lebensgefühl geführt. So empfindet sie sich seither deutlich geerdeter, während sie sich zuvor häufig emotional labil fühlte und auch Depersonalisationen zu ihrem Erleben gehörten. In der Sitzung vor der Gruppe ging es darum, dass die Klientin sich selbst gegenüber sehr kritisch war. Sie erzählte davon und in welchen Lebenslagen dies vorkam. Dadurch wurde auch deutlich, dass dieses Erleben nicht der jetzigen Lebenssituation entstammte. Es war ein alter kindlicher Anteil, der gesehen und gehört werden wollte. Sie konnte sich auch während der Sitzung vor der Gruppe schnell an die ursprünglich auslösende Situation erinnern.

Plötzlich saß nicht mehr eine ca. 30-jährige Frau vor uns, sondern ein kleines Mädchen im Grundschulalter. Und dieses hatte Angst. Angst davor, nicht gut genug zu sein und dann von ihrem Vater abgewertet zu werden. „Er war immer so enttäuscht von mir, wenn ich mal eine 3 oder 4 in einer Klassenarbeit mit nach Hause brachte. Manchmal hat er dann einige Tage kaum mit mir gesprochen. Einmal habe ich auch gehört, wie er zu Bekannten sagte, dass ich wohl leider fürs Gymnasium nicht schlau genug sei. Danach habe ich mich immer mehr in der Schule angestrengt. Irgendwann gehörte ich zu den Klassenbesten“. Die Angst vor Misserfolgen blieb und bei kleinster Kritik fühlte sich Katja oft tagelang schlecht. „Mir war dann immer ganz übel“, erzählte sie. Ihr innerer Kind-Anteil traute sich – mit der Therapeutin an ihrer Seite – den Vater auf ihre Empfindungen anzusprechen. Sie stellte ihn sich auf einem der leeren Stühle sitzend vor. Ihr Vater zeigte sich betroffen, welche bleibenden Gefühle und Ängste er mit seinem Verhalten bei seiner Tochter ausgelöst hatte. Das wollte er nicht. Er sah großes Talent in ihr und hoffte, dass sie durch gute Leistungen einmal mehr Karrieremöglichkeiten hatte als er.

Im zweiten Schritt nahm Katja K. selbst die Rolle des Vaters ein, der sich weiter betroffen zeigte und sich bei seiner Tochter entschuldigte. Wieder in ihrer Rolle weinte Katja. Es war, als falle der jahrelange Druck endlich von ihr ab.


„Was braucht die kleine Katja jetzt? Ich habe den Impuls, dir eine Decke umzulegen. Fühlt sich das für dich passend an oder brauchst du etwas anderes?“, fragte die Therapeutin sie. „Eine Decke wäre toll“, antwortete Katja. Dick in diese eingekuschelt setze sie sich an einen geschützten Platz in unserem Seminarraum und durfte dort, so lange sie es brauchte, sitzen bleiben. Es wirkte, als erlebe ihr innerer Kind-Anteil so nachträglich ein Gefühl von Geborgenheit, das er von früher nicht kannte. Erst, als sie nach gut einer halben Stunde so weit war, stand sie von ihrem Platz auf und schüttelte gemeinsam mit der Therapeutin ihren Körper einmal ab. Das brauchte sie auf Nachfrage, um wieder ganz ins Hier und Jetzt kommen zu können.

Sie fühlte sich gut nach der Sitzung. Und müde. Das oben erwähnte Gefühl der inneren Stabilität ist ihr seither erhalten geblieben. Auch nach Situationen, die sie früher stark getriggert haben, schafft sie es, schneller zurück zu ihrer inneren Ruhe zu finden.

Selbstversuch: Ein Gefühl da sein lassen

Auch ich suchte vor längerer Zeit einen gestalttherapeutischen Kollegen auf, da mich seit vielen Jahren ein bestimmtes unangenehmes Gefühl begleitet hatte. Und dieses war sehr hartnäckig, obwohl ich schon einiges versucht hatte, um es loszuwerden. Was wollte es von mir? Ich war genervt. Das machte es – natürlich – nur noch präsenter.

Hier ein gekürzter und auch etwas geänderter Auszug aus der Sitzung: Zunächst beschrieb ich dem Therapeuten das Gefühl, das sich nicht wegschieben ließ. Er sagte: „Ok, also verdrängen lassen will sich das Gefühl – natürlich – nicht. Hast du denn eine Ahnung, was es dir vielleicht sagen möchte? Stell dir vor, es ist dieser Stein, der dir nun gegenübersitzt.“

Ich schaute auf den Stein. „Es hat einen Grund, da zu sein“, sagte ich ohne nachzudenken, „es hat sich früher schon nicht gesehen gefühlt. Und nun möchte es einfach da sein. Das möchte ich aber nicht. Es fühlt sich unangenehm an“.

Der Therapeut schaute mit mir auf den Stein. „Unangenehm, weil du es verdrängen möchtest vielleicht?“ Ich spürte nach und schaute dann zur Seite aus einem kleinen Dachfenster in den Himmel. „Ja, es ist quasi wie die Wolken da draußen, die sich gerade vor die Sonne geschoben haben. Alles ist trist dadurch.“

Der Therapeut folgte meinem Blick. „Verstehe“, sagte er. „Wenn du in dich reinspürst, weißt du dann vielleicht, wann das Gefühl entstanden ist?“.

Ich schloss kurz die Augen. „Ganz früher. Da habe ich mich auch öfter nicht richtig gesehen gefühlt.“ Nun empfand ich plötzlich mehr Verständnis für das hartnäckige Gefühl. Es hatte einen guten Grund, um da zu sein.

„Was ist denn nun, wenn du es einfach eine Weile da sein lässt?“, fragte mich der Therapeut.

Ich ging wieder in mich und nahm eine Veränderung war: Das Unangenehme, das ich mit dem Gefühl verbunden hatte, war verschwunden. Es war gesehen worden und ich verstand auch seine Botschaft für die Gegenwart. Auch ich nehme seither ein verändertes Lebensgefühl wahr und achte entsprechend auf die hinter den länger anhaltenden Gefühlen liegenden Bedürfnisse.

Was uns Gefühle zeigen können

„Sie soll einfach weggehen!“, sagte meine Klientin Sabrina O. (Name und Geschichte geändert) laut und deutlich in Richtung des ihr gegenüberliegenden Stuhls. Dort befand sich ihre Wut in Form eines grauen Schals. Grau kam ihr für dieses ungeliebte Gefühl angebracht vor, daher die Wahl. „Und, wie findet die Wut es, wenn du so mit ihr sprichst? Wird sie nun weggehen?“, fragte ich nach.

Sabrina schaute mit ärgerlich wirkendem Blick erneut zu dem grauen Schal als Ausdruck ihrer Wut. „Nein. Sie will nicht weg. Das nervt so.“

Die Wut bzw. damit einhergehende Impulsivität erschwerte ihr den Umgang mit ihren Mitmenschen. Sowohl im Job als auch privat. Ein paar Freunde hatten sich deswegen schon von ihr abgewandt.

Dabei war sie eine zunächst ruhig und entspannt wirkende Person. Bis, wie sie sagte, zu einem gewissen Punkt. Dann verlor sie die Kontrolle über sich.

„Was hat die Wut dir denn vielleicht zu sagen? Also ich meine, warum muss sie sich so heftig zeigen in manchen Situationen?“, hakte ich nach.

Sabrina sagte recht spontan: „Weil ich immer so viel runterschlucke und mir vieles gefallen lasse, damit die anderen mich mögen.“

Fast erschrocken schaute sie auf den Schal. Auch dieses Gefühl hatte also einen guten Grund, da zu sein: Es wollte Sabrina auf ein wichtiges Thema hinweisen.

Wir gingen noch etwas weiter und sie erinnerte sich, dass sie früher zu Hause schon dazu angehalten wurde, lieb zu anderen Menschen zu sein und sie nicht unnötig zu belasten. Eine tiefe Prägung, die in ihr heutiges Leben nicht mehr passte.

Sabrina erkannte durch den neuen Blick auf ihre Wut deren Botschaft: Dinge künftig frühzeitiger anzusprechen, damit sie gar nicht erst so hochkochen müssen. Das wollte sie nun beginnen zu üben.

Das waren drei kurz zusammengefasste Geschichten zur Stuhltherapie und zum Umgang mit belastenden Gefühlen, die vor allem eins zeigen: Gefühle lassen sich nicht verdrängen, sondern sie wollen gesehen und gehört werden. Letzten Endes weisen sie uns häufig auf (noch) nicht verarbeitete Themen hin.

Natürlich lässt sich bei Weitem nicht alles mit einer einzigen Stuhlarbeit auflösen. Dafür sind die Prägungen und Muster oft zu tief und alt. Jedoch lassen sich so öfter innere Prozesse anstoßen, die eine gewünschte Veränderung begünstigen.
Literatur
Joyce, Phil/Sills, Charlotte: „Gestalttherapeutische Kompetenzen für die Praxis“. EHP-Verlag, 2015

Vanessa Kämper, M. A. Redakteurin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Schwerpunkte: Hypnose, EMDR, Gestalt- und Gesprächstherapie, „Gefühlssprechstunde“, Praxis für Persönlichkeitsentwicklung & Psychotherapie
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