Fibromyalgie als Syndrom?

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Eine jahrelange Odyssee?

Eine mysteriöse Krankheit?

Oder Fibromyalgie als Syndrom?

Und anerkannt!

„Wir haben Schmerzen, aber es sieht uns keiner an.“ Der Feind ist unsichtbar. Er lauert im ganzen Körper und verursacht unterschiedlichste Beschwerden. Die Betroffenen sehen gesund aus, solange sie nicht in den Kreislauf einer Falschbehandlung gelangen.

Fibromyalgie gehört noch immer zu den am häufigsten falsch oder nicht erkannten, chronischen Krankheitszuständen.

2013-04-Fibro2Vor mehr als 100 Jahren wurde die diffuse schmerzhafte Störung bereits als eigenständiges Krankheitsbild erkannt und zunächst als Fibrositis bezeichnet. Bereits 1977 wurde der Begriff Fibromyalgie vorgeschlagen und erst 1990 von der amerikanischen Rheumatologischen Gesellschaft akzeptiert. Damit wurde die Fibromyalgie als offizielle Krankheit in der internationalen Klassifikation für Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation anerkannt und hat dort einen eigenen Schlüssel: M 79.00. In der deutschen Liste für Krankheiten (ICD-10) läuft es unter dem Code M 79.7, somit ist die Existenz nachgewiesen und müsste nicht mehr diskutiert werden.

„Fibromyalgie? … Gibt es nicht!“ So werden Patienten damit abgefertigt, dass ihre Beschwerden Ausdruck einer Depression sind. Tatsächlich zeigen Fibromyalgie-Patienten häufig auch depressive Symptome. Diese entstehen jedoch überwiegend erst als Folge der chronischen Schmerzen und Ausfallerscheinungen … und haben eine organische Ursache.

Fibromyalgie hat bei vielen den Ruf einer mysteriösen Krankheit, obwohl an ihr Millionen leiden. Die Symptome sind äußerst vielfältig und wechselnd, die Auslöser ebenfalls vielschichtig, ein Krankheitsbild mit immens komplexen körperlichen und psychischen Beschwerden. Auf den ersten Blick haben sie keinen Bezug zueinander. Manche ordnen sie gleich dem rheumatischen Formenkreis zu. Andere bringen sofort eine ausschließlich psychische Erkrankung damit in Verbindung. Wer kann sich das schon dauernd anhören und ertragen, ständig neue und wechselnde Symptome?! Nicht einmal die Blutwerte oder die Röntgenbilder geben eine handfeste Erkrankung her. Mit der Zeit nervt das deutlich und kann nur auf einem psychischen Schaden basieren!?

Studien ergaben, dass die Mehrzahl der Fibromyalgie-Erkrankten nicht an psychischen Störungen leidet. Dies spürend geben die Patienten meist nicht auf, um Anerkennung zu kämpfen, dass ihre Ausfälle nicht psychischer Natur sind, sondern organischer. Aufgrund von Fehldiagnosen dauert es oft Jahre, bis eine Fibromyalgie diagnostiziert wird und die Symptome adäquat behandelt werden. Vielleicht führt auch ihr „Doktorhopping“ dazu, dass die Ärzte die Kranken nicht ernst nehmen und leichtfertig als Simulanten und Psychos abstempeln. Deshalb sind FMS-Patienten verzweifelt auf der Suche nach einem Verstehen und nach endlich greifender Hilfe. Da die Betroffenen in dieser Zeit als Hypochonder abgestempelt werden, entstehen und/oder verschlimmern sich ihre Selbstzweifel, und somit unweigerlich auch sämtliche Symptome.

Fibromyalgie ist keine eingebildete Krankheit. Durch das unklare Krankheitsbild werden die Patienten für extrem überempfindlich gehalten. Die korrekt diagnostizierte Fibromyalgie ist nicht mit einer psychischen Erkrankung zu verwechseln, geschweige denn, dass man sie als somatoform, psychosomatisch, hysterisch oder hypochondrisch klassifizieren darf. Das Leiden des schmerzgeplagten Menschen ist nicht zu verachten oder gar ungläubig zu belächeln. Eine lange, oft erniedrigende Arztodyssee haben die Betroffenen hinter sich. Mitunter entkräftet währenddessen ihr Körper und folgend ihre Psyche immer mehr, weil Behandlung völlig falsch oder gar nicht angesetzt wird. Fibromyalgie ist eine chronische, nicht entzündliche Erkrankung. Nicht auszuschließen ist, dass es im späteren Verlauf zusätzlich zu entzündlichem Rheuma und/oder Arthritis kommt. Unwissenheit bei allen Beteiligten spielt hier eine gefährliche Rolle und gilt es abzuwenden.

1. FMS-Syndrom = mehrere bis enorm viele Symptome

Die Vielzahl der Symptome lässt das Krankheitsgeschehen zu dem FMS-Syndrom (Faser- Muskel-Schmerz-Syndrom) heranreifen.

Folgende Hauptsymptome weisen auf eine Fibromyalgie hin:

Spontane Schmerzen in der Muskulatur, im Verlauf von Sehnen und Sehnenansätzen. Diese fühlen sich wie ein schwerer Muskelkater an oder wie die typischen Gelenkschmerzen bei einem grippalen Infekt.

Chronische Schmerzen (mehr als 3 Monate) sind in verschiedenen Körperregionen vorhanden, besonders betroffen sind Rücken, Nacken und Brustkorb, HWS sowie die Gelenke und Muskeln in den Armen und Beinen, mit wechselnder Lokalisation. Druckund Schmerzempfindlichkeit allgemein und in den Organen, andauernde Müdigkeit, allgemeine Schwäche, bis hin zur Erschöpfung, Schlafstörungen, Morgensteifigkeit, Konzentrations- und Antriebsschwäche sowie Wetterfühligkeit können auftreten. Schwellungen von Händen, Füßen und Gesicht sind charakteristisch, stechende Schmerzen in den Extremitäten nach längerem Sitzen oder Verharren in einer Position (einem Krampf ähnelnd), Druckschmerzhaftigkeit der „Tender Points“ (Diagnosepunkte), diese liegen zumeist gelenknah an den Sehnen- Muskel-Ansätzen.

2013-04-Fibro3Häufig vorzufindende Begleitsymptome sind:

Reizdarm (Durchfall oder Verstopfung), Reizmagen, Kopfschmerzen (Migräne wird weniger beobachtet), Trockenheit bzw. Überempfindlichkeit der Schleimhäute, dadurch vermehrte Sekretbildung, Allergien, Herzrhythmusstörungen, Herzanfälle, Herzneurose, starke Schwindelanfälle, empfindliche Haut, Hautexantheme, Haarausfall, entzündliches Gefühl im ganzen Körper, Brennen im und am ganzen Körper, Schmerzen in den Nieren, vermehrte Venenzeichen, Varizenbildung, Atembeschwerden, diffuse Schmerzen im Brustbereich in Verbindung mit Atemnot, hohe Infektanfälligkeit, Fieberlosigkeit steht meist im Vordergrund, bei wenigen eine ständig leicht erhöhte Temperatur, leicht erhöhte Blutsenkung, Blutergüsse, Taubheitsgefühle, nervöse Extremitäten, Krämpfe in der Beinmuskulatur, in Händen und Fingern, Händezittern, oftmals an den Oberschenkeln und Oberarmen, Schmerzen in den Fußsohlen, Reizblase, Periodenschmerzen, Nachlassen des sexuellen Interesses, Erschöpfung/Schmerzen nach der Sexualität, Impotenz, Heiserkeit, Schluckbeschwerden, Kloßgefühl im Hals, trockener Mund, Zahnschmerzen, Schmerzen und Lähmungserscheinung in der Kaumuskulatur, Störungen des Gehörsinns, Augenprobleme, sich einstellende Sehschwierigkeiten, Blindheit, Schmerzen in der Brustdrüse, neurologische Missempfindungen (Taubheit, Kribbeln, ruhelose Beine), kalte Hände und Füße, Tinnitus, Schweißbildung bei geringster körperlicher Anstrengung, Wassereinlagerungen, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Wortfindungsstörungen, Gedächtnisstörung, angespannte Gefühlslage, Verdrängen, Aggressionen, Depression, Angststörung.

Gewöhnlich finden wir bei Fibromyalgie keine erhöhten Entzündungswerte. Immer wiederkehrende Entzündungskrankheiten wie Bronchitis, Sinusitis, Zystitis usw. tragen jedoch bei Chronifizierung und schwerem Verlauf zu erhöhten Entzündungswerten bei. Ebenfalls kann eine hohe allergische Diathese erhöhte Entzündungswerte verursachen. Stress und Depression verursachen gleichfalls erhöhte Entzündungswerte. Dies darf nicht außer Acht gelassen werden bei der Suche nach dem Entzündungsherd, sofern er dem FMS-Syndrom folgt. Ein Kreis, der unbedingt frühzeitig gesprengt werden muss.

Während für einige Fibromyalgiepatienten vor allem die Schmerzen im Vordergrund stehen, klagen andere hauptsächlich über Müdigkeit, Verspannungen, Konzentrationsstörungen und unnatürlich lange Erholungsphasen nach körperlichen, geistigen oder emotionalen Belastungen. Wissenschaftlich nachgewiesen wurden eine erhöhte Geräusch-, Licht- und Kälteempfindlichkeit sowie ein ausgeprägter Geruchssinn.

Eine Klientin stellt verzweifelt fest: „Meine einzelnen Organe, Blutwerte und bildgebenden Befunde sind relativ ok. Nur der ganze Körper ist ein Wrack. Das allgemeine Zusammenspiel funktioniert nicht bei mir.“

Organschäden sind nicht nachweisbar. Jedoch können insbesondere zu Beginn der Erkrankung massive Störungen in der Funktion der inneren Organe auftreten. Fibromyalgie kann plötzlich ausbrechen, wie nach einer grippeähnlichen Erkrankung, oder schleichend einsetzen, bedingt durch Burnout, durch übermäßige körperliche Anstrengung über Jahre, Überreizung des Nervensystems usw. Eben genau die Trigger, die auch andere, in jedem genetisch verankerte Krankheiten zum Ausbruch bringen.

Der Patient fühlt sich schwer krank. Verständlich, denn die Belastung ist enorm.

2. Ursachen und Auslöser

2013-04-Fibro4Die Ursachen für diese Beschwerden liegen selten an den betroffenen schmerzhaften Stellen selbst. Sie sind vielfältig und betreffen das gesamte Gelenk- und/oder Weichteilsystem. Die bisherigen Informationen über Fibromyalgie rechtfertigen eine medikamentöse Behandlung nicht, da diese nur die Symptome lindert, die Ursachen jedoch nicht beseitigt.

Ursächlich wird ein mangelnder Stoffwechsel in den Gewebestrukturen von Muskeln und Muskelhüllen, Nerven und Nervensträngen sowie des faszialen Gewebes diskutiert. Die Mangelversorgung dieser Zellverbände ist wiederum mit der Entstehung von sämtlichen genannten Ausfallerscheinungen in Verbindung zu bringen.

Durch einseitige körperliche Beanspruchungen wird die Unterversorgung der Gelenke mit Nährstoffen noch verstärkt. Die betroffenen Gewebeschichten reagieren dann auch mit Entzündungen. Wenn diese nicht richtig behandelt werden, kann ein rheumatisches oder/und arthritisches Geschehen folgen.

Inzwischen weiß man, dass es sich um eine Erkrankung mit organischen Ursachen handelt. Moderne bildgebende Verfahren ermöglichen Einblicke in das Zentralnervensystem und zeigen deutliche Abweichungen hauptsächlich in der Schmerzwahrnehmung auf, was eine Störung des schmerzverarbeitenden Systems beweist.

Bei Patienten mit einem Fibromyalgie- Syndrom wurden deutliche Zeichen für eine Schädigung der kleinen Nervenfasern nachgewiesen. Auf diese Fasern haben sich Wissenschaftler der Universität Würzburg bei der Suche nach der Ursache der Schmerzen bei Fibromyalgie konzentriert. „Small fibers“, sogenannte kleinkalibrige, schmerzleitende Nervenfasern, deren Endigungen in der Haut lokalisiert sind und die für die Wahrnehmung von Schmerzen sowie für das Temperaturempfinden verantwortlich sind.

Besonders interessant an den wissenschaftlichen Untersuchungsergebnissen ist die Tatsache, dass sich Fibromyalgie-Patienten in den Ergebnissen nicht nur von gesunden Studienteilnehmern unterscheiden, sondern auch von den Patienten, die an einer Depression erkrankt waren, aber nicht unter Schmerzen litten. Letztere zeigten ähnliche Ergebnisse wie Gesunde.

Es besteht eine Vielfalt von Befunden, die genetische (das Fibromyalgiesyndrom kommt häufig in Familien vor), hormonelle, neurophysiologische, psychische sowie psychosoziale und weitere Faktoren betreffen. Veränderungen des dopaminergenen Systems sowie des Serotoninsystems sind bekannt. Ebenso eine Störung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse sowie des Wachstumshormon-Systems. Fibromyalgie-Patienten haben einen abnorm niedrigen Cortisolspiegel im Urin. Veränderungen im Immunsystem spielen eine große Rolle.

Forschungen ergaben weiter, dass durchgemachte Infektionen mit bestimmten Erregern (Viren, Bakterien) auslösend für die Fibromyalgie-Symptomatik sind oder sie triggern können. Hervorgetreten sind v. a. Borrelien (die Borreliose ruft eine ähnliche Symptomatik hervor wie die Fibromyalgie), Chlamydien, Yersinien, das EBV-Virus, Herpes Typ 6, Herpes zoster, das Zytomegalie- Virus, Streptokokkeninfekte, Lungenentzündungen, Nebenhöhlenenzündungen...

Des Gleichen kann FMS zum Ausbruch kommen oder sich verschlechtern durch eine Verletzung oder eine Operation, durch ein seelisches oder körperliches Trauma oder durch orthopädische Erkrankungen.

Ein Häufigkeitshöhepunkt bei Frauen besteht im und nach dem Klimakterium, was den Zusammenhang mit einer Hormonbeeinflussung eindeutig herstellt. Die Hormone Interleukin I und VI spielen hier eine bedeutende Rolle. Diese Immunbotenstoffe sind Indikatoren für Entzündungsprozesse im Körper und werden in der Menopause verstärkt ausgeschüttet, was oftmals zu entzündungsartigen Symptomen führt. Vergessen wir hier die Männer nicht, sie sind ebenfalls hormongesteuerte Wesen. Oft wird die Erkrankung bei ihnen verkannt.

2013-04-Fibro5Der Neurologe Dr. Klinghardt stellte aufgrund der Tatsache, dass bei Fibromyalgie-Patienten Quecksilber nachgewiesen werden konnte und eine Ausleitung eine entsprechende Besserung der Beschwerden nach sich führte, einen engen Zusammenhang her. Auch die Überempfindlichkeit gegenüber chemischen Stoffen und Gerüchen (Abgase, Pestizide, künstliche Aromen, Konservierungsstoffe), wie beim MCS (Multiple Chemical Sensitivity), könnte ein Hinweis auf eine solche Grundbelastung sein. Selbst der überwiegend niedrige Serotoninspiegel bei den Patienten ließe sich über Quecksilber- Präsenz erklären: Der Grundbaustein des Serotonins, das Tryptophan, wird von Quecksilber angegriffen. Frauen verfügen über einen höheren Anteil an Bindegewebe als Männer, also über ein größeres Depot für Quecksilber. Das verdeutlicht, warum Frauen öfter betroffen sind als Männer.

Eine untersuchte weitere Möglichkeit ist, dass die Myelinschicht (Isolierschicht um die Nervenfasern) unterbrochen oder fehlerhaft ist. Dadurch können die Signale (Botenstoffe) nicht ordnungsgemäß fließen und es kommt dann zu Bewegungs- und Empfindungsstörungen in den Extremitäten.

3. Psychische charakterliche Merkmale bei Fibromyalgie-Erkrankten

Häufig zu finden ist eine große geistige Unbeweglichkeit. Das Festhalten an alten Denkstrukturen und Mustern, selbst wenn sie in der Realität längst überholt sind.

Genauso können Partner mit dieser Unbeweglichkeit der Sinne behaftet sein und die Betroffenen sich nicht entwickeln lassen, was dann zu einem Tanz der Unbeweglichkeit auffordert. Eine Sackgasse tut sich auf, wenn hier nicht ein maximales Umdenken stattfindet.

Bewährte psychische Abwehrmechanismen sind: Verleugnen und Verdrängen. Die Betroffenen wollen ihr „falsches Muster“ meistens überhaupt nicht verstehen und ändern. Fibromyalgie ist ein Erscheinungsbild, das im psychologischen Hintergrund eine chronisch „falsche“ Denkkette hat. Geistige Starrheit wird im Körper gespiegelt. Falsch in Anführungszeichen, weil es ja nichts wirklich Falsches gibt, außer einem, in der aktuellen Situation nicht angemessenen, aus einer bereits erlernten Lebenserfahrung heraus angebrachten und förderlichen Reagieren und Agieren. Es gelingt den Patienten nicht, ihre Denkmuster zu überarbeiten und einen anderen Weg einzuschlagen. Sie sind Gefangene ihrer selbst. Multiple-Sklerose-Patienten zeigen gleiches psychisches Verhalten, was für sich spricht.

Schon die Mayas hatten ein 3-Welten-System, das sie im Bild eines Baumes darstellten. 1. Unterwelt = Wurzel, 2. Mittelwelt = Stamm, 3. Oberwelt = Krone. Was im übertragenen Sinne wieder nur bedeutet, ein Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele ist vonnöten, um dem Krankheitsbild Fibromyalgie zu trotzen. Im gesamten Menschen steht alles mit allem in Verbindung, es arbeitet kein Organ für sich allein und so hat jede Erkrankung verantwortliche Mitspieler.

Die psychische Belastung ist größtenteils erst eine Folge der Krankheit. Im weiteren Verlauf kann dann allerdings die Psyche die körperlichen Beschwerden verstärken und eben auch abschwächen!

Auch der Verlust des Mitgefühls spielt unterbewusst bei dem Geschehen mit. Ein junger Klient gibt an: „Mich störte meine tiefe Empathie, mein Mitleiden mit anderen in Not geratenen Menschen, was mich veranlasst hat, zu erzwingen, dass ich nichts mehr fühle. Irgendwann war ich richtig stolz auf mein Können, jedoch genau zu diesem Zeitpunkt brach meine Erkrankung massiv aus.“ Empathieverlust lässt erstarren. Hier darf wieder zum heilsamen, neutralen, nicht entkräftenden Mitfühlen durchgestoßen werden.

2013-04-Fibro6Alles schaffen zu müssen und nicht mehr wissen wie, schürt Angst und macht depressiv. Grundsätzlich finden wir einen ausgeprägten Druck in dem Menschen, der Fibro hat, in dem Krankheitsgeschehen, in der Umwelt, die dieses gebrechliche Bild nicht sehen und akzeptieren mag, und in den Ärzten, die mit der Erscheinung oftmals überfordert sind. Deshalb ist die größte Hilfe bei dieser Erkrankung: Druck ablassen.

Hier gibt es mehrere Alternativen. Den größten Druck kann man sich jedoch nur selber nehmen, indem man weiß, was man will. Druck mag durchaus seinen positiven Stellenwert haben. Man kann sich dem Druck hingeben, um ein leichteres Zurechtkommen mit den Ausfallerscheinungen anzustreben. Man kann nicht alles richtig machen, aber man sollte alles ausprobieren, was einem vorschwebt und was zur Schmerzlinderung und Mobilität verhilft. Druck erzeugt immer Gegendruck. Was bleibt hier anderes als eine schmerzhafte Lähmung?

Allein wenn den Patienten der Druck, nicht zu wissen was mit ihnen los ist, genommen wird, ist das ein großartiges Vorankommen. Die ordentliche Aufklärung über FMS macht durchaus schon lockerer.

4. Wetterempfindlichkeit

„Wetter macht nicht krank!?“ Nur ist seit der Antike bekannt, dass es die Beschwerden von Patienten beeinflusst. Nach Unfällen, Verletzungen, Operationen sowie bei schweren akuten Erkrankungen oder chronischen Krankheiten können Wettereinflüsse die Intensität der Beschwerden oder die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Beschwerden und Anfällen erhöhen. Je dramatischer der physiologische Stress für den Organismus ausfällt, desto größer ist dieser Effekt. Im Gegenzug sind auch Wetterlagen bekannt, die bei den Patienten zu einer Entlastung führen. Passendes Klima kann sogar zum Ausheilen beitragen.

Menschen mit Fibromyalgie klagen, dass feuchtkaltes Wetter oder ein Wetterumschwung aus Nordwest ihre Beschwerden verschlimmere. Stark böiger Wind und andauernde Regen- und Schneefälle oder schnell aufeinander folgende Schauer scheinen diesen Effekt zu verstärken. Äußere Belastungen, wie starke Sonneneinstrahlung, können ebenso zur Verschlimmerung führen. Auch Sommerwetter kann belastend wirken, wenn es zu heiß und tropisch ist. Hier kommen die Beschwerden verstärkt zum Vorschein. Der ganze Körper fühlt sich geschwollen an. Der organisch von innen nach außen entstandene körperliche Druck macht den Betroffenen enorm zu schaffen. Mäßig warmes, trockenes Wetter mit Windstille ist das ideale Wetter für Fibromyalgie-Behaftete.

Eine andere Betrachtungsweise des Wettereinflusses berücksichtigt, dass viele Fibromyalgie- Betroffene unter Schlafstörungen leiden. Jeder Mensch erwacht rund 17-mal in der Nacht, schläft aber generell sofort wieder ein. Fibromyalgiebeschwerden können dazu führen, dass die Schlafunterbrechungen länger ausgedehnt werden als bei Gesunden, der Schlaf wird insgesamt kürzer und weniger erholsam, dies auch in Verbindung mit einem Wetterwechsel. Die Menschen fühlen sich beim Aufstehen nicht fit für den Tag, sondern schon früh am Morgen erschöpft.

5. Vorkommen und Verlauf

FMS ist einer der häufigsten Schmerzzustände weltweit. Millionen Menschen sind betroffen unabhängig von ethnischer Herkunft und sozialem Status. Die Krankheit betrifft 2% der Gesamtbevölkerung. Etwa jeder 5. Patient einer rheumatologischen Praxis leidet daran. Mehr als an Rheuma, rheumatischer Arthritis, Weichteilrheuma, Epilepsie oder Multiple-Sklerose. Die Mehrzahl der Fälle sind Frauen im Alter von 35 bis 60 Jahren, aber auch Kinder und Jugendliche sind betroffen; bei alten Menschen könnte sie fälschlicherweise als Altersbeschwerden abgetan werden.

Die Krankheit setzt in der Regel schleichend ein. Manche Leidtragenden hatten schon als Kinder und Jugendliche häufiger Schmerzen, welche aber aufgrund des unbeschwerten Alters leichter hingenommen wurden. Häufig schmerzt am Anfang nur ein Körperteil. Erst nach und nach breitet sich der Schmerz über den ganzen Körper aus.

Es passiert etwas Fatales: Der Patient wird für den Schmerz immer empfindlicher, denn das Nervensystem beginnt sich zu verändern. Es beginnen Umbauten im Geflecht der Neuronen. Es wird von einer Anspannung im ganzen Körper berichtet, deutlich spürbarer Druck entsteht. Als ob der Körper innerlich immer auf Höchstleistung läuft.

Die diffusen Schmerzen verselbstständigen sich und können über die Zeit chronisch werden. Das Gehirn nimmt in einer Endlosschleife Schmerzen wahr, die keine Ursache im Sinne einer Körperverletzung haben. Die natürlichen Abwehrmechanismen, die bei Gesunden den Schmerz abmildern, funktionieren nicht mehr richtig.

Der Krankheitsverlauf zieht sich meistens über Jahrzehnte hin. Individuell verschieden sind die Heftigkeit der Symptome und die daraus folgenden gesundheitlichen Einschränkungen. In schweren, unverstandenen und falsch behandelten Fällen wird er lebensbestimmend bzw. stark einschränkend bis hin zur dauernden Bettlägerigkeit. Dem gilt es vorzubeugen.

Die einzelnen Schübe und akuten Phasen folgen keinem bestimmten Muster und sind deshalb nur schwer vorherzusehen, jedoch treten sie besonders häufig nach akuten Infektionskrankheiten auf, nach Stress oder körperlicher Überanstrengung. Sämtliche Symptome verschlechtern sich ebenfalls nach einer Narkose.

Der Alltag eines Menschen mit Fibromyalgie ist schwierig und von Stress und Erschöpfung geprägt. Schon morgens beim Aufstehen fühlt es sich an, als trügen sie einen „Bleianzug“. Muskelbeschwerden und geschwollene Hände beeinträchtigen viele Aktivitäten. Aufgrund der problematischen Diagnose haben Patienten oft Schwierigkeiten, als vermindert arbeitsfähig, in schweren Fällen sogar als arbeitsunfähig anerkannt zu werden. Dies führt nicht selten zu großen sozialen und finanziellen Missständen. Die Krankheit ist nicht tödlich, kann jedoch eine massive Beeinträchtigung der Lebensqualität bewirken.

Manche Mediziner finden FMS spannend, manche leider lästig. Die Betroffenen sollten sich davon nicht einschüchtern lassen und die Behandlungsmethoden durchsetzen, die ihnen Erleichterung verschaffen.

2013-04-Fibro76. Behandlung

Zu viel Schonung und zu viel Bewegung sind kontraproduktiv! Zu viel negativer Stress schadet – zu viel positiver auch! Viele Betroffene klagen über vermehrte Symptome (körperliche wie psychische), nachdem sie Stress hatten, egal ob positiven oder negativen. Stabilität ist hier das Zauberwort für die Erkrankten. Die Entlastung von Aufgaben und Pflichten ist ebenso ungünstig wie eine überzogene Durchhaltestrategie im Beruf und in der Familie. Die neutrale Mitte ist angesagt. Auch völliges Krankheits-Unverständnis wirkt sich negativ aus. Dadurch wird Druck erzeugt. Und ein beachtlicher Druck herrscht bereits in den FMS-Patienten. Das Verstehen und Akzeptieren der Krankheit ist Bedingung für ein besseres Empfinden. Vorrangig ist, dass die Patienten die richtige Diagnose bekommen und ausführlich über das Krankheitsbild informiert werden. Nur so können die Betroffenen psychisch entlastet werden, sie zweifeln nicht mehr an sich selbst und können einen Weg finden, mit der Krankheit besser umzugehen.

Fibromyalgie ist nach der neuen Leitlinie keine psychische Störung, dennoch leiden Betroffene unter seelischen Störungen, vor allem Angststörungen und Depression, welche oftmals schubweise (Mann und Frau sind nun mal hormongesteuerte Wesen) auftreten. Diese dürfen immer mitbehandelt werden, um eine Verschlechterung der Symptomatik auszuschließen.

Allerdings gibt es keine Therapieform, die bei jedem wirkt. Die Therapie setzt vor allem auf die Eigeninitiative des Patienten, der meist selbst am besten weiß, was ihm wann hilft. Eine multimodale ganzheitliche Therapie ist gefordert.

Genau wie ihr vielfältiges Erscheinungsbild darf die entsprechende Behandlung dieser Erkrankung sein. An erster Stelle steht immer, das Selbstvertrauen der Betroffenen wieder zu stärken, welches ihnen über die Jahre des Belächelns genommen wurde. Somit können die Betroffenen die Krankheit akzeptieren, da sie nun nicht mehr an ihrem Verstand zweifeln müssen.

Nicht nur bei dieser Krankheitserscheinung neigen viele Patienten dazu, die Verantwortung auf den Arzt abzuschieben. Es geht aber vor allem darum, die eigenen Grenzen des Möglichen auszuloten und selbst neue Dinge zu probieren und passende Lösungen zu finden. Der Betroffene allein weiß am besten, welche Therapiemaßnahmen Linderung bringen und wirklich helfen. Verständnis und neue Anregungen bringt auch der Austausch mit anderen Erkrankten mit sich. Das Selbstmanagement der Krankheit ist gefordert.

Die Fibromyalgie ist durch medizinische Maßnahmen nur begrenzt beeinflussbar. Und genau das macht diese Erkrankung so mächtig bei den Patienten und so auffallend klein bei den meisten Ärzten.

Grundsätzlich besteht die Gefahr des Medikamentenmissbrauchs, der Sucht sowie unabsehbarer Folgeschäden durch Dauermedikation mit diversen Schmerzmitteln und falsch verabreichten Arzneien. Darum wird die Behandlung mit Medikamenten zwischenzeitlich kritischer gesehen. Sie sollte wenn, nur zeitlich befristet stattfinden. Der Patient lernt mit seinen Ausfallerscheinungen therapeutisch zu jonglieren. Das ist das Ziel.

Augenfällig ist, dass Patienten, die mit Opiaten oder anderen „Produkten“ behandelt werden, trotz eines Suchtverhaltens beim Weglassen keinerlei Entzugsproblematik kennen. Diese Erscheinung finden wir bei sämtlichen Autoimmunerkrankungen vor.

2013-04-Fibro8Die Erhaltung oder Verbesserung der Funktionsfähigkeit im Alltag und damit der Lebensqualität sowie die Minderung und/oder Linderung der Beschwerden sind Absicht der Maßnahmen. Es kann sich um ein lebenslang bestehendes Beschwerdebild handeln, deshalb werden insbesondere Behandlungsmaßnahmen empfohlen, die von Betroffenen eigenständig durchgeführt werden können.

Obwohl gern Sport ausgeübt wird, verspüren die Schmerzbelasteten bei einem Übermaß danach einen immensen Muskelkater. Nach zu ausschweifender sportlicher Betätigung fällt die Mehrzahl der Betroffenen in einen Erschöpfungszustand, eventuell in einen Tiefschlaf, aus dem sie noch erschöpfter erwachen. Was abermals deutlich macht: Fibromyalgie ist ein genetisch weitergereichter Verarbeitungsdefekt der Muskeln und Sehnen. Der Körper reagiert abnorm auf Belastung. Ohne sportliche und körperliche Betätigung geht es selbstverständlich auch nicht, das macht noch unbeweglicher und steifer. Das Mittelmaß an körperlicher Belastung ist anzustreben und förderlich.

Tango statt Fango, das ist eine der besten Schmerztherapien, verbunden mit dem Erlangen der Genussfähigkeit. Weil es einfach Spaß macht und Fibromyalgie-Patienten zumeist sehr beweglich sind.

Positiv ist, FMS hinterlässt – richtig mit der Kranheit umgegangen – keine körperlichen Schäden.

Die Schmerzen sind zwar lästig und quälend, die Gelenke und Muskeln gehen aber nicht kaputt und die Lebenserwartung ist nicht heruntergesetzt. Zu einer krankheitsbedingten Zerstörung der Knochen, wie etwa bei der rheumatoiden Arthritis, kommt es in der Regel nicht, jedoch kann die teilweise massive Bewegungseinschränkung zu Kapselschrumpfungen und anderen irreparablen Folgen im Gelenkapparat führen. Dies ist allerdings selten. In schweren Fällen kann sich entzündliches Rheuma dazugesellen, wenn die Symptome der Fibromyalgie verdrängt wurden und ein angemessenerer Umgang mit der Krankheit nicht gegeben war.

Schmerz ist Ohnmacht.
Erst das macht ihn so qualvoll.

Langsam fängt er an. Das kleine Ziehen im Rücken, das immer mächtiger wird und mit den Jahren ein ganzes Leben bestimmt.

Andauernder Schmerz hat keinen Sinn!?
Oder doch?!

Schmerzen werden immer ein Signal, wenn auch ein radikales, dafür sein, dass wir leben! Die Schmerzerfahrung, die Schmerzfähigkeit und der Schmerzausdruck sind menschlich, nichts wovor man Angst haben oder wofür man sich gar schämen muss. Eine Richtung sich selbst zu spüren, zu erfahren und sein Selbstbewusstsein zu stärken, indem man individuelle Wege zur Wahrnehmung, zur Linderung und zum Zurechtkommen mit der Erkrankung beschreitet.

Illustrationen ©Branislav Kubecka

Stefanie Füßner Stefanie Füßner
Zertifizierte Psychologische Beraterin (VFP), Provokateurin

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