Paradigmenwechsel in der Psychotherapie - Teil 2
ENTWICKLUNGEN DER PSYCHOTHERAPIE IN DEN LETZTEN 80 JAHREN
Ist es möglich, der Kommunikation das Attribut „magisch“ zuzuordnen? Wenn wir den Weg von Milton H. Erickson (1901-1980), verfolgen, verfestigt sich der Eindruck: unbedingt!
Veränderungswirk- same Kommunikation war ein Meilenstein in der Entstehung neuer Therapiewege.
Diese Magie ist in jeder noch so kleinen, selbst sprachlosen Kommunikation zu erkennen, auch in der mit sich selbst. Magie ist die Erklärung für Wirkungen, die wir nicht mit unseren 7 Sinnen erkennen können. „Das sehe ich aber nicht ein“, nörgelt der wissenschaftlich orientierte Zeitgenosse, „Magie ist für Kinder und den Zirkus, Kartenspielertricks mit gezinkten Karten.“ Nun, dann wollen wir uns das doch einmal ansehen.
Das kennen Sie doch auch: „Aus dir wird doch nie etwas!“ Mama oder Papa haben es versprochen und das Kind muss es zu Ende führen. Bevor wir Worte, Sätze oder Bücher verstehen, verstehen wir die Informationen, die auf ganz anderen Wegen an uns herangetragen werden. Das Buch ist ungelesen, es riecht noch ganz frisch.
MODERNE HYPNOSE NACH ERICKSON
Diese steht mit ihrem indirekten Weg im Gegensatz zum standardisierten Ansatz der akademischen Forschung und zum autoritären, aber erfolglosen Ansatz der klassischen Hypnose von Sigmund Freud. Dass sie in die Kabaretts abgerutscht ist, wissen wir. Hypnose hat etwas Anrüchiges an sich, den Beigeschmack von Tricksereien: Erwähnen Sie die Hypnose im falschen Bekanntenkreis, so ernten Sie ein „Huuh!“ oder man schickt Sie ins Varieté-Theater.
Milton Hyland Erickson ist der große Erneuerer der klinischen Hypnose. Seine Maßgaben haben die Kommunikation verändert, und das tun sie bis heute. Sie haben die Psychotherapie fundamental erneuert. Sie haben den Blick auf den Menschen als Ganzes erweitert, viele Forschungen beeinflusst, das Verständnis von Therapie verändert: nicht mehr „erst mal die Ursachen rausfinden“, sondern: die Kommunikation verändern, inner- wie außerhalb. Innerhalb bezieht sich auf die Selbstkonzepte, die ein Mensch hat, außerhalb auf die Erwartungen durch andere Menschen, von der Familie und dem Freundeskreis bis hin zu den sozialen Strukturen unserer Gesellschaft. „Wie, innerhalb?“ Nun, wir kommunizieren ja auch mit uns selbst. Im Profisport wird das heute genutzt, um Zehntelsekunden herauszuarbeiten, um die eigenen Grenzen zu überschreiten.
Veränderungswirksame Kommunikation verstehen zu lernen, war ein Meilenstein in der Entstehung neuer Therapiewege. Daher beschäftige ich mich in dieser Artikelserie mit den großen Kommunikatoren unserer Kunst. Der Einfluss auf die Veränderungswirksamkeit wächst immer noch, auch wenn er nicht mehr immer zu sehen ist: Seine Spuren sind für Fährtenleser erkennbar, von der Werbung bis hin zum Leistungssport und zur therapeutischen Arbeit. Milton Erickson ist zweifellos einer der einflussreichsten Kliniker des 20. Jahrhunderts.
Auch wenn es heißt, M. H. Erickson sei der Vater der modernen Hypnose, sollten wir berücksichtigen, dass auch Hypnose Kommunikation ist – nicht Kommunikation mit dem Bewusstsein, sondern mit dem viel mächtigeren Unterbewusstsein. Die Relationen: 15 mm Bewusstsein – 11 km Unterbewusstsein. Ein Beispiel, wie wir dieses Verhältnis nutzen können. Ein Einwand, den manche Patienten bringen: „Mich kann man nicht hypnotisieren, dafür habe ich einen zu starken Willen.“ Eine möglich Antwort: „Ein starker Wille ist gut! Achten Sie also genau darauf, dass Sie auf gar keinen Fall in Trance gehen.“ Die Konsequenz: Das Unterbewusstsein geht in Trance, es versteht keine Negation, kein Vorher und Nachher. Es versteht Aufforderungen, die im Präsens gehalten sind. Weil die Aufmerksamkeit, eine Bewusstseins-Leistung, abgelenkt ist. Wir sprechen unsere Mitmenschen immer und unvermeidlich auf vielen Ebenen an. Aber nur wenige Informationen sind so gemeint, wie sie beim Bewusstsein ankommen.
KOMMUNIKATION FINDET STETS MIT DEM GANZEN MENSCHEN STATT
Was ist hier passiert, wo doch der Inhalt identisch zu sein scheint! Es sind nicht nur Worte, es sind der Tonfall und die Gestik, die Mimik, Sprechrichtung, Gesichtsausdruck und Körperhaltung (darüber hat Paul Ekman geschrieben „Gefühle lesen“), und jeder Mensch versteht die nichtgesprochenen Anteile. Auch unsere Kinder reagieren darauf. Das ist uns angeboren und damit unvermeidlich. Fragen Sie sich bitte einmal, auf wie viele verschiedene Arten wir
Milton Hyland Erickson ist der Erneuerer der klinischen Hypnose.
Die Grundannahme ist, dass ein Mensch alles in sich hat, um ein erfülltes Leben zu führen.
„Das ist ja großartig“ sagen können. Das reicht von der geradlinigen Anerkennung über den Spott bis hin zur Verachtung, getragen von den Kommunikationsanteilen Mimik, Körperhaltung und Tonfall. Der Begriff Neugierde ist nicht einfach nur positiv, er hat auch negative Komponenten mit dabei. Der Weg zwischen diesen beiden Interpretationen ist so lang wie der von seinen Krücken getragene Weg von Milton Hyland Erickson: Er hatte Polio, Kinderlähmung. Wir nutzen in der modernen Hypnose die Besonderheiten einer Person, um sie für ihre Genesung einzusetzen. Erickson nannte das den indirekten Ansatz, im Gegensatz zum autoritären Ansatz. Er machte aus dem „Warum?“ der europäischen Tradition ein schamanisches „Wie?“ Daniel Kahnemann hat das in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ beschrieben.
Die Liste der Zusammenarbeiten von Milton Hyland Erickson mit Forschern, Praktikern und bekannten Psychologen ist lang. Viele illustre Namen tauchen auf: Bateson, Mead, Satir, Jackson, Haley, Weakland, Bandler, Carlos Castaneda, Watzlawick … Die Liste der Sekundärliteratur über Ericksons Arbeit ist sehr lang. Auch wenn er sagte: Wissen ist nicht etwas, was man verkauft, sondern weitergibt.
Er trainierte seine Fähigkeit, anhand seiner Wahrnehmungen von Patienten Vorhersagen über Menschen aufzustellen, und verglich sie anschließend mit der Fakten- oder Aktenlage. Die Trefferquote wurde im Laufe der Zeit enorm. Eine seiner einflussreichsten Ideen war der Versuch, seine Arbeit und seine Ideen zu vereinfachen und für jeden verständlich zu machen. Es gefiel diesem wohlwollenden und hilfsbereiten Mann, Menschen zu beeinflussen, ohne dass es ihnen bewusst wurde. Das geht über Beobachtungsgabe und Kommunikation mit dem Unterbewusstsein. Hinterher fragt man sich manchmal: Was ist denn jetzt plötzlich mit mir los?
Eine seiner Grundannahmen ist, dass ein Mensch alles hat, was er braucht, um ein erfülltes Leben zu führen: auf seinen eigenen Spuren, mit seinen eigenen Stärken, nach seinem eigenen Willen, dass er all dies dabei hat. Das Unterbewusstsein ist keine Deponie für den gefährlichen Sondermüll der Seele, sondern eine Schatzkammer. Was wäre denn aus Mozart geworden, wenn sein Vater Leopold gewollt hätte, dass Wolfgang Amadeus Finanzbeamter wird! Und an dieser Stelle entwickelte er eine der für mich faszinierendsten Ideen, die der Parallel-Trance: Der Therapeut lässt sich so tief auf den Patienten ein, dass er dessen Bilder sehen kann. So wie ein guter Tänzer sich nicht mehr auf seinen eigenen nächsten Schritt konzentrieren muss, sondern versucht, den nächsten Schritt seines Tanzpartners vorwegzusehen und diesen mitzumachen.
Es geht nicht darum, das Falsche zu identifizieren, sondern das Richtige zu nutzen. Ob es richtig oder falsch ist, zeigt uns ein Mensch mit seinen Ausdrucksbewegungen. Wir alle nutzen das ununterbrochen.
Das Unterbewusstsein eines Menschen enthält im Wesentlichen intrapersonale Prozesse, die unterhalb der bewussten Aufmerksamkeit eines Menschen ablaufen. Die Zahl der Beispiele dafür ist groß: Einer stolpert und fängt sich mitten im Gespräch ab; ein anderer legt etwas beiseite und fragt sich, wohin; wieder einer unterhält sich am Steuer seines Autos mit dem Beifahrer; der da spielt Klavier und bestellt dabei beim Barkeeper noch ein Bier … Registrieren Sie, wie viele Bilder dabei aufsteigen? Aus der Tiefe Ihrer Seele? Wo spielt er Klavier oder stolpert? Im Konzertsaal jedenfalls nicht.
Therapeuten, so sagte er über seine Arbeit, nehmen Geld von Patienten dafür, dass die Patienten sich ändern, während die Therapeuten selbst es ablehnen, Verantwortung dafür zu übernehmen, sie zu ändern. Ein merkwürdiges Paradox der Branche. Damit stellte er der europäischen Annahme, Veränderung entstehe aus Einsicht in die unbewussten Ursachen von Problemen das Bein zum Sturz. Das Unterbewusstsein ist eine Instanz, die sich um alles kümmert:
„Hey, Unterbewusstsein, hilf mir mal, mein verlorenes Paradies wiederzufinden! Oder wenigstens den Schlüssel dazu.“ Und unser Unterbewusstsein haben wir ja immer dabei.
Irgendwann hatte Erickson wohl beschlossen, seine durch Polio verursachte relative Unbeweglichkeit und die damit verbundenen Schmerzen auszutauschen gegen eine freie Beweglichkeit, die er sich im Rahmen der Selbstheilung zulegen musste. Dieser alle Grenzen überschreitende alte Schamane!
Oft, wenn ich in der Öffentlichkeit über moderne Hypnose spreche, fragt einer der Zuhörer: „Und was ist mit der Blitzhypnose?“ Dass die eine lange, aber unbemerkte Induktion hat, entgeht dem Ahnungslosen. Der Hypnotiseur aber erklärt ein paar Minuten lang, was er gleich tun wird, und wer konzentriert aufpasst, vielleicht, weil er den Trick mitkriegen will, der geht von selbst in Trance.
Literatur
Burkhard Peter (Hrsg.): Hypnose und Hypnotherapie nach Milton H. Erickson – Grundlagen und Anwendungsfelder.
Dr. Michael Weh: Magie der Hypnose.

Thomas Schnura
Psychologe M.A., Heilpraktiker, Dozent der Paracelsus Gesundheitsakademien
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