Hochsensible Kinder und ihre Eltern - Teil 1

2017 02 Hochsensibel2Nachdem wir in früheren Ausgaben bereits einen generellen Blick auf das Phänomen Hochsensibilität geworfen haben, möchte ich mich in diesem Artikel auf unseren hochsensiblen Nachwuchs konzentrieren – die hochsensiblen Kinder.

Hochsensible Kinder sind ein Segen – wie alle Kinder - verlangen aber von ihren Eltern besondere Kreativität und besondere Strategien bei der Erziehung. Das gilt vor allem für das Zusammenspiel innerhalb der Familie. Wir rufen uns in Erinnerung, dass Hochsensibilität genetisch vererbt wird. Das bedeutet, dass mindestens ein Elternteil hochsensibel ist, wenn nicht sogar beide. Nicht alle Kinder einer Familie müssen jedoch hochsensibel sein. Warum das so ist, darüber ist sich die Forschung nach wie vor nicht einig. Jedenfalls haben wir es innerhalb von Familien mit einer Mischung aus Hochsensiblen und Nichthochsensiblen zu tun. Eine echte Herausforderung!

Wir erben die Hochsensibilität bei unserer Empfängnis, bringen sie in voller Ausprä- gung mit auf die Welt und sie begleitet uns ein Leben lang. Unsere Aufgabe als Erwachsene ist es, hochsensiblen Kindern eine Akzeptanz und Wertschätzung für ihre besonderen Talente entgegenzubringen und dafür zu sorgen, dass sie sich selbst in ihrer „Eigen-Art“ annehmen und einen gesunden Selbstwert entwickeln können. Dazu gehört zuallererst, dass Eltern einen entsprechenden Umgang mit ihrer eigenen Hochsensibilität entwickeln und pflegen.

Ich möchte betonen, dass viel des Folgenden natürlich auch auf nichthochsensible Kinder und ihre Eltern zutrifft. Die Grenzen sind fließend. Trotzdem gibt es einige Aspekte, die bei hochsensiblen Kindern in besonderem Maße berücksichtigt werden müssen.

Was die Terminologie „hochsensibel“ angeht, so möchte ich sie von „hochbegabt“ abgrenzen. „Hochsensibel“ sind 15 bis 20 % der Kinder, „hochbegabt“ hingegen nur etwa 3 %. Die meisten hochbegabten Kinder sind jedoch gleichzeitig hochsensibel.

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Womit wir es zu tun haben

Die Wesenszüge eines hochsensiblen Menschen sind schon früh klar zu erkennen. Hochsensible Babys nehmen die Befindlichkeit ihrer Bezugspersonen sehr deutlich wahr, reagieren auf jede kleinste Veränderung in ihrer Umgebung und viel heftiger als nichthochsensible Babys auf Überreizung, wenn um sie herum zu viel passiert.

Darüber hinaus gibt es weitere typische Merkmale, die hochsensible Kinder besonders kennzeichnen:

Emotionale Ebene. Hochsensible Kinder haben ein reges Gefühlsleben. Sie sind schneller verletzt als andere Kinder, weinen z. B. leichter und sind stärkeren Stimmungsschwankungen ausgesetzt. Angst, Wut und Traurigkeit machen ihnen wesentlich mehr zu schaffen als nichthochsensiblen Kindern.

Die positive Kehrseite der Medaille ist aber, dass hochsensible Kinder auch über alle Maßen glücklich, begeisterungsfähig, interessiert und kreativ sein können.

Wahrnehmung und Verhalten. Hochsensible Kinder haben eine überdurchschnittliche Wahrnehmung. Sie sind scharfsinnige Beobachter ihrer Umwelt und kommen oft zu erstaunlichen Erkenntnissen, die ihre Eltern, Lehrer und Betreuer verblüffen. Deshalb der Tipp: Wenn Sie ein hochsensibles Kind in Ihrer Umgebung haben, lassen Sie sich von ihm neue Welten eröffnen!

Hochsensible Kinder beobachten und handeln sehr überlegt. Sie sind nicht diejenigen, die einfach ohne langes Zögern vorpreschen und etwas tun, es sei denn, es handelt sich um eine Krisensituation, wo sie einen erstaunlich kühlen Kopf bewahren und die richtigen Schritte unternehmen. Durch das Zögern und Überlegen wirken sie auf ihre Umgebung oft scheu, ängstlich und langsam. Sie brauchen längere Bedenkzeiten – auch bei Kleinigkeiten wie der Auswahl aus einer Speisekarte. Für hochsensible Kinder hat das Wort „Vor-Sicht“ eine besondere Bedeutung. Ihre speziell ausgeprägten Antennen im zwischenmenschlichen Bereich sorgen außerdem dafür, dass sie früher als Nichthochsensible registrieren, „wenn etwas los ist“.

Denken und Empathie. Hochsensible Kinder denken viel und gründlich über das nach, was sie beobachten. Da sie schon früh einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besitzen, gehören dazu auch Themen, die weit über ihr eigentliches Alter hinausgehen, wie Umwelt, Sinn des Lebens, Umgang der Menschen miteinander etc.

Ungerechtigkeit, Grausamkeit und Verantwortungslosigkeit machen ihnen schwer zu schaffen. Aufgrund dieser Veranlagung machen sich hochsensible Kinder naturgemäß auch mehr Sorgen und entwickeln mehr Ängste als nichthochsensible Gleichaltrige.

Kommunikation. Hochsensible Kinder entwickeln ein ganz eigenes Kommunikationsverhalten. Sie sprechen über andere Themen und auch auf eine andere Art und Weise als ihre nichthochsensiblen Altersgenossen. Das kann zu Problemen im sozialen Kontakt führen, angefangen beim Spielen mit nichthochsensiblen Kindern, deren Begeisterung für „wilde Spiele“ sie häufig nicht teilen. Sie nehmen oft eher beobachtend teil, d. h. sie halten sich am Rand der Aktivitäten auf oder spielen auch gerne mit nur einem Kind oder ganz für sich allein. Besonders problematisch kann diese Tendenz später in der Schule werden und bis hin zur Ausgrenzung oder sogar zu Mobbing führen.

Bewältigungsstrategien. Auch in sehr jungen Jahren neigen hochsensible Kinder zum Rückzug, wenn sie überreizt sind, bzw. brauchen sie ohnehin viel Zeit für sich selbst. Andere etwas extrovertiertere Bewältigungsstrategien sind aber auch Mä- keln und Sichbeklagen bis hin zu scheinbar grundlosen Wutausbrüchen, wenn ihnen alles zu viel wird. Andere Strategien wenden sich eher nach innen. Manche hochsensiblen Kinder passen sich einfach vollkommen an ihre Umgebung an, geben sich sozusagen selbst auf oder entwickeln psychosomatische Symptome wie MagenDarm-Probleme, Kopfschmerzen oder auch Schlafstörungen.

Hochsensible Kinder im Familiensystem

Innerhalb der Familie reagieren hochsensible Kinder stark auf die Stimmungen der Eltern und Geschwister und passen sich deren Erwartungen und Bedürfnissen an. Das kann durchaus problematisch für sie werden, denn sie übernehmen häufig das Ausgleichen und füllen sozusagen den Part des „Familientherapeuten“ aus. Unnötig zu sagen, dass sie damit hoffnungslos überfordert sind und es völlig unangebracht ist, sie mit dieser Rolle zu betrauen.

Da sie sehr empathisch sind, gut zuhören können und sich grundsätzlich verantwortlich fühlen, finden sie sich auch oft in der Rolle des Ersatzpartners für einen der Elternteile wieder (Thema: Rollenverwechslung) oder sie werden aufgrund ihres „Andersseins“ zum schwarzen Schaf der Familie.

Position der Eltern

Eltern hochsensibler Kinder finden sich oft in einer Position wieder, in der sie bei der Erziehung sehr auf sich selbst gestellt sind. Nicht genug damit, dass sie gegebenenfalls ihre eigene Hochsensibilität erst einmal erkennen und bearbeiten müssen, bevor sie ihrem Kind eine positive Einstellung zu dieser besonderen Begabung vermitteln können. Sie stoßen in ihrer Umwelt auch häufig auf Unverständnis und mangelnde Unterstützung. Das Thema Hochsensibilität taucht bislang in fast keinem Erziehungsratgeber auf und bei Betreuern und Lehrern treffen sie oft auf taube Ohren. Man kann ihnen nur raten, sich gezielt Personen aus diesem Kreis zu suchen, die mit dem Thema vertraut sind und ebenfalls versuchen, den besonderen Bedürfnissen hochsensibler Kinder entgegenzukommen. Keine Angst – es gibt sie durchaus!

Im Bereich des persönlichen Umgangs mit ihren hochsensiblen Kindern sind Eltern mit zusätzlichen Anforderungen konfrontiert. Dazu gehören z. B. das zurückhaltende Wesen (oft abwertend als „Schüchternheit“ bezeichnet), Gefühlsausbrüche, die scheinbar ohne Ursache daherkommen, und Albträume. Auch mit ganz praktischen Dingen müssen sie sich auseinandersetzen, wie Mäkeln am Essen oder an der Kleidung, psychosomatischen Symptomen etc. Diese Verhaltensweisen lassen sich nicht ohne Weiteres durch einfache „Konsequenzen“ beheben.

Auch der Umgang mit den ständigen Kommentaren aus der Umgebung, die nicht müde werden, darauf hinzuweisen, dass mit dem Kind „etwas nicht stimmt“, will gelernt sein. Hier ist es Aufgabe der Eltern, sich deutlich und direkt für ihr hochsensibles Kind starkzumachen und vorab für sich selbst zu klären, wie weit der Grad der sozialen Anpassung des hochsensiblen Kindes gehen soll.

Hochsensible und nichthochsensible Eltern

Da – wie wir wissen – Hochsensibilität genetisch vererbt wird, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass zumindest ein Elternteil, wenn nicht sogar beide, ebenfalls hochsensibel sind.

Sowohl hochsensible als auch nichthochsensible Eltern haben Qualitäten, die sie einsetzen können und die dem hochsensiblen Kind zugutekommen.

Nichthochsensible Eltern. Diese Elternteile können ein Segen für ein hochsensibles Kind sein, denn sie bieten eine Alternative zu der Gefühlslage und den Verhaltensweisen, die das Kind ohnehin schon kennt. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sie akzeptieren und wertschätzen, womit sie es bei einem hochsensiblen Kind zu tun haben.

Nichthochsensible Mütter oder Väter können ihr Kind auf das Leben außerhalb der Familie vorbereiten und dabei eine Vorbildrolle einnehmen. Sie können ihr Kind ermutigen, neue Erfahrungen zu machen. Außerdem vermitteln sie ihrem Kind Bodenhaftung und Stabilität. Dem Umfeld gegenüber sind sie besser in der Lage, sich deutlich und direkt für ihr Kind einzusetzen, da sie meist sehr kommunikativ sind und direkt aussprechen, was sie denken.

Tipps für nichthochsensible Eltern

  • Fühlen Sie sich in das Erleben Ihres Kindes ein.
  • Lassen Sie sich bezüglich der Hochsensibilität beraten oder fragen Sie Menschen in Ihrem Bekanntenkreis, die hochsensibel sind, nach ihren Erfahrungen.
  • Arbeiten Sie mit erfahrenen und verständnisvollen Betreuern zusammen.
  • Arbeiten Sie an Ihrer eigenen Geduld, um dem hochsensiblen Kind genügend Zeit für Entscheidungen und die Verarbeitung dessen, was auf das Kind einstürmt, zu lassen.
  • Tasten Sie sich an die Balance zwischen Herausforderung und Rücksicht Schritt für Schritt heran.
  • Stellen Sie die eigene Kindheit nicht als Vorbild hin, indem Sie z. B. eigene Vorlieben übertragen.
  • Achten Sie bei Lösungsgesprächen auf einen sanften und ruhigen Tonfall. Das kommt bei hochsensiblen Kindern am besten an.
  • Gestehen Sie Ihrem hochsensiblen Kind die nötigen Ruhepausen zu.
  • Warten Sie bei Wutausbrüchen erst einmal ab, bis sich das hochsensible Kind wieder beruhigt hat, bevor Sie die Hintergründe besprechen.

Hochsensible Eltern. Hochsensible Mütter oder Väter können in der Regel die Bedürfnisse des Kindes besser wahrnehmen und aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen besser verstehen, was in dem Kind vorgeht. Dadurch wird eine Kommunikation möglich, die dem Denken des Kindes näher ist und sich auch äußerlich anpasst, z. B. durch eine adäquate stimmliche Lautstärke und einen ruhigen Tonfall.

Eventuell gibt es gemeinsame Vorlieben für die Freizeitgestaltung, Essen, Interesse für Kunst etc. Da der hochsensible Elternteil in der Kindheit und Jugend mit den Nachteilen der eigenen Hochsensibilität konfrontiert war, kann er oder sie besser auf die Fragen eingehen, über die ein hochsensibles Kind nachdenkt. Im Zuge dessen können hochsensible Eltern auch eigene Perspektiven erweitern und neue Erfahrungen machen.

In der Beziehung zwischen hochsensiblen Eltern und hochsensiblen Kindern gibt es aber auch Gefahrenzonen, die besser umschifft werden sollten. Dazu gehört in erster Linie die Übertragung einer eventuell vorhandenen eigenen negativen Einstellung zur Hochsensibilität auf das Kind. Außerdem könnten hochsensible Eltern dazu neigen, das Kind mehr in Watte zu packen oder zu intensiv „mitzuleiden“.

Zusätzlich besteht durchaus die Gefahr, dass Gemeinsamkeiten überbetont werden bis hin zu Überidentifikation, was wiederum die Identitätsbildung des Kindes beeinträchtigt.

An erster Stelle stehen deshalb für hochsensible Mütter und Väter die eigene Stabilität und die damit verbundene Rücksichtnahme auf sich selbst. Dazu gehört die Vertretung der eigenen Bedürfnisse innerhalb der Familie. Ein Elternteil, der gut für sich selbst sorgt, ist einem hochsensiblen Kind eine wesentlich bessere Stütze. Dar- über hinaus kann die Selbstachtung eines hochsensiblen Kindes sehr davon profitieren, wenn es erlebt, wie der hochsensible Elternteil sich selbst annimmt und die Hochsensibilität lebt und nutzt.

Wichtig ist außerdem, die eigenen Ängste zu zügeln und zuzulassen, dass das Kind möglichst viele neue Erfahrungen machen kann. Und – um noch einmal auf den Punkt Idealismus und Perfektionismus einzugehen – hochsensible Elternteile sollten sich selbst auch gelegentliche Erziehungsfehler verzeihen.

Eltern gemischt. Bei Elternpaaren in der Mischung hochsensibel und nichthochsensibel können beide ihre jeweiligen Fähigkeiten gewinnbringend einsetzen und sich in der Erziehung abwechseln, je nachdem, welches Thema gerade ansteht. Eifersüchteleien und die Rangelei um die Gunst des Kindes sollte man dabei möglichst vermeiden, wenn z. B. das Kind den ihm im Temperament ähnlicheren Elternteil vorzieht.

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Silke HelbichSilke Helbich
Psychologische Beraterin (VFP), Systemischer Coach, NLP-Master (DVNLP), Konfliktlotse

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