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Paradigmenwechsel in der Psychotherapie - Entwicklungen in der Psychotherapie in den letzten 80 Jahren

Satir stellt Selbstwert, Wachstum und Kommunikation ins Zentrum.

VIRGINIA SATIR
* 26.07.1916 † 10.09.1988

 

DIE „GRANDE DAME“ DER FAMILIENTHERAPIE

Wenn ich mir verschiedenste Porträtaufnahmen von Virginia Satir angucke, sehe ich ein extrem vielseitiges Gesicht, aus der gleichen Lebensphase. Ich schaue mir regelmäßig die Gesichter von Menschen an, mit denen oder mit deren Arbeit ich zu tun habe. Die Gesichter sind voll von Informationen, v. a., wenn man deren Wechsel betrachten kann.

Virginia Satir war einer der einflussreichsten Menschen in der Entwicklung der Familientherapie. Ihre Arbeit stellt Selbstwert, Wachstum und Kommunikation in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und sie steht damit an der Basis der Systemischen Familientherapien. Und das System? Das bin ich selbst, es sind meine Menschen, die politische Umgebung. Dieses System setzt oft pathologische Prozesse in Gang bis hin zu Schizophrenien und zu den Affektiven Psychosen, die sich am Ende in Störungen jeder Art zeigen können: geistig, emotional und sozial. So wurde es notwendig, dieses System an den therapeutischen Prozessen zu beteiligen.


Als klar wurde, dass die Vergangenheit zwar weiter in der Seele des Patienten existiert, dass es aber Prozesse geben muss, die die Erkrankung aufrechterhalten und sinnvoll machen, wurde auch deutlich, dass der Patient lediglich der Symptomträger ist, krank aber ist i.d.R. das ganze Familiensystem. Die Erkrankung ist die einzig mögliche Reaktion auf einen unhaltbaren zwischenmenschlichen Kontext, Schizophrenie ist eine Kommunikationsstörung!

SOMIT WAR ES NOTWENDIG, EINEN PRAKTISCH-THERAPEUTISCHEN ANSATZ ZU ENTWICKELN

Durch biografische Ereignisse wurde Satir zu einer Meisterin des Erkennens der nonverbalen Kommunikation. Zunächst noch innerhalb von Familien, später auch innerhalb von Gruppen: Seelische Störungen sind sowohl Familien- als auch Gruppenphänomene. Hautfarbe, Bildung, sozialer Status, Herkunft spielen alle eine Rolle in der persönlichen Entwicklung. Heute ist das selbstverständlich, in den 1950er-Jahren war es das nicht. Die Entdeckung und Bekanntmachung ist das mutige Verdienst von Virginia Satir.

So begann sie, ganze Familien zur Therapie des designierten Patienten einzuladen, und beobachtete, wie der Patient sich zum Symptomträger der Gruppe entwickeln konnte. In den 1950er-Jahren in den USA, in denen niemand etwas mit Schizophrenen anfangen konnte, war das revolutionär. Dieser Niemand hat nach Virginia Satir die passende Kommunikationsebene noch nicht gefunden. Auf nonverbale Hinweisreize hatte man zu diesem Zeitpunkt noch nicht geachtet. Bis Satir auffiel, dass manchmal die Anwesenheit eines Dritten neue dynamische Prozesse in Gang setzte.

Heute würden wir sagen: Aber das ist doch selbstverständlich, das ist doch die Dynamik einer Gruppe! Es gibt Rollen in der Familie, die besetzt sein müssen. Jean-Paul Sartres „Der Idiot der Familie“, in dem er die Vorausbestimmung einzelner Personen im Familiensystem beschrieb, tauchte über dem Wahrnehmungshorizont auf: das Musterkind gegen den gestörten Schwachkopf, der Ankläger gegen den Beschwichtiger, der Ängstliche und der Mutige tanzen zusammen usw., oftmals fatale Tänze zu zweit. Der Idiot übernimmt die Rollenzuweisung und dabei bleibt es dann. Gefälligst! Der eine ohne den anderen ist unvollständig und unverständlich.

Nicht immer sind Menschen mit ihrer besonderen Stärke oder Begabung in Kontakt.

Virginia Satir hat später darüber gesagt: „Ich war etwas auf der Spur – ich hatte keine Idee, was es war.“ Das nahm erst um 1955 Gestalt an. Sie begann also, die Interaktionen in Familien zu beobachten. So wurde sie zwar Gründungsmitglied vom MRI, Mental Research Institute in Palo Alto, Kalifornien, aber schon bald war ihre Arbeit international gefragt. Auch beim AIM, dem American Indian Movement, als Flying Eagle Woman, das war schon politische Arbeit, und in Europa. Am Ende hatte sie ein globales Netzwerk aufgebaut, „The Virginia Satir Global Network“, dessen Aufgabe es ist, die zwischenmenschlichen Kommunikationsfertigkeiten zu verbessern. Satirs Ziel war es, eine humane, friedvolle und erfüllte Form des Zusammenlebens zu unterstützen. Zugleich führte sie die Spiritualität in ihre Arbeit ein: Jeder Mensch ist ein wertvoller Teil der Schöpfung. Erst damit kommt die Würde ins menschliche Leben.

GRUNDSÄTZLICHES

Nicht immer sind Menschen mit ihrer Lebenskraft in Kontakt, mit ihrer besonderen Stärke oder Begabung. Viele streben danach, mit sich selbst im Einklang zu sein, und finden keine Unterstützer, v. a. nicht, wenn die denken, man müsse „erst einmal die Ursachen“ für das eigene Scheitern identifizieren. Es stehen nach Satir einander gegenüber: einerseits das Groß-Modell von Strafe und Belohnung, also das klassische Schulnotensystem, und dessen Zügel sind schlechte Noten, Angst und Ablehnung, Hoffnungslosigkeit – andererseits das Wachstumsmodell, das Modell freier Schulen, das die Menschenkinder darin unterstützt, sich selbst zu erkunden und ihren Fähigkeiten entsprechend zu lernen. Mozart die Grundlagen der Finanzpolitik erklären zu wollen, wäre sinnlos gewesen. Ziel dieses Modells ist es, mit sich selbst in Einklang zu kommen. Es ist für Satir unmenschlich, Menschen zu maßregeln. Dass jeder Mensch fühlt, das ist es, was uns allen gemeinsam ist. Danach zu handeln, das ist es, was Eltern und Therapeuten erfolgreich macht. Das macht uns „grundsätzlich gut, kreativ, produktiv und liebenswürdig“. Selbstwert ist für sie ein zentraler Begriff. Zu wissen, dass Veränderung möglich ist, und der Wunsch, Veränderungen vorzunehmen, so schreibt sie, sind zwei große erste Schritte. Der nächste ist der Wunsch nach Kommunikation mit Gleichgesinnten – Musiker reden mit Musikern, Physiker mit Physikern. Und forschende Psychologen nicht mit Bäckern, sondern? Richtig, mit Psychologen. Satir erkannte, dass wir auf vielen verschiedenen Ebenen kommunizieren. Die Kennzeichen von Ausdrucksbewegungen haben andere erforscht, z. B. Paul Ekman. Während Satir die Kommunikation anfangs noch mit den Aufnahmen einer Filmkamera verglich, die Bild und Ton aufzeichnet, wissen wir heute, dass sie viel mehr ist als das, was eine Kamera überhaupt aufzeichnen kann. Satir selbst weist hin auf: Aussehen, Klang und Geruch. Auch die pfiffigste Computer-Kamera aber ist im Gegensatz zum menschlichen Wahrnehmungsapparat banal: zur Überwachung reicht es, zur Verständigung nicht. Dieser Wahrnehmungsapparat verfügt über immerhin sieben nach außen gewandte Sinnesorgane (nach innen gewandt sind es über 30 mehr: Einer kriegt schon mit, dass sein Adrenalinspiegel steigt usw.). Der gleicht unentwegt all diese Wahrnehmungen mit den bisherigen Lebenserfahrungen ab, stellt den Menschen darauf ein und bastelt ihm eine Welt daraus. 

Die Summe dieser Informationen beeinflusst, wie sich jemand im nächsten Moment fühlen wird. Die ebenfalls banalen Sender-Empfänger-Modelle mit ihren vier Ebenen sind demgegenüber Wahrnehmung für Anfänger. So entsteht inkongruente Kommunikation, bei der ein Mensch mit den Informationen, die er bekommt, nicht übereinstimmt. Der Empfänger aber geht nicht auf die Infos ein, sondern auf die alles umfassende Gesamtwahrnehmung. So weiß er oft hinterher nicht, warum er so intensiv reagiert hat. Das sind die Anfänge einer Schizophrenie, bei der die nonverbale Kommunikation viel reichhaltiger ist als die verbale. Wir verpulvern viel Kraft, angepasst zu sein statt angepisst. Dieser scheinbar banale Unterschied verortet die Kraft, die wir besser in Veränderung investiert hätten, aber leider in Anpassung investiert haben. Und dann werden wir krank. Da sollten wir uns nicht wundern, oder? Satir identifizierte „inkongruente Kommunikation“ in den Familien, mit denen sie gearbeitet hat, fast immer als das zentrale Problem: die Schwierigkeit, sich klar, eindeutig und umfassend auszudrücken. Und am Ende leidet die ganze Gruppe. Folgende Absichten sind die Problemerzeuger: - Geringes Selbstwertgefühl
- Angst, Gefühle anderer zu verletzen
- Furcht vor Vergeltung
- Abbruch der Beziehungen
- Angst, sich aufzudrängen
- Geringschätzung des Kommunikationspartners Das spürt der Partner schon, aber er führt es sich nicht zu Bewusstsein. Dieser Zustand wurde am Mental Research Institute (MRI) als „Perturbation“ bezeichnet. Auf Plattdeutsch: Kuddelmuddel. Einer ist der stets entschuldigende und weinerliche Beschwichtiger, einer der diktatorische, dabei aufgeblasene Ankläger, einer der rechtfertigende, monotone und verletzliche Rationalisierer und einer ist der unentwegt beschäftigte, aber doch orientierungslose Ablenker.

Und über die Reaktionen der jeweils drei anderen will ich hier gar nicht sprechen, Kuddelmuddel ist seinem Wesen nach unergründlich und nur schwer in die fünfte Position der Kongruenz aufzulösen.

„Oft ist die einzigartige Schönheit eines Menschen tief vergraben, und es braucht Geduld und Mühe, zu ihr vorzudringen, aber sie ist immer vorhanden.“ (Satir/Baldwin 1988, S. 136) Daher geht das Bestreben der Familientherapie nach Satir dahin, Bedingungen zu schaffen, unter denen ein Mensch sich ungehindert selbst verwirklichen kann, unter denen die Fähigkeiten, Probleme zu bewältigen, Tag für Tag wachsen dürfen. Mit der Annahme, dass jeder Mensch mit seinem Verhalten positive Absichten verfolgt.

Der Idiot weiß fast nichts über fast alles, der durchschnittlich Gebildete weiß ein paar Dinge über ein paar Dinge, der Spezialist weiß fast alles über fast nichts. Und wer Glück hat, der weiß wenigstens das.

Virginia Satir starb zu Hause und im Kreis enger Freunde im September 1988 an den Folgen von Bauchspeicheldrüsenkrebs. Frei von Angst und „mit einem Gefühl tiefer Dankbarkeit.“

Thomas Schnura
Psychologe M.A. und Heilpraktiker, Dozent der Paracelsus Gesundheitsakademien Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

 

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