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Einsamkeit - Ein großes Thema in der therapeutischen Praxis

Teilweise einsam fühlen sich ca. 33% der Erwachsenen in Deutschland. Knapp 20% sind sehr einsam. Zu diesem Ergebnis kommen aktuelle Studien über Einsamkeit.

(Quelle: Entwicklung der Einsamkeitsbelastung in Deutschland, Statista, Mai 2026)

Die Wahrnehmung über die Bedeutung der Einsamkeit in unserer Gesellschaft ist so groß, dass die Bundesregierung Ende 2023 eine nationale Strategie zu deren Bekämpfung verabschiedete.

Denn Einsamkeit ist inzwischen kein Randphänomen mehr, sondern sie betrifft Millionen Menschen.

WAS IST EINSAMKEIT?

Einsamkeit ist etwas anderes als Alleinsein. Es ist ein subjektives Gefühl von fehlender Verbundenheit, die entsteht, wenn die sozialen Beziehungen nicht dem entsprechen, was ein Mensch sich wünscht oder braucht. Sie entsteht, wenn die gewünschte soziale Verbundenheit deutlich von der erlebten abweicht – unabhängig davon, wie viele Menschen tatsächlich um einen herum sind. Deshalb kann man sich auch in einer WG, Familie oder Ehe einsam fühlen. Gesundes Alleinsein ist eine freiwillig gewählte Erfahrung, die das Wohlbefinden steigert. Krank machende Einsamkeit dagegen ist ungewollt, mit Schmerz verbunden und führt zu sozialem Rückzug und negativer Selbstwahrnehmung.

So erging es dem 85-jährigen Herrn M., der in meine Praxis kam, nachdem seine Frau verstorben war. Er war sehr glücklich mit seiner Frau gewesen. Sie waren sich beide genug, hatten keine Kinder und vermissten keine Freundschaften. Dies selbst gewählte glückliche Alleinsein zu zweit wurde nach dem Verlust neben der Trauer zu einer schmerzhaften Einsamkeit. Der Alltag von Herrn M. bestand allein aus den Mahlzeiten und dem täglichen Gang zum Friedhof. Im Übrigen wusste er nichts mit sich anzufangen. Er verharrte in Selbstmitleid. Sein jüngerer Bruder hielt den Kontakt mit ihm noch aufrecht, obwohl sie sich in vielem nicht einig waren. Der Bruder gab ihm den Anstoß, sich Hilfe zu holen.

Einsamkeit ist kein objektiver Zustand, sondern ein subjektiv empfundenes Defizit an Nähe, Resonanz oder Zugehörigkeit. Man kann unter Menschen einsam sein – oder allein und völlig zufrieden.

WIE ENTSTEHT EINSAMKEIT?

Sie geht häufig mit sich selbst abwertenden sozialen Überzeugungen bzw. Glaubenssätzen einher: „Andere mögen mich nicht.“, „Ich störe.“, „Ich passe nicht dazu.“. Diese Gedanken führen zum Rückzug – der wiederum verstärkt die Einsamkeit und es entsteht eine Rückzugspirale.

Menschen, welche unter chronischem Stress stehen, verlieren oft den Kontakt zu sich selbst und ihrer Umgebung. Dadurch sinkt die Fähigkeit, Nähe zuzulassen oder soziale Signale wahrzunehmen. Empathie anderen gegenüber geht verloren, was dazu führt, dass man Ablehnung erfährt.

Einsamkeit entsteht in Phasen des Wandels: Der Verlust eines geliebten Menschen, Umzug, Arbeitsplatzwechsel oder -verlust, Krankheit, Alterungsprozesse. Diese Ereignisse können vertraute soziale Strukturen wegbrechen lassen.

Einsamkeit ist kein Persönlichkeitsmerkmal – aber bestimmte Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit: Schüchternheit oder soziale Ängstlichkeit, Bindungsunsicherheit, negative Beziehungserfahrungen, geringes Selbstwertgefühl.

Bei Herrn M. war es so, dass er gar nicht mehr wusste, wie er Freundschaften gewinnen könnte. Stattdessen stellte er seine Frau auf einen hohen Sockel: 

Sie war die schönste und liebenswerteste Person, die es je gab. Und der Verlust darum natürlich um so schmerzhafter. Er war sehr stolz darauf, ihr Mann gewesen zu sein. Sein Selbstwertgefühl war nach außen sehr ausgeprägt. Kein neuer Kontakt konnte an seine verstorbene Frau herankommen und doch sehnte er sich ungemein nach Nähe.

Seine Frau war in den letzten Jahren pflegebedürftig, deshalb waren sie aus einer großen Eigentumswohnung in ein Betreutes Wohnen gezogen. In diesem Umfeld fand er niemanden, der seinen Ansprüchen an guter Unterhaltung und Nähe genügen konnte. Er fühlte sich einsam.

WELCHE AUSWIRKUNGEN HAT EINSAMKEIT?

Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass Einsamkeit messbare Veränderungen im Gehirn verursacht: Der Hippocampus (Gedächtnis, Stressregulation) verändert sich strukturell. Das Gehirn reagiert stärker auf soziale Bedrohung und weniger auf soziale Belohnung. Das erklärt, warum Einsamkeit sich selbst verstärken kann: Das Gehirn wird empfindlicher für Ablehnung und weniger empfänglich für Nähe.

Einsamkeit ist nicht nur ein Gefühl – sie ist ein Gesundheitsrisiko: Sie erhöht die Gefahr für Depressionen und soziale Phobien, begünstigt kognitiven Abbau, steigert das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, erhöht Suizidalität und Mortalität.

WAS HILFT GEGEN EINSAMKEIT?

Gegen Einsamkeit hilft alles, was echte Verbundenheit, Selbstkontakt und kleine soziale Erfolgserlebnisse stärkt – und zwar in machbaren, nicht überfordernden Schritten. Einsamkeit löst sich selten durch „mehr Menschen“, sondern durch mehr Resonanz, mehr Selbstwirksamkeit und mehr Zugehörigkeitserfahrungen. Humor hilft. Er kann eine Distanzierung vom Problem herstellen und Leichtigkeit schaffen.

Stressgeplagte Menschen verlieren oft den Kontakt zu sich selbst und ihrer Umgebung.

WAS HILFT KONKRET?

Einsamkeit wird leichter, sobald sie einen Namen bekommt und nicht mehr diffus wirkt.

Einsamkeit löst sich durch kleine, machbare soziale Mikrohandlungen – nicht durch große Sprünge: Eine Nachricht an jemanden – ohne Erwartung, ein kurzer Aufenthalt unter Menschen (Café, Bibliothek), ein Lächeln oder Blickkontakt wirken stärker als man denkt. Man kann kleine Rituale schaffen, z. B. feste wöchentliche Kontakte mit einer Person oder ein bestimmter Spaziergang, der Aufenthalt in einem speziellen Café immer zur gleichen Zeit. Wahrscheinlich trifft man dieselben Leute wieder, begrüßt sich zunächst, kommt dann ins Gespräch etc.

Einsamkeit schrumpft, wenn man sich selbstwirksam erlebt: eine kleine Aufgabe erledigen, die bislang aufgeschoben wurde. Etwas gestalten: Kochen, Schreiben, Ordnen, kreatives Tun. Eine Entscheidung treffen, die man lange vor sich hergeschoben hat. Die Teilnahme an Gruppen zu einem Thema: Man ist in Kontakt, ohne deswegen da zu sein, was emotional entlastet oder ehrenamtliche Einsätze.

Einsamkeit wird milder, wenn du dich mit etwas Größerem verbunden fühlst. Das kann ein Naturkontakt sein (5 Minuten reichen). Musik, die dich emotional trägt, kann Leere ausfüllen, ebenso wie spirituelle oder philosophische Rituale.

Humor schafft Abstand zu belastenden Gefühlen und öffnet soziale Türen. Man kann sich seine Einsamkeit als Figur vorstellen (z. B. ein kleiner Gnom) und sie begrüßen: „Da bist Du ja wieder, mein Wurzelzwerg“).

WAS SAGT DER KLEINE PRINZ DAZU?

Der kleine Prinz aus dem gleichnamigen Buch von Antoine de Saint Exupéry trifft den Fuchs, der ihm sagt, dass sie einander fremd sind — zwei Wesen unter vielen. Aber das könne sich ändern, wenn der Prinz ihn „zähme“. Der Fuchs erklärt, dass Zähmen bedeutet, eine Beziehung aufzubauen, langsam und achtsam. Der Prinz solle sich zuerst in einiger Entfernung setzen, damit der Fuchs sich sicher fühlt. Wenn er jeden Tag zur gleichen Zeit komme, werde der Fuchs schon vorher spüren, dass etwas Schönes bevorsteht. So würden sie Schritt für Schritt wichtig füreinander. Am Ende vertraut der Fuchs dem Prinzen sein Geheimnis an: Man erkennt das Wesentliche

nicht mit den Augen, sondern mit dem Herzen. Und wenn man einmal eine Beziehung geschaffen hat, trägt man zeitlebens Verantwortung dafür.

Hier beschreibt der Fuchs, wie Beziehung entsteht: Sie ist ein Prozess. Sicherheit in der Beziehung entsteht durch Rituale, Wiederholung, Vorhersehbarkeit. Der andere wird nicht sofort besonders – sondern durch die Zeit, die man miteinander verbringt. Vertrauen entsteht nicht durch Drängen, sondern indem man die Geschwindigkeit des anderen respektiert. Nähe bedeutet Risiko. Sie macht verletzlich, deshalb hat man eine Verantwortung für den anderen. Man kann eine Beziehung nicht erzwingen.

WAS HERRN M. HALF

Er war trotz seines Alters geistig und körperlich noch sehr beweglich und fit. Er brauchte kein betreutes Wohnen. Sollte er wegen seines Alters daran festhalten? Wir diskutierten die Möglichkeit, dass er in seine Eigentumswohnung zurückging, denn sie stand leer. Er könnte eine Wohngemeinschaft anbieten – von dieser Idee war er hin- und hergerissen, das spürte ich sehr deutlich an unserem letzten Termin.

Einige Zeit später traf ich seinen Bruder. Er war über Herrn M. entrüstet: Was der für verrückte Einfälle habe, das betreute Wohnen aufzugeben und eine WG in seiner Eigentumswohnung zu haben! Er habe auch gar keine Zeit mehr für ihn, sei ständig beschäftigt. Mich hat es gefreut.

FAZIT

Einsamkeit heilt durch echte Resonanz – nicht durch Masse. Bei einer Person, bei der wir uns sicher fühlen und ein kleines Stück Offenheit zeigen, indem wir die Erwartungen bewusst niedrig halten und erste Versuche als Experiment betrachten und nicht als Prüfung. Das nimmt den Druck, dass Begegnung sofort gelingen muss.

Humor reduziert belastende Gefühle und öffnet soziale Türen.

Bettina Hellmann
Heilpraktikerin für Psychotherapie mit Schwerpunkten psychologische Beratung, Kunst-, Kreativ- und Maltherapie
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