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"Ich geh' kaputt, gehst du mit?"

Psychotherapeutische Aufarbeitung frühkindlicher Traumatisierung bei Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen – Die Therapeutin als Projektionsfläche der Patienten „überschreibt“ ungesunde Schutzmechanismen

Der Mensch ist gesund, wenn Denken Fühlen und Handeln miteinander verbunden sind.

Ich arbeite mit und für Klienten, die i.d.R. eine normale Intelligenz aufweisen und Borderline, Schizophrenie, Affektive Störungen, ADHS oder FASD (Fetal Alcohol Spectrum Disorders) diagnostiziert bekommen haben. Sie können kein selbstbestimmtes Leben ohne Unterstützung durch Träger wie das Sozialamt u. a. führen. Diese Klienten erhalten dann einen Platz in Wohnstätten für „psychisch kranke“ Menschen oder werden ambulant durch Fach- und Nichtfachkräfte in ihren eigenen Wohnungen betreut.

Die Betroffenen haben das Gefühl, das Leben nicht zu verstehen und im zwischenmenschlichen Bereich keine eigene Selbstwirksamkeit zu haben. Jedoch sind nach meiner Einschätzung zu viele Menschen in Wohnstätten, die da nicht sein müssten. Denn nach meiner Beobachtung kommen bei Betroffenen im Lauf der Zeit immer mehr Diagnosen und Psychopharmaka dazu, so dass sie aufgeben und das Reglement abgeben. Ich sehe aber auch vielfach Heilung, wenn man diese Menschen extrinsisch vorübergehend durch einen Rahmen anleitet.

Die Anforderungen im Umgang mit Menschen, deren Unterstützungsbedarf im Bereich der Teilhabe erhöht ist, nehmen immer mehr zu, da wir zunehmend Betroffenen gegenüberstehen, die nicht in erster Linie aufgrund kognitiver Funktionsstörungen Assistenzleistungen in Anspruch nehmen, sondern Einschränkungen im Bereich der Psyche aufweisen. Dabei scheint es immer wichtiger zu werden, eine Diagnose zu finden, um auf beiden Seiten, der des „Kranken“ und der des Arztes, die Verantwortung für die Heilung abgeben zu können. Besonders „beliebt“ sind Doppel- oder gar Dreifach-Diagnosen, die sich manchmal sogar ausschließen, wie z. B. Borderlinestörungen plus Affektive Störung plus Persönlichkeitsstörungen. Ich möchte hier Kompetenzen im Umgang mit Menschen mit psychisch-sozialem Förderbedarf aufzeigen, die seelisch instabil sind und nachhaltige Hilfe benötigen.


EINEN BREITEN RAUM NEHMEN TRAUMATA EIN

In der Trauma-Psychologie geht es im Allgemeinen um Dissoziation bzw. Dissoziative Störungen. Generell gilt, dass alle Menschen über die Fähigkeit der Dissoziation verfügen, um Erlebnisse, Erinnerungen, Schmerzen u. a. überfordernde Belastungen zumindest teilweise aus dem Alltagsbewusstsein ausblenden zu können, um ihr Weiterleben zu sichern. Insbesondere spielen Dissoziationen bei so gut wie allen psychischen Funktionsstörungen eine Rolle. Das ICH denkt, fühlt und handelt. Wenn Denken, Fühlen und Handeln miteinander verbunden sind, empfindet der Mensch sich als gesund und wird auch so wahrgenommen. Das ICH ist zwischen- oder übergeordnet, denn wir sind nicht unser Denken, Fühlen oder Verhalten, sondern wir denken, fühlen und handeln. Da wir dieses Dreieck nur zu ca. 5 bis 10% bewusst lenken, ist das Unbewusste dort aktiv.

Bis zum 12. Lebensjahr gehen wir durch fünf Entwicklungsstufen, wobei die ersten drei ohne eigenes Bewusstsein erlebt werden. Entscheidend für die Bewältigung der einzelnen Entwicklungsstufen ist das Durchlaufen der vier Krisenstufen, die immer dem gleichen Rhythmus folgen: - Das Nicht-wahrhaben-wollen bzw. die Schockphase (Erstarren) - Das Nicht-verstehen – Affektive Disharmonie – Unruhe – Angst – Wut – Trauer - Die Bewältigungsphase durch Unterstützung von neuen Denk-, Gefühls- und Verhaltenswerkzeugen - Neuorientierung und Integration der erlernten Einsichten und Fähigkeiten

Es ist also im Menschen angelegt, dass er v. a. durch Krisen lernt. Durch diese Sichtweise ergibt sich insgesamt ein Perspektivwechsel, denn das, was wir oft als Funktionsstörung wahrnehmen, ist in Wirklichkeit ein ausgeklügeltes System, das uns Wachstum beschert, um im idealen Zustand ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Um dorthin zu gelangen, durchlaufen die meisten Menschen in den ersten vier Lebensjahrzehnten eine ganze Reihe von Krisen, um dann in den folgenden Lebensjahrzehnten auch in der Lage zu sein, erworbenes Wissen auch an andere weiterzugeben. In jeder Krise durchläuft man normalerweise wieder neu die oben genannten Phasen. Wenn einzelne Stufen der Krisen nicht gesund verarbeitet werden, kann es zu einer Abspaltung von Denken und Fühlen kommen. Es handelt sich um einen Abwehrmechanismus, der zeigt, dass der Mensch in Phase zwei der Krisenverarbeitung verharrt.


BEDEUTET DAS, DASS DER MENSCH KRANK IST?

Wenn der Abwehrmechanismus Anhedonie und Abspaltung des Wahrnehmens von Gefühlen bedeutet, dann kann ein Neurologe oder Psychiater schnell die Diagnose „Affektive Störung mit depressiver Episode“ oder „Borderlinestörung“ oder je nach Qualität auch eine „Residuale Schizophrenie“ diagnostizieren. Solche klinischen Diagnosen sind für die Betroffenen aber selten hilfreich. Sie fühlen sich dadurch diskriminiert und werden es vielfach auch. Wenn man dagegen ohne Bewertung feststellt, dass sich ein Mensch in einem chronifizierten dissoziativen Zustand befindet, können wir damit beginnen, diesen Menschen durch die Krise zu begleiten, in der er durchaus seit Jahren feststecken kann.

Konkret heißt das, dass z. B. Menschen, die nicht gesund durch die dritte Entwicklungsstufe begleitet wurden, ein egozentrisches Verhalten zeigen, indem sie bedürfnisorientiert handeln und Unbekanntes vermeiden. Sie möchten alles voraussehen, benötigen logische Erklärungen für die eigene Sicherheit, haben ein mangelndes Selbstvertrauen und nehmen daher alles und jeden dafür in Verantwortung, dass sie selbst nicht glücklich sind. Sie vertrauen anderen nicht und vermeiden neue Erfahrungen, weil sie nie angeleitet wurden, trotz Angst durch etwas hindurchzugehen. Vielmehr wurde ihnen beim leisesten Scheitern nach Weinen und Schreien die Aufgabe abgenommen – oder sie wurden für ihre Wutausbrüche gezielt bestraft.

Gerade in der Entwicklungsstufe der Individuation, in der es um die Vorbereitung auf das eigene ICH geht und täglich neue neuronale Verbindungen im Gehirn entstehen, wird eine Fehlanleitung auch neuronal angelegt, die dann als dauerhafte, immer wieder abrufbare Abwehrstrategie im Verhalten sichtbar ist, wie Rückzug (eine passive Aggression), Weinen und Schreien, Projektion, Übertragung, Abspaltung von Gefühlen (Depressive Episode), Manie (um nicht ins Fühlen und Denken zu kommen), um nur einige zu nennen. Die meisten psychischen Funktionsstörungen werden in diesem Alter angelegt, um dann im Teenageralter oder in der frühen adulten Phase durch Verhaltensauffälligkeiten zum Ausdruck zu kommen. Die Entlastungsstrategien führen über die Jahre zu tiefen neuronalen Verbindungen. Traumatherapeuten sehen hier eine große Chance, um Betroffenen durch kognitive, behaviorale und emotive Therapieformen zu ermöglichen, dass alte Traumata bewältigt und neue Verhaltensweisen im Gehirn angelegt werden. Ein Trauma entsteht nicht ausschließlich durch Katastrophen wie eine Vergewaltigung oder ein Bombenattentat. Ursachen können auch nicht entwicklungsgerechte Erziehung, mangelnde emotionale Sicherheit, mangelnde Liebe oder zu enge Behütung sein.


BEISPIEL: EIN 2-JÄHRIGES MÄDCHEN

Das Kind spielt gedankenverloren mit einem Spielzeug und verliert sich in seiner Fantasie. Die Eltern streiten und schreien, es fallen Gegenstände, das Kind beobachtet, versteht aber die Worte nicht, die Nebennieren produzieren einen Cocktail aus Stresshormonen und Neurotransmittern. Nun stolpert ein Elternteil über das Spielzeug, schimpft das Kind aus und reißt es hoch, um es in sein Zimmer zu setzen.

Jetzt bestätigt das Nervensystem dem Kind, dass seine Angst berechtigt war und speichert diese Situation als bedrohlich ab, denn dort, wo emotionale Sicherheit sein sollte, erlebt es einen Angriff von Seiten der vertikalen Beziehungsebene, von der es abhängig ist. Und da das Kind noch kein eigenständiges Bewusstsein hat, erscheinen ihm die Emotionen der Eltern als seine eigenen, die es jedoch nicht versteht. Nun kann eine Fehlkonditionierung künftig als Schutz dienen, indem sein Gehirn abspeichert: Fantasieverlorenes Spielen führt zum Beziehungsabbruch. Die Wahrnehmung einer Kombination von wutverzerrtem Gesicht und erhobener Stimme kann zu Abwehrmechanismen im Kind führen, die es schützen sollen, z. B. wieder Einnässen – denn dann kümmert sich die vertikale Beziehungsebene um mich –, Weinen – so werde ich in den Arm genommen. Durch Verhaltensweisen, wie der Mutter Hinterherlaufen und sich nicht mehr alleine zu beschäftigen, schützt sich das System vor weiteren Beziehungsabbrüchen. Darüber hinaus versucht das Gehirn, in ähnlichen Situationen möglichst nicht in Alpha-Wellen zu denken, da das an das Trauma erinnert.

Da das Kind für eine gesunde Entwicklung jedoch in Frequenzen der Alpha-Wellen lernen muss, kann eine Lernverzögerung, also Entwicklungsstörung, die Folge sein. Auch sind exzentrische Abwehrmechanismen für dieses Beispiel-Kind möglich, nämlich, dass es schreit oder nicht verstandene Schuld abspeichert und sich so verantwortlich für seine Umgebung fühlt. Diese Menschen nehmen Disharmonien in Beziehungen als eigene Schuld an. Sie wollen es allen Menschen recht machen, weil sie nicht gelernt haben, mit Angst und Wut auf gesunde Weise umzugehen. Hier wird eine ungesunde Empathie angelegt, die in der Psychologie eine Störung aufzeigt, die als ein sehr tiefes, ausgeprägtes Einfühlungsvermögen zu beschreiben ist. Das Nervensystem ist permanent im Ausnahmezustand und strebt eine dauerhafte Sicherheit an, die es natürlich im realen Leben nie gibt. Mit der erworbenen Empathie versucht das Nervensystem, möglichst alles zu erfassen: Jede Gestik, Mimik, Atmosphäre, Gerüche, um sich vor möglichen Gefahren (wie damals in der Kindheit) zu schützen. Das kann dazu führen, dass ein ungefährliches Geräusch wie das einer Haarspraydose zu einem für das Umfeld nicht nachvollziehbaren Abwehrmechanismus führt. Wichtig ist also nicht das jeweils traumatisierende Ereignis, sondern dass der Betroffene sozialisierende, anleitende Bezugspersonen hat, die ihm helfen, zu verstehen und das richtige Lernergebnis im Nervensystem abzuspeichern.

EIN HÄUFIGER ABWEHRMECHANISMUS IST DIE PROJEKTION

Traumatisierte Menschen mit dissoziativen Störungen greifen oft auf Projektionen zurück, um von eigenem Fehlverhalten abzulenken und möglichst keine Beziehungsabbrüche verantworten zu müssen. Das bedeutet, dass eigene Unzulänglichkeiten auf andere projiziert werden. Zum Beispiel „der andere erfüllt nicht meine Erwartungen, denn er hilft mir nicht so, wie ich es für ihn tue.“ Ich empfinde Wut, die sich mit der Angst verbindet, nicht gut genug zu sein, so dass ich eh wieder enttäuscht werde. Ein Teufelskreis von dissoziativen Verhaltensmustern verstärkt die neuronalen Verbindungen und die daraus falsch abgespeicherten Informationen im ZNS.

Das traumatisierte System des Menschen verwechselt Kontrolle, Vorhersagbarkeit und logische Erklärungen mit Sicherheit. Es greift auf das zurück, was früher funktioniert hat, nämlich auf kognitives Denken, das jedoch fehlgesteuert ist und sich in assoziativen Denkstörungen manifestiert hat. Der Neokortex zeigt kein klares Denkverhalten und das Limbische System reagiert ständig mit Flucht, Angriff, Anpassung und Erstarrung – generalisierter Angst!


Diese wird nun nicht mehr als Angst wahrgenommen, sondern als ständige Anhedonie, also schlechte Stimmung, Unlustgefühle, Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit. Dieser dissoziative Zustand kann sich bei Retraumatisierung, z. B. bei Über- und Unterforderung oder Bedrohung durch Anschreien oder willkürliche Bestrafung, derartig verstärken, dass sich ein Dissoziativer Krampf zeigt, wobei der Mensch starr, kataton wirkt, nicht ansprechbar ist und/oder zittert und schwitzt. Das System schaltet in den Überlebens-Modus. Das ICH, das sich jenseits des Systems von Denken, Fühlen und Verhalten befindet, hat keine Steuerungsfunktion, das ZNS übernimmt die Regie. Aufforderungen wie „Duschen gehen!“ oder „Zimmer aufräumen!“ sind dann in ihrer Aussage teilweise unzugänglich oder gar nicht abrufbar und können stattdessen Wutausbrüche provozieren. Um in die Vermeidung zu gehen (Lernergebnis aus frühkindlicher Phase) verhält sich der Mensch nun aggressiv-abwehrend oder weinend und hilflos. Das Außen reagiert mit Bestrafung, endlosen Diskussionen oder mit Mitleid und Trost, sodass das System seine Bestätigung erhält.

Nach meinen Erfahrungen in der Arbeit mit Menschen mit multiplen Funktionsstörungen und der Begleitung in stationären und ambulanten Teilhabebereichen habe ich so viele Erfolge erzielt, weil ich nicht die Symptombehandlung im Fokus habe. Wichtig ist, dass externe Berater, Fachpersonal, Angehörige und/oder gesetzliche Betreuer in der Begleitung von Menschen mit Einschränkungen systemisch gut zusammenarbeiten.

Besonders herausfordernd ist die Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen, die sich nicht mehr als Mensch mit einem eigenen ICH interpretieren, sondern als die „Krankheit“, die sie diagnostiziert bekamen. Die Intelligenz liegt im normalen Bereich, aber das Verhalten entspricht dem der emotionalen Entwicklungsstufe, in der sie sich gerade befinden (Krisenstufe), die Sprache ist eloquent, aber das Denken dissoziativ. Das Symptom sagt mir, welche Abwehrmechanismen der Mensch angenommen hat, und wo ich Lernaufgaben des Lebens ansetze, um ein Aufbrechen des traumatischen Fehlverhaltens zu veranlassen. Den Weg zur Heilung kann er nur mit Hilfe von psychosozialen, pädagogischen Methoden gehen, da die anleitende Begleitung von außen vorübergehend die „gesunde“ Steuerungsfunktion übernimmt, die der geheilte Mensch selbstständig abrufen kann. Selbstbestimmung ist das Ziel.

In meiner Arbeit stoße ich immer wieder auf die Annahme, dass der Widerstand der Klienten ein Indiz dafür sei, dass das pädagogische Handeln falsch sei, weil der Klient nun ja aggressiver, wütender oder ablehnender sei als vor dem systemischen Setting. Genau das Gegenteil ist der Fall! Widerstände zeigen auf, dass die Heilung beginnt, denn nun versucht das „noch amtierende“ System sich aufzulehnen, weil es den Menschen schützen möchte. Ja, sogar liebevolles Anleiten von Regeln und Körperkontakt durch Handhalten oder Streicheln führen zu Widerständen: Das System hat gelernt, dass Vertrauen und das Gefühl von Liebe zu Verletzungen oder Versagen führen, also wird mit Vehemenz gegengesteuert. Auch Manipulationsversuche wie Schmeicheleien und Erpressungsversuche seitens des Klienten ordne ich als das ein, was sie sind – Abwehrmechanismen. Bricht man jetzt ab, kommt es zur Katastrophe: Das System verstärkt seine Abwehr, weil es erneut Recht bekommen hat.

Natürlich helfen Sympathie und angenehme Atmosphäre, aber wir möchten das alte (fehlgeleitete) System mit neuen, für den Menschen erträglicheren Verhaltensweisen überschreiben und das geschieht nie ohne Widerstand (des Unterbewussten). Wir nutzen die Neuroplastizität des Gehirns, um neue neuronale Verbindungen zu ermöglichen, die jedoch kontinuierlich genutzt werden müssen, um ein nachhaltiges Ergebnis zu erzielen.

Nach Sigmund Freud kann der Arzt der Stellvertreter der vertikalen Beziehungsebene sein, auf der es in der Kindheit zu Beziehungsstörungen oder Abbrüchen gekommen ist. Eine der vielen Möglichkeiten von Beziehungsstörungen ist das „Parenting“, bei dem es aus Mangel an Sicherheit oder Verlässlichkeit oder zu viel und zu früh gegebener Freiheit in den ersten Entwicklungsstufen (Lernstufen) zum Rollenwechsel gekommen ist, bei dem das Kind die vertikale Ebene betritt und ein oder beide Elternteile die horizontale Beziehungsebene einnehmen. Das führt oft zu generalisierter Wut (auf die Eltern), weil der Mensch unterbewusst so nicht angeleitet wird und die Grundlage des Ur-Vertrauens, aus dem das Vertrauen und das Selbstvertrauen erwachsen, nur schwach ausgebildet ist. Ich nutze das Bedürfnis nach Sicherheit, Vertrauen und Verständnis, um alte Erfahrungen mit der einstigen ersten Beziehungsebene (Eltern) zu überschreiben. Das ist die Projektion des Klienten auf die (heil) pädagogische Fachkraft. Nun muss diese Fachkraft konsequent und klar bleiben, weil sonst die Gefahr der Retraumatisierung groß ist.


Vor einigen Jahren ist mir vom Sozialen Dienst einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) ein 28-jähriger Mann für die Zusammenarbeit empfohlen worden: Er erschien sehr depressiv, zeitweise lethargisch, um dann „wie aus dem Nichts“ in aggressives Verhalten zu wechseln. Aggressives Verhalten entsteht niemals aus dem „Nichts“. Es wirkt für das Außen nur so, wenn das Verhalten des Betroffenen nicht professionell beobachtet wurde. Daraus sich ergebene Fehlreaktionen seitens der Fachkräfte führen dann zu den „plötzlichen“ Wutausbrüchen oder zu verweigerndem Verhalten.

Der Klient soll erfahren, dass alle sein Bestes wollen.

Bei dem jungen Mann habe ich keine Depression, sondern eher Frustration festgestellt. Darüber hinaus war er keineswegs, wie diagnostiziert, seit frühester Kindheit intelligenzgemindert, sondern eher überdurchschnittlich intelligent. Weil jemand in einer Schulbehörde unprofessionelle Schlussfolgerungen zog, lief der Klient über 20 Jahre mit dem Stempel „intelligenzgemindert“ durch unser System. Die Folge war, dass sein Unterbewusstsein affektiv spürte, dass irgendetwas nicht stimme: „Ich werde nicht verstanden!“ Daraus entwickelte er eine unfassbare Wut, die dann der Schule und später der WfbM bestätigte, dass er ein „Systemsprenger“ (heute nennt man das Grenzgänger) sei. Zuhause erlebte der Klient körperliche Gewalt und mangelnde Unterstützung. In dieser Dreiecksbeziehung kam es zu systemischen Störungen, die auch in der WfbM 10 Jahre lang bedient wurden.

Als ich die Arbeit begann, wurde der Klient aggressiver und zeigte das durch läppisches Verhalten, endlose Diskussionen und Auflehnung gegen mich. Ich war stolz auf ihn – denn er begann zu lernen, er stabilisierte seine einst fehlgeleitete Individuation, um sich auf ein starkes, eigenständiges ICH vorzubereiten. Die Mitarbeitenden der WfbM meinten jedoch, dass hier etwas extrem falsch liefe, denn vorher sei er schließlich „irgendwie händelbarer“ gewesen. Außerdem sei sein „aufmüpfiges“ Verhalten nicht hinnehmbar. Die Zusammenarbeit sollte am besten beendet werden. Zum Glück verstanden die Mitarbeitenden des Sozialen Dienstes, dass der Klient nun das nachholen müsse, wofür er 25 Jahre zuvor nicht gesund angeleitet worden war. Ich erläuterte, dass wir in seinem System Projektion und Übertragung seien und dem Klienten eine positive, vertikale Ebene vorleben müssten, die mit Regeln, Verhaltensgrundlagen und Verantwortung gerahmt sei. Gleichzeitig solle der Klient das erste Mal erfahren, dass alle aufgrund von Liebe sein Bestes wollen und eine gemeinsame Linie vertreten, die ihm Vertrauen und Sicherheit gibt, die er zuvor nicht kannte. Es sei für das Lernen wichtig und wünschenswert, dass der Klient in Abwehrhaltungen geht, denn diese Mechanismen gelte es aufzulösen.

Nach eineinhalb Jahren hatten wir das Ziel erreicht; der Klient – wie auch andere – sagt heute, ich hätte ihm ein neues Leben geschenkt. Heilung ist also möglich.

Im Zusammenhang mit Dissoziation und Trauma gehe ich noch kurz auf die transgenerationale Traumatisierung ein. Die Epigenetik zeigt, dass die DNA nicht statisch ist. Sie kann sich verändern. Und diese Veränderungen sind unter Umständen über mehrere Generationen vererbbar und können zu Unzufriedenheit, latenter Wut oder instabiler Psyche führen. Das bedeutet aber auch, dass alles, was man selbst über professionelle Hilfe aufarbeitet oder auflöst, kommenden Generationen hilft.

Nicole Casper
Heilpraktikerin für Psychotherapie Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

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