Die Möglichkeiten von Musik in Therapie, Freizeit und Beruf

Interview von Frau Dr. Alexandra Takats mit einer Klientin zum Thema 

©radenmas

Dieses Mal möchte ich Ihnen die Klientin Frau J. vorstellen, die mit einem sehr speziellen Thema zu mir kam. Sie hatte häufig symbiotische Beziehungserfahrungen, die ihr nicht guttaten. Sie durchlebte schmerzhafte Nähe-Distanz- und Trennungsprozesse und wollte daran arbeiten, wie sie endlich eine gesunde, unabhängige Beziehung leben kann. Da sie selbst Musik in einer Band spielt, sind ihre Äußerungen zur Musik in der Therapie, mit der Band oder bei Profimusikern – wie ich finde – sehr aufschlussreich.

Frau J., ich freue mich, dass ich Sie für das Patienteninterview gewinnen konnte. Können Sie sich den Lesern kurz vorstellen?

Ich bin 29 Jahre alt und in einer Kleinstadt im Thüringer Wald aufgewachsen. Nach dem Abitur habe ich acht Jahre Sozialwissenschaften studiert, dann als Sozialarbeiterin gearbeitet und promoviere nun. Ich würde von mir behaupten, dass ich ein offener Mensch bin. Ich bin in meinem Leben schon viel rumgekommen. Ich bin gerne in Bewegung, mag es zu pendeln, zu reisen, liebe den Sport. Meine Leidenschaften sind das Malen und Musikmachen. Ich spiele Gitarre und schreibe eigene Lieder. Seit zwei Jahren bin ich Teil einer kleinen Pop-Rock-Band.

©CarloscastillaWie sind Sie auf die Musiktherapie gekommen?

Seit ich etwa 15 bin, erfahre ich immer wieder depressive Krisen und habe manchmal unerklärbare Angstgefühle. Mit 16 Jahren hieß die Diagnose Soziale Phobie und generalisierte Angststörung. Auf meinem Weg habe ich insgesamt fünf Jahre tiefenpsychologische Therapieerfahrung machen dürfen. Diese war sehr hilfreich, mich reflektieren zu lernen, aber ich habe mich immer wieder nach Befreiung von meinen Problemen gesehnt. Das Reden und Analysieren meiner Kindheitsbeziehungen allein konnten mich nie ganz verstehen lassen, was mit mir nicht in Ordnung war. Es blieben schwarze Flecken und auch Meditation, Schamanismus und andere alternative Heilwege halfen immer nur kurze Zeit weiter.

Vor ein paar Jahren bekam ich das Buch von Jorge Bucay „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ von einem Freund empfohlen. Darin geht es um einen Gestalttherapeuten, der Geschichten erzählt und seinen Klienten lebendig gegenübertritt: mal locker, mal ernst, mal mit offenen Armen, mal zurückhaltend. Die Geschichten waren voller Weisheiten und ich hab mich sehr inspiriert gefühlt und mir gewünscht, dass meine Therapeutinnen auch so gewesen wären, dass wir mehr spürbare Beziehung gehabt hätten, dass ich mehr hätte mit meinen Gefühlen arbeiten können. Irgendwann wollte ich dann auch mal Gestalttherapie machen und vor nicht allzu langer Zeit habe ich mich aufgrund einer akuten psychischen Krise dazu entschlossen, es jetzt auszuprobieren. Musiktherapie ist es eher zufällig geworden, da Sie beides anbieten. Aber da ich Musik liebe und mich gut darin ausdrücken kann, schien der Zugang für mich naheliegend.

©CarloscastillaSie machen selbst Musik in einer Band. Wie unterscheidet sich das Musikmachen für Sie im Proberaum von dem in der Musiktherapie?

Im Proberaum spielen wir meistens fertige Lieder, wir bearbeiten die Rohdiamanten, die ich mitbringe, gemeinsam, bis das Lied für alle sitzt. Das ist Arbeit für mich und dieses „Schleifen“ unterscheidet sich vom Vorgehen der Musiktherapie.

Am meisten macht es mir bisher Spaß, allein zu komponieren, aus spontanen Einfällen ein Stück zu kreieren, auch das gemeinsame „Jammen“ im Proberaum mit den anderen kann sehr entspannend sein, weil es uns verbindet und weil wir dann zusammen etwas erschaffen. So erlebe ich auch die Musiktherapie: spontan, gestaltend, lösend und entspannend.

Mögen Sie etwas über Ihr Therapiethema erzählen und wie die Musiktherapie Sie dabei unterstützt?

Mein Thema ist komplex. Ich kam zu Ihnen, weil ich mich von meiner Außenwelt abhängig fühlte, innerlich leer, ausgebrannt, gekränkt und verzweifelt. Durch eine Familienaufstellung fand ich heraus, dass ich ein alleingeborener Zwilling bin. Ich war also im Mutterleib nicht alleine, sondern habe dort den Tod meines Zwillingsbruders miterlebt. Mein Leben lang suchte ich nach einer ähnlich innigen Bindung, die diesen Verlust ersetzen könnte. Dabei leide ich aber immer wieder an Einsamkeit und binde mich aus Schuldgefühl an Menschen, mit denen ich mich gar nicht wohlfühle.

In der Musiktherapie darf ich nun meine eigene Melodie finden und mich von anderen abgrenzen lernen. Ich bekomme die Möglichkeit, mich den dunklen Gefühlen der Einsamkeit zu stellen, sie mit verschiedenen Tönen auszudrücken und sie als meins anzunehmen. Die Sitzungen laufen sehr spontan ab und richten sich nach dem, was gerade in mir vorgeht. Ich fühle mich mit meinen schwierigen Themen dort ernst genommen und es fällt mir leicht, mich auf die Gespräche und das Spiel mit den Instrumenten einzulassen. Die Mischung aus Reflexion und freier Improvisation hilft mir, meine Gefühlswelt zu ordnen. In meinem Kopf herrscht schon viel mehr Klarheit als noch vor ein paar Monaten.

Könnten Sie eine Situation genau beschreiben, wie Musik da gewirkt hat?

Ganz am Anfang der Therapie gab es die Aufgabe, eine Aufstellung mit Instrumenten zu machen. Ich habe mich und meinen Zwillingsbruder als zwei gegenüberstehende Trommeln erlebt. Diese standen, so wurde mir später klar, für unsere Herzschläge im Mutterleib. Dann gab es noch eine große Trommel, die den Herzschlag unserer Mutter repräsentierte. Ich spielte abwechselnd auf meiner Trommel und auf der meines Bruders. Sie spielten auf der Trommel, die für die Mutter stand. Als ich meinem Zwillingsbruder so gegenüberstand, hat es mir fast das Herz zerrrissen, ich musste weinen, fühlte mich mit ihm innig verbunden, aber war gleichzeitig todtraurig. Als ich auf seiner Trommel spielte, wurde mir klar, dass sein Herz irgendwann langsamer schlug und schließlich aufhörte. Danach war alles still und kalt und es kehrte das Gefühl der Einsamkeit zurück. Diese Situation half mir dabei, das Zwillingsthema für mich anzunehmen. Durch die Trommeln konnte ich etwas wiedererleben, was mir vorher nicht bewusst war. Das war sehr verwirrend für mich, aber ich merkte, dass ich hier weiterkommen würde.

Was ist für Sie besonders gut an der Musiktherapie und gibt es auch etwas nicht so Gutes?

Das Beste an der Musiktherapie ist ihre Langsamkeit. Man redet nicht stundenlang unendlich viele Worte, sondern es gibt den Raum für Stille und für eigene Rhythmen. Dann finde ich es gut, ohne Druck herausgefordert zu werden, Dinge auszudrücken, die mir so vorher noch nie richtig bewusst waren. Schließlich ist die Arbeit mit Klängen einfach klasse, weil diese Klänge etwas sind, was ich mir merken kann. Ich nehme sie in meinem Gedächtnis mit nach Hause und kann sie dort wiedererleben und mich an die Situationen in der Therapie erinnern. Klänge sind mehr als Worte, ich kann sie immer wieder spüren.

Das nicht so Gute ist der Preis. Ich finde das Honorar absolut gerechtfertigt, aber was ich nicht verstehe ist, dass eine so wirksame Therapieform nicht von den Kassen übernommen wird. Ich denke, meine tiefenpsychologischen Behandlungen haben Tausende Euro geschluckt. Ich denke, dass die Musiktherapie effektiver ist und sehr viel weniger kosten wird.

Was sagen Sie zu der Annahme von nicht wenigen Musiktherapeuten, dass Profimusiker nicht so gut für die Musiktherapie geeignet sind, weil sie häufig ihr professionelles Musikverständnis von Harmonien, Tonarten oder richtigem Rhythmus nicht verlassen können und sich dadurch schwer auf einen eigenen Gefühlsausdruck durch Musikimprovisation einlassen können?

Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Allerdings unterscheiden sich aus dieser Sichtweise professionelle Musiker nicht von anderen gut ausgebildeten Experten, die eine vernünftige, wohlgeordnete Sicht der Welt so sehr integriert haben, dass sie verlernt haben, spontan zu spielen. Den meisten Menschen fällt es doch heute schwer, loszulassen.

In dieser Sichtweise spiegelt sich für mich auch ein verarmtes, perfektionistisches Musikverständnis wider. Für mich macht einen guten Musiker oder Künstler aus, dass er mit seinen Gefühlen in Kontakt steht, dass er ehrlich sein kann, authentisch ist, improvisieren kann, im Moment ist. Wenn es in der Musik nur darum gehen würde, wohlklingende Harmonien zu produzieren, fände ich sie langweilig und sähe darin die Gefahr eines blinden Perfektionismus, der den Menschen dahinter verdrängt.

Aber besonders solche Menschen können von Musiktherapie profitieren, da sie hier die Chance kriegen, etwas Neues zu erleben, an das keiner den Anspruch stellt, es müsse gut sein, außer sie stellen ihn selbst. Diese Art von Freiheit ist eine wertvolle Quelle der Inspiration.

Wie würden Sie einem Laien erklären, was Musiktherapie ist? Gibt es Menschen, denen Sie diese Therapieform eher nicht empfehlen würden?

Komm rein, sag wie’s dir geht, such dir ein Instrument aus, um deine Situation auszudrücken, und mach damit, was dir gerade einfällt. Die Therapeutin begleitet dich, fängt dich auf, hilft dir, das, was du tust, zu deuten, und zeigt dir noch andere Möglichkeiten, die Welt zu verstehen.

Ich empfehle sie jedem!

Dr. Alexandra TakatsDr. Alexandra Takats
Heilpraktikerin für Psychotherapie Praxis Musik Klang Gespräch in Chemnitz

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Das Interview mit Frau J. ist zuerst in der Zeitschrift MuG Musik und Gesundsein, Schwerpunktheft zur Musiktherapie und Prävention, 32/2017, S. 12/13 erschienen.

Fotos: ©radenmas ©Carloscastilla

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