Kommunikation anhand des Riemann-Thomann-Modells und was das mit unserem Körper zu tun hat

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„Nobody oder Somebody – wir kommunizieren nicht mit einem, sondern weil wir einen Körper haben.“

2016 01 Kommu2Kommunikation ist die Grundlage für Beziehungen mit sich selbst und seinem Gegenüber. Dabei gibt es viele Arten der Kommunikation, verbale und nonverbale. Wir reden zwischen 93 und 97% mit dem Körper, drücken uns körperlich aus, durch Gesten, Mimik, Tonfall und vieles mehr. Diese Körpersprache kann oft sehr viel mehr oder etwas ganz anderes sprechen, als wir mit unseren Worten zum Ausdruck bringen, und das mit einer tiefen Ehrlichkeit, denn unser Körper lügt nicht.

Sehr unterschiedlich ist es auch, wie jeder Einzelne sich entscheidet, ein Gespräch zu führen, sich gut zu fühlen oder nicht. Dies kann eine bewusste Haltung sein, meist ist es jedoch so, dass unsere Kommunikation unbewusst verläuft. Das sind unsere Werte, Einstellungen, der momentane Gefühlszustand, einfach die eigene Persönlichkeit, die jede Form der Kommunikation – ob verbal oder nonverbal – unterschiedlich empfinden lässt. Manchmal fühlt sich einer wohl, der andere nicht, und das beeinflusst das Miteinander. Jeder Mensch reagiert und agiert anders, empfindet die Kommunikation unterschiedlich und hat in der Beziehung und Verständigung unterschiedliche Bedürfnisse. Daher ist Kommunikation nicht diese „eine Botschaft“, die von A nach B wandert, also vom Sender zum Empfänger, weil jeder Sender empfängt und gleichzeitig jeder Empfänger sendet. „Ich habe dich falsch verstanden“ oder „Du verstehst mich nicht“, sind oft Aussagen, die Unzufriedenheit ausdrücken und keine guten Gefühle in uns auslösen. Körperliche Empfindungen beeinflussen unser Verhalten. Die kleinste emotionale Einheit ist der momentane Zustand, der nur sehr kurz dauert. Die emotionale Stimmung kann einige Stunden oder Tage anhalten und schließlich ergibt sich die emotionale Veranlagung.

Diese emotionalen Zustände, positiven oder negativen Affekte, folgen unmittelbar auf ein Ereignis und dauern in der Regel einige Sekunden. „Der Affekt ist ein intensiver Gefühlszustand in Verbindung mit starken Emotionen, wie Angst, Wut, Eifersucht, Begeisterung. Meist gekoppelt mit körperlichen Begleiterscheinungen wie erhöhtem Puls und Blutdruck, schnellerer Atmungstätigkeit und Veränderung der Gesichtsfarbe. Affekte wirken sich in so genannten Affekthandlungen negativ auf die psychische und körperliche Handlungsfähigkeit aus.“ (Baier 2006)

Die Konsequenz daraus ist: Kommunikation kennt keine direkte Kontrolle. Es wäre auch nicht zielführend, da jede Art von echter Kommunikation im Prozess entsteht und sich selbst organisiert und entwickelt. Eine Möglichkeit der indirekten Beeinflussung ist die Kontrolle der Emotionen. Bei der Einteilung der Emotionen nennt man nach dem heutigen Stand der Wissenschaft meist sechs bis sieben: Freude, Neugier, Angst, Wut, Traurigkeit, Ekel und Scham. Nicht zu überschauen ist die Anzahl der positiven Emotionen.

Das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun ist ein Standardmodell in der Kommunikationsanalyse. In seinem Lexikon der Kommunikationspsychologie beschreibt Schulz auch das Riemann-Thomann-Modell.

Das Riemann-Thomann-Modell „zeigt mir persönlich sehr eindrucksvoll, warum Kommunikation mit dem Partner, einer Gruppe, einem Team … so unterschiedlich sein kann und wirken kann.“ Christoph Thomann entwickelte 1988 basierend auf den Grundformen der Angst von Fritz Riemann dieses Modell zur Klärung zwischenmenschlicher Beziehung. Es wurde von Thomann ganz klar als Beziehungsmodell beschrieben und nicht als ein Persönlichkeitsmodell. Es bietet eine gute Möglichkeit, bewusst zu verstehen, wann eine Kommunikation gut läuft – oder eben auch manchmal nicht so gut. Seinen Gesprächspartner zu erkennen, und was noch wichtiger ist, sich selbst zu kennen und somit als Partner, Freund, Chef, Trainer … wertschätzend, achtsam und konstruktiv kommunizieren zu können. Das setzt voraus, dass man auch ehrlich mit sich selbst und dem anderen ist. Je ehrlicher ich mit mir bin, desto stimmiger ist meine Kommunikation und Beziehung mit dem Gegenüber. Durch dieses Respektieren meines Selbst respektiere ich den anderen, gehe achtsam und würdevoll mit mir und dem anderen um.

D2016 01 Kommu3ie Schulung der Achtsamkeit mir gegenüber, also darauf zu achten, was passiert in mir, welche emotionalen Zustände und Gefühle habe ich, wie verhalte ich mich, ist eine Methode, um Ehrlichkeit zu gewinnen. Ehrlichkeit ist eine Grundlage für unser „Selbst-Bewusstsein“, um nach innen und außen stimmig zu sein. Durch Ehrlichkeit ist eine Achtung mir und dem anderen gegenüber in einem respektvollen und mitfühlenden Umgang leichter. Wenn man sich versteht, versteht man auch den anderen. Verstehen ist, wie Maja Storch es in Ihrem Buch Embodied Communication so gut beschreibt, nicht das Erfassen einer Botschaft oder das Analysieren einer Nachricht, sondern das Erzeugen von Synchronie, die ein Stimmigkeitsgefühl entstehen lässt.

Christoph Thomann hat vier Bestrebungen des Menschen nach den Grundformen der Angst von Fritz Riemann festgelegt. Das Streben nach Nähe, Distanz, Dauer und Wechsel.

1) Streben nach Nähe

Angst: verlassen zu werden, vor Isolation, Einsamkeit, Selbstwerdung, Ungeborgenheit
Wunsch: umsorgt, geborgen und aufgehoben zu sein, eine Stütze zu haben, im anderen aufgehen zu können, Nein sagen zu können, sich für das Wohl der anderen verantwortlich zu fühlen
Ausdruck: Verlustangst, Selbstmitleid, Abhängigkeit, Jammern, Übernehmen der Dulderrolle, übertriebene Bescheidenheit
Stärken: Einfühlungsvermögen, Geduld, Hingabefähigkeit, Zärtlichkeit, Ausgeglichenheit

2) Streben nach Distanz

Angst: vor Abhängigkeit, zu viel Nähe, Verlust des Ichs, Selbsthingabe
Wunsch: Selbstschutz, niemanden zu brauchen, unabhängig zu sein, stark zu sein, Abstand zu halten, unnahbar zu sein
Ausdruck: Kontaktschwierigkeiten, Zweifel an der eigenen Liebesfähigkeit, Zweifel an der Aufrichtigkeit des anderen, Gefühle können nicht ausgelebt werden, Zyniker, Skeptiker, eventuell unbegründete Eifersucht, wirkt arrogant
Stärken: Abgrenzungsfähigkeit, Eigenständigkeit, Konfliktfähigkeit, Entschlossenheit, Individualität, Ehrlichkeit, Zivilcourage

3) Streben nach Dauer

Angst: vor Chaos, Grenzenlosigkeit, Kompromissen, Toleranz und Angst, ein Risiko einzugehen, Freiheit
Wunsch: alles muss seine Ordnung haben, Absicherung, alles soll so bleiben, wie es ist, Gefühle haben keinen Platz, nur der Verstand steuert
Ausdruck: Perfektionismus, Konservatismus, Intoleranz, Systematik, Nörgler, Mangel an Einsichtigkeit, kontrollierend, Unnachgiebigkeit, wenig Spontanität
Stärken: Verlässlichkeit, Treue, Bodenständigkeit, Stabilität, Ausdauer, Verantwortungsbewusstsein, Korrektheit

4) Streben nach Wechsel

Angst: vor Festlegung, Unfreiheit, Einengung, Richtlinien und Prinzipien
Wunsch: sich nicht festzulegen, keine Entscheidungen treffen zu müssen, nach Unvergänglichkeit, das innere Empfinden nach außen auszudrücken, nach Bestätigung von außen
Ausdruck: ständig auf der Suche nach Selbstbestätigung, Verdrängung von Schuldgefühlen, Ausweichen vor Unangenehmem, Partner dienen zur Selbstdarstellung im Außen, Ungeduld, Unzuverlässigkeit
Stärken: Kreativität, Begeisterungsfähigkeit, Offenheit, Charme und Verführungskunst, Neugier, Flexibilität, Kontaktfreudigkeit, Aufgeschlossenheit, Spontanität

Dieses Modell bietet für mich manchmal eine gute Möglichkeit, die Qualität und die Wirkung einer konkreten Beziehung/ Kommunikation zu erkennen und somit die Randbedingung für eine gute Verständigung zu schaffen. Die Änderung erfolgt bei mir und kann unterstützend wirken, den anderen zu verstehen, und somit eine gute Basis zu haben. Jeder Mensch ist einzigartig, daher ist ein Schubladendenken mit Typen und Charakterbeschreibungen nicht angebracht, weil eben keiner dem anderen gleicht. Eine eindeutige Zuordnung wird es nicht geben, alle vier Persönlichkeiten stecken je nach aktueller Situation in gerade diesem Moment in uns. Das Bedürfnis nach Nähe, Distanz, Ordnung und Wechsel ist individuell. Eine Beschreibung hilft dahingehend, dass es leichter fällt, mit dem anderen zu kommunizieren, indem man versteht und den anderen und sich würdigt, vertraut und die Grenzen respektiert. Sie hilft, ehrlich mit sich zu sein, und somit das Gleichgewicht zu finden, um ein befriedigendes Miteinander zu haben.

Eine Beschreibung dieser Typen ist je nach Kommunikationspartner und je nach emotionalem Zustand, Stimmung und Veranlagung verschieden ausgeprägt und dient zum Erkennen, welche Bedürfnisse und Werte die eigene Grundangst in einer bestimmten Beziehungssituation berühren, und warum wir uns verhalten, wie wir uns verhalten.

Es liegt in unserer Selbstverantwortung, wie wir damit umgehen. Dieses „Bewusstmachen“ einer Kommunikation, die mir nicht guttut, worunter ich vielleicht leide, ist der erste Schritt in Richtung einer Änderung meines Denkens. Noch wichtiger ist dann das Entwickeln des „Bewusstseins“: Was tut mir gut? Alle beschriebenen Persönlichkeiten sind Strebungen, die in unterschiedlicher Ausprägung in uns wirken, ohne gut oder schlecht zu sein.

Diesen Aha-Effekt zu nutzen, wenn man das eine oder andere in sich erkennt, oder einfach die Möglichkeit hat, dieses oder jenes von außen zu betrachten. „Stimmt, ich will unabhängig sein, brauche keinen“, und das kommuniziert man so, ob man will oder nicht. Das ist in Situationen sehr hilfreich, in denen es um Selbstständigkeit und die Fähigkeit zur Abgrenzung geht, aber manchmal kann es arrogant oder gefühlskalt auf den anderen wirken und dadurch eine gute, zufriedenstellende Kommunikation gefährden.

Ein Teil von mir hat den Wunsch, sich zu verändern, nicht im Vertrauten zu bleiben, sondern Neues zu entdecken. Ich habe die Möglichkeit, jederzeit zu entscheiden, welche Richtung ich wann einschlage, und kann auch die Strebung und Richtung meines Kommunikationspartners erkennen, achten und respektieren.

Jeder erkennt sich in seiner Weise bei allen vier Richtung wieder

Das Modell kann eine Hilfe sein, sich auf sein Gegenüber gut einzustellen, die Bedürfnisse und somit auch Interessen zu erfahren. Gerade in herausfordernden Phasen des Miteinanders, sei es in der Familie, bei Freunden und im Business, also im Grunde überall, sind eine wertschätzende Kommunikation, ein gutes Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, die eigenen emotionalen Zustände, Stimmungen und Veranlagungen zu spüren und steuern zu können, sehr gute Ressourcen.

Speziell im Training und Coaching mit Menschen ist die eigene Verhaltenseinübung durch Verhaltensanalyse, Selbstreflexion, Selbst- und Verhaltensregulation ein wichtiges Element der persönlichen Weiterentwicklung.

Teile von uns bleiben die alten, sie möchten dort bleiben im Vertrauten und Stabilen, und das ist auch gut so. Aber da sind auch die Teile in uns, die voller Sehnsüchte, Erwartungen, Wünsche sind und Spaß an der Überraschung, an Veränderung, Individualität und am Neuen haben.

Gesunde Erwachsene, Kinder und Erwachsene (ausgenommen in Krisensituationen wie Krieg, Gefangenschaft, Lebensbedrohung) haben eine Möglichkeit, mit Ängsten zu kommunizieren – das bedeutet, die Auslöser zu erkennen und zuzulassen, zu bewerten und stimmig zu reagieren.

Im Sinne der Ressourcen- und Resilienzförderung bedeutet es, den Fokus auf die eigenen Stärken zu richten und das Vertrauen in diese eigenen Fähigkeiten zu haben. Auf der anderen Seite einfach auch Angst erleben zu dürfen, anzunehmen und den Blick auf das Positive zu lenken. Ängste gehören zu uns, sind Teil unserer Persönlichkeit. Ängste schützen uns, spornen uns an und schaffen die Möglichkeit für Neues im Leben:

Angst ist Chance zur Veränderung.

Quellen

  • Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander reden von A bis Z
  • Storch, Maja: Embodied Communication. Kommunikation beginnt im Körper, nicht im Kopf http://www.stangl.eu/psychologie/definition/Affekt.shtml
  • Riemann, Fritz: Grundformen der Angst
  • Riemann, Fritz: Die Fähigkeit zu lieben
  • Davidson, Richard: Warum wir fühlen, wie wir fühlen
  • Baier, J.: Wörterbuch der Pädagogik

Sabine Maierhofer Sabine Maierhofer
Dipl.-Mentaltrainerin, Seminarleiterin Autogenes Training

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