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Ayurveda - Die Lehre vom individuellen Seelenplan

Gestatten Sie mir gleich zu Beginn ein provokantes Statement: Echtes Ayurveda ist im Westen so gut wie unbekannt. Das Image vom exotischen Stirnguss oder von der beliebten Ölmassage, wie sie in vielen Wellnesshotels angeboten wird, kommt der Botschaft dieser uralten Lehre nicht mal ansatzweise nahe. Ayurveda liefert einen tiefenpsychologischen Ansatz, der so in keiner anderen Gesundheitslehre zu finden ist. Das sage ich als jemand, der zahlreiche Vorträge über Ayurveda an indischen und sri-lankischen Universitäten gehalten hat und aktuell Ärzte und Psychologen in Japan hierin ausbildet.

Das Einmaleins bildet die Lehre der fünf Elemente, wie es sie auch in der TCM gibt, nämlich dass sich Mensch und Natur aus Erde, Wasser, Feuer, Wind und Äther zusammensetzen.

Hier scheitert bereits das Verständnis, da man im Westen z. B. bei Wasser an H2O, bei Wind an „Lüfte“ denkt und dergleichen. Diese fünf Kräfte sind medizinische Fachbegriffe, für deren volles Begreifen ein normaler Europäer sich jahrelang mit orientalischer Philosophie befassen oder, so wie ich, 25 Jahre in Fernost leben müsste, davon drei in Zen-Klöstern. Da ich mich selbst als Anfänger betrachte, entstammt diese Erkenntnis keineswegs einer Überheblichkeit. Aber man muss bei der traditionellen Medizin des Ostens alles über Bord werfen, was man in sein westliches Denk-Programm eingetrichtert bekam.

Und weil genau das eben sehr schwierig ist, kam ein geschäftstüchtiger indischer Yogi vor 50 Jahren auf die Idee, ein vereinfachtes Vata-Pitta-Kapha-Ayurveda in Amerika einzuführen, das dann zu uns rollte und heute noch als „echtes Ayurveda“ gilt. Demzufolge gibt es drei Konstitutionstypen, mit denen man sich identifizieren soll, um dann die entsprechenden Produkte zu konsumieren. Also Vata-Tee, Kräuter, Shampoo und Öle für den Vata-Typ, Pitta-Produkte für den Pitta-Typ usw. Und je indischer bzw. exotischer deren Herkunft, desto „ayurvedischer“ und „authentischer“ gelten sie.


Dabei sagen die alten Schriften unmissverständlich, man solle das einnehmen und anwenden, was in der Heimat vorkommt, also deutsche Kräuter, Nahrungsmittel und heimische Klänge und Aromen. Hiervon mal abgesehen, was bedeutet es denn überhaupt, aus den o. g. fünf Elementen zu bestehen? Haben wir in unserer Körper-Geist-Einheit irgendwo Erde oder Feuer oder Wind versteckt?

Im übertragenen Sinne, „Feuer“ bedeutet in der Traditionellen Medizin Asiens (also nicht nur im Ayurveda) Temperament, Motivation, Ehrgeiz, Antrieb, Aktivitäts- und Tatendrang, Umsetzungswunsch, Zielstrebigkeit, Siegeswunsch etc., während „Erde“ assoziiert wird mit Erdung, Verwurzelung, Stabilität, Struktur (körperlich und geistig), Geduld, Festigkeit etc. Der Feuer-Typ ist somit prädestiniert für Berufe, die ein Umsetzen erfordern. Er ist der Aktive, der mutig nach vorne pirscht und Ergebnisse erzielt, also ideal bei der Feuerwehr, der Polizei, beim Militär oder als Sportler, während der Erde-Wasser-Typ (Kapha) als Geduldsengel ein guter Zuhörer ist, Struktur in seine Arbeit und sein Umfeld bringt, Liebe und Güte ausstrahlt und daher auch familienorientiert und sozial denkt. Selbstverständlich geht die Lehre noch etwas detaillierter – und dann gibt es noch diverse Mischtypen, aber selbst in der hier vereinfachten Basislehre gibt es zwei Grundsätze, die jeden Psychologen aufhorchen lassen:

A) DAS MISCHVERHÄLTNIS EINES JEDEN MENSCHEN STEHT BEI GEBURT FEST

Falls Sie 30% Feuer, 45% Wind und 25% Erde in Ihrem Urmuster haben, ist das so unveränderbar wie Ihre DNA oder Ihre Blutgruppe. Der exakte Prozentsatz enthält Ihre sämtlichen Stärken und Schwächen wie auch Ihre beruflichen Fähigkeiten. Er enthält den Schlüssel zum Erfolg im Leben wie auch zur Erfüllung und zum Glück – vorausgesetzt, man kann es richtig deuten und interpretieren.

B) JEDE ABWEICHUNG VOM URMUSTER IST BEREITS EINE PATHOGENESE

Das heißt, in dem Augenblick, wo ich mich von meinem perfekten Bauplan entferne, löse ich eine Diskrepanz aus, die zu Problemen führt. Ein erfahrener Berater auf diesem Gebiet sieht somit die Krankheit, bevor sie sich manifestiert, und damit auch die Ursache.

Beispiel: Wenn einer in seinem Urmuster viel Wind hat, der hier als „geistige Bewegung“ oder „Sensitivität“ zu verstehen ist, hat sich „der liebe Gott“ oder das Universum etwas dabei gedacht bzw. ihm eine Aufgabe auf den Weg gegeben, die mit Kreativität, geistigem Arbeiten, feinstofflichen Kräften und Flexibilität zu tun hat. Das kann Kunst sein (Musik, Malerei, Poesie usw.) oder Psychologie, Sprachen, Kultur, Weitsichtigkeit, personenbezogenes Beraten oder Berufe, die Mitgefühl und Empathie erfordern. Wenn ein solcher Mensch nun einen Weg einschlägt, der mit IT oder KI zu tun hat, also abseits seiner Veranlagung, nur weil diese Branche als lukrativ gilt, oder er den Betrieb seines Vaters übernimmt und meint, er müsse sich nur ins gemachte Bett legen, weicht er von seinem Elemente-Muster ab, da er Kräfte aktiviert in seiner Körper-Geist-Einheit, die konträr sind zu denen, die er in die Wiege gelegt bekam und die ihm besser dienen würden. Er baut sich so über die Jahre ein zweites Muster auf, das vom ursprünglichen abweicht, während das Hauptmuster aber nicht verschwindet. Es wird nur überdeckt und rebelliert irgendwann. Dieses Rebellieren im Inneren kann Stress erzeugen oder Probleme, Ärger, Unfall oder Krankheit im Äußeren. Die Entscheidung, einen Weg einzuschlagen, der abseits des „elementaren Bauplans“ liegt, ist im Ayurveda der Auslöser bzw. der Beginn einer Erkrankung.


Aufgeschlossene Ärzte im deutschsprachigen Raum erkannten schon vor einigen Jahrzehnten, dass Krankheiten uns etwas mitteilen wollen, quasi als Ausdruck einer leidenden Seele. Die Ayurveda-Ärzte der Antike gingen noch einen Schritt weiter und sahen mit ihrem geistigen Auge, dass unser Seelenplan in direktem Zusammenhang mit den fünf Elementen steht, mit denen wir auf die Welt kamen. Machen wir optimalen Gebrauch von unseren „implantierten“ Elementen, also Talenten und Fähigkeiten, entsteht automatisch Erfüllung und Freude bei der Arbeit. Hier würde man sogar auf Deutsch sagen: „Er ist in seinem Element.“

Das Urmuster bzw. die „elementare DNA“ nennt man auf Sanskrit „Prakruti“, den Istzustand „Vikruti“, doch diese Begriffe werden im Westen oft missinterpretiert. Hinzu kommen drei Gunas bzw. Charaktereigenschaften, die wir ebenfalls vorgeburtlich implantiert bekommen, doch das würde zu weit führen.

Kurz: Ayurveda sagt, dass wir alle ein perfektes Mischverhältnis der fünf Kräfte in uns tragen, ideal für unsere Berufung bzw. Aufgabe. Damit können wir etwas im Leben besser als andere, eine Arbeit, die genau zu uns passt, die uns Freude und Glück beschert. Es wäre somit ein gravierender Fehler für jemanden mit viel Feuer oder Wind (Pitta bzw. Vata), Verwaltungsbeamter zu werden – im Hinblick auf eine schöne Pension im Alter. Nicht nur, dass er für diese Arbeit weder Feuer (Ehrgeiz) noch Wind (Kreativität) braucht. Er würde seine wahre Bestimmung nicht ausleben, damit seinen Fahrplan bzw. Bauplan verwerfen und infolge erkranken oder sterben, noch bevor er seine Pension bekommt, wie ich an zahlreichen Fällen beobachtete. Man kann seine Seele eben nicht austricksen.

Bedenkt man, wie viele Menschen ihr Urmuster ignorieren, sich verleiten lassen von der Umwelt, von den Medien, von der Gesellschaft, von falschen Beratern, von manipulativen Einflüssen aller Art, gerade jetzt im Zeitalter von Social Media, KI oder Meinungen im Internet, ist es nicht verwunderlich, dass die innere Unzufriedenheit, auch wenn sie verdrängt wird, rebelliert, psychische, dann somatische Beschwerden auslöst. Das Nichtausleben unserer Natur schwächt auf jeden Fall unser Immunsystem – eben weil wir nicht in unserem Element sind.

Ein Leben im Einklang (tolles Wort: ein Klang) mit unseren Elementen bedeutet ein Leben in Harmonie mit unserer inneren Stimme. Wir sind glücklich und zufrieden, werden selten krank, ernähren uns instinktiv richtig und brauchen weder importierte Heilkräuter aus Indien noch teure Ölmassagen, die das Harmonisieren der inneren fünf Kräfte zum Ziel haben, noch Anleitungen für eine gesunde Ernährung.

Nicht, dass ich Ihnen die entspannende Massage nicht gönne, oder die Ayurveda-Kur auf Sri Lanka. Sie können sich von morgens bis abends die besten Öle auf die Stirne gießen lassen – es wird keine Änderung im Leben bewirken. Die folgt nur, wenn Sie sich (dank eines Beraters) Ihrer Abweichung vom Urmuster bewusst werden und erkennen, warum Sie unglücklich bzw. krank geworden sind. Das löst einen solchen Aha-Effekt aus bei meinen Klienten, dass wir beide lachen müssen. Die Bewusstwerdung der Abweichung ist schon die halbe Heilung. Und das Leuchten in den Augen der Betroffenen ist das Schönste, was der Beruf so mit sich bringt. Wir machen also niemanden abhängig von irgendwelchen Anwendungen oder Produkten, sondern klären auf und halten lediglich einen Spiegel vor, sodass der andere dann von alleine laufen kann.


Vieles hiervon habe ich im Buch „Das Vata-Syndrom“ erläutert. „Vata“ ist übrigens der Sanskrit-Ausdruck für die Kräfte von Wind und Äther. Ein Mönch in Sri Lanka erklärte mir mal, Buddha habe „Vata“ als Königin der Elemente bezeichnet, eben weil die Kraft der Bewegung alle anderen Elemente aus dem Gleichgewicht bringen kann. Mit dieser Dynamik ist nicht zu spaßen, da sie verantwortlich ist für alle geistigen und psychosomatischen Erkrankungen, insbesondere Ängste und Schlafstörungen. (Anm.: Gedanken sind ja nichts anderes als feinstoffliche Bewegungen bzw. „Wind“.) 100 Jahre nach Buddhas Tod erschien in der antiken Medizin Griechenlands zum ersten Mal der Begriff „Luft“ – ein Zufall?)

FAZIT

Gemäß Ayurveda dürfen wir egoistisch sein. Wir müssen alles über Bord werfen, was nicht zu uns passt, von der Berufswahl bis zur Ernährung. Das Individuelle und Einzigartige steht im Vordergrund. In einer Leistungsgesellschaft wie Deutschland, wo alle gleich gemacht werden, um dann Industrie und Wirtschaft zu dienen, wo uns ein bestimmtes Bildungsprogramm eingetrichtert wird mitsamt standardisierter Denkweise, wo alles auf gesetzmäßiger Logik beruht, ist das Leben nach der inneren Natur zwar schwierig, aber nicht unmöglich. Schmeißen Sie den Teller Spinat gegen die Wand, wenn Sie zum Essen gezwungen werden. Sagen Sie NEIN, wenn eine Impfkampagne o. Ä. Ihrer inneren Stimme widerspricht. Schwimmen Sie gegen den Strom, wenn es sein muss. Die fünf Elemente geben uns Kraft und Sicherheit, sofern sie nicht in ihrer Ordnung gestört werden. Das durfte ich an Hunderten von Ratsuchenden in aller Welt beobachten und trifft auf Inder genauso zu wie auf Japaner oder Franzosen.

Dieses Grundwissen gehört m.E. in jede Beratungspraxis. Die Kernfrage ist nur: Wie finde ich heraus, ob sich mein Klient/Patient von seinem elementaren Urmuster entfernt hat? Ganz einfach – die Tatsache, dass er vor Ihnen sitzt bzw. eine Beratung braucht, ist bereits der Beweis. Jede psychosomatische Störung, womöglich sogar jede Erkrankung, geht stets einher mit dem Entfernen vom Urplan, dem Ignorieren der individuellen Natur.


Ein kritischer Leser mag nun einwenden, das träfe nicht auf alles zu, schon gar nicht auf Ängste und Depressionen, wobei Letztere oftmals von Geistwesen ausgelöst werden, wie ich im Beitrag „Der unsichtbare Störenfried“ erläuterte. Lassen Sie uns bei diesem Beispiel bleiben. Angenommen, es gehen zehn Leute an einem Friedhof vorbei. Zwei werden von erdgebundenen Seelen angegriffen, die anderen nicht. Warum? Weil diese zwei höchst wahrscheinlich eine ungelöste Aufgabe, ein Problem, eine Unzufriedenheit o. Ä. mit sich herumtragen und daher eine ungeschützte Aura. Ihr „Schutzschild“ ist defekt. Das merken Fremdwesen, docken an und ziehen mit Leichtigkeit Energie von ihren Opfern ab. Was folgt ist ein Energieabfall, ein defektes Immunsystem, eine Depression etc.

Ich hatte auch schon Fälle, wo die Seele so stark rebellierte, dass die Betroffenen vor lauter innerer Unruhe (Vata) Energie und Konzentration verloren hatten und infolge eine Dummheit nach der anderen machten, bis zum finanziellen Ruin (oder einem Krankenhausaufenthalt), nur weil ihr höheres Selbst sie auf den falschen Weg aufmerksam machen wollte. Ein Leben abseits vom Plan erzeugt Stress in den Zellen (fünf Elemente sind gestört) und in der Seele, eben weil diese uns wachrütteln will. 

Dass Krankheiten, besonders psychische, in Zusammenhang mit unserer Seele stehen, haben einige im Westen erkannt. Doch diese Erkenntnis ist so banal, dass sie in den alten Schriften gar nicht erst erwähnt wird. Selbstverständlich führt eine Diskrepanz zwischen Seelenplan und tatsächlichem Leben zu Störungen. Doch den Seelenplan in direktem Zusammenhang zu sehen mit der Ausrichtung und Anordnung der fünf Elemente in unserem Urmuster, das ist genial. Die Kernfrage, die uns alle beschäftigt, nämlich wer wir sind und was wir tun sollen im Leben, oder noch besser formuliert: Mit welcher Tätigkeit wir glücklich werden und mit welcher Tätigkeit wir anderen helfen können, wird im Ayurveda beantwortet durch die Entschlüsselung der fünf Elemente, wie sie bei Geburt feststehen.

Ich lege jedem Berater nahe, sich eingehend mit (echtem) Ayurveda zu befassen, da es nicht nur Diagnose und Therapie vereinfacht, sondern eine unschätzbare Hilfe im eigenen Leben ist. Denn im Sog der chaotischen Welt um uns herum, verängstigt durch die momentane Zeit des Umbruchs und des politischen Irrsinns, gepackt von Angst und Sorge, geraten wir auf Abwege, fern unserer wahren Bestimmung, werden krank und schwach. Ich selbst bin davon nicht ausgeschlossen und habe die Richtigkeit der Theorie oft genug am eigenen Leibe erfahren dürfen.

Prof. h. c. Manfred Krames
Akupunktur-/Shiatsu-Therapeut (TCM), Leiter einer Ayurvedaklinik in Japan, später einer Kuranlage auf Sri Lanka, Buchautor und Referent Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

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