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Die wahren Ursachen von ADHS

WIE GENETIK, GEHIRNENTWICKLUNG UND LEBENSKONTEXT ZUSAMMENWIRKEN

ADHS gehört zu den am häufigsten missverstandenen Störungsbildern. Kaum ein Bereich ist so stark von Mythen, einseitigen Erklärungen und moralischen Zuschreibungen überlagert. Von „zu wenig bzw. schlechter Erziehung“ bis „zu viel Bildschirmzeit“ finden sich gesellschaftlich zahlreiche, vereinfachende Urteile und Zuweisungen, die aber weder dem aktuellen Forschungsstand noch den Erfahrungen der Betroffenen gerecht werden.

ADHS wird heute zunehmend als Teil menschlicher Neurodiversität verstanden, also als besondere Art der Reiz- und Selbstregulation, die nicht automatisch pathologisch ist. Viele Betroffene erleben jedoch erhebliche Belastungen, weil ihre Art der Wahrnehmung nicht immer zu den hier üblicherweise herrschenden, gesellschaftlichen Anforderungen passt. Trotz dieser neurodiversitätsfreundlichen Sichtweise verwende ich in diesem Artikel u. a. den Begriff „Störungsbild“. Ich möchte darauf hinweisen, dass das nicht geschieht, um ADHS zu bewerten, sondern aufgrund des Faktes, dass es sich um Fachsprache handelt, die hilft, Belastungen, Unterstützungsbedarfe und wissenschaftliche Erkenntnisse präziser zu beschreiben. Der Begriff bezieht sich nicht auf den Wert betroffener Menschen, sondern auf die Passungsprobleme zwischen neurobiologischer Ausstattung und Umweltbedingungen.

WAS „URSACHE“ IST – UND WAS NICHT

Wenn über ADHS gesprochen wird, wird oft nicht sauber zwischen Ursachen, Auslösern, Verstärkern und Begleitfaktoren unterschieden. ADHS gilt heute bekanntermaßen als neuroentwicklungsbedingte Störung der Selbstregulation, deren Ursprung tief in biologischen und entwicklungspsychologischen Prozessen liegt. Das heißt: ADHS entsteht eben nicht durch äußere Faktoren wie Erziehung, Ernährung oder Medienkonsum u. a. Allerdings können diese aber natürlich Einfluss darauf haben, was die Ausgeprägtheit der Symptome betrifft oder wie gut Betroffene damit umzugehen lernen.

WIE URSACHENWISSEN IM BERATUNGSKONTEXT WIRKT

In meiner praktischen Arbeit, sei es auf elterlicher oder auf schulischer Ebene, begegne ich unterschiedlichsten Menschen und Angehörigen sowie Betroffenen und Betreuungspersonen mit und von ADHS. Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Was sie häufig verbindet, ist eine oftmals lange Geschichte von Missverständnissen. Einige dieser Menschen haben teilweise Jahre damit verbracht, ihre Schwierigkeiten als persönliches Scheitern zu bewerten. Andere haben sich an die äußerste Grenze getrieben, um möglichst mithalten zu können, was letztlich häufig in Erschöpfung, Selbstzweifeln und/oder dem Gefühl, ständig hinterher zu sein, endet.

In der Arbeit mit Angehörigen und Betreuungspersonen, sei es im Beratungskontext oder in der schulischen Arbeit, zeigt sich regelmäßig, dass ein klarer, faktenbasierter Blick auf die Ursachen, also mitunter die genetische Prädisposition, neurobiologische Besonderheiten und die Rolle der Umwelt als Verstärker, nicht nur erklärt, warum bestimmte Verhaltensweisen auftreten, er entmoralisiert sie auch. Dies ist für viele Menschen ein Wendepunkt im Entwicklungsprozess bzw. hinsichtlich der persönlichen Weiterentwicklung bis hin zu mehr Selbstakzeptanz und entsprechenden Handlungsmöglichkeiten.

ADHS bedeutet, dass das Gehirn Informationen anders verarbeitet.

DIE GENETIK IST DER STÄRKSTE EINFLUSS-FAKTOR

Die Forschung zeigt deutlich: Die genetische Prädisposition ist der zentrale ursächliche Faktor von ADHS. Mit einer Heritabilität von 70 bis 80% gehört ADHS zu den mitunter am stärksten genetisch beeinflussten Störungsbildern. Dabei handelt es sich nicht um „ein Gen“, welches ADHS verursacht, sondern um eine Vielzahl „kleiner“ Varianten, die zusammen beeinflussen, wie bestimmte neurobiologische Systeme arbeiten, insbesondere solche, die Aufmerksamkeit, Impulssteuerung und Motivation regulieren. Gene beeinflussen, aber sie sind eben nicht allein entscheidend! Sie legen zwar eine Veranlagung an, jedoch ist die tatsächliche Ausprägung dann von vielen weiteren Umständen abhängig.

NEUROBIOLOGISCHE MECHANISMEN – EIN ANDERES BETRIEBSSYSTEM

Die neurobiologische Forschung zeigt, dass ADHS mit Besonderheiten in der Funktionsweise bestimmter Hirnnetzwerke einhergeht. Zum einen präfrontale Areale, die für Planung, Selbstregulation und Fokus zuständig sind. Zum anderen Striatum und Belohnungsnetzwerke, welche besonders Motivation und die Dopaminsignalverarbeitung steuern. Außerdem Aufmerksamkeitsnetzwerke, welche Reize sortieren und Prioritäten setzen.

Daraus entsteht kein „Defekt“, sondern eine variierende Form neurobiologischer Organisation: ein anderes Tempo, ein anderes Reizverarbeitungsmuster, eine andere Art, Motivation aufzubauen. Für Betroffene bedeutet das oft: Sie erleben die Welt oft wesentlich intensiver, emotionaler, schneller und gleichzeitig ungebremster.

PSYCHOLOGISCHE UND ENTWICKLUNGSBEZOGENE FAKTOREN

Obwohl ADHS biologisch grundgelegt ist, spielen frühe Erfahrungen und der innere Umgang mit ihnen eine große Rolle dabei, wie das Störungsbild sich zeigt. Unsichere Bindung, emotionale Überforderung, Stress oder inkonsistente Reaktionen der Bezugspersonen verursachen kein ADHS, aber sie beeinflussen, wie gut zum Beispiel besonders betroffene Kinder Strategien zur Selbstregulation entwickeln können. Gerade im Kontext von Beratungsprozessen und Beziehungsarbeit zeigt sich, dass selbst viele ebenfalls von ADHS betroffene Erwachsene zusätzlich erlernte Muster mitbringen wie Selbstzweifel, kompensatorische Überanpassung, Scham oder Wut über früh erfahrenes Missverstehen. Diese Muster verstärken Symptome, sind aber de facto nicht deren Ursprung. UMWELTFAKTOREN – VERSTÄRKER, ABER KEINE VERURSACHER

Das moderne Leben wirkt auf Menschen mit ADHS wie ein Multiplikator: Reizüberflutung, Multitasking, ständige Unterbrechungen und hoher Erwartungsdruck können Symptome verstärken. Schul- und Arbeitsumgebungen belohnen oft lineares, strukturiertes und ausdauerndes Verhalten, genau die Bereiche, in denen ADHS-Betroffene in der Regel oftmals besondere Herausforderungen haben, mit denen sie umgehen müssen, besonders betroffene Kinder. Wichtig ist: Die Umwelt erklärt nicht die Entstehung, nur die Sichtbarkeit und manchmal die Schwere des Bildes. Ein Kind ohne genetische Disposition entwickelt auch unter schwierigen Bedingungen kein ADHS. Ein genetisch prädispositioniertes Kind wiederum kann in einem unterstützenden familiären Umfeld deutlich weniger Schwierigkeiten zeigen.

Die genetische Prädisposition ist der ursächliche Faktor für ADHS.

ES GIBT NICHT DIE EINE URSACHE

Alle aktuellen Theorien und Modelle stimmen darin überein: ADHS entsteht nie durch einen einzigen Faktor. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel von genetischer Veranlagung, neurobiologischer Entwicklung und individuellen Lebensumständen. Dieses Zusammenspiel erklärt, warum ADHS so unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Von stark beeinträchtigend bis kaum sichtbar. Eine einseitige Sichtweise, also nur „rein biologisch“ oder „rein psychologisch“ usw. verfehlt die Realität. Nur eine integrative Betrachtung macht ADHS und die damit einhergehenden Herausforderungen verstehbar, was für einen effizienten und nachhaltigen Beratungs-prozess unerlässlich ist.

FOLGERUNGEN FÜR DIE BERATUNG

Ein klares Ursachenverständnis hat direkte Konsequenzen für unsere Beratungsarbeit und den Begleitungsprozess.


Aufklärung und Psychoedukation:
Vermitteln, wie genetische, neurobiologische und Umweltfaktoren zusammenwirken, um Missverständnisse, Schuldgefühle oder Selbstvorwürfe zu vermeiden.

Individuelle Strategien:
Unterstützen beim Umgang mit Impulsivität, Unaufmerksamkeit und Organisation, angepasst an die Stärken und Bedürfnisse der Person. Ressourcenorientierung:
Betonen von Fähigkeiten, Stärken und möglichen Kompensationsstrategien. Umweltgestaltung:
Beratung zu Struktur, Routinen oder Hilfsmitteln im Alltag, Beruf oder in der Schule, um Belastungen zu reduzieren.

Entlastung von Angehörigen:
Sensibilisierung für die neurobiologische Grundlage von ADHS und für realistische Erwartungen im Familien- oder Arbeitskontext.

Ziel im Beratungsprozess ist nicht die Therapie einer Störung, sondern eine fundierte, entlastende Orientierung, die Betroffene und ihr Umfeld stärkt und Handlungsspielräume eröffnet.

WAS WIR GEWINNEN, WENN WIR DIE URSACHEN KENNEN

Ein differenziertes Verständnis der Ursachen von ADHS kann vor allem Schuldzuweisungen und Missverständnisse beenden. Es ermöglicht den Abbau von häufigen Vorurteilen und einen Beratungsprozess ohne moralischen Druck sowie vor allem eine gesellschaftliche Haltung, die neurodiverse Menschen nicht pathologisiert, sondern unterstützt.

ADHS entsteht aus vielen Faktoren und eben genau deshalb brauchen Betroffene, und besonders Kinder, Verständnis, Präzision und Kompetenz. Je besser wir die Ursachen kennen, desto hilfreicher können wir Betroffene und Angehörige begleiten und unterstützen. Gerade in der praktischen Arbeit zeigt sich, dass wer ADHS in seiner Ursache versteht, auch besser seine Möglichkeiten erkennen kann.

Dennis Sültmann Zert. ADHS-Trainer und Fachkraft für Inklusion, ADHS-Beratung Sültmann Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.