Psychotherapie-Symposium, Mannheim – Nachlesen


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Der Weg entsteht beim Gehen
Zur Eröffnung des 38. Psychotherapie- Symposiums in Mannheim von VfP-Präsident Dr. Werner Weishaupt

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Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in der Reihe der Psychotherapie-Symposien setzen wir immer verschiedene Schwerpunkte inhaltlicher und methodischer Art. So standen in den letzten Jahren die Themen "Lebensübergänge und Krisenbewältigung", "Psychotherapie erleben!", "Stress und Stressbewältigung" und zuletzt in Gießen das Thema "Erfolgreich selbständig als Psychologischer Berater und Heilpraktiker für Psychotherapie!" auf unserem Programm.

Daran anknüpfend ist das Thema für unser Herbst-Symposium entstanden, nämlich die Frage: "Welche Methode oder Therapie ist für mich die richtige und eignet sich als Spezialisierung in meiner Praxis?" Habe ich hier die "Qual der Wahl" oder kann ich vielmehr "aus der Fülle schöpfen"?

Diese Frage begegnet uns oft am Service- Telefon des VFP – und dann meist von Kolleginnen und Kollegen gestellt, die eben die "Qual der Wahl" erleben. Es sollen im Laufe der Zeit über 600 Therapie- und Beratungsmethoden entstanden sein – ein wahrlich unüberschaubares Angebot. Dabei zeigt sich natürlich bei näherer Betrachtung, dass immer wieder einfach alter Wein in neuen Schläuchen verkauft wird. In Psychologie und Psychotherapie geht es meist um existenzielle Fragen und exklusive Ansprüche. So wie sich in der Theologie die verschiedensten Konfessionen und Schulmeinungen gebildet haben, so lassen sich ähnliche Phänomene auch in der Psychotherapie finden: Da wird zuweilen erbittert gekämpft, Bewährtes als "überholt" und "unwissenschaftlich" abgewertet, die "Gründerväter" einer Methode werden wie die eigenen Väter überholt und entmachtet und das jeweils Eigene an Erkenntnissen und Differenzierungen wird als etwas "völlig Anderes" oder gar "Revolutionäres" verkauft. Wer sich – um nur ein Beispiel zu nennen – noch einmal in die Schriften Alfred Adlers vertieft, dem Begründer der Individualpsychologie wie auch der öffentlichen Erziehungsberatungsstellen, wird dort Dinge finden, die vor 100 Jahren schon beschrieben wurden und heute als scheinbar ganz neue Ziele unter Bezeichnungen wie "Lösungsorientierung", "Systemorientierung" usw. auftauchen. Wir können und dürfen also sehr wohl prüfen, was sich in der psychotherapeutischen Arbeit bewährt hat und wo nur mit neuen Namen geklingelt wird!

Gleichwohl enthält die Frage danach, welche Therapie oder Methode sich für mich und meine Arbeit als Spezialisierung eignet, die Implikation, dass eine gewisse Spezialisierung notwendig ist. Und das scheint unter verschiedenen Gesichtspunkten auch richtig zu sein:

1. Klienten richtig ansprechen

Der Markt an psychologischen und therapeutischen Dienstleistungen ist so groß, dass die Rat- und Hilfesuchenden schon erkennen können sollten, wo sie wohl mit ihren Anliegen und Problemen am besten aufgehoben sind. Hier "Flagge zu zeigen" mit zwei, drei Stichworten erleichtert dem Laien die Orientierung, auch wenn die Begriffsverwirrung bleibt und nicht selten ja auch uns selbst ergreift. Immer neue Verfahren werden "geboren", immer neue Namen aus der Taufe gehoben, sodass es selbst für Experten schwer ist, den Überblick zu behalten. Für unsere eigene Präsentation spielt es keine große Rolle, ob wir mehr auf die Methoden verweisen, mit denen wir vorrangig arbeiten oder ob wir bestimmte Zielgruppen besonders einladen, sich bei uns aufgehoben zu fühlen, oder ob wir auf besondere Kenntnisse und Fähigkeiten verweisen, die wir aufgrund unserer eigenen Lebensgeschichte und Erfahrung mitbringen. Wir sollten aber darauf achten, uns für den Ratsuchenden verständlich und anziehend auszudrücken und auf eigene Wortschöpfungen, die nur wir selbst verstehen, verzichten.

2. Eigene Erfahrungen berücksichtigen

Keiner von uns kann sich in allen Gebieten gleich gut auskennen, kann alle therapeutischen Interventionsformen gleich gut umsetzen, kann in dem Sinne "Allrounder" sein. Wir sind in unseren Begabungen und Prägungen, Neigungen und Begeisterungen, in unseren Persönlichkeits- und Beratungsstilen zu unterschiedlich, um alles gleich gut abdecken zu können. Auch deshalb ist eine Begrenzung und Spezialisierung sinnvoll. In der Regel ergeben sich bestimmte Schwerpunkte ja auch schon durch das, was wir beruflich vorher gemacht haben, welche Fähigkeiten dort besonders gefordert wurden. Auch wenn viele von uns den alten Beruf mit all seinen Zwängen nur zu gerne hinter sich lassen möchten, lohnt es sich doch, einmal Inventur zu machen im Blick auf das, was wir dort gelernt haben und was uns vielleicht für bestimmte Beratungsaufgaben, Lebensthemen oder Therapiemethoden prädestiniert.

3. Offen und lernfähig bleiben

Jeder von uns bringt darüber hinaus noch verschiedene Erfahrungen mit – sei es aus eigenen psychologischen und therapeutischen Ausbildungen, sei es aus eigenen bewältigten Lebensaufgaben und Lebenskrisen, sei es schließlich aus eigenen Beratungs- und Therapieprozessen. Viele von uns lernen in einem solchen Rahmen bestimmte Methoden als hilfreich kennen und beginnen dann selbst eine Ausbildung oder Spezialisierung in diesem Bereich. Das ist einerseits ein solides Fundament, gerade weil wir hier nicht nur auf theoretische Erkenntnisse, sondern praktische Erfahrungen mit einer Methode zurückgreifen können. Andererseits sollten wir darauf achten, uns hier nicht zu sehr festzulegen und einzuengen. Denn in der Praxis kommen die Klienten in der Regel nicht wegen ganz bestimmter Methoden zu uns, sondern weil sie Unterstützung bei der Bewältigung bestimmter Probleme und Symptome suchen. Und es ist ihnen dabei relativ egal, wie, d. h. mit welchen methodischen Bausteinen wir ihnen diese Unterstützung geben.

Wenn also eine gewisse Spezialisierung notwendig ist: Wie finde ich dann heraus, was für mich persönlich sinnvoll ist? Diese Frage lässt sich meiner Ansicht nach nicht theoretisch beantworten. Ich möchte das deutlich machen anhand von zwei kurzen Beispielen – zum einen anhand von bestimmten Beratungsanfragen beim Verband und zum andern anhand meiner eigenen Beratungslaufbahn.

Kürzlich rief eine Kollegin unser VFP-Servicetelefon an und wollte wissen, ob sie nun lieber eine Weiterbildung in Gesprächpsychotherapie oder in Systemischer Familientherapie machen sollte. Sie hatte schon verschiedene konkrete Angebote vorliegen mit unterschiedlichen Zeiten und Gebühren. Nun erkundigte sie sich, welche Therapierichtung denn wohl am wahrscheinlichsten von den Krankenkassen anerkannt werden würde. Natürlich kann dies auch ein Gesichtspunkt unter vielen sein, wobei die Antwort ihr faktisch kaum weiterhalf, denn vonseiten der gesetzlichen Kassen ist da in Bezug auf beide Therapieformen noch lange kein "grünes Licht" zu erwarten – zumindest dann nicht, wenn sie von Mitgliedern unserer Berufsgruppe, also die psychotherapeutischen Heilpraktiker, durchgeführt werden.

Ansonsten sind diese Therapierichtungen und die dahinter stehenden Menschenbilder so unterschiedlich, dass sie sich kaum vergleichen lassen. Setzt die eine vorrangig am Individuum und seiner emotionalen Entfaltung an, sieht die andere den einzelnen Menschen einschließlich seiner Probleme stets in sein familiäres Umfeld eingebunden und will in erster Linie dieses umstrukturieren, damit alle im System gesund werden und bleiben können. Das heißt: Ich müsste für mich selbst erst einmal klären, ob ich lieber mit einzelnen oder mit Familien und Systemen arbeiten will. Und zu dieser Entscheidung finde ich am besten, wenn ich dazu Erfahrungen sammle – sei es in der Basisausbildung, in einem Schnupperkurs, in einem Praktikum oder bei ähnlichen Gelegenheiten. Ich rate jedem Anfragenden dringend, stets zuerst eine Infoveranstaltung oder ein Einführungswochenende zu besuchen, bevor er sich auf eine Fortbildungsreihe von eins, zwei oder drei Jahren festlegt.

Ich selbst habe meine Beratungslaufbahn als junger Mann mit einer gesprächstherapeutischen Ausbildung begonnen, die mich dazu befähigte, nebenberuflich Mitarbeiter der Telefonseelsorge zu sein. Als ich dann sechs Jahre später in eine Ehe- und Lebensberatungsstelle wechselte, merkte ich bald, dass ich bei manchen Klienten an Grenzen stieß, die allein durch Gespräche nicht zu verändern waren. Ich suchte deshalb nach einer Methode, die tiefere Schichten erreichen konnte und erlernte zunächst die Hypnose. Mehrere Jahre arbeitete ich im Rahmen der Beratungsarbeit mit Elementen der Hypnotherapie. Es ist übrigens fast immer möglich, dass auch die Kollegen, die als Psychologische Berater arbeiten, Elemente aus bewährten Therapieverfahren nutzen dürfen – solange sie mit gesunden Menschen arbeiten und sie dabei unterstützen, Probleme zu lösen und Fähigkeiten zu trainieren.

Vor zwanzig Jahren stieß ich dann auf die Kinesiologie, die nach meiner Erfahrung einen unmittelbaren Zugang zum Unbewussten und zum Körper des Klienten erlaubt und so einen vertieften Dialog ermöglicht. Die kinesiologischen Balancen führen darüber hinaus zu einem Abbau von Stress und Angst und damit zu einem Freisetzen seiner Selbstheilungskräfte, sodass er wieder handlungsfähig wird. Das konkrete Vorgehen mit dieser Methode werde ich ja auch an diesem Wochenende in zwei Veranstaltungen referieren und zeigen.

Lange Zeit ist die Kinesiologie mein Hauptarbeitsinstrument und auch in gewisser Weise das Aushängeschild meiner Praxis gewesen. Am Anfang kamen etwa 30% der Klienten wegen der Kinesiologie, inzwischen sind es etwa 70%, nicht zuletzt weil diese Methode inzwischen insgesamt bekannter geworden ist. Mein eigenes Interesse und der Wunsch, meinen Klienten noch besser und erfolgreicher helfen zu können, hat mich trotzdem immer weiter geführt, sodass ich inzwischen viele ergänzende Methoden erlernt und integriert habe, wie z.B. die Mentalfeldtherapie, die Familentherapie und auch die Familienaufstellungsarbeit.

Im Rückblick wird dabei erkennbar: Der Weg entsteht beim Gehen – und er hört nie auf! Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, haben sich schon auf den Weg gemacht. Schauen Sie noch einmal zurück – und dann nach vorn:

Was bringen Sie schon mit?

Was passt zu Ihrem Typ? Was ist nicht Ihr Ding?

Was hat sich für Sie als hilfreich erwiesen?

Wo konnten Sie bereits wem bei welchen Problemen mit welchen Methoden hilfreich sein?

Worauf sind Sie neugierig, was könnte Sie selbst auch persönlich weiterbringen?

Was möchten Sie als Nächstes erkunden und integrieren?


Stellen Sie sich doch einmal vor – und wenn Sie mögen, können Sie die Augen dazu für einen Moment schließen – dass Sie Ihr Ziel schon erreicht haben. Sie haben die Schwerpunkte für sich gefunden, die zu Ihnen passen und mit denen Sie die richtigen Klienten in ausreichender Zahl anziehen. Und nun schauen Sie zurück: Was hat Ihnen geholfen, dort anzukommen? Welche Fähigkeiten und Erfahrungen haben Sie genutzt? Welche Ausbildungen oder anderen Erfahrungen waren für Sie nützlich?

Mit diesem positiven Ausblick möchte ich Sie ermutigen, sich im Rahmen dieses Symposiums durch die verschiedenen Veranstaltungen neue Perspektiven zu verschaffen. Wir stellen ja hier unterschiedlichste thematische Schwerpunkte und methodische Ansätze durch jeweils kompetente Praktiker vor. Und nutzen Sie zugleich die Gelegenheit, sich untereinander auszutauschen – über Ihre eigenen Lern- und Entwicklungswege und Ihre schon vorhandenen Methodenkompetenzen.

Erweitern Sie Ihren Vorstellungshorizont, denn: Wenn ich keine konkreten Vorstellungen habe, habe ich die Qual der Wahl. Gewinne ich aber Vorstellungen und Erfahrungen, schöpfe ich aus der Fülle.

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