Jetzt! Kein Ort! Und keine Zeit!

©AntonioguillemIch hoffe, es geht Ihnen soweit gut und Sie haben die vergangenen Wochen und Monate, die das Leben aller Menschen weltweit im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf gestellt haben, so gut es Ihnen möglich war durch- und überstanden. Es ist ehrlich gesagt recht schwer, die richtigen Worte zu finden für diese „andere“ Zeit.

Für die meisten war es eine immense Herausforderung und Doppelbelastung, die sämtliche Bereiche unseres Lebens betroffen hat, und viele Menschen haben Situationen erlebt und erleben sie immer noch, die keiner dem anderen wünscht.

Ich habe aber auch schon festgestellt, dass diese schwierige Zeit die Perspektive auf das Leben im Allgemeinen verändert hat. In der Zeit, in der die Welt „stillstand“, sind vielleicht Themen an die Oberfläche gekommen, die durch den Trubel und die Hetze des Alltags im Verborgenen geschlummert haben und zugedeckt waren – Schönes oder aber auch weniger Schönes. Alles, wofür die Zeit jetzt da war oder dessen Zeit gekommen ist?!

Und diese Möglichkeit der Blickwinkelveränderung lässt viele Dinge, die infrage gestellt, durcheinandergeworfen oder kaputt gemacht wurden, auch als Chance sehen, die bekanntlich in jeder Krise steckt.

Es sind auch viele neue Dinge ge- und erschaffen worden, die man für unmöglich gehalten hat. Plötzlich war vieles möglich und notwendig!

Der Knackpunkt ist es meiner Meinung nach immer, dieser Option eine Chance einzuräumen und sie zu erkennen. Wie im Sport, wo die Medaille zwei Seiten hat!

Ich wünsche mir, dass viele Menschen mindestens eine Sache mitgenommen haben, die ihr Leben bereichert hat. Es müssen nicht immer die großen Dinge sein. Es kann auch einfach „nur“ die Zeit mit der Familie, mit den Kindern oder für sich selbst sein, die auf einmal da war und ist und die ich mir oftmals gewünscht habe.

Jetzt ist sie auf einmal da – die Zeit! Was nehmen Sie mit?

Und doch ist es immer die eigene persönliche Einstellung zum Leben, die einem hilft, mit solchen extremen Herausforderungen klarzukommen und das Glück vielleicht nicht nur im Außen zu suchen, sondern im Inneren – sich an den kleinen alltäglichen und selbstverständlichen Dingen zu freuen.

Sei es die kuschelige Bettdecke, die ich auf meiner Haut spüre und die mir ein Gefühl von Geborgenheit schenkt, bevor ich aufstehe. Oder die erste Tasse Kaffee am Morgen, die ich bewusst genieße und nicht einfach nur als „Kick“ zum Aufwachen brauche.

Wie bewusst nehme ich meinen Weg zur Arbeit wahr? Wie nehme ich meinen Mitmenschen wahr? Es gibt so vieles, was Sie entdecken können!

Was ist für Sie alltäglich und selbstverständlich?

Öffnen Sie Ihre Augen immer wieder von Neuem für diese alltäglichen Dinge und erkennen sie den Wert darin. Das bringt tiefe Freude in Ihr Leben. Jedem Tag Ihres Lebens die Chance zu geben, der beste Ihres Lebens zu sein, ist ein wunderbares Motto. Wie kann das gelingen?

Alle Menschen bekommen jeden Tag 24 Stunden Zeit geschenkt. Zeit zu leben, zu arbeiten, zu lachen, zu lesen, zu zählen ...

Diese Zeit läuft stetig in eine Richtung, die wir als Zukunft oder als morgen bezeichnen. Die gelebte Zeit wird zu unserer Vergangenheit, unserem Gestern.

Und genau dazwischen liegt das Jetzt.

Denn alles, was wir gestern erlebt haben oder morgen erleben werden, findet immer in der Gegenwart statt. Also im Moment.

Jede unserer etwas 100 Milliarden Gehirnzellen lebt ganz und allein in der Gegenwart. Denn die Signale, die über die Gehirnzellen in Form von chemischen Reaktionen oder elektrischen Impulsen ausgesendet werden, feuern immer sofort.

Genau so, wie Sie jetzt atmen ... und jetzt wieder ...

Die Zeit ist eine Orientierungshilfe für uns Menschen, genau so wie der Raum, in dem wir uns befinden. Jeder Tag besteht aus unendlich vielen aneinandergereihten Momenten, von denen wir viele selbst bestimmen bzw. auf die wir angemessen reagieren können. Nehmen Sie sich jetzt einen kurzen Moment Zeit, drücken Sie die P-AUS-E-Taste, halten Sie inne und nehmen Sie wahr, was gerade ist. Seien Sie offen und neugierig und fragen Sie sich innerlich: „Bin ich gerade ganz beim Lesen oder lese ich und denke ich schon wieder an etwas anderes?“

Die Menschen verlieren sich oftmals darin, mehr in der Vergangenheit zu leben, bedauern längst Vergangenes, wiederholen Fehler, halten an alten Gewohnheiten oder Konditionierungen fest und blockieren somit den gegenwärtigen Moment und verpassen das bewusste Er-Leben.

Auch die ständige Projektion in die Zukunft stellt eine Form der Unwirklichkeit dar, wenn wir darüber fantasieren, was wäre wenn, was könnte alles passieren ...?

Das bedeutet aber nicht, dass es nicht dann und wann auch von Nutzen sein kann, in die Vergangenheit oder die Zukunft zu reisen, wenn ich mir z. B. Ressourcen in Form von guten Gefühlen wieder zurückholen oder mich auf mein Leben ausrichten möchte.

©AntonioguillemEntscheidend ist, dass ich mir bewusst bin, dass ich es im Moment gerade tue. So wird der gegenwärtige Moment zum inneren Kompass.

Immer wieder lesen und hören wir von „carpe diem“ und „Leben im Hier und Jetzt“.

Mittlerweile schon eine weitverbreitete Floskel und oft leichter gesagt als getan. Was verbirgt sich dahinter und wie ist es mir in meinem Leben möglich, dieses Hier und Jetzt zu leben?

Für Kinder gibt es nur das Jetzt. Immer wollen sie jetzt – sofort und gleich – dies und das haben, erleben, sein ...

Ein Verschieben und Versprechen auf spä- ter und nachher gilt nicht. Denn dann hat der Zauber, den dieses „genau JETZT“ für sie bedeutet, seinen magischen Moment verloren. Für die Kinder gibt es (noch) kein Gestern und kein Morgen in dem Sinne, wie es für uns als Erwachsene gilt. Kinder leben hier und jetzt und machen sich keine sorgenvollen Gedanken über das Vergangene geschweige denn über das, was in weiter Ferne liegt.

Getreu dem Motto des Dalai Lama:

„Es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen man nichts tun kann. Der eine ist gestern, der andere morgen. Dies bedeutet, dass heute der richtige Tag zum Lieben, Glauben und in erster Linie zum Leben ist!“

Und es ist den Kindern sehr zu wünschen, dass es lange so bleibt und sie das Leben unbeschwert genau im Moment erleben und genießen dürfen. Bestmöglich ihr ganzes Leben lang. Und natürlich ist das auch ein Wunsch für uns große Kinder, diesen Zustand so oft wie möglich tagtäglich zu erleben und/ oder wieder zu erlernen.

Das Jetzt ist kein Ort und keine Zeit.

Es ist ein Zustand der Stille und Ruhe. Wenn das Gedankenkarussell Pause macht und wir ganz bei uns sind und uns wahrnehmen mit unseren Sinnen – uns vom Außen ins Innen zurückziehen.

Das Leben in unserer heutigen Zeit sieht so aus, dass wir mit dem Denken kaum mehr aufhören können und die P-AUS-E-Taste zu selten bedienen. Ja warum nur?

Vielleicht aus Angst, wir könnten etwas verpassen, etwas nicht rechtzeitig schaffen oder warum auch immer ...?

Wenn das Bewusstsein nach außen gerichtet ist, dann entsteht das Denken. Wir merken oft schon gar nicht mehr, dass unserem Verstand vor lauter Denken schon ganz schwindelig geworden ist. Wir machen immer weiter und weiter ...

Es ist gut und wichtig, einen Verstand zu haben, der uns hilft, zu denken und unser Leben zu gestalten. Doch über 90 % unserer Gedanken, die täglich durch unseren Kopf schwirren, sind immer die gleichen. Und wenn wir uns einmal in verschiedenen Situationen ganz ehrlich fragen, was uns der eine oder andere Gedanke wirklich gebracht hat, dann kommen wir oftmals zu der Antwort: „NIX!“

Deswegen ist es entscheidend und wichtig, unseren Verstand gezielt einzusetzen und ihn danach aber wieder in die Pause zu schicken, wenn er seinen Dienst geleistet hat für die Sache, die wir ihm in Auftrag gegeben haben. Er sollte unser Dienstleister sein und nicht den Chefsessel übernehmen und an allen Rädchen gleichzeitig herumdrehen ... (wenn er nicht gefragt wurde!)

Doch wo finde ich überhaupt die P-AUS-E-Taste und wie bediene ich sie?

Sie liegt in unserem Innern, im Raum der Stille, und wartet darauf, von mir gefunden zu werden.

Ich lade Sie nun zu einer kleinen Übung ein:

Schließen Sie Ihre Augen und nehmen ein paar tiefe Atemzüge. Atmen Sie tief durch die Nase ein und nehmen Sie wahr, wie die Atemluft Ihre Lungen und Ihren Bauchraum füllt und Sie belebt.

Halten Sie kurz inne und atmen dann ganz bewusst und langsam durch Ihren Mund wieder aus. Lassen Sie alles los, was gerade in diesem Moment raus will. Ihre Konzentration liegt nur auf der Atmung ... Einatmen und Ausatmen ... nichts anderes. Sie werden geatmet. Das Atmen ist ein Geschenk.

Und nun stellen Sie sich vor, wie Sie Beobachter/-in Ihrer selbst sind und spü- ren in Ihren Körper hinein. Wie fühlt er sich an? Was nehmen Sie wahr? Hören Sie (in) dieser Stille einfach mal zu ...

Vielleicht nehmen Sie körperliche Empfindungen wahr, vielleicht tauchen auch Bilder oder Gefühle vor Ihrem inneren Auge auf. Ganz egal, was Sie wahrnehmen. Es ist Ihr Gefühl und genau so richtig, wie Sie es im Moment empfinden.

Es ist die Magie des Augenblicks, der Moment, in dem Sie ganz bei sich sind und dadurch den Zugang zum Jetzt gefunden haben. Genau da findet Ihr Leben statt!

Nur dort! In Ihnen drin! Genießen Sie diese wunderbare Auszeit noch ein paar Momente und öffnen Sie dann wieder sanft Ihre Augen.

Willkommen zurück!

Das JETZT kann man nur fühlen, wenn das Gedankenkarussell und der bewertende oder gar verurteilende Verstand stillsteht. Wenn kein Gestern und kein Morgen da ist, sondern die Aufmerksamkeit nur in diesem einen Moment liegt und Sie präsent sind.

Im Englischen bedeutet Gegenwart Geschenk und auf Deutsch übersetzt erhalten Sie in Ihrer Präsenz ein Präsent. Wunderbar und schön zugleich, wenn man sich so einfach beschenken lassen kann.

Viele Menschen wünschen sich mehr Zeit für dies und das und lassen so viele Gelegenheiten im Alltag ungenutzt verstreichen, Präsenz und Achtsamkeit als genau „die Zeit für sich“ zu nutzen.

Sich bewusst zu machen, was ich gerade in diesem Moment tue, denke und fühle, ist ein großes Geschenk und die Kunst, in der das Geheimnis innerer Zufriedenheit liegt. Hier findet das Leben statt – das Gestern ist passé und das Morgen noch nicht da.

Dort tauchen wir ein in den Zauber dieses magischen Momentes, in dem ich nur lese, nur esse, nur lache ... und nichts anderes mache.

Es gibt ein wunderbares Lied von Gerhard Schöne mit dem Titel „Menschenskind“, in dem diese Botschaft toll verpackt ist. Die Herausforderung liegt hier in der Einfachheit und nicht in der Komplexität.

Genau so wie es uns die Kinder vormachen. Sie machen das, was sie gerade machen, mit voller Hingabe und Freude und zwar genau im JETZT!

Und je öfter ich mich in diesen Zustand des JETZT bringe, umso häufiger und länger kann ich in diesem Raum der Stille verweilen, auftanken und meine mir geschenkte Zeit vollkommen ausschöpfen.

Das ist „qualitytime!“

Lassen Sie es auf den Moment ankommen. Ohne Kampf und ohne Krampf! Ohne Bewertung und Verurteilung. Nur indem Sie sind! So öffnen Sie die Tür für Leichtigkeit, Freude und Zufriedenheit und die Energie fließt ohne Widerstand.

„Panta rei!“– alles fließt. Das wussten schon die alten Griechen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen heute einen wunderschönen Tag mit vielen JETZT-Momenten, die Ihnen zeigen, wie kostbar und glänzend Ihr Leben ist, wenn Sie es mit all dem, was Sie als Mensch, als DU und ICH, in Liebe und Wertschätzung erfahren und zulassen! Nicht morgen, nicht gestern, genau JETZT, in diesem Moment, in dem Sie dieses Wort lesen.

Simone HauswaldSimone Hauswald
Dipl.-Mentalcoach (CH), Biathlon-Weltmeisterin
und -Medaillengewinnerin bei Olympischen Spielen 

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Fotos: ©Antonioguillem

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