Fallstudie: Arbeitsintegration durch Psychotherapie

©KrakenimagesAnamnese

Boris ist gelernter Wirtschaftsingenieur. Ein Burnout vor 15 Jahren hat seine berufliche Entwicklung abrupt unterbrochen. Auslöser: Eine von ihm gestaltete Projektpräsentation wurde von der Chefsekretärin verändert und als ihr Werk herausgegeben. Das hat ihn völlig aus der Bahn geworfen. Nach drei Monaten Krankheit erhielt er den Auflösungsvertrag. Das führte über eine tiefe Depression direkt in Hartz IV. Nur gelegentliche Nebenjobs unterbrechen diesen Bezug. In dem danach folgenden Zeitraum von 15 Jahren ist der Klient immer wieder in ärztlicher Behandlung.

Konkret: eine sechswöchige Therapie in einer Tagesklinik sowie eine sechswöchige stationäre Therapie. Eine vor acht Jahren erfolgte berufliche Rehabilitationsmaßnahme bleibt wegen häufiger Fehlzeiten erfolglos. Eine jetzt von der Rentenversicherung finanzierte Maßnahme zur beruflichen Wiedereingliederung wurde von dem Träger (diakonische Institution) ebenfalls wegen hoher Fehlzeiten abgebrochen. Es gibt aber noch eine Option: Boris kann die Maßnahme weiterführen und abschließen, wenn er eine erfolgreiche Therapie nachweist.

In unserem Vorgespräch erklärt der Klient: „Ich möchte mein Leben jetzt gestalten“.

Boris kommt mit großer Traurigkeit, aber auch optimistisch in meine Praxis. Wenn er von der Vergangenheit erzählt, weint er häufig. Er lebt allein. Das war nicht immer so. Im Alter von 17 bis 23 hatte er seine wichtigste Beziehung, die aber von der Partnerin aufgegeben wurde. Ihre Eltern waren mit ihm nicht einverstanden. „Das spukt immer noch in meinem Kopf herum. Die Trennung hat mich sehr getroffen“.

Er hat eine jüngere Schwester, die sich langsam der ganzen Familie entzieht. Sie verbietet ihm den Kontakt zu ihren Kindern, seinen Neffen. Das belastet Boris sehr, denn er hatte immer ein gutes Verhältnis zu ihnen. Die Beziehung zu seinen Eltern ist gut und auch gleichwertig. Sie haben ihm aber immer alles abgenommen und sind insoweit auch ein Stück weit für eine wenig ausgeprägte Selbstständigkeit verantwortlich.

1982 (Boris ist 13 Jahre alt) erkrankte sein Vater schwer an Tuberkulose, es hieß: „Er wird sterben“. Das belastete ihn schwer. Aber der Vater erholte sich.

Vier Jahre später zog die Familie wegen einer beruflichen Veränderung des Vaters von Kiel nach Hamburg. „Alle Freunde waren weg, das war ein Knacks“.

2008 erleidet Boris das erste Mal eine Panikattacke. Er entwickelt Zwangshandlungen, er hat Probleme in Räumen mit mehr als zehn Menschen, öffentliche Verkehrsmittel meidet er. Für die psychischen Probleme hatte sein Vater nie Verständnis. „Du musst dich zusammenreißen“ war sein Kommentar. Erst nachdem er selbst vor vier Jahren eine Panikattacke hatte, wächst das Verständnis.

Verdachtsdiagnose – Therapieziele

  • Agoraphobie mit Panikstörung
  • Bearbeitung belastender Bilder
  • Dysthymia
  • Stärkung des Selbstbewusstseins
  • Absetzen der Antidepressiva

Therapie

Die Behandlung erfolgt mittels Gesprächstherapie und Therapie in Trance. Trancezustände ermöglichen den direkten Zugriff auf lange zurückliegende Ereignisse und entsprechende Bilder des Klienten. Belastende Ereignisse können so mittels einer bestimmten Technik gelöscht, positive Ereignisse dauerhaft verankert werden. Die Einleitung in den Trancezustand erfolgt über eine sehr vage Sprache, die den Zustand der Ruhe und Entspannung einleitet und der Fantasie des Klienten Raum lässt.

©KrakenimagesEin konkretes Beispiel aus der 1. Sitzung

Es gibt ein belastendes Bild aus der Vergangenheit des Klienten. Boris ist 13 Jahre und besucht seinen Vater in der Lungenklinik. Mit seiner Schwester steht er vor dem Krankenhaus. Der Vater winkt ihnen vom Fenster der Isolierstation zu. In einem Trancezustand wird der Klient in diese Erinnerung hineingeführt. Er hält dieses Bild fest und gibt ihm einen Rahmen in einer Farbe, die er nicht mag (Rosa). Dieses Bild hängt er in Gedanken an eine Wand in seiner Wohnung und lässt es so weit zusammenschrumpfen, bis er nur noch einen rosa Punkt sieht. Dann lässt er den Punkt verschwinden.

Die Verankerung eines positiven Bildes erfolgt technisch auf die gleiche Art und Weise. Das Bild bekommt aber einen Rahmen in der Lieblingsfarbe des Klienten. Dann gestaltet er das Bild: Er lässt es so groß werden, wie er möchte. Er gibt dem Bild Helligkeit und Farbe.

1. Sitzung

Boris bekommt einen Ruheanker durch eine selbst ausgewählte Situation der Ruhe und Entspannung. Diesen Ruheanker kann er künftig in jeder Situation auslösen, wenn er unruhig wird. Ich selbst kann den Anker in therapeutischen Sitzungen auslösen, wenn Boris bei der Bearbeitung von Erlebnissen unruhig wird.

Ein belastendes Bild aus seiner Vergangenheit wird – wie unter „Therapie“ beschrieben – gelöscht.

Boris berichtet von Zielen. Nächstes Wochenende wird die Wohnung aufgeräumt. Wir haben jetzt November. Im Januar möchte er die Maßnahme zur Wiedereingliederung bei der diakonischen Institution fortführen.

2. Sitzung

Boris geht es deutlich besser. Er geht öfter raus. Die Antriebsstörung ist besser geworden. Der Ruheanker funktioniert. Wir besprechen differenziert die therapeutischen Interventionen der nächsten Sitzung.

3. Sitzung

Ein positives Bild zu seiner ehemaligen Freundin wird verankert und vergrößert. Sie sitzen am Bahnhof und warten auf den Zug, der die Freundin nach Hause bringt. Das Aufräumen der Wohnung ist größtenteils erledigt. Es sieht schon gut aus. Boris vertraut mehr auf sich selbst.

4. Sitzung

Boris kommt mit seiner Freundin aus der Disco. Sie trägt eine graue Daunenjacke und einen orangen Schal und sagt zu ihm: „Wir müssen uns mal eine Zeit lang nicht sehen“. Dieses Erlebnis wird gelöscht.  Eine andere belastende Situation: Sein Chef steht bei ihm im Büro und sagt: „Was hast du für einen Scheiß gemacht?“ Das Bild wird ebenso gelöscht.

Es gibt neue Erkenntnisse. Nach Meinung seiner Eltern ist Boris kommunikativer geworden. Er war mit seinem Neffen im Theater und hatte keine Panikattacke. Momentan hält Boris sich nicht für depressiv, seine Grübelneigung ist gering.

Die Kommunikation zwischen der diakonischen Institution (zur Wiedereingliederung) und der Rentenversicherung ist ins Stocken geraten und läuft nicht gut. Ich lasse mich mit entsprechenden Vollmachten ausstatten und vermittle zwischen dem Träger der Wiedereingliederung und der Rentenversicherung. Gegenüber der diakonischen Institution gebe ich eine psychotherapeutische Bewertung zu Boris ab.

5. Sitzung

Die Grundhaltung von Boris ist positiv. Er nimmt nach Absprache mit dem Arzt keine Antidepressiva mehr. Die gelöschten und belastenden Bilder sind weg, die Grübelneigung ebenso.

Bildlöschung einer Situation, die 13 Jahre zurückliegt: Der Klient sitzt im Wohnzimmer seiner Eltern. Er ist psychisch angeschlagen. Sein Vater sagt: „Du musst dich mehr zusammenreißen“.

6. Sitzung (Therapieende)

Boris hat seine Tätigkeit in der diakonischen Institution wieder aufgenommen. Er ist motiviert. Den Ruheanker nutzt Boris regelmäßig. Ich verankere bei ihm ein positives Bild aus einer früheren Arbeitssituation.

Fazit

Boris geht es gut. Er hat das Gefühl, dass er konstant und gefestigt ist. Mit seiner Arbeit und seinem Arbeitsumfeld fühlt er sich wohl.

Dieser Fall wirft unmittelbar die Frage auf, wie weit das Engagement eines nicht ärztlichen Psychotherapeuten gehen sollte. Im Bewusstsein eines jeden Behandlers ist sicherlich, dass psychische Belastungen die Alltags- und Kommunikationskompetenz erheblich einschränken können.

Es war hier aber ein leichtes Spiel, mit Vollmachten gegenüber den Verantwortlichen zu intervenieren und einer ganzheitlichen positiven Entwicklung die Richtung zu geben. Der Blick über den Tellerrand hinaus lohnt.

Hilfreich war die hohe Motivation von Boris selbst. Er hatte sehr intensiv und verlässlich an sich gearbeitet. Seine Motivation und sein Veränderungswille waren hoch. Das hatte ihm sehr geholfen. Boris hatte zudem die große Bereitschaft, sich seiner Vergangenheit zu stellen und die belastenden Themen zu bearbeiten.

Rainer Wieckhorst Rainer Wieckhorst
Heilpraktiker für Psychotherapie, Experte für Angst- und Panikstörungen, Kommunikationsexperte, Publizist, Therapiepraxis Balance-Concept, Reinbek

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Fotos: ©Krakenimages

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