Wohin mit meinen Gefühlen? Emotionsregulationsstrategien bei Jugendlichen

©GraphicroyoltyWenn man die Nachrichten der letzten Monate regelmäßig verfolgte, konnte man feststellen, dass es unseren Kindern und Jugendlichen scheinbar nicht mehr so gut wie noch vor zehn Jahren geht. So wurde ermittelt, dass z. B. jedes vierte Kind in Bayern unter starken psychologischen Auffälligkeiten leidet. Am häufigsten sind dabei die Depressionen und Angststörungen vertreten (Kinder- und Jugendreport der DAK, 2019).

Wie kommt es zu solchen Zahlen?

Die Ursachen dafür sind mannigfach: Zunahme des (schulischen) Stresses, Pluralisierung der Familienformen und fehlende familiäre sowie schulische Unterstützungssysteme. Was in diesem Zusammenhang immer wieder genannt wird und auch in der psychologischen Praxis vermehrt auffällt, ist die Tatsache, dass viele Jugendliche nicht mehr in der Lage sind, ihre Emotionen richtig zu identifizieren, zu differenzieren und vor allem situationsangepasst zu regulieren.

Begriffsklärung

Generell muss man zunächst die wichtigsten Begriffe operationalisieren. Sehr häufig werden im Alltag die Begriffe „Stimmung“, „Gefühl“ und „Emotion“ synonym verwendet, was aber aus psychologischer Perspektive wenig sinnvoll erscheint. Emotionen sind komplexe Muster von Veränderungen unserer physiologischen Erregung, des Gefühls, der Kognitionen und unseres Verhaltens. Sie treten als kurze Reaktion auf individuell bedeutsame Situationen auf und das mit einer hohen Intensität. Gefühle wiederum entstehen durch Bewertung von Ereignissen (z. B. dieser Hund bedeutet Gefahr) und sind somit eng mit den Kognitionen verbunden. Stimmungen sind im Vergleich zu den Emotionen lang anhaltend und weniger intensiv. In der Regel stellen sie keine Reaktion auf ein spezifisches Ereignis dar.1)

Die Funktion der Emotionen besteht vor allem darin, dass sie eine schnelle Einschätzung der gegenwärtigen Situation ermöglichen und uns wichtige Informationen über unsere aktuellen Bedürfnisse geben. Man kann dieses System gut mit der Motorleuchte im Auto vergleichen: Wenn diese aufleuchtet, ist das ein Signal dafür, dass etwas mit dem Fahrzeug nicht stimmt.

Diese Fähigkeit zu erlernen, Emotionen wie Ängste, Ärger oder Wut zu identifizieren und auch zu regulieren, ist eine zentrale Entwicklungsaufgabe der Kindheit und der Jugend. Die Regulation von Emotionen ist kein Selbstläufer und muss von Anfang an geschult werden. Kinder müssen lernen, zwischen dem, was sie selber und was andere fühlen, zu unterscheiden. Zu dieser Entwicklung gehört auch der Erwerb der Fähigkeit, Gefühle in Worten und Symbolen auszudrücken, sie zuzulassen und zu akzeptieren.

Die höchste Form bildet die „Theory of Mind“, Bewusstseinsvorgänge, wie Gefühle, Bedürfnisse usw. in anderen Menschen nachvollziehen zu können. Dieser Lernvorgang findet z. B. statt, wenn die Mutter mit ihrem Kind, das im Kinderwagen liegt, regelmäßig spricht und somit durch Gestik und Mimik unmittelbar eine affektive Antwort auf das gezeigte Verhalten liefert. Diese Ergebnisrückmeldungen der gezeigten Emotionen brauchen Kinder bis weit in die Adoleszenz hinein. Besonders in der Pubertät findet eine sehr starke, grundlegende Veränderung der ICH-Struktur des Jugendlichen statt. Die Jungen und Mädchen sind hin- und hergerissen, was sie sind bzw. was sie sein wollen („PEER-Zugehörigkeit“, Geschlechtlichkeit usw.) und daher sind Orientierungspunkte wie die konsequente und stetige Ergebnisrückmeldung z. B. auf aggressives Verhalten im häuslichen Setting sehr wichtig.

©vovanExkurs: Pubertät ist nicht gleich Adoleszenz

Als Pubertät wird die Zeit der körperlichen Veränderungen bezeichnet, die den Körper eines Kindes in den Körper eines Erwachsenen verwandeln, ihn zur Fortpflanzung befähigen. In der Regel findet dieser Vorgang im Zeitraum zwischen dem 10. und 12. Lebensjahr statt. Mädchen können stellenweise um bis zu zwei Jahre früher als die Jungen in die Pubertät kommen. Als Adoleszenz wird die Entwicklungsperiode bezeichnet, die mit der Pubertät beginnt, aber zeitlich weit über diese hinausgeht. Sie umfasst in etwa den Zeitraum vom 10. bis zum 20. Lebensjahr. Man kann diese Zeit als Übergangsstadium von der Kindheit bis hin zum vollen Erwachsensein bezeichnen.

In der Psychologie wird generell zwischen angemessenen (adaptiven) und nicht angemessenen (maladaptiven) Emotionen und den dazugehörigen Strategien unterschieden. Das Wort „adaptiv“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet etwa „hilfreich bei der Anpassung“. Sowohl Emotionen als auch Verhaltensweisen bzw. Strategien können adaptiv sein. Dies bedeutet, dass diese uns helfen, in der aktuellen Situation gut zurechtzukommen, zu bekommen, was wir wirklich brauchen, und möglichst wenig Schaden zu erleiden.

Darunter fallen Strategien wie problemorientiertes Handeln, Situationen zu akzeptieren oder die (kognitive) Umbewertung (z. B. „Das Problem ist doch gar nicht so schlimm.“). Emotionen und Verhaltensweisen sind unangemessen (maladaptiv), wenn sie in der jeweiligen Situation nicht nachvollziehbar sind und der betreffenden Person große Nachteile bringen. Darunter fallen Strategien, wie bspw. die Selbstabwertung, der (soziale) Rückzug, Verlust des Glaubens an sich selbst oder aggressives Verhalten.2

Psychologische Diagnostik

Die Grundlage für jede therapeutische Arbeit mit Klienten bzw. Patienten bildet die psychologische Diagnostik. Neben der Basiskompetenz des explorativen Anamnesegesprächs können auch projektive Verfahren, wie der Satzergänzungstest nach Rotter oder auch der Rorschachtest verwendet werden, um Rückschlüsse auf die emotionale Stabilität des Patienten sowie die dazugehörigen Bewältigungsstrategien zu ziehen. Alternativ kann auch ein standardisiertes Verfahren, wie der Fragebogen zur Erhebung der Emotionsregulation bei Kindern und Jugendlichen (FEEL-KJ) verwendet werden.

Dieser Fragebogen erfasst anhand von 30 Items die Bewältigung des Erlebens negativer Emotionen (Angst, Ärger und Trauer). Hier werden neben den adaptiven Bewältigungsstrategien, wie problemorientiertes Handeln (Beispielitem: „Versuche ich selber, das Beste aus der Situation zu machen“), Stimmung anheben (Beispielitem: „Denke ich über Dinge nach, die mich glücklich machen“) oder Akzeptieren (Beispielitem: „Mache ich das Beste daraus“), auch die maladaptiven Strategien, wie Aufgeben (Beispielitem: „Mag ich nichts mehr tun“), aggressives Verhalten (Beispielitem: „Fang ich mit anderen Streit an“) oder Rückzug (Beispielitem: „Will ich niemanden sehen“), erfasst.

©Africa StudioTypische Geschlechtsunterschiede und ihr Zusammenhang mit Krankheitsbildern

Anhand von zahlreichen hermeneutischen und empirischen Studien weiß man, dass Emotionsregulationsstrategien stark mit psychiatrischen Krankheitsbildern korrelieren1), 2), 3).

So gehen die ersten Befunde auf psychoanalytische Erkenntnisse zurück, dass neurotische Verhaltensstörungen, wie Angst- und Zwangsstörungen sehr häufig mit einer defizitären Struktur des ICHs einhergehen4), 5). Im Laufe der Zeit wurden zudem gendertypische Verhaltensweisen im Umgang mit Stress, Ärger oder Wut bei Jungen und Mädchen postuliert.

So neigen Mädchen bei starken Emotionen tendenziell mehr zum Internalisieren, wie sozialer Rückzug oder kognitives Beschäftigen („Grübeln“). Diese Strategien haben das Problem, dass sie zu den klassischen neurotischen Störungen führen. Als Ressource kann man aber feststellen, dass Mädchen wiederum eher zur Inanspruchnahme von sozialer Unterstützung neigen – wenn sie mal den Teufelskreis verlassen haben – und somit auch (professionelle) Hilfe in Anspruch nehmen.

Jungen neigen generell mehr zur Externalisierung, was tendenziell mit mehr aggressiven und oppositionellen Verhaltensweisen einhergeht2), 6). Da sich die geschlechtstypischen Emotionsregulationsstrategien häufig in der Adoleszenz manifestieren, bleiben diese bis ins Erwachsenenalter relativ stabil.2), 7)

Interventionen

Als Methode im pädagogischen und psychologischen Alltag haben sich die Module des „Auctoritas-Model“6) bewährt. Dieser Ansatz ist eine beziehungsorientierte Interventionsmethode, die schwerpunktmäßig bei aggressivem Verhalten bei Kindern und Jugendlichen angewendet wird. Die basalen Elemente dieses Ansatzes lassen sich leicht modifiziert auch bei allgemeinen Defiziten der Emotionsregulation anwenden, weil diese Methode die elementaren psychologischen Grundbedürfnisse eines jeden Menschen anspricht8). Welche Module beinhaltet dieser Ansatz:

Der erste Schritt ist der therapeutische Beziehungsaufbau mit Wertschätzung, Akzeptanz und kongruentem Verhalten gegenüber dem Klienten. Man sollte ihm das Gefühl geben, dass man für ihn da ist und sich Zeit nimmt. Diese Atmosphäre bildet den Grundstein für die Therapie. Sobald dieser Grundstein gelegt ist, gelingt der weitere „Bau“, also die Durchführung der eigentlichen Maßnahmen, müheloser.

Der zweite Schritt ist die Steigerung des Selbstwerts und des Selbstvertrauens, weil doch sehr viele Klienten, die unangepasste Bewältigungsstrategien im Alltag anwenden, in diesen Bereichen Defizite aufweisen. Mit einer Steigerung des Selbstvertrauens geht auch die optimistische Grundhaltung, durch das eigene Tun an der Situation etwas ändern zu können („Selbstwirksamkeit“), einher.

Der dritte und letzte Schritt bildet die konkrete Strategievermittlung. Hier stehen den Therapeuten sehr viele Möglichkeiten zur Auswahl, Klienten/Patienten angemessene adaptive Kompetenzen zu vermitteln. Wichtig ist in diesem Zusammenhang das Wissen, wo konkret die Problemfelder liegen (z. B. durch eine umfangreiche Diagnostik oder auch das Wissen um die gendertypischen Strategien). Übungen wären z. B. das „konstruktive Grübeln“ („Auf einen Zettel Ideen aufschreiben, die für die Lösung des Problems hilfreich sind.“) einzustudieren, um den nächtlichen Grü- belkreislauf zu durchbrechen. Bei kompensatorischen Verhaltensweisen, wie bei fremdgerichteten Aggressionen, haben sich sog. Skills (wirksame Methoden gegenüber innerer Anspannung mit nicht schädlichem Charakter) bewährt, wie die Benutzung eines Wutballes in Stresssituationen.

Anmerkung

Gerade bei Schülern hat sich meiner Erfahrung nach auch der Weg über den Vertrauenslehrer oder den hiesigen Schulpsychologen bewährt, weil diese den Schülern meistens bekannt sind, und dieser Weg für ein Kind u. U. nicht mit einer Stigmatisierung verbunden wird, wie es beim Gang zum Psychotherapeuten von Schülern häufig vermutet wird.

Literatur

1) Mentzos, S.: Neurotische Konfliktverarbeitung: Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main, 1989
2) Schmitz, A.-K., Vierhaus, M. und Lohaus, A.: Geschlechtstypische Unterschiede und geschlechtstypische Erwartungen beim Einsatz von Bewältigungsstrategien und ihre Zusammenhänge zum Problemverhalten von Jugendlichen. Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 20(1), 13–21, 2012
3) Hampel, P. und Petermann, F.: Perceived stress, coping, and adjustment in adolescents. Journal of Youth and Adolescence, 34, 73–83., 2006
4) Freud, S.: Das Ich und das Es. Internat. psychoanalyt. Verlag. Wien,1923
5) Rudolf, G.: Psychodynamisch denken – tiefenpsychologisch handeln. Schattauer Verlag, Stuttgart, 2019
6) Prölß, A.: Aggressives Verhalten bei Kindern und Jugendlichen. Grundlagen, Diagnostik und gezielte Interventionen. Schulz Kirchner Verlag, Idstein, 2020, in press
7) Grob, A. und Smolenski, C.: Fragebogen zur Erhebung der Emotionsregulation bei Kindern und Jugendlichen (FEEL-KJ). Verlag Hans Hubner, Bern, 2009
8) Grawe, K.: Neuropsychotherapie. Hogrefe, Göttingen, 2004

Dr. phil. Alexander Prölß Dr. phil. Alexander Prölß
Staatlicher Schulpsychologe, Beratungsrektor, Heilpraktiker für Psychotherapie, Lehrbeauftragter u. a. am L‘Institut de formation de l‘Education nationale (LUX) und an der TU Kaiserslautern

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Fotos: ©Graphicroyolty, ©vovan, ©Africa Studio

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