Plädoyer für einen Paradigmenwandel

Heute, am Silvesterabend, gedenke ich der Menschen, Dinge und Situationen, die zurückbleiben werden in der Erinnerung ............ und erlebe gleichzeitig eine innere Neugierde auf das Neue, das 2020 bringen wird.

Und dann taucht Greta mit ihrer „Wutrede“ in mir auf und die Reaktionen der Menschen darauf. Dann fühle ich mich erinnert an etliche Momente von Ausbildung, Fortbildungen, Gesprächen und Diskussionen mit Kollegen und Interessierten, deren inhaltliches Credo sehr häufig denselben Vorwurf enthält, wie den an Greta: Sie hätte ihre Glaubwürdigkeit verloren, da sie sich emotional vor laufenden Kameras entblößt habe; ernst nehmen könne man sie auf keinen Fall mehr …

Da scheint etwas verdächtig daran zu sein, wenn jemand sich traut, so authentisch zu sein, dass man es sieht – von außen.

Moment, war da nicht irgendwo eine Vorgabe, authentisch zu sein?

Was mich zurückbringt zum therapeutischen Setting. Seit Jahren wird mir beigebracht, dass Therapie nur professionell sei, wenn sie in sachlicher Distanz neutral gehalten würde. Der alternative Begriff „wertfrei“ ist für mich in diesem Zusammenhang irreführend, denn ich hoffe nicht, je frei von Werten zu sein. Wertungsfrei hingegen schon, denn es ist hilfreich, kein Urteil über andere zu fällen, und die Kategorien von „richtig“ und „falsch“ werden überflüssig. Neutral bin ich deswegen nicht, denn in meinem Wertekanon kann ich mich und mein Gegenüber verorten.

Was allerdings gelingen kann, ist, dass ich den emotionalen Gehalt eines Erlebnisses von diesem trenne. Das Erlebnis ist dann Vergangenheit und kann erinnert werden, ohne dass ich in eine Identifikation damit gerate; ich kann aber auch die emotionale Energie zulassen, ohne sie zu verknüpfen mit persönlicher Biografie – dann ist Empathie nicht bloß Sentimentalität.

Aus der Historie verstehe ich die Forderung nach Neutralität. Betrachte ich sie genauer, entstehen daran aber Fragen: Stimmt dieses Konstrukt überhaupt (noch)? Und wer behauptet, dass es nur so richtig ist? Möchte ich ganz persönlich daran glauben?

Seit über 100 Jahren ist die Psychotherapie überwiegend männlich geprägt und Frauen sind darin zu männlichen Haltungen „erzogen“ worden. (Die Begriffe männlich und weiblich beziehe ich hier nicht auf das Geschlecht, sondern auf die Eigenschaften, die sich der jeweiligen Kategorie zuordnen lassen.)

Das Argument der Unsachlichkeit und der sich scheinbar automatisch daraus ergebenden Unprofessionalität ist ein Schreckgespenst, vor dem wir zurückzucken, wenn Therapie weiblichere Formen anzunehmen „droht“. Denn als Bedrohung scheint es erlebt zu werden, messe ich den Grad der Erregung, wenn sich das Weibliche in seiner besonderen Art einbringt und sich nicht am männlichen Duktus orientiert. (So konsequent ein rein männliches Weltbild zu Ende gedacht, ist der nächste logische Schritt, der bereits vollzogen wird, Psychotherapie als Aufgabe für Computerprogramme und Maschinen zu konzipieren.)

Wie setze ich das ganz konkret um? Dazu kann ich nur aus meiner eigenen Erfahrung beitragen, ohne den Anspruch erheben zu wollen, es gäbe keine anderen Formen. Bitte bedenken Sie bei den geschilderten Beispielen, dass sie sehr verkürzt aus dem Kontext genommen sind.

Vorausgesetzt, es ist im therapeutischen Gespräch „passend“, bin ich dazu übergegangen, erlernte Sätze wie: „Sie erscheinen mir sehr wütend.“ oder „Macht Sie das traurig?“ aus meinem eigenen authentischen Gefühl heraus etwa wie folgt zu formulieren: „Das macht mich richtig wütend, wenn Sie davon erzählen.“ oder „Ich bin traurig, das zu hören. Geht Ihnen das auch so?“.

Auch erlaube ich mir selbst im Prozess Tränen. Ich erkläre sie nicht und reflektiere sie nicht mit meinen Klienten! Aber ich überspiele sie auch nicht. Ausnahmslos haben sich alle Klienten hinterher bedankt, dass ich mich von ihrer Geschichte so habe berühren lassen und das auch gezeigt habe.

Es entsteht vielleicht der Eindruck, dass ich meine Klienten ununterbrochen mit meiner Gefühlswelt konfrontiere; das ist nicht so. Auch verknüpfe ich diese Momente nicht mit eigenen Erlebnissen und erzähle dann aus meinem eigenen Leben; ich gebe allerdings offenbar ein Modell dafür ab, wie gefahrlos, unschädlich und hilfreich es sein kann, sich zu zeigen.

Wir wünschen uns alle, gesehen/gefunden zu werden. Versteckt, wie wir sind, hoffen wir darauf, dass uns jemand findet – wie früher im kindlichen Spiel. Der Ausruf „Ich sehe dich“ war gleichzeitig gefühlter Sieg und gefühlte Niederlage und diese Mischung so „köstlich“, dass wir es immer wieder gespielt haben. Ein richtig gutes Versteck zu finden, war die Anfangsmotivation, aber nicht so gut, dass niemand mich finden konnte. Denn das stürzte mich in ein tiefes Gefühl von Verlassen-/Vergessen-wordensein. Irgendwann wurde es dann notwendig, selbstständig herauszukommen, um weiter teilzuhaben am Spiel. Gut versteckt zu bleiben hat alle, auch die Suchenden, irgendwann ermüdet und frustriert.

Herauszukommen war leichter, wenn die Sucherin ein echtes Interesse am Suchen und Finden hatte, sich bemüht und gelockt hat, auch kundgetan hat, wenn es zu langweilig wurde. Wäre sie „neutral“ geblieben, sachlich, Distanz haltend, dann hätte es keine Rolle gespielt, wer gefunden wurde, wie lange es dauerte und dass ich mich auf die „Wiedervereinigung“ gefreut habe.

Bei der Beobachtung kleiner Kinder, die großen Spaß daran haben, hinter einem Stück Stoff „zu verschwinden“, fällt auf, dass sie „zu finden“ genauso viel Freude auslöst. Allerdings nur, wenn die Mitspielerin gefühlsmäßig mitschwingt.

In diesem Sinne hat sich für mich durch das Zulassen einer anderen inneren Haltung die therapeutische Arbeit im Laufe der Jahre deutlich verändert. Das heißt nicht, alles Alte aufzugeben, was seinen Wert hat. Trotzdem bringen wir vielleicht den Mut auf, das Paradigma zu hinterfragen und genau hinzusehen, ob Distanz nicht einfach nur ein Mangel an Empathie ist, Sachlichkeit nur der Deckmantel für überhebliche Arroganz, die Forderung nach Professionalität nicht die eigene Unsicherheit verbirgt und Neutralität am Ende nur Interesse- und Respektlosigkeit gegenüber den Nöten anderer.

Claudia EckertClaudia Eckert
Heilpraktikerin für Psychotherapie, Psychologische Beraterin,
Dozentin an Paracelsus Schulen

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Diese Webseite verwendet Cookies, um Ihnen einen nutzerfreundlichen Service zu bieten sowie Nutzerverhalten in pseudonymer Form zu analysieren. Indem Sie fortfahren, unsere Seite zu nutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies und stimmen den Analysemaßnahmen zu. Weitere Informationen und die Möglichkeit zum Widerruf finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Impressum
OK