Der Wille zur Liebe

©Nikita VishneveckiyDurch Friedrich Nietzsche wissen wir vom Willen zur Macht, davon angeregt entwickelte der französische Philosoph Paul-Michel Foucault die Gedanken vom Willen zum Wissen und vom Willen zur Wahrheit. Erich Fromm schrieb über den Willen zum Leben und von Viktor E. Frankl haben wir vom Willen zum Sinn gehört. Bodybuilder sprechen vom Willen zur Kraft und Leistungssportler vom Willen zum Sieg. Und so mancher kennt auch diesen Willen: den Willen zum Abnehmen. Wir glauben, dass es einen Willen zur Liebe gibt.

„Die Liebe bleibt!“

So schreibt es der Apostel Paulus in seinem Brief an die Christen in Korinth. Sie ist die stärkste Motivation, zu der wir Menschen fähig sind. Sie erinnern sich bestimmt und haben es vielleicht selbst erlebt oder waren zumindest Zeuge des Geschehens: Liebe lässt uns Ja sagen, z.B. das „Ja, ich will“, das Brautpaare überall auf der Welt in der einen oder anderen Weise und Zeremonie einander zusprechen. Ein Ja sagt die werdende Mutter zum heranwachsenden Fötus in ihrem Bauch. Ja sagen die Eltern zu ihrem Neugeborenen und kümmern sich fortan liebevoll um ihren Zögling, auch wenn er sie viel Zeit, Geld und Nerven kosten wird. Ja sagen in jedem Fall die Kinder zu ihrer Familie, auch ohne schon sprechen zu können, denn Kinder wollen eigentlich nur eins: kooperieren mit ihren Bezugspersonen. Liebe beginnt mit einem Ja. Es ist sozusagen „das sprachliche Symbol der Liebe“, wie der dänische Familientherapeut Jesper Juul (1) schreibt.

Und gleichzeitig muss in der Liebe hin und wieder ein Nein (2) gesprochen werden. Ein „Ich will jetzt nicht!“ oder gar ein „Jetzt reicht’s. Das geht mir zu weit. Hier ist die Grenze.“ Wie passt das zusammen? Fühlt sich denn der andere mit seinem Anliegen dann nicht abgewiesen? Doch schon. Hoffentlich sogar! Denn das wäre ja der Sinn der Sache! Doch mal langsam, eins nach dem anderen.

Beziehungen sind Bezugsverhältnisse

Auf Lateinisch heißt es relatio, wovon sich das engl. relationship ableitet. Ein Bezugsverhältnis ist also ein Beziehungsgefüge zwischen zwei oder mehreren Seienden, wo einer vom anderen etwas „bezieht“. Das Kind bezieht Ansprache, Bestätigung, Nahrung, Schutz und Versorgung von seiner Mutter und der ganzen Familie. In einer Partnerschaft beziehen beide voneinander Annahme, Bestätigung, Nähe, Sex, Verbundenheit und Zustimmung. Der Wille zur Liebe ist unverkennbar. In der Welt der arbeitsteiligen Gesellschaft werden Dienstleistungen, Produkte, Vorarbeiten und Zulieferungen aller Art bezogen und zu einem Endergebnis weiterverarbeitet. Aber auch von der Sonne bezieht das Leben auf der Erde seinen Rhythmus, Tag/Nacht, Jahreszeiten etc. und die Pflanzen holen sich ihre Energie zum Wachsen. Und von diesen wiederum beziehen Mensch und Tier Nahrung zum Leben. Auch in der Natur scheint es den Willen zur Liebe zu geben.

Doch bleiben wir bei den zwischenmenschlichen Verhältnissen, das geht uns an. Woran können wir eine gute Beziehung erkennen? Der Theorie von Carl R. Rogers nach an folgenden Qualitäten (3):

  • eine Kommunikation, die ein korrektes gegenseitiges Verstehen beinhaltet
  • eine gute seelische Balance und daraus hervorgehend eine unabhängige Handlungsfähigkeit auf beiden Seiten
  • eine wechselseitige Befriedigung der vorhandenen Bedürfnisse durch die Beziehung

Umgekehrt ist eine gestörte Beziehung erkennbar an der zunehmenden Auflösung des gegenseitigen Verstehens und einem erhöhten Klärungsbedarf bei Missverständnissen. Die Streitigkeiten nehmen zu, was die seelische Ausgeglichenheit in Schieflage bringt. Im Weiteren mindert oder verzögert sich die Handlungsfähigkeit und führt zu einer Anhäufung von gegenseitigen Frustrationen und Verweigerungen. Hier ist der Wille zur Liebe gestört. Dazu später mehr.

Bedürfnisbefriedigung in einer Zweierbeziehung

Marc und Tanja (4) kamen zu uns, weil es bei ihnen mit der Sexualität nicht mehr klappte. Er wollte und sie hatte keine Lust. Das machte ihn traurig und wütend zugleich. So etwas kann einem auch wirklich die Stimmung verhageln, oder nicht? Kennengelernt hatten sie sich im ICE. „Da hat es gefunkt“, erzählten sie. Tanja kam gerade aus einer gescheiterten Beziehung, sie war mit ihren zwei Söhnen vor Kurzem ausgezogen. Und Marc hatte noch an dem unaufhaltsamen Tod seiner Ehefrau sowie seiner Eltern zu knabbern. Tanjas Vertrauensfähigkeit war von den falschen Versprechungen und den Seitensprüngen ihres Ex-Mannes tief erschüttert und Marc hatte alles verloren, was für ihn ein Zuhause war.

Aber da im ICE auf der langen Fahrt und der langen, fast schon vertraut geführten Unterhaltung spürte Tanja eine seltsame Kraft, die sie wie magisch anzog und dazu brachte, sich Marc zu öffnen und ihm ihr Herz mitsamt dem Kummer und den Sorgen wegen ihrer Kinder und der ungewissen Zukunft auszuschütten. Hier sehen wir den Willen zur Liebe am Werk.

Marc fühlte sich irgendwie eingebunden, fast schon zugehörig. „Es schien mir, als hätte mich das Leben unvermittelt in das Schicksal dieser wunderschönen Frau hineingestellt“, deutete er, was da passiert war. Sie verabredeten sich, trafen sich, verliebten sich und schließlich zogen sie zusammen. „Marc wirkte so aufregend und befreiend auf mich“, schilderte Tanja die frühe Beziehung, „er bot mir eine neue Perspektive, ich konnte wieder vertrauen, fühlte mich wertvoll und wichtig.“ In diesen Worten wird deutlich, was Tanja von Marc bezogen hatte, nämlich Zukunft, Sicherheit, Wertgefühl. Durch Marc machte sie sich „Hoffnungen auf eine glückliche Patchworkfamily“. Der Wille zur Liebe funktioniert gut, wenn wir einen Nutzen oder Vorteil in Aussicht gestellt sehen.

Die Bestätigungsfalle

Zum Leben und Lieben brauchen wir ein Mindestmaß an Anerkennung, Aufmerksamkeit, Bestätigung, Verbundenheit und Zugehörigkeit. Das passte natürlich supergut in die Bedürfnislage von Marc, der gerade seine Liebe, seine Familie und sein Zuhause verloren hatte. „Tanja gab mir neuen Rückhalt“, äußerte Marc. „Ich fühlte mich wieder wichtig und wertvoll, wir teilten intensive Gefühle, hatten Spaß und leisteten uns einiges an Genuss, ich verdiente ja gut.

Aber jetzt ist alles anders geworden. Ich stecke immer noch mein Geld in ein gutes Leben mit Tanja und den Kindern, aber ich bekomme keine Liebe mehr. Sie umarmt und berührt ihre Freundinnen und Kolleginnen öfter als mich, das frustriert mich. So will ich nicht mehr.“ Tanja ergänzte: „Marc ist dann wie ein kleines trotziges Kind und macht Psychoterror. Wenn der nicht kriegt, was er will, wird er richtig ekelhaft.“ Hier drängt sich die Frage auf: Was ist nur mit dem Willen zur Liebe geschehen?

Eine Zweierbeziehung funktioniert so: Eine offene und vertraute Kommunikation gibt dem anderen das Gefühl, verstanden zu werden, und das nehmen wir doch alle gern – oder etwa nicht? Schließlich hilft das der seelischen Ausgeglichenheit auf die Beine und schon fühlt man sich erstarkt und handlungsfähig. Man fühlt sich vom anderen wie „aufgepumpt“ und die wechselseitige Befriedigung der Bedürfnisse klappt wie geschmiert. Das wird jedoch schnell anders, wenn es zu einer Störung kommt. Dann kann der andere einem auch ganz schnell „die Luft ablassen“. Dann versagt der Wille zur Liebe.

Fachleute sprechen von einer Anpassungsstörung, es zeigt sich Inkongruenz, d.h. mangelnde Übereinstimmung. Immer häufiger treten ärgerliche „Ver-Stimmungen“ auf und das anfänglich so gute Zusammenpassen nähert sich dem Verfallsdatum. „Es stimmt nicht mehr in unserer Beziehung“, hört man dann. Zwar werden die Dissonanzen und Unstimmigkeiten angesprochen, aber je mehr widersprüchliche und mehrdeutige Aussagen in der Kommunikation zutage treten, umso bedrohlicher wird die Situation wahrgenommen. Menschliche Wesen sind schließlich verletzbar. Daher wehren wir uns gewaltig, wenn Angst aufkommt. Nicht selten wird dabei der Wille zur Liebe eingebüßt.

Abwehr und Abgrenzung

Abwehr ist allerdings etwas anderes als Abgrenzung. Abwehr ist eine ganz andere Kategorie als Grenzziehung. Abwehr entzieht der Beziehung den Boden für eine positive Betrachtung des Geschehenden. Abwehr sagt: „Ich will das nicht hören, bleib mir fern“. Während Abwehr signalisiert „Du sollst weggehen“, sagt Abgrenzung hingegen nur „Du sollst einen Schritt zurückgehen, aber nicht weggehen.“

Abgrenzung schützt und bewahrt eine Beziehung, Abwehr jedoch stört und zerstört sie sogar mitunter. Denn das Defensivverhalten rückt den anderen in immer weitere Ferne. Als Folge dessen wird die Kommunikation vorsichtiger, oberflächlicher und distanzierter. Und die Wahrnehmung des anderen wird dabei kleiner, enger und verzerrter. Man selbst erfährt einen gravierenden Mangel an Empathie. Der andere ist ja vom Freund zum Feind gemacht worden, gegen den es sich jetzt zu verteidigen gilt. In solch einer Lage kann man sich und seine Gefühle nicht mehr ungeschützt darlegen. Missverstanden werden ist jetzt die gängige Erfahrung und man kann gar nicht nachvollziehen, wie beim anderen die Dinge so ganz anders ankommen, als man sie selber gemeint hat.

Schon ist sie da, diese Kette von unglückseligen Wiederholungen, die einem nur zu vertraut ist. Es gibt zwar noch den Wunsch nach Kontakt, aber das Gefühl der Bedrohung und die damit einhergehende Angst mobilisieren laufend die Abwehrmechanis men. Und diese greifen ziemlich schnell und nahezu vollautomatisch. Es scheint fast so, als könne man nichts dagegen tun, als sei ein Programm am Laufen, zu dessen Ausschalter es keinen Zugang gibt.

Beziehungen sind gemeinsame Räume

Wir alle sehnen uns nach solchen. Denn sonst sind wir allein und fühlen uns einsam. Wir wollen in Gemeinschaft leben, die von Offenheit, Nähe und Vertrauen beseelt ist. Wir haben einen Sozialtrieb, von dem wir uns genauso wenig bekehren können wie von unserem Selbsterhaltungs- oder Sexualtrieb. Wir alle haben einen Willen zur Liebe, zu anderen, zu uns selbst und zur körperlichen Liebe.

Um jedoch eine solche geborgene und lebenspendende Atmosphäre zu schaffen, bedarf es der Willigkeit von allen Beteiligten. Und diese muss geschützt werden. Denn wenn z.B. die Offenheit des anderen unachtsam, respekt- und distanzlos ausgenutzt wird, nimmt die Hingabefähigkeit Schaden. Es entsteht Unwille oder gar Widerwille. Gleiches gilt für Nähe. Jede Übergriffigkeit ruft Abwehr- und Verteidigungsmechanismen auf den Plan, was Gift für eine gute Beziehung ist. Missbrauchtes Vertrauen wirkt zerfressend für die Fähigkeit, zuversichtlich zu sein. Ist aber die Willigkeit erst einmal beschädigt, ist auch der Wille zur Liebe in Gefahr.

Fortsetzung folgt

Literatur
(1) Juul, Jesper: Nein aus Liebe
(2) Ruffer, Gisela und Herbert: Selbstbewusst Nein sagen. Grenzen setzen – Grenzen achten. Junfermann Verlag, ISBN 978-3-95571-878-7
(3) Rogers, Carl R.: Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen
(4) Namen geändert

Herbert und Gisela RufferHerbert und Gisela Ruffer
Heilpraktiker für Psychotherapie,
Praxis für Paar- und Psychotherapie in Landshut

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Foto: ©Nikita Vishneveckiy

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