Ein Familiengeheimnis und ein Tabu: die dramatischen Folgen verborgener Linkshändigkeit

©AlexanderNach neuesten Forschungen ist genetisch jeder zweite Mensch Linkshänder (immer m/w). Davon leben in Deutschland aber nur 10 bis 15% ihre Linkshändigkeit. Wo ist also der ganze Rest – fast zwei Fünftel der Bevölkerung?

Gehen wir mal davon aus, dass dieses Drittel auch ein Drittel der Menschen ausmacht, die Arzt-, Heilpraktiker- und sonstige Praxen aufsuchen. Jeder Zweite bis Dritte, der uns Therapeuten gegenübersitzt, wäre also potenziell jemand, der ein tiefes Geheimnis in sich trägt: Eigentlich als Linkshänder mit Dominanz der rechten Hirnhälfte angelegt zu sein, aber falsch als Rechtshänder zu leben, was permanent die linke Hirnhälfte überlastet und Chaos in Gehirn und Körper stiftet.

Aus der familiensystemischen Aufstellungsarbeit wissen wir schon seit einigen Jahrzehnten, dass Familiengeheimnisse zu den Dingen gehören, die schlimmste negative Folgen und krankmachende Wirkungen auf die Nachfahren haben. Und das Perfide daran ist, weil es geheim ist, wissen die Betroffenen nichts davon und können nicht erkennen, was in ihnen und auf sie wirkt.

Was wäre also, wenn chronische Erschöpfung, Überempfindlichkeit, Depressionen, Angstzustände, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Sehstörungen, Rückenbeschwerden, Burnout, chronische Sinusitis, innere Unruhe, Lernschwierigkeiten, Konzentrationsunfähigkeit, ständige Verpeiltheit und einiges mehr eine Folge von falsch gelebter Händigkeit wären? All diese Symptomatiken sind bei verdrehten Linkshändern, die mit der rechten Hand schreiben, belegt. Sie treffen aber noch mehr auf diejenigen zu, die nichts (mehr) von ihrer angeborenen Linkshändigkeit wissen und zum klammheimlichen Rechtshänder umerzogen wurden oder sich selbst an die „rechte“ Welt angepasst und ihre Linkshändigkeit einfach unterdrückt haben. Doch für diese tief greifende Problematik als mögliche Ursache dieser weitverbreiteten Symptomatiken gibt es überhaupt kein Bewusstsein – weder in der Gesellschaft noch bei den allermeisten Therapeuten.

In der „rechtsgeprägten“ Welt spielt Linkshändigkeit keine Rolle, sie kommt einfach nicht als ein Kriterium vor, das von Bedeutung wäre. So können wir es als symptomatisch für die „Linkshänderblindheit“ der therapeutisch Tätigen ansehen (wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel), dass es in den bisherigen Ausgaben der Freien Psychotherapie von 2001 bis 2019 keinen einzigen Artikel gab, der das Linkshändersein thematisiert hätte.

Wir wären als Heilpraktiker-Ehepaar auch keine Ausnahme geworden und würden jetzt nicht diesen Artikel schreiben, gäbe es nicht die persönliche Betroffenheit von Rita. Mit 55 Jahren entdeckte sie „zufällig“ (nachdem sie sich über Jahrzehnte durch viele Dinge gekämpft hatte, ohne den Schlüssel für Heilung bestimmter Thematiken zu finden), dass das meiste seine Ursache in der Verdrehung zur Rechtshänderin hatte. Mit der Annahme dieser Erkenntnis und der Entscheidung für die Umschulung auf das Schreiben mit der linken Hand begann die Auseinandersetzung mit dieser ganzen Thematik und damit einhergehend ein tiefer Heilungsprozess.

©SENTELLODas historisch kulturelle Tabu

Zwar ist es seit den 1980er-Jahren an den Schulen in Deutschland nicht mehr verboten, mit links zu schreiben. Doch kaum jemand ist wirklich sensibilisiert, auf Zeichen einer angeborenen Linkshändigkeit bei Kindern zu achten, weil sie so gut wie von der Bildfläche verschwunden ist. Ein Grund dafür ist die vorausgegangene jahrhundertelange Diffamierung und Herabwürdigung von linkshändigen Menschen insbesondere durch religiöse Glaubenssysteme, die die Inquisition hervorgebracht haben, durch die rothaarige linkshändige Frauen als Hexen gebrandmarkt und öffentlich auf Scheiterhaufen verbrannt wurden. Dieser gewalttätige Umgang mit Linkshändern setzte sich bis in die staatlichen Bildungseinrichtungen des späten 20. Jahrhunderts fort.

Im Mittelalter setzten die Könige ihre Günstlinge zu ihrer Rechten, während links die „Bastarde“ und deren Söhne saßen. Hexen erkannte man seinerzeit an der Tatsache, dass sie sich mit der linken Hand bekreuzigten. Der Teufel war darin zu erkennen, dass er mit der linken Hand die Geige spielte. Auf Gemälden mit Darstellung des Jüngsten Gerichts befinden sich rechts das Paradies und links die Hölle.

Bis heute wird in der Kirche für rituelle Handlungen wie Segnung oder Handauflegen vorzugsweise der Gebrauch der rechten Hand gelehrt. Zu unserer (katholischen) Kinderzeit in den 1960er-Jahren saßen Jungen und Männer im rechten Kirchenschiff, Mädchen und Frauen hatten auf der linken Seite Platz zu nehmen. In der islamischen Welt galt bzw. gilt die linke Hand als die unreine Hand, da sie für das Reinigen der unteren Körperregionen zuständig war bzw. ist, während die rechte Hand zum Essen, zur Begrüßung, zum Gebet und zum Waschen der oberen Körperregion benutzt wurde bzw. wird.

Einen letzten Höhepunkt fand die Diffamierung und „Ausrottung des Andersartigen“ in der Nazizeit, in der Linkshänder als „abartig und pervers“ abgestempelt wurden und Gefahr liefen, zum Opfer des faschistischen Systems zu werden, sollten sie in ihrer Linkshändigkeit erkannt und denunziert werden.

Das familiäre Tabu

Entsprechend ist leicht nachzuvollziehen, dass unsere Urgroßeltern, Großeltern oder Eltern in ihrer Angst – bewusst oder auch unbewusst – alles getan haben, um in ihrer Linkshändigkeit nicht erkannt zu werden, und ebenso alles dransetzten, dies ihren Kindern und Enkeln zu ersparen. Und tief im Unterbewussten sitzt bei vielen von uns noch die uralte archaische Angst, anders zu sein als die anderen und deshalb verachtet und ausgeschlossen zu werden aus der Gemeinschaft, die früher überlebensnotwendig war.

Somit verschwand bei vielen die Linkshändigkeit aus dem Blickfeld und da Kinder vorwiegend aufgrund ihrer Spiegelneuronen aus Nachahmung lernen und sehr fein die (Angst-)Gefühle der Eltern wahrnehmen, passen sie sich gegebenenfalls leicht an und machen einfach die gesellschaftlich dominierende Rechtshändigkeit nach, die bei fast allen sichtbar ist. Wenn Eltern ihre eigene Linkshändigkeit verdrängt haben oder nichts von ihr wissen und entsprechend „rechts“ leben, werden sie ihre Kinder mit großer Wahrscheinlichkeit zur Rechtshändigkeit erziehen. Der Umstand, dass Eltern, Geschwister, Erzieher und Lehrer meist rechtshändig agierende Vorbilder sind, führt unbewusst dazu, dass systematisch die Rechtshändigkeit antrainiert wird und die eigentliche Linkshändigkeit nicht erkennbar wird. Die fehlenden linkshändigen Vorbilder lassen die meisten Kinder die eigentliche Linkshändigkeit in der „Rechtshänderwelt“ nicht wahrnehmen und so entwickeln sich sehr viele durch Nachahmung zu Pseudo-Rechtshändern.

©Karl

Die fatale Folge ist ein sich immer mehr vertiefendes Handeln gegen sich selbst, je länger die eigenen Impulse über die falsche Hand ausagiert werden, wobei dem Schreiben eine zentrale Rolle zukommt. Ist das Gehirn von Geburt an rechtsdominant angelegt, ist die linke Hand die dominante Hand, das linke Bein das dominante Bein, das linke Auge das dominante Auge und das linke Ohr das dominante Ohr. Machen eigentliche Linkshänder nun alles mit rechts, kreieren sie damit vielfältigste Symptomatiken und Probleme in Psyche und Körper, für die oft keine plausible Erklärung gefunden wird trotz größter elterlicher oder therapeutischer Bemühungen, ihnen zu helfen.

Der Arzt Hanns von Rolbeck forscht seit 1965 zur Linkshändigkeit und hat über 25000 Menschen in den USA, England, Italien, der Schweiz, Österreich, Belgien und Deutschland untersucht. Seine Liste möglicher Störungen als Konsequenz einer nicht gelebten Linkshändigkeit füllt über drei Seiten: von Störungen in der Grobmotorik, Feinmotorik und der Bewegung, vermehrten Frakturen und Verletzungen auf der rechten Körperseite, chronischen Infekten durch ein reduziertes Immunsystem, häufigen Kopf-, Gelenk- und Wirbelsäulenschmerzen und Koordinationsproblemen über erhöhte Elektrosensibilität und Empfindlichkeit auf Schwingungen, Unsicherheit im Umgang mit wichtigen Kontaktpersonen, Störungen der Selbstwahrnehmung und Orientierung bis hin zu reduzierter Belastungsfähigkeit bei Stress, ständiger Unentschlossenheit und Unruhe, Neigung zu Widerspruch und Verweigerung von Aufgaben und Anordnungen, Unfähigkeit, komplexen Gesprächen zu folgen, und Misstrauen und undiplomatischem Umgang mit anderen.

Mit anderen Worten, verdrehte Linkshänder kreieren tagtäglich Dysfunktionen im Körper, im Verhalten und in der Psyche, die sich insbesondere in chronischer energetischer Erschöpfung, in tief nagenden Minderwertigkeitsgefühlen, in allgemeiner innerer Unsicherheit, im Gefühl ständiger Verpeiltheit und in der Unfähigkeit, zu sich selbst zu kommen und seine wahre Berufung zu finden oder zu leben, verdichten. Das Gehirn eines umgedrehten Linkshänders muss im Vergleich zu Menschen, die ihre angeborene Händigkeit leben, viel mehr arbeiten, wenn derjenige eine körperliche, geistige oder emotionale Leistung erbringen will.

„Umgeschulte Linkshänder sind ständig gezwungen, mehr Aufwand und Energie zu investieren. Ihre psychischen und körperlichen Reserven sind also schneller verbraucht. Trotzdem müssen sie ähnliche Leistungen wie nicht umgeschulte Kinder erbringen. Diese Überbeanspruchung des Körpers kann sich in verschiedenen vegetativen Folgen äußern, wie z.B. Schweißausbrüchen, Lidflattern, Muskelzuckungen und Ticks, Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Zusätzlich haben sie oft emotionale Probleme und entwickeln neurotische oder psychosomatische Störungen. Natürlich gibt es keine für umgeschulte Linkshänder typische Neurose oder psychosomatische Symptome, vielmehr hängt es von der Veranlagung des Menschen ab. Der eine neigt zu Magengeschwüren, der andere zu Kreislaufstörungen, andere bekommen Kopfschmerzen und Migräne. Das Gefährliche an diesen neurotischen Störungen ist, dass den umgeschulten Linkshändern meist die Ursache ihrer Probleme nicht bewusst ist, oft ist die Umschulung selbst schon lange vergessen bzw. überhaupt nicht bewusst. Und es werden dann oftmals jahrelang viele andere Gründe gesucht und von einer Therapie zur nächsten gewechselt in der Hoffnung auf Hilfe.“ Johanna Barbara Sattler: Der umgeschulte Linkshänder oder der Knoten im Hirn.

Unaufhörliches Handeln gegen sich selbst

Unsere rechtshand- und linkshirndominierte Leistungsgesellschaft bietet für Linkshänder wenig Anreize, ihre Linkshändigkeit zu finden und zu leben. Fast alles ist nur für Rechtshändigkeit angelegt, was es alleine schon zur Herausforderung macht, den Haus- bzw. Berufsalltag mit all den Rechtshändergeräten zu bewältigen. Obendrauf kommt in vielen Situationen noch die Ignoranz oder Arroganz der Rechtshänder (und Pseudo-Rechtshänder), die die Schwierigkeiten mit „Wo ist das Problem?“ abkanzeln.

Auf den ersten Blick scheint es also einfacher, sich anzupassen und alles von Anfang an mit rechts zu machen, wie alle es tun. Und als Kinder tun das ja ganz viele, die dann als Linkshänder „verschwunden“ sind. Die Anpassung in Form von Selbstverdrehung sieht erst einmal nach weniger Problemen im Alltag und mit den Mitmenschen aus. Doch hat die Sache einen riesigen Haken, der dringend ins allgemeine Bewusstsein gehört: Diese „Anpassung“ geht niemals spurlos an den Betroffenen vorbei und hat einen immens hohen Preis in Form von (chronischen) physischen Erkrankungen und psychischen Störungen. Und er gipfelt darin, seinen ureigenen Selbstausdruck zu opfern – das heißt, sich selbst nicht leben zu können!

Kein linkshändiges Kind, kein Erwachsener, der seine eigene Linkshändigkeit nicht kennt oder ignoriert oder für unwichtig hält, kann sich in seiner Persönlichkeit und Begabung wirklich frei entfalten bzw. sich überhaupt finden, wenn er oder sie die eigene Linkshändigkeit nicht lebt. Jeder unbewusste Linkshänder lebt unfreiwillig in einer Art Persönlichkeitsspaltung. All diese Menschen leben in einem Dauerstress, der nicht richtig abgebaut werden kann. Das raubt dem Körper enorm viel Energie und wird – früher oder später – die verschiedensten Krankheitssymptome auf allen möglichen Ebenen hervorrufen.

Was wäre, wenn Diagnosen wie „ Depression“, „Schizophrenie“, „Borderline“, „Angstneurose“, „sympathikone Übersteuerung“, „vegetative Dystonie“,„mentale Übersteuerung“ und viele andere mehr in dieser Verdrehung ihre eigentliche Ursache hätten?

Wenn 35 bis 40% „praktizierende“ Linkshänder „fehlen“, dann könnte potenziell bei zwei von fünf unserer Patienten dieser Hintergrund die Grundursache für viele ihrer Probleme sein! Ein sensibilisierter Blick der therapeutisch oder beratend Tätigen dafür könnte schlagartig dazu führen, die Lösungen an der richtigen Stelle zu suchen und nicht mehr alle möglichen Interventionen zu starten, die nicht wirklich greifen und heilen können, weil sie an der eigentlichen Ursache vorbeigehen. Hier tun sich wahre neue Forschungsfelder auf.

Selbstentfremdung führt zu extremen Verhaltensweisen

Als weiteres Phänomen der unterdrückten Linkshändigkeit können wir beobachten, dass manche Menschen – vor allem Männer – ihre angeborene Rechtshirndominanz (unbewusst) völlig abspalten bzw. unterdrücken. Sie denken und verhalten sich dann extrem linkshirnig intellektuell und rational, sodass sie das krasse Gegenteil von dem zum Ausdruck bringen, was sie eigentlich sind. Für sie zählt nur Naturwissenschaft und sie anerkennen nur das, was rational beweisbar ist. Gefühle und Intuition werden als völliger Quatsch und Humbug abgetan und haben keinen Platz in ihrem Wirklichkeits- und Selbstverständnis. Hier finden wir auch die Widerspruchsgeister par excellence: diejenigen, die immer alles besser wissen und gegen alles sind!

Stellen wir uns die Frage, warum es bislang so gut wie kein allgemeines gesellschaftliches Bewusstsein für die enorme Bedeutung der unterschiedlichen Händigkeit gibt, stoßen wir auf ein noch tieferes Tabu.

Es muss im kollektiven (Erinnerungs-)Feld etwas geben, was die allermeisten davon abhält, damit offen umzugehen und einen Blick für die unterdrückte Linkshändigkeit zu entwickeln. Denn mit dem Wissen, dass 50%(!) der Menschen potenzielle Linkshänder sind, die Händigkeit genetisch bedingt ist und sich bei nicht gelebter Linkshändigkeit enorme Leistungseinbußen, physische und psychische Störungen in Gehirn und Körper ergeben, wäre es doch dringend für alle therapeutisch, medizinisch, energetisch und pädagogisch arbeitenden Menschen notwendig, sich für diese Thematik zu sensibilisieren. Allein schon, um all den verzweifelten Menschen, die schon lange auf der Suche nach Heilung für chronische und „nicht therapierbare“ Erkrankungen sind, und die mit 50%iger Wahrscheinlichkeit eventuell von dieser Problematik betroffen sind, wieder Hoffnung auf Heilung zu geben.

Und besonders dafür, allen Kindern dieselbe Chance zu geben, ihr wirkliches Potenzial zu entwickeln, statt sich mit jeder geschriebenen Zeile mit der falschen Hand mehr inneres Chaos zu produzieren und sich selbst immer mehr zu verlieren.

Warum scheint keiner recht gewillt, dort hinzuschauen und sich damit auseinanderzusetzen? - Wir alle wissen es: Als fühlende Wesen haben wir Menschen alle die Tendenz in uns, Schmerz und die Erinnerung an erfahrenen Schmerz zu vermeiden, sei er nun physischer, psychischer oder beziehungsmäßiger Natur. Damit gepaart wirkt die entsprechende Angst, schmerzhafte traumatische Erfahrungen wieder zu erleben. So wird auf unbewusster Ebene alles dafür getan, die Themen und Lebensbereiche oder Erfahrungen zu meiden, die an den Schmerz erinnern oder ihn triggern könnten.

Wer es nun wagt, die Tür zu diesem kollektiven bzw. familiensystemischen Schmerz der unterdrückten Linkshändigkeit einen Spalt zu öffnen, wird zuerst mit riesigen Ängsten konfrontiert, besonders mit der Angst, anders zu sein als die anderen. Zu ihr gesellt sich der immense Schmerz des nicht „Sich-selbst-sein-Dürfens“, der Schmerz der Bevormundung, der Unterdrückung und der Versklavung von Menschen durch Menschen, die sich angemaßt haben und anmaßen, ihre Glaubensideen und Realitätsvorstellungen anderen Menschen und insbesondere Kindern in der Schule aufzuzwingen – wenn es sein muss mit Gewalt. Es ist der Schmerz von Tausenden, Zehntausenden, Hunderttausenden, Millionen, ja Milliarden unterdrückter Menschen aus Jahrzehnten, aus Jahrhunderten, aus den letzten 5000 Jahren und vielleicht darüber hinaus.

Genauer ausgedrückt: Es ist die kollektive Angst und der kollektive Schmerz des erniedrigten Weiblichen (= linke Seite), über das sich das Männliche (= rechte Seite) gestellt und womit es die fundamentale Gleichwertigkeit verletzt und erschüttert hat. Es ist der Schmerz der Frauen aufgrund der Herabwürdigung und Unterdrückung durch die Männer, die auf diesem Planeten bis heute kein (wirkliches) Ende gefunden hat.

Das patriarchale Tabu

Die unterdrückte Linkshändigkeit spiegelt also auch das unterdrückte Weibliche und den immer noch aufrechterhaltenen Dominanzanspruch des Männlichen über das Weibliche wider – in Männern wie in Frauen. In ihr wirken 5000 Jahre Patriarchat, das durch die Überbewertung von „Vernunft“ und „Logik“ und durch die Geringschätzung oder Abspaltung von „Gefühl“ und „kreativem Chaos“ eine tiefe Spaltung in der Menschheit geschaffen hat. Auf der inneren Ebene verhindert dies Ganzheit und Einheit, Harmonie und Selbstverwirklichung. Auf der äußeren Ebene verhindert es, dass wir als Menschheitskollektiv aufhören, die Erde zu zerstören, und erfahren, dass wir Teil von ihr sind und sie Anteilnahme und einen wertschätzenden Umgang von uns braucht. In der unterdrückten und fast unsichtbar gewordenen Linkshändigkeit trägt sich unsichtbar weiter der Kampf trennender Vernunft und gnadenloser Logik gegen ganzheitliches Fühlen und innere Verbundenheit aus.

Hier finden wir wohl das größte, tiefste und versteckteste Tabu um die Linkshändigkeit. Es korrespondiert mit dem, wie wir angelegt sind.

Die linke Gehirnhemisphäre ist mit der rechten Körperhälfte verbunden. Über sie kommen die „männlich“ analytischen Fähigkeiten und Qualitäten zum Ausdruck.

Die rechte Gehirnhemisphäre ist mit der linken Körperhälfte verbunden. Über sie drücken sich die „weiblich“ kreativen Fähigkeiten und Qualitäten aus.

Es ist offensichtlich, dass für ein gesundes und erfülltes Leben jenseits von bloßem Funktionieren und für einen wahrhaften Selbstausdruck und die Verwirklichung der eigenen Berufung beide Gehirnhemisphären in möglichst harmonischer Zusammenarbeit notwendig sind, bei der sie sich optimal ergänzen. Und dies kann uns in der Tiefe dann gelingen, wenn wir zugleich die Überbewertung des „männlich Logischen“ und die Unterbewertung des „weiblich Fühlenden“ loslassen und an ihrer Integration in Form von Gleichwertigkeit arbeiten. Dies könnte schließlich auch dazu führen, dass das Männliche vom Podest seiner (angstbesetzten) Überheblichkeit steigt und dem Weiblichen wirkliche Wertschätzung und Respekt, Offenheit und Mitgefühl entgegenbringt – und der „Geschlechterkampf“ in uns und zwischen uns ein Ende findet.

Der Widerstand aus den Tabus

Kehren wir vom Ausflug zu unseren kollektiven Prägungen zur alltäglichen Wahrscheinlichkeit zurück, in unseren Praxen und in der eigenen Familie „geheimen Linkshändern“ zu begegnen. Vermuten wir bei jemand Linkshändigkeit und wagen es, diese potenzielle Möglichkeit anzusprechen, schlägt einem öfter wie aus der Pistole geschossen erst einmal eine beträchtliche Widerstandsenergie in Form von „unvorstellbar“ oder „Nein, kann nicht sein“ entgegen. Gibt es offensichtliche Parallelen zwischen den krank machenden Konsequenzen und Problemen unterdrückter Linkshändigkeit und dem Leidensweg des Menschen vor uns, öffnen sich dann doch einige dafür, etwas genauer hinzuschauen und der Wahrheit ihrer Händigkeit auf die Spur kommen zu wollen.

Diese Öffnung und das eigene Interesse daran sind Grundvoraussetzung, dass das Leben der Betroffenen eine Wende nehmen kann. Trotz weitgehend fehlendem gesellschaftlichen „Linkshänderbewusstsein“ gibt es zum Glück mittlerweile ein paar fundierte Bücher und professionelle Beratungsmöglichkeiten*, wo „Linkshänderverdächtige“ ausführliche Tests machen und sich selbst davon überzeugen können, ob eine Linkshändigkeit in ihrem Fall wirklich besteht. Dies könnte dann die Basis sein, sich gegebenenfalls für eine Rückschulung auf die linke Hand zu entscheiden.
*z.B.: http://linkshaenderberater.de/ https://www.linkerhand.de https://integralmed.eu/pages/linkshaendigkeit.php  http://www.menge.cc/linkshand/LH-Berater.pdf

Damit eine Umstellung von rechts auf links erfolgreich sein kann, ist Voraussetzung, dass die Betroffenen ihre Linkshändigkeit wirklich aus eigenem Antrieb wollen, für sich selbst – und nicht, um anderen einen Gefallen zu tun. Denn sie hat auch ihren Preis und braucht die Bereitschaft, durch eventuell mögliche „Umstellungsreaktionen“ körperlicher und psychischer Art hindurchzugehen, und möglichen Schmerz, aufsteigende Trauer und Wutprozesse auszuhalten, wenn einem bewusst wird, was durch Pseudo-Rechtshändigkeit alles an Selbstentfaltung verhindert wurde bzw. im bisherigen Leben nicht möglich war.

Die Umstellung braucht insbesondere die Bereitschaft, die notwendige Zeit für ein neues Wohlergehen zu investieren und einen Neubeginn zu wagen, denn wie in der ersten Klasse gilt es, wieder Schreiben zu lernen und dies erst mal einige Zeit täglich zu üben – und zwar ohne Leistungsdruck!

Da die Buchstaben mit der linken Hand teilweise anders angesetzt und aufgebaut werden und es kontraproduktiv ist, mit der linken gleich wie mit der rechten Hand schreiben zu wollen, sei wärmstens empfohlen, dies nur mit betreuter Begleitung durch professionelle Linkshänderberater zu tun, die denselben Weg der Umschulung auf die linke Hand beschritten haben und wissen und vermitteln können, wie die Neuaneignung des Schreibens mit links funktioniert, ohne sich durch Unwissen oder Übereifer selbst dabei zu schaden.

Die größte Herausforderung dabei ist, jeglichen (uns allen eingebläuten) Leistungsdruck und Perfektionismus (= linke Gehirnhälfte) loszulassen und einfach nur Freude daran zu haben und sich gut dabei zu fühlen. Wer sich ohne Vorurteile auf die Feststellung einer möglichen Linkshändigkeit und auf die Rückschulung auf die linke Hand einlässt, kann dabei viele neue Erkenntnisse über sich selbst gewinnen und die Freude erleben, verborgene Fähigkeiten zu outen und sich selbst neu zu „erfinden“. Sie bietet die Basis zu einer möglichen wahren Befreiung von vielen lebenslangen Schwierigkeiten in allen Lebensbereichen, wofür sich der Einsatz und die Hingabe an den bewussten Veränderungsprozess mehr als lohnt. Rückschulung ist in jedem Alter möglich und kann dann beginnen, wenn die psychischen und physischen Lebensumstände dafür geeignet erscheinen.

Hier einige Aussagen von Menschen, die es gewagt haben, diesen Schritt als Erwachsene zu vollziehen:

  • Mit den Energien, die ich früher als umgeschulter Linkshänder eingesetzt habe, hätte ich drei Häuser bauen können.
  • Auf Anspielung der Kollegin nicht wie früher explodiert, sondern nur gelächelt.
  • Habe der Freundin den Kopf gewaschen, früher fehlten mir dafür die Worte.
  • Ich kann Lob annehmen.
  • Ich habe frühere Hemmungen beim Kennenlernen abgelegt.
  • Die Schlangenphobie ist plötzlich weg.

Uns bekannte Menschen berichteten, dass sie viel mehr Energie und Lebensfreude haben, sich besser abgrenzen können und die immer wieder aufgetretenen Panikattacken verschwunden sind. Wie tief greifend die „Handumstellung“ wirken kann, zeigt dieses Feedback:

"Es war wie eine Befreiung für mich, die Ursache meiner Schwierigkeiten zu erkennen. Das Karussell meiner Fragen an das Leben, das seit Jahrzehnten fast ohne Pause rotierte, drehte sich augenblicklich langsamer … Ich drehte mich im Kreis. Weil ich umgeschult war, ging es mir schlecht. Weil es mir schlecht ging, weil meine Gesundheit wenig stabil war, weil mein gesamtes Leben kopfstand, war der Zeitpunkt für eine Rückschulung nicht günstig. Ohne Rückschulung aber sah ich keine Chance auf Besserung meiner Lage. Ich wollte meine Lage analysieren, um mit klarem Blick auf die Gesamtsituation eine sachliche und logische Entscheidung treffen zu können. Dazu legte ich einen weißen Bogen Papier bereit. Ganz oben notierte ich drei Fragen:

  • Könnte es mir durch die Rückschulung auf die linke Hand gelingen, mein Tagwerk und meine Aufgaben eines Tages leichter zu meistern?
  • Werden Erschöpfung und Müdigkeit nachlassen?
  • Werde ich meinen Platz im Leben finden?

Unter den drei Fragen blieb der Bogen leer. Noch während ich die Fragen aufschrieb, war der Entschluss tief in mir gereift, in Schichten, die mit logischen Analysen nicht erreicht werden können: Ich schule mich zurück!

Ich spürte: Die Rückschulung war meine Chance, endlich wieder am Leben teilzunehmen, aus dem kraftlosen Dämmerzustand herauszukommen. Endlich nach Hause! Zurück auf meine Seite! Je schneller, je besser.“

(Quelle: Marina Neumann, Natürlich mit Links, Zurück zu Linkshändigkeit - Befreiter Leben mit der starken Hand, 2014, S.109f.)

Dieses Feedback verweist darauf, dass es mit solch einer Entscheidung auch um die Rückgewinnung unterdrückter oder verlorener Qualitäten und Fähigkeiten unserer weiblichen Seite geht, für die die linke Körperhälfte steht, und die der Verstand nicht bieten kann: Es ist das Fühlen und das intuitive Wissen, das Grenzenlose und das mit allem Verbundene, das Berührende und das Mitfühlende, das Empfangende und das Nährende.

So geht es bei der Umschulung in erster Linie nicht darum, aus einer falsch perfekten oder ungenügend funktionierenden rechten Hand eine perfekte linke Hand zu machen, sondern aus dem Bauch heraus den nächsten Schritt zu wissen und zu spüren, was einen wirklich berührt. Sie kann die Tür öffnen, (wieder) sich selbst und die eigenen Bedürfnisse und Absichten der Seele in uns zu fühlen, damit wir ihnen folgen können und aus unserem Selbst heraus geführt sind.

Resümee

Sein Leben auf der Basis einer falsch gelebten Händigkeit zu leben, die der genetischen Anlage widerspricht, kann die größte Heilblockade überhaupt sein. Wird dies nicht erkannt, bildet sich zwangsläufig neurotisches Verhalten in vielerlei Hinsicht aus, das in letzter Konsequenz nicht therapierbar ist und dem nicht wirklich beizukommen ist, wird die zugrunde liegende Grundursache nicht erkannt und nicht adäquat gelöst.

Ein neues Augenmerk für das oftmals tabuisierte Thema der (unterdrückten) Linkshändigkeit als therapeutisch Tätige zu entwickeln, indem wir einfach auch mit diesem Fokus die hilfesuchenden Menschen vor uns betrachten, könnte für viele ein Schlüssel und eine neue Tür zur Heilung sein. Besonders für diejenigen, die „verpeilt“ durchs Leben gehen, sich selbst entfremdet sind, nichts auf die Reihe kriegen, trotz Tausender Therapien nicht weiterkommen und weder zu ihrer Berufung noch zu sich selbst finden.

Liegt unerkannte oder nicht gelebte Linkshändigkeit zugrunde und besteht der tiefe Wunsch, das bisher unmöglich Scheinende zu meistern, kann der Schritt der Umschulung große Befreiung bedeuten: Das Leben wird leichter und angenehmer, es stehen mehr Energiereserven zur Verfügung, die Orientierung kommt aus dem eigenen Innern, Lebensfreude breitet sich aus und mit jedem neuen Tag wissen die Betroffenen mehr, wer sie sind und was zu verwirklichen sie in dieses Leben gekommen sind. Und ihr neues Motto könnte dann bald heißen:

„Ich mach das mit links!“

Helmut und Rita Maier

Helmut Maier
Heilpraktiker für Psychotherapie
Rita Maier
Heilpraktikerin
Gemeinschaftspraxis in Falkensee, Beziehungstherapie, Heilblockaden-Transformationstherapie, Milchzyklus-Nährtherapie, Systemische Aufstellungen, Psychosomatische Energetik
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Quellen für diesen Artikel:
Jessica Mühlhäuser/Silvia Mühlhäuser/Hanns v. Rolbeck: Nicht gelebte Linkshändigkeit – nicht genutzte Potentiale, Tübingen 2011
Johanna Barbara Sattler: Der umgeschulte Linkshänder oder der Knoten im Hirn. Donauwörth, 2000
Frank Steinkopf: Schritt für Schritt mit links ins Glück, Jeder zweite Mensch ist Linkshänder – meistens weiß er es nur nicht, Heide 2014
Marina Neumann: Natürlich mit Links, Zurück zur Linkshändigkeit – Befreiter Leben mit der starken Hand, Ariston Verlag 2014
https://ledragonfly.blog/schraeaeg/
https://integralmed.eu/pages/linkshaendigkeit.php
http://linkshaenderberater.de/
https://www.linkerhand.de 
http://www.menge.cc/linkshand/LH-Berater.pdf

 

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