Hilfreiche Interventionen – 3. Die „Halbzeit-Frage“

Kommunikation mit dem Wachbewusstsein auf Kortexebene

In dieser Reihe stelle ich Interventionen vor, die sich bei uns in der Valere-Klinik sehr gut bewährt haben. Meist resultiert schon innerhalb einer Sitzung eine deutliche Besserung. Einige Methoden haben wir selbst entwickelt, andere übernommen (z. B. aus dem NLP) oder weiterentwickelt. Wie sie durchgeführt werden, kann im Rahmen einer Hospitation bei uns beobachtet werden. Bei Interesse einfach anrufen oder auf die Website gehen. Hospitationen können nur komplett (13 Tage) gebucht werden; es fallen lediglich die Kosten für Ü und VP an.

Die Zielsetzung jeder Intervention ist

  • noch in der Sitzung den Erfolg wohltuend zu spüren
  • eine nachhaltige Wirkung durch Bedeutsamkeit
  • eine hohe Aufmerksamkeitsfokussierung

Dabei wird im Auge behalten

  • die therapeutische Beziehung, gerade auch bei Provokationen
  • der Wunsch des Patienten
  • die Entwicklung des Patienten
  • die Selbstwirksamkeit, Realisierungsgrenzen
  • die systemischen Wechselwirkungen bei Erfolg (Preis der sozialen Systeme)

Folge 3: Die „Halbzeit-Frage“

Vorgang: Kommunikation mit dem Wachbewusstsein auf Kortexebene

Durchführung: Zur Halbzeit der Sitzung wird die Frage gestellt: „Jetzt bitte ich Sie um eine kurze Rückmeldung: Wie beurteilen Sie unsere Arbeitsweise während der letzten 30 Minuten?“

Je nach Patient und Situation wird die Frage noch angepasst

  • als offene W-Frage (s. o.)
  • digital: „Erleben Sie unsere Therapie eher positiv oder eher negativ?“
  • skaliert: „Auf einer Skala von 0 bis 10, wie hoch sehen Sie den Wert unserer bisherigen Zusammenarbeit?“

Hilfreich: Bei allen Werten schlechter als 9 kann sofort nachgefragt werden! Das eröffnet neue Wege, z. B. höre ich oft (sinngemäß): „Sie machen das wunderbar, aber ich Dussel bin nicht bei der Sache ...“, also intrapunitive Strukturen, an denen dann gleich weitergearbeitet werden kann. Vielleicht sogar mit mehr Schwung als beim ursprünglichen Thema.

Indikation: Wenn Patienten nicht im therapeutischen Dialog und damit nicht im Hier und Jetzt konzentriert sind, wenn sich z. B. quälende Gedanken oder Bilder in den Fokus drängen (gerade bei Zwangsgedanken) oder der therapeutische Prozess in der Sitzung insgesamt unsicher erscheint.

In der Valere-Klinik setzen wir diese Intervention mittlerweile grundsätzlich ein, also auch ohne spezielle Indikation. Sie hat sich einfach sehr bewährt: nicht nur als Maß- nahme für den jeweiligen Moment, sondern auch ganz generell als Indikator dafür, wie Psychotherapie erlebt und verstanden wird, i. S. einer nachhaltigen Kultur, von der beide Seiten immer wieder profitieren können.

Ziel:

  • Die Patienten können Abstand gewinnen zu inneren Vorgängen und sich so anschließend nicht nur besser verstehen, sondern auch annehmen.
  • Feindbilder sich selber gegenüber verschwinden, und zwar eher nebenher, also ohne explizite Hinweise.
  • Die Patienten werden zur Manöverkritik und damit auf eine Position der Augenhöhe eingeladen.
  • Die Verantwortung für die Qualität der Sitzung wird klar auf beide Seiten verteilt.

Dauer: ca. 1 bis 2 Minuten; also noch viel Zeit zum Nachbesprechen. Setting: sowohl Gruppe als auch Einzeltherapie, beides ist möglich. Minimaler Zeitaufwand bei hohem Ertrag. Auch bei Paar- und Familientherapien sehr empfehlenswert!

Erlernen: für Kollegen sehr schnell – einmal durchlesen reicht meistens aus.

Erfolg: fast immer schon in der Sitzung deutlich sichtbar; oft verknüpft mit kleinen Zeichen der Überraschung (Augen, Lidschlag, Kopfhaltung, Brustwirbelsäule ...)

Nachhaltigkeit: Schon mehrfach bekam ich das Feedback, dass sich die Patienten diese Frage sowieso im Geiste immer wieder selber stellten, auch zwischen den Sitzungen und noch nach dem Ende der Psychotherapie.

Konkreter Effekt hier: Erlernen von Flexibilität beim Wechsel der geistigen Ebenen.

Anlass, Idee, Historie: Ein Kollege klagte mir vor vielen Jahren sein Leid, nämlich, dass so viele seiner Patienten die Psychotherapie abbrechen würden, oft sogar ohne Ankündigung. Darauf überlegten wir, was man denn im Vorfeld schon tun kann, um zu erfahren, ob die Patienten schon kurz vor der „inneren Kündigung“ sind. Denn wenn sie erst einmal umgesetzt wird, ist es zu spät und für beide Seiten unangenehm. Motivation: Gerade bei zweifelnden Patienten erhöht dieses Feature deutlich die Motivation zur Psychotherapie, denn sie merken, dass sie 100 %ig ernst genommen werden. Jedes Vorurteil über Psychotherapie ist damit vom Tisch und genauso jede Befürchtung, z. B. als Patient in der Schülerrolle zu sein.

Voraussetzung: aufseiten der Patienten keine besonderen Voraussetzungen, außer den üblichen Fähigkeiten, sich auf einen „normalen“ therapeutischen Prozess einzulassen.

Körperkontakt: Bei diesem Format erfolgt keine Körperberührung. Subtext: Ohne explizite Ankündigung entsteht eine Atmosphäre der Gleichrangigkeit und auch der geteilten Verantwortung sowie gleichzeitig die Erlaubnis, die Therapeuten bewerten zu dürfen. Außerdem erfolgt eine deutliche Entschleunigung der inneren Impulse, der Gedanken, Bilder und Gefühle.

Stolpersteine: Bislang sind keine besonderen Vorkommnisse, Abweichungen oder Risiken aufgetreten.

Konsequenz des Features: Bisweilen wird die Intervention von den Patienten schon antizipiert: „Jetzt fragen Sie mich gleich wieder nach meiner Beurteilung …“ und sie lächeln dabei – also erhöhte Fokussierung auf das Hier und Jetzt. Bewertung der Patienten: Selbstverständlich kann man auch diese Intervention selbst bewerten lassen; gerade bei Menschen, die sich selber oft abwerten, ist das eine gute Zusatzmöglichkeit.

Metaebene: Anstatt in der Psychotherapie nur über Leidenszustände zu sprechen, versuchen wir von der Grundidee her immer, auch die Metaebene anzuregen. Wer zusätzlich die anderen Sinneskanäle einbeziehen möchte, kann natürlich auch eine virtuelle Skala im Therapie-Raum auslegen und die Patienten bitten, sich auf einen Strich der Skala zu stellen.

Erlaubnis: Vor jeder Intervention bitten wir um Erlaubnis und geben eine Vorschau auf die nächsten Minuten. Hier geht der (prüfende) Blick nach rückwärts, mit der gleichen Intention.

Zusammenfassung: zur Halbzeit jeder Therapiesitzung (oder auch öfter!) nachfragen, ob die aktuelle Arbeitsweise für den Patienten so o.k. ist.

Das hat gleich zwölf Vorteile:

  • Patienten, die zum Jammern neigen, hören damit auf.
  • Für viele ist es eine Ehre, gefragt zu werden.
  • Patienten und Therapeuten sind auf einer Höhe, nämlich beide in der Metaposition.
  • Die Verantwortung für den Verlauf der Sitzung liegt bei allen Beteiligten gleichermaßen.
  • Ich bekomme Supervision (unentgeltlich und zeitneutral).
  • Ich zeige meine Lernbereitschaft (jede Form der therapeutischen Darstellung entfällt).
  • Patienten, die „zu weit weg“ sind, kommen näher.
  • Patienten, die „zu nah dran“ sind, rücken geistig ein wenig zurück.
  • Diese Intervention verbraucht oft nur eine Minute Zeit (inkl. Antwort).
  • deutliche Erhöhung der Kooperation.
  • kein Abdriften in die innere Welt (keine „innere Kündigung“).
  • hohe Nachhaltigkeit.

Fallvignette/Erklärung des Vorgehens: entfällt bei dieser Intervention, denn sie ist immer und überall einsetzbar.

Einzige Ausnahme: Bei unwiderruflichen Lebenskrisen, z. B. Todesfällen, ersetze ich das Wort „Arbeitsweise“ durch „Begleitung“.

Dr. Walter HofmannDr. Walter Hofmann
Facharzt für Psychotherapie, Chefarzt Valere Privatklinik, Dachsberg im Südschwarzwald

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