Zwei Migrantenkinder. Ihre Geschichte

© Lydia BilkeiRobert (10) lernte ich kennen, als er gerade neun Monate in Deutschland war. Alles, was mir gesagt wurde, war: „Er war ein guter Schüler, doch seit sein Vater tot ist, spricht er nicht mehr.“ Ein Gespräch mit der Mutter war unmöglich, da sie weder Deutsch noch Englisch spricht, und mein Russisch ist so eingerostet, dass eine Unterhaltung nicht möglich ist. Alles, was ich im Folgenden schreibe, hat Robert mir nach und nach über ein Jahr verteilt in Bruchstücken erzählt.

Robert stammt aus einem winzigen Bergdorf in einer der abgelegensten Ecken Rumäniens. Gemeinsam mit seinen Eltern ist er vor zwei Jahren aufgebrochen. Nur, was er selbst tragen konnte, durfte er mitnehmen.

Zunächst sind sie mit dem Bus gefahren, dann zu Fuß durch Ungarn gewandert. Dort sind sie ein Jahr bei entfernten Verwandten geblieben. Er glaubte, angekommen zu sein, eine neue Heimat und Freunde gefunden zu haben, hat sogar die Sprache gelernt.

Doch dann brachen sie von einem Tag auf den anderen erneut auf, als es zu Unruhen kam. Sie sind dann nach Österreich in ein Flüchtlingslager gekommen. Dass es dort ähnlich hohe Berge gab wie in Rumänien, war alles, was ihm gefiel. Es muss schlimm gewesen sein, wenn ein Kind keine Worte mehr findet, zu beschreiben, was es gesehen und erlebt hat. „Die wollten uns da in Österreich nicht haben.“ Robert war froh, als sie nach Deutschland abgeschoben wurden.

Seine Eltern waren wieder guten Mutes, endlich in Sicherheit und finanziell abgesichert, sodass sie nicht mehr hungern und frieren mussten. Die Eltern, beide Akademiker, wollten in ihrem Beruf arbeiten, genug Geld verdienen, um dann nach England zu gehen. Doch die deutschen Behörden bauten schier endlose und unüberwindbare Hürden auf. Die Ausbildung und Studienabschlüsse wurden nicht anerkannt, die Arbeit im Beruf wurde unmöglich gemacht. Der Vater fand keine Arbeit, die Mutter fand eine Putzstelle, wo sie spät abends arbeiten konnte.

Als ich Robert, damals acht Jahre alt, zum ersten Mal traf, sprach er seit drei Monaten nicht mehr. Alles was man mir sagen konnte/ wollte, war, dass es mit dem Tod des Vaters zusammenhängt. Seine schulischen Leistungen waren komplett eingebrochen, er nahm am Unterricht nur noch körperlich teil und blickte geistesabwesend aus dem Fenster.

Er schaute auch bei mir stumm aus dem Fenster. Also begann ich, in möglichst einfacher Sprache zu beschreiben, was ich vor dem Fenster sah, da ich nicht einschätzen konnte, inwieweit er mich überhaupt verstehen würde. Ich arbeitete zweimal pro Woche für je zwei Stunden mit ihm, versuchte dabei auch auf den Schulstoff einzugehen. Schreiben und Malen waren irgendwie ein merkwürdiges Problem. Alle Buchstaben schrieb er auffällig groß. Fragen konnte ich ihn zwar dazu, doch eine Antwort kam nicht.

Die Situation war schwierig einzuschätzen, da ich in keinster Weise wusste, wie gut die Deutschkenntnisse des Jungen waren, ob er mich überhaupt verstehen konnte. Manchmal zweifelte ich wirklich, doch ich ließ mich nicht beirren. Irgendetwas musste den Jungen zum Schweigen veranlasst haben und ich war entschlossen, herauszufinden, was es war.

FP 0519 alles App Page34 Image3Nach zwei Wochen richtete Robert endlich den permanent gesenkten Kopf zu mir auf. Das Gefühl, das dieser erste Blick auslöste, war unbeschreiblich. Zum ersten Mal konnte ich sehen, dass ich zu ihm durchdrang. Gleichzeitig sah ich aber auch die Qual seiner Seele. Nach einer weiteren Woche mit Maltherapie und einer riesigen Europa-Wandkarte vor uns, auf der ich mir zeigen ließ, wo er herkam, Verwandte wohnten und den Weg, den sie gegangen waren, war das Vertrauen so weit aufgebaut, dass ich zum ersten Mal seine Stimme hörte. Endlich sprach er einige wenige Worte – Rumänisch. Ich verstand zwar nicht, was er sagte, doch er sprach.

Beim nächsten Treffen war der Damm gebrochen. Die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus. Zwar vermischt und nicht alles auf Deutsch, aber er sprach wieder. Im Nachhinein denke ich, war meine intuitive Entscheidung, mir die Fluchtstrecke auf der Karte zeigen zu lassen und das Gezeigte in Worte zu fassen, der richtige Weg. Von nun an ging es rasch voran. Als ich mit ihm Schulstoff aufholen wollte, bemerkte er jeweils nach 30 Minuten, dass er Kopfschmerzen hätte. Zunächst dachte ich, das sei eine Masche, um nicht weiterzuarbeiten. Doch dann kam mir der Gedanke, ihn einen Buchtitel vorlesen zu lassen. Dabei fand ich heraus, dass Robert eine Brille brauchte.

Einen Monat später – deutsche Behörden sind erfindungsreich was Antrangsformulare betrifft – hatte Robert eine Brille mit drei Dioptrin Glasstärke! Es ist mir immer noch ein Rätsel, warum die Lehrer seine Sehschwäche nicht festgestellt haben.

Doch der Auslöser für Roberts Schweigen war immer noch nicht gefunden. In seinen Erzählungen kamen allerdings immer wieder sehr verstörende Szenen vor vom Bedrohen mit Erschießen und „Kopf abschneiden“. Letztere unterstrich er jeweils mit einer entsprechenden und detaillierten scharfen Handbewegung entlang seiner Kehle. Ich entschied, dass er mir so viel wie möglich über seinen Vater erzählen sollte. Immer wieder, egal welches Thema Robert auch anschnitt, ich brachte das Gespräch auf seinen Vater.

Irgendwann brach es dann aus Robert heraus. Er sagte: „Ich weiß, was du willst. Du willst nur, dass ich dir von dem Schrecklichen erzähle.“ Erschütternd war die darauffolgende Schilderung, wie sein Vater gestorben war. Von Amts wegen und von der Schule hatte man mir nichts sagen dürfen oder wollen. Robert erzählte, dass sein Vater nach sechs Monaten in Deutschland, nervlich am Ende war. Seine Mutter und er hatten ständig Streit. Robert fand ihn dann eines Tages, als er aus der Schule kam, mit durchschnittener Kehle in seinem Zimmer. Der Suizid des Vaters hat den Jungen derart schockiert, dass es ihm wörtlich die Sprache verschlagen hatte. Unendlich enttäuscht war Robert darüber, dass sein Vater sich nicht von ihm verabschiedet hat. Keine Zeile, kein Wort, nichts für ihn hinterlassen hat. „Er ist einfach weggegangen, ohne an mich zu denken“, weinte er.

Die Mutter, die kaum Deutsch spricht – Robert muss alle amtlichen Briefe übersetzen – verweigert eine Therapie. Wie Robert sagte, hat sie bereits einen neuen Vater für ihn und will zu ihm ziehen. Das taten sie kurz darauf. Robert erzählte mir danach stolz jede Woche von den Unternehmungen mit dem neuen Vater, zu dem er Vertrauen aufgebaut hatte. Er erzählte mir auch, dass die Mutter den neuen Vater bereits in Rumänien gekannt hat.

Roberts schulische Leistungen gingen bergauf, er hatte Spaß am Lernen und der neuen Sprache. Ich glaubte, das war es, er hat es geschafft. Doch nach vier Monaten, trennte sich die Mutter von dem neuen Vater und sie zogen erneut um. Zuerst hat mir Robert noch mit Enthusiasmus von seinem neuen eigenen Zimmer erzählt. Doch das Neue war nach kurzer Zeit verflogen.

Nun war er sich nach der Schule selbst überlassen, da die Mutter ab 15 Uhr arbeitete. Ohne Aufsicht hat er in Internetspielen Zuflucht gesucht. Ich fürchte, er könnte in Spielsucht verfallen. Das war das Letzte, was ich von ihm hörte.

© fizkesSelina (acht Jahre) das jüngste Kind einer Migrantenfamilie rumänisch-ungarischer Roma. Ihre beiden Brüder sind 13 und 16 Jahre alt. Auf meine Frage, was Vater und Mutter tun, erhielt ich von Selina folgende Antwort „Papa arbeitet“. Und dann mit einem kecken Augenblinzeln und Zungenschnalzen, das ich von einem so jungen Mädchen nicht erwartet hätte: „Mama arbeitet zu Hause – und die Männer, die aus Mamas Schlafzimmer kommen, sind nicht der Papa“. Ah ja.

Eine Woche später erzählt Selina, während sie ihr Zuhause malen soll: „Mama lässt die Schlafzimmertür jetzt immer auf, damit ich sehen kann, was sie da tun“. Doch die Mitteilung ans Jugendamt, dass zu Hause eine Gefährdung für das Mädchen bestehe, brachte keine Abhilfe. Ganz im Gegenteil. Roma sind sehr speziell. Es hat die Situation nur verschärft und vorangetrieben. Die deutsche Justiz darf erst eingreifen, wenn das Mädchen vergewaltigt worden ist.

Als ich Selina zeichnen lasse, was sie kürzlich Besonderes gesehen hat, schießt selbst mir bei ihrer Wortwahl, alles zu beschreiben, das Blut in den Kopf. Solches kann kein achtjähriges Mädchen erfinden. Also habe ich erneut das Jugendamt eingeschaltet. Wieder mit dem gleichen Ergebnis. Das Amt erkennt die Gefahr, kann jedoch nichts weiter tun, als mit den Eltern zu sprechen. Auch wenn das nun mehr als ein Jahr zurückliegt, macht mich diese unmenschliche Gesetzgebung immer noch sehr betroffen.

Das Letzte, das ich über Selina hörte, war, dass sie sich ein Bein und einen Teil des Rumpfes schwer verbrüht hat, als in der Küche ein Suppentopf vom Herd auf sie fiel. Sie war danach länger in einer Spezialklinik und hat Hauttransplantate erhalten. So schlimm dies ist, vielleicht bleibt ihr nun dadurch weiteres Übel erspart.

Beide Familien sind seither umgezogen.

Was habe ich gelernt durch diese beiden Kinder? Es ist erschreckend, was Kinder durch Kriegswirren und wirtschaftliche Not erleiden. Ich mochte ehrlich gesagt nicht wirklich in allen Details wissen, was diese armen Kinder auf der Flucht alles haben ansehen und erleben müssen. Es gab Dinge, die selbst ich nur sehr schwer verarbeiten konnte und daher hier erst gar nicht schildere.

Diese Kinder werden Teil der Gesellschaft von morgen sein, sie mitgestalten, egal in welchem Land sie sein werden. Wir sollten ihnen daher so gut wir können helfen, damit aus ihnen verantwortungsvolle Menschen werden, die trotz oder gerade wegen ihrer grausigen, schrecklichen Erfahrungen in jungen Jahren gerecht, friedfertig und liebevoll miteinander umgehen werden.

Ruth H. Henrich, MBA (USA)Ruth H. Henrich, MBA (USA)
psychologische Beratung, Coaching

www.ruthhenrich.wixsite.com/bewusstleben

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