Die heilende Kraft der Märchen in der pädagogischen/ therapeutischen Arbeit mit Kindern

©hiddencatchLaura sieht mich mit ihren großen Augen an: „Ja, Laura, ich habe von einem Mädchen gehört, das einsam und verlassen durch den Wald irren musste. Doch sie hat es geschafft zu überleben und ich meine, sie ist sogar eine Prinzessin geworden.“
Laura zweifelt an dem, was ich sage. Gerade hat sie mir erklärt, dass sie aufgibt, jemals bessere Noten zu bekommen. Wieder eine 5 von einer uneinsichtigen Lehrerin, die nicht begreift, dass Laura Legasthenie hat und es nicht am mangelnden Üben liegt. „Und selbst, wenn ich bessere Noten schreibe, will trotzdem niemand in der Klasse etwas mit mir zu tun haben. Ich bin eben dumm und kann gar nichts daran ändern.“

Auch mich lässt die Realität häufig verzweifeln, in meiner Praxis landen sie, die entmutigten Kinder, von denen ich weiß, dass sie alle wunderbare Fähigkeiten und eine liebevolle Persönlichkeit haben. Wie sollen sie diese Ressourcen jemals entfalten, wenn ihnen die Umwelt Steine in den Weg legt und sie nicht mehr an sich selbst glauben können? Doch wir müssen nicht in dieser Realität bleiben, wir können mit den Kindern in eine andere Welt reisen, die ihre eigene Realität hat, die unsere menschliche Psyche anspricht und aus ihr entspringt: das Märchen.

Es zeigt uns steinige Wege und birgt unendlich viele Lösungswege auf der archetypischen Stufe unserer Seele. Es beinhaltet das Wissen und die Weisheiten von Generationen und wird dennoch nicht alt, weil es unsere innersten Gefühle und Konflikte vereint. Laura will mir nicht glauben, dass es dieses Mädchen gibt, das als Kind nicht einmal Eltern hatte, die es schützen konnten, und das verstoßen wurde.

„Mache es dir auf dem Sitzsack bequem, Laura, ich möchte dir gerne die Geschichte erzählen“, ich suche das Märchenbuch heraus und beginne mit dem Vorlesen. Laura, die sonst immer wenig Konzentration besitzt, liegt auf dem Sitzkissen und hat sich mit einer Decke zugedeckt. Sie schmunzelt, dann träumt sie, die Lippen umrahmen ihre Handknochen. Das macht sie oft, das gibt ihr Halt und beruhigt sie. Laura darf einen erholsamen Moment lang Kind sein, etwas, was sie die letzten Jahre seit Schulbeginn kaum noch kennt und sehr vermisst.

FP 0419 Alles App Page58 Image3Als ich fertig bin mit vorlesen, hüpft sie zu mir, schaut mir in die Augen: „Aber es gibt Schneewittchen doch gar nicht, das ist ein Märchen!“ „Weißt du, was ich glaube, Laura? Menschen haben etwas Ähnliches wirklich erlebt, nur deshalb gibt es diese Märchen und Geschichten.“ Ihre Traurigkeit ist wie verflogen, sie ist aktiv und voller Tatendrang.

„Magst du mit mir das Märchen nachspielen? Wollen wir Figuren basteln?“ Laura ist begeistert. In den nächsten Stunden steht das Herstellen der Figuren im Vordergrund. Laura erlebt mit jeder Puppe einen Aspekt ihrer innersten Konflikte. „Die fordernde Mutter und böse Frau“, „der schwache Vater“, „der mitleidige Jäger“, die „helfenden Zwerge“, die für ihre Regression auf Bedürfnisstufen der früheren Kindheit stehen.

Jede fertige Figur wird in Szene mit anderen gesetzt und Lauras Emotionen kommen teilweise mit aller Wucht zum Vorschein. Aber sie findet auch eigene Lösungen. Ihr Schneewittchen zieht nicht in das Schloss, die leibliche, liebe Mutter war gar nicht tot, sondern nur „eingesperrt“, der Prinz befreit diese zusammen mit den Zwergen und die Freude ist groß, als sie wieder mit Schneewittchen vereint ist. Der Vater erfährt davon und verlässt ebenfalls sein Schloss. Sie alle leben nun gemeinsam mit den Zwergen, weil es dort in dem Häuschen im Wald viel schöner ist.

Laura möchte noch nicht in die nächste Entwicklungsstufe gehen, sie braucht noch die Fürsorge und Liebe eines Kindes, denn die Probleme haben sie zu früh aus der Kindheit gerissen. Und sie will lesen! Sie möchte alle Märchen kennenlernen und zeigt neuen Mut.

FP 0419 Alles App Page60 Image2Ähnlich wie bei Laura erlebe ich die Wirkung von Märchen auch bei anderen Kindern.

Es war vor allem der Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung, der sich den Inhalten von Märchen widmete. Er geht von Symbolen bzw. Archetypen aus, die sich im Unbewussten des Menschen befinden und zurückzuführen sind bis an den Anfang unserer Menschheitsgeschichte. Da diese unbewussten Bilder alle Menschen und zu jeder Zeit vereint, spricht Jung auch vom „kollektiven Unbewussten“.

Märchen werden ihrem Inhalt nach auf die symbolische Darstellung innerseelischer Vorgänge von Entwicklungs- und Reifungsschritten des Menschen analysiert.

Wer sich näher mit Märchen befasst und damit wie sie sich uns oder den Kindern offenbaren, kann dieses alte Wissen nutzen. Märchen im Typus der Grimm‘schen Märchen zeigen den Menschen Konfliktlösungen oder Bewältigungsstrategien in bestimmten Lebenssituationen auf und können so eine Stütze sein.

Durch ihre Symbolkraft finden Märchen Zugang zum Unbewussten des Kindes. Die moderne Kinderpsychotherapie arbeitet nicht deutend. Sie erfuhren durch Laura, dass nicht die Interpretation, sondern die eigene Lösungsfindung angeregt durch das Märchen wichtig ist. Als begleitende Fachkraft ist es möglich, dass Sie für das Kind ein Märchen auswählen, von dem Sie meinen, dass es die Lebenssituation oder das Entwicklungsstadium des Kindes anspricht. An den Reaktionen des Kindes werden Sie merken, ob Ihre Auswahl gelungen ist.

FP 0419 Alles App Page60 Image3Märchen beinhalten die unterschiedlichsten Entwicklungsthemen.

Märchen sind keine „geschönten Geschichten.“ Sie umschreiben recht gut, wie uns Ängste, Sehnsüchte und Veränderungen aus der Bahn werfen können. Kindliche Nöte werden nicht verniedlicht. Auf dem Weg zur Lösung von Problemen geschehen oftmals grausame oder unheimliche Dinge. Dennoch, das Märchen zeigt Lösungen auf und vermittelt, dass es am Ende nach Überwindung aller Aufgaben dann doch gut wird. Die Prinzessin, der König, die Hexe, die böse Stiefmutter, alle Personen und Figuren stehen für Persönlichkeitsanteile im Kind.

Der Mensch ist weder gut noch böse, wir besitzen einfach viele Aspekte in unserer Psyche. „Böses“, das sind bedrohliche Gefühle und Bedürfnisse, diese werden jedoch häufig verdrängt, genau wie unerlaubte Sehnsüchte und Wünsche. Verdrängung ist ein wesentlicher Aspekt bei der Entstehung von neurotischen Störungen und anderem seelischen Leid. Deshalb eignet sich das Märchen hervorragend, um den eigenen Gefühlen und Persönlichkeitsanteilen zu begegnen, den „bösen“ genauso wie den „guten“.

Es ist möglich, dass z. B. der Wolf für eine Gefahr oder eine Person steht, die dem Kind im Alltag begegnet. Die Helfer hingegen symbolisieren die Kräfte, die in uns wirken, oder stehen für helfende Kräfte von außen.

Wir sollten bei der Betrachtung keine voreiligen Schlüsse ziehen. Wichtig ist jedoch wahrzunehmen: Es ist genau das Märchen, das das Kind fesselt, und mit Sicherheit sprechen es Aspekte im Märchen an. Möglich ist zudem eine innere Korrespondenz zwischen Märchen und Kind, die wir nach außen hin vielleicht gar nicht so wahrnehmen können, aber dennoch innerpsychisch eine große Wirkung hat.

Manchmal hilft also schon das Lesen eines Märchens und die Bildsprache spricht direkt das Unbewusste an. Vielleicht kennen Sie das Phänomen, dass Kinder immer und immer wieder das gleiche Märchen hören möchten, aber dann, irgendwann spricht es sie nicht mehr an.

Sie können davon ausgehen, dass sich eine Entwicklungsphase einfach vollzogen hat und das Thema nun ein anderes ist. Eine problematische Situation hat sich eventuell verändert. Die Prozesse wurden durchlaufen und es gab einen Entwicklungsabschluss, so wie dieser im Grunde genommen im Märchen vorhanden ist.

Mit Kindern können Sie schwer über deren Problemsituation reden. Das Kind ist auf der Ebene des Spiels zu erreichen und dazu gehören Märchen. Wenn Sie mehr über die Bedeutung der einzelnen Figuren im Märchen erfahren möchten, ist es natürlich von Vorteil, dass Sie das Ganze kreativ aufbereiten können, z. B. mit Handpuppen oder selbst erstellten Figuren. Schattentheater oder Figuren aus Zauberwolle bieten zudem eine hervorragende Grundlage.

Eine weitere Möglichkeit ist, das Kind nach einem Märchen malen zu lassen. Die inneren Bilder, das, was das Kind beschäftigt, wird so noch einmal auf dem Bild sichtbar und eventuell ist ein Gespräch möglich.

Vielleicht gibt es aber etwas, das dem Kind in dem Märchen gar nicht gefallen hat. Auch das könnte mit eigenen Wahrnehmungen und Situationen zu tun haben. Dann erfinden Sie doch einfach mit dem Kind ein Märchen so, wie es in der Vorstellung des Kindes sein sollte.

Laura hat ebenfalls eine eigene Version davon entwickelt, wie das Märchen enden soll, damit es ihr und anderen gut geht. Sie hat aufgearbeitet, dass auch die Beziehung der Eltern unter den Problemen der Legasthenie gelitten hat. Alles war mal besser in ihrer Welt und kann es wieder werden, wenn nicht nur die Schwierigkeiten in den Mittelpunkt gestellt werden.

Oftmals ist es ein langer, beschwerlicher Weg, bis das Gute über das Böse siegt. Aber dennoch: Am Ende wird meistens alles gut in den Handlungen und so machen Märchen Mut. Nutzen wir den Schatz der jahrtausendealten magischen Geschichten! Ich wünsche Ihnen genauso viel Freude und Erfolg dabei, wie ich es mit vielen Kindern teilen durfte!

Bettina Papenmeier Bettina Papenmeier
Diplom-Sozialpädagogin/Diplom-Sozialarbeiterin, Lerntrainerin, Psychologische Beraterin (VFP)

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