Ein kritischer Blick auf die tiergestützte Therapie

FP 0419 Alles App Page55 Image1Die tiergestützte Therapie genießt zurzeit hohes Interesse in der Öffentlichkeit. Viele Menschen lassen sich von diesem Thema faszinieren, doch nur wenige haben eine genaue Vorstellung, was sich dahinter verbirgt. Und das ist nicht verwunderlich: Auch wenn es zum dem Thema mittlerweile ein paar spannende Studien gibt und es auch an Erfahrungen auf diesem Gebiet nicht mangelt, gibt es leider immer noch viel Aberglauben und Spekulationen, die aus Unwissenheit, falschen Vorstellungen oder vielleicht aus unbewusster Idealisierung entstehen.

Begriffsverwirrung

Kein Wunder: Bei der Flut an Informationen ist es schwer, den Überblick zu behalten. Ein Trend folgt dem nächsten, es wird viel experimentiert, erfunden, ausprobiert. So unterscheidet man bei der tiergestützten Therapie eine aktive und eine reaktive Form sowie als Sonderform die tiergetragene Therapie. Darüber hinaus findet man tiergestützte Pädagogik und tiergestützte Fördermaßnahmen – all das sind die verschiedenen Formen von tiergestützten Interventionen.

Und das ist noch nicht alles: Es gibt auch verschiedene Tierarten, mit deren Hilfe man die therapeutischen Maßnahmen zu unterstützen versucht. Von Delfinen über Alpakas und Lamas bis zu Hunden und Pferden – es wird mit vielen unterschiedlichen Tieren experimentiert.

Und es scheint so zu sein, dass die Tierarten dem Modetrend unterliegen. Dass aber Mode etwas ganz anderes ist als z. B. Medizin oder Wissenschaft, muss an dieser Stelle nicht extra erwähnt werden. Und hier haben wir ein Problem:

Wie ernst soll man solche Phänomene wie „tiergestützte Therapie“ dann überhaupt nehmen?

Und wie seriös sind die einzelnen Maßnahmen bzw. Praktiken auf diesem Gebiet?

Klar – in jeder Branche wie in jedem Beruf gibt es schwarze Schafe. Soll man deshalb den tiergestützten Therapien mit Skepsis begegnen?

Auf jeden Fall halte ich es für empfehlenswert, sich mal mit der Sache auseinanderzusetzen.

FP 0419 Alles App Page56 Image2Tierschutz

Wo soll man nun anfangen? Beim Tierschutz, versteht sich! Denn unabhängig davon, wie ethisch korrekt und ehrenvoll unsere Zwecke sind, für die wir die Tiere benutzen: Wir tragen die volle Verantwortung für sie und daher ist ihr Wohlergehen unsere moralische Pflicht. Man braucht kein zoologisches Fachwissen über artgerechte Haltung zu haben, um wilde, nicht domestizierte Arten aus der Liste der potenziellen Therapietiere zu streichen – gesunder Menschenverstand reicht dafür aus.

Bei jeglichen therapeutischen Interventionen mit Tieren bedarf es engsten Kontakts zu den Menschen, damit eine Vertrauensbasis als Voraussetzung hergestellt werden kann. Dafür sind am besten Tiere geeignet, die durch jahrtausendelange Domestikationsprozesse eine Bindung zu Menschen entwickelt haben, die mittlerweile auf genetischer Ebene determiniert ist.

Leider werden einige „therapeutische“ Dienstleistungen mit Tieren angeboten, deren artgerechte Haltung kaum zu gewährleisten ist. Klartext: Delfintherapie ist tierschutzrelevant. Es ist pure Ausbeutung und zwar nicht nur der Tiere, sondern auch der verzweifelten Patienten, die für den zweifelsfreien Spaß, zusammen mit den Meeressäugern zu planschen und dessen zweifelhaften therapeutischen Effekt tief in den Geldbeutel greifen müssen.

Natürlich muss es bei der tiergestützten Intervention nicht unbedingt ein Delfin sein – ein Kaninchen ist da viel günstiger. Mit so einem kleinen, süßen Tier zu kuscheln, beruhigt und tut einem gut. Man darf dabei nur nicht daran denken, dass Kaninchen einander nicht auf den Arm nehmen und solcher Umgang mit ihnen daher alles andere als natürlich ist. In der freien Natur bedeutet für sie, hochgehoben zu sein, nichts anderes, als von Raubtieren oder Greifvögeln geschnappt zu werden – was verständlicherweise höchsten Stress für das arme Tier verursacht. Man kann zwar das Hauskaninchen daran gewöhnen, aber Spaß dabei haben und das Ganze genießen wird das Tier eher nicht. Also, wenn man ein Kaninchen als trostspendendes Kuschel-Therapie–Tier nimmt, soll man lieber nicht an seine Empfindung denken: Schlechtes Gewissen ist für jegliche Therapieformen keine gute Voraussetzung.

Therapiehunde

Mit den Hunden als Therapietieren sieht es ganz anders aus: Der enge Kontakt zu Menschen ist eine der unabdingbaren Voraussetzungen für ihre artgerechte Haltung. Doch auch mit unseren treuen Freunden ist es nicht ganz so einfach. Allein bei der Benennung der verschiedenen Einsatzbereiche herrscht Verwirrung: Da gibt es Therapiehunde, Besuchshunde, Rehabilitationshunde und Assistenzhunde, die wiederum verschiedene Einsatzbereiche haben als Blindenhunde, Hunde für Gehörlose, für Diabetiker, für Traumatisierte (z. B. Soldaten) oder für körperlich behinderte Menschen. Es gibt Hunde, die bei der Diagnose bestimmter Krebsarten helfen, denn kein von Menschenhand entwickeltes Gerät kann mit der Sensibilität und Feinfühligkeit der Hundenase konkurrieren, die einige Krebszellen riechen kann. Aber nicht nur in der Medizin werden Hunde eingesetzt: In der Pädagogik sind sie als Schulund Lesehunde tätig.

Also, was die Einsatzmöglichkeiten für unsere vierbeinigen Freunde angeht, sind der menschlichen Fantasie keine Grenzen gesetzt. Daher ist die Verwirrung bezüglich der Begrifflichkeit entsprechend groß.

Der am meisten benutzte Begriff „Therapiehund“ wird meiner Meinung nach viel zu oft missbraucht – nur die wenigsten Hunde werden tatsächlich in wirklich therapeutische Maßnahmen einbezogen. Ein richtiger „Therapiehund“ ist ein integraler Bestandteil des therapeutischen Konzepts und des Behandlungsprozesses. Da aber der Begriff „Therapiehund“ so schön klingt, wollen viele Hundebesitzer ihren vierbeinigen Freund mit diesem „Titel“ schmücken.

Um das zu tun, muss man kein Therapeut sein: Da gibt es z. B. einen Verein, der den Mensch-Hund-Teams nach einem kleinen Seminar und kurzer Überprüfung des Hundes (gegen kleine Gebühr, versteht sich) z. B. Altersheimbesuche organisiert.

Das ist kein schlechtes Geschäft: Gegen eine jährliche Mitgliedschaftsgebühr kann man seinen eigenen Hund stolz „Therapiehund“ nennen, eine Urkunde, ein mit Vereinslogo bedrucktes Shirt und „Therapiehund“- Klettsticker fürs Hundegeschirr bekommen, damit alle sehen, mit wem sie es zu tun haben. Dabei handelt es sich eigentlich nur um Besuchshunde, denn sie tun nichts anderes, als verschiedene Einrichtungen (Alten- und Pflegeheime, Schulen etc.) zu besuchen – „Therapiehund“ klingt einfach cooler als „Besuchshund“.

Das ist natürlich nicht weiter schlimm, aber solche laienhafte Einstellung hilft bei der Popularisierung der Hundetherapie als seriöses Verfahren nicht wirklich.

Therapiehunde brauchen Schulung, genau wie ihre Hundeführer, sonst zeigen die Tiere womöglich ihre mangelhafte Erziehung oder sogar unerwünschtes Verhalten wie Aggression und Ungehorsam. Wenn sie sich aber nur schwer kontrollieren lassen, ist das angesichts der hohen Verantwortung bei den Einsätzen auch für Besuchshunde ziemlich problematisch. Natürlich meinen die Leute es gut, wenn sie Therapiehundevereine gründen, aber wenn dazu benötigtes Fachwissen und Professionalität so unterschätzt bis ignoriert werden, könnte das verheerende Folgen haben und dem Therapiehunderuf eher schaden als helfen. Das muss nicht sein!

Fazit

Es gibt nur wenige Tierarten, die wirkliche therapeutische Wirkung auf unsere Gesundheit haben – mir fallen dazu nur Blutegel und Bienen ein. Aber die positiven Effekte, die wir durch den Kontakt mit den Tieren bekommen, zu welchen wir die engste Bindung haben, könnte man durchaus als therapeutisch bezeichnen. Die tiefe Beziehung zu unseren pelzigen Freunden gibt Ausdruck unserer Sehnsucht nach Natur, die tief in uns verankert ist. Wenn wir mit unseren Tieren spielen oder sie streicheln, wird das Hormon Oxytocin freigesetzt. Dieses „Glückshormon“ steigert das Wohlbefinden, senkt den Blutdruck, baut Stress ab, wirkt schmerzdämpfend und fördert die Immunabwehr des Organismus. Das sind wissenschaftlich nachgewiesene Fakten.

Doch bei aller wohltuenden Wirkung, die Hunde auf uns ausüben, echte gesundheitliche Beschwerden können sie nicht heilen. Diese eigentlich selbstverständliche Tatsache muss man sich aber auch bewusst machen, um eine unrealistische Erwartungshaltung den Hunden gegenüber zu vermeiden, der die armen Tiere niemals gerecht werden können. Das wäre unfair. Außerdem führt die unerfüllte Hoffnung zwangsläufig zu Enttäuschung und Frustration – und das spüren Hunde sehr deutlich.

Was unsere treuen Freunde am besten können, ist, uns zu verstehen. Sie lesen unsere kleinste Stimmungsänderung wie ein offenes Buch und vielleicht genau daran liegt ihre größte therapeutische Wirkung – sie halten uns den Spiegel vor unsere Seele und erinnern uns manchmal an unsere Menschlichkeit.

Therapie hin oder her – Menschen und Hunde brauchen einander. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Lan Herzhov Lan Herzhov
Heilpraktiker für Psychotherapie, Familientherapeut, Tierpsychologe, Hundetrainer

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