Psychotherapie bei Autismus-Spektrum-Störungen

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Man geht derzeit in der Bevölkerung von einer Häufigkeit von etwa 1 % an autistischen Störungen aus und damit von mehreren Hunderttausend betroffenen Menschen in Deutschland. Eine Heilung ist nicht möglich und medikamentöse Behandlungsversuche sind in erster Linie im Hinblick auf psychische Begleiterkrankungen (vor allem Ängste und Depressionen) sinnvoll, können die Grundproblematik aber nicht wesentlich beeinflussen.

Deshalb kommt der psychotherapeutischen Unterstützung eine große Bedeutung zu, um

  • die subjektiv belastende Symptomatik zu reduzieren,
  • die oft starke Belastung der Familien zu lindern,
  • wichtige Kompetenzen zu vermitteln (Förderung neuer Verhaltensweisen, die dazu beitragen, sich besser in Schule, Beruf und Gesellschaft zurechtzufinden; Vermittlung lebenspraktischer Kompetenzen, um eine größtmögliche Selbstständigkeit zu erreichen etc.),
  • die eigenen Besonderheiten akzeptieren zu lernen und sie in den eigenen Lebensentwurf zu integrieren (statt sich an der „Normalität“ zu orientieren),
  • vor allem, die Lebenszufriedenheit zu verbessern.

Auch im Erwachsenenalter ist eine solche Behandlung durchaus Erfolg versprechend. So konnte auch ich gerade in den letzten Jahren sehr vieles für mich verbessern. Als Ärztin und selbst Betroffene ist es mir schon lange ein großes Anliegen, die Situation autistischer Menschen auch in therapeutischer Hinsicht zu erleichtern. Häufig fühlen sich Therapeuten auf diese Klientel fachlich nicht ausreichend vorbereitet. Die Förderung der Betroffenen endet daher oft mit dem Eintritt in das Erwachsenenalter, nur an wenigen Zentren wird jenseits des Jugendalters „spezifische“ Kompetenz vorgehalten. „Meist werden betroffene Patienten (…) suboptimal behandelt“10), vor allem spät diagnostizierte Personen haben kaum Zugang zu einer spezialisierten Versorgung.

Ersatzweise werden Gruppenangebote geschaffen, um wenigstens eine gewisse Versorgung zu gewährleisten3). Im Idealfall jedoch sollten diese Gruppentrainings die Einzelbehandlung sinnvoll ergänzen, nicht aber ersetzen. Es ist mir deshalb ein starkes Bedürfnis, allen Therapeuten die Berührungsangst zu nehmen und sie zu einer Arbeit auch mit autistischen Menschen zu ermutigen.

©altanakaAutismus – allgemeine Hinweise

Sämtliche Formen des Autismus werden heute als Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst, um zu verdeutlichen, dass es eine sehr große Bandbreite an Erscheinungsformen gibt und die Übergänge flie- ßend sind. Am einen Ende des Spektrums befindet sich das Asperger-Syndrom als hochfunktionale Form, am anderen Ende der frühkindliche Autismus mit der oft schweren Mehrfachbehinderung, manchmal auch mit geistiger Behinderung. Zwischenformen sind denkbar, eine exakte Abgrenzung gelingt auch Spezialisten nicht immer problemlos. Deshalb ist heute der Begriff „Autismus-Spektrum-Störung“ die bessere Wahl, der im DSM-V bereits Einzug gehalten hat und auch in der ICD-11 die übrigen Begriffe ablösen wird.

Die Kernsymptome bei Autismus-Spektrum-Störungen bestehen in Problemen bei Kommunikation und Interaktion, in Wahrnehmungsbesonderheiten, auffälligen Interessen und Vorlieben, Veränderungsangst, Bedürfnis nach Struktur und Routinen und häufig weiteren Auffälligkeiten, die jedoch in jedem Einzelfall anders ausgeprägt sind. Deshalb ist ein individuelles Vorgehen so wichtig.

Im Hinblick auf die Ursache diskutiert man mittlerweile ein Zusammenspiel von genetischer Veranlagung und bestimmten Umweltfaktoren (z. B. prä- und perinataler Stress, pränatale virale Infektionen wie Röteln-, Masern- oder Zytomegalievirusinfektion, Zinkmangel, mütterlicher Diabetes, Exposition gegenüber Toxinen wie Pestiziden, Barbituraten oder Antiepileptika)1).

Gründe für eine Psychotherapie

Die Gründe dafür, dass Menschen mit Autismus einen Therapeuten suchen, sind ähnlich wie bei anderen Menschen auch. Häufig bestehen psychische Begleiterkrankungen in Form von Ängsten und vor allem Depressionen, die bei etwa 50 % der Betroffenen vorliegen10). Hier gibt es also einen ganz enormen Leidensdruck und Hilfebedarf.

Die betroffenen Menschen wünschen sich außerdem Hilfe

  • beim Umgang mit Stress (Dieser Punkt wurde mit großem Abstand am häufigsten genannt, als man autistische Menschen nach den Zielen der Therapie befragt hat, und diese Antwort zeigt schon, wie belastet diese im Alltag meist sind.)
  • bei der sozialen Interaktion, v. a. im Hinblick auf Freundschaft und Partnerschaft, aber auch am Arbeitsplatz
  • beim Umgang mit Emotionen, den eigenen Gefühlen ebenso wie den Gefühlen anderer Menschen
  • bei den alltäglichen Anforderungen
  • im Hinblick auf die eigene Identität

Das meiste davon sind Bedürfnisse, die Therapeuten auch von vielen anderen Patienten kennen – das ist ein ganz wichtiger Punkt. Häufig werden autistische Menschen als Patienten abgelehnt mit dem Hinweis, man kenne sich nicht gut genug mit dem Autismus aus. Aber durch seine Ausbildung verfügt jeder Psychotherapeut über die grundlegenden Fähigkeiten, um auch Menschen mit Autismus helfen zu können. Wenn man darüber hinaus in der Lage ist, sich individuell auf seine Patienten einzulassen und sich über ein paar spezifische Aspekte bei Autismus-Spektrum-Störungen zu informieren, dann wird die Zusammenarbeit gut funktionieren. In der Regel wird die Arbeit mit autistischen Menschen als sehr befriedigend und durchaus bereichernd empfunden. Menschen mit Autismus erweisen sich meist als zuverlässige und dankbare Patienten, die sehr wohl in der Lage sind, eine Beziehung zum Therapeuten aufzubauen7).

©Nomad_SoulZwischenmenschliche Kontakte

Menschen mit Autismus fühlen sich in allen Lebensbereichen ganz erheblichem Stress ausgesetzt. Vor allem der Kontakt zu anderen Menschen bedeutet eine große Anstrengung, wenngleich die Betroffenen sich ein Zusammensein oft sehr wünschen. Sie erhoffen sich gute Freunde oder auch einen Partner, möchten lernen, besser mit anderen Menschen umgehen zu können, lockerer und sicherer zu werden im Kontakt, für sich passende Menschen zu finden und die Freundschaft dann auch pflegen zu können. So ist ihnen z. B. oft gar nicht klar, wie häufig man sich bei dem anderen melden sollte, um die Beziehung nicht abreißen zu lassen. Aber persönliche Beziehungen lassen sich nun einmal nicht wirklich kontrollieren und das ist einer der Gründe, weshalb sie autistische Menschen vor solch große Probleme stellen.

Viele sind verzweifelt, weil es ihnen nicht gelingt, Freunde zu finden, und während sich viele andere Auffälligkeiten im Laufe des Lebens teilweise deutlich verbessern, bleiben die Schwierigkeiten hinsichtlich Kontakt und Kommunikation in aller Regel lebenslang bestehen. Das betrifft die nonverbale Kommunikation mit Problemen bei Mimik, Gestik, Körpersprache und Blickkontakt ebenso wie verbal-kommunikative Auffälligkeiten. So kommt es aufgrund des wörtlichen Sprachverständnisses immer wieder zu Missverständnissen, da die Betroffenen aufgrund ihres wörtlichen Sprachverständnisses viele Ausdrücke und Redewendungen nicht richtig auffassen können. Diese Missverständnisse können Ängste auslösen und schließlich zur Resignation führen, sie können aber auch Aggressionen oder ein anderes unangemessenes Verhalten zur Folge haben.

Eine klare und eindeutige Sprache ist also wichtig, auch in der Therapie, da es sonst immer wieder zu Missverständnissen oder auch Ängsten kommt.

Beispiele dafür sind Redewendungen wie „Na, wo drückt denn der Schuh?“ (Antwort eines autistischen Mannes: „Die Schuhe sind in Ordnung, ich möchte mit Ihnen über meine Probleme sprechen.“) „Ich könnte in die Luft gehen!“ („Wie schön, wohin möchten Sie denn fliegen?“) „Da könnten wir schlafende Hunde wecken.“ „Da beißt sich die Katze in den Schwanz.“

Insgesamt muss man die Schwierigkeiten bei der sozialen Interaktion in der Therapie beachten und eventuell auch alternative Kommunikationsmöglichkeiten anbieten (Brief, E-Mail etc.). Diese können auch genutzt werden, um eine Therapiestunde voroder nachzubereiten.

Wahrnehmungsauffälligkeiten

Wichtig ist also das Wissen um die Besonderheiten bei autistischen Menschen, und die Wahrnehmung ist ein weiterer Punkt, der anders ist als bei anderen. Die Betroffenen sind meist überempfindlich für Sinnesreize aller Art, besonders problematisch ist oft das Hören.

Es gelingt Menschen mit Autismus nur schlecht, störende Reize wegzufiltern, sodass alle Reize gleichzeitig wahrgenommen werden, das Sprechen des Therapeuten also genauso wie der Straßenlärm draußen, Geräusche von Telefon, Drucker oder Faxgerät oder der Wasserkocher in der Küche. Es kann dann zu einer sensorischen Überlastung und zur Reizüberflutung kommen mit Verhaltensauffälligkeiten wie Wutanfällen oder verschiedenen Stresssymptomen, die man nicht immer richtig einschätzen kann und die zu Unverständnis führen, wenn man nicht um die Problematik weiß4).

Es ist folglich sehr wichtig, nachzufragen, wenn man ein Verhalten nicht richtig einschätzen kann, aber auch mit den betroffenen Menschen gemeinsam zu überlegen, wie man als unangenehm empfundene Reize so weit wie möglich reduzieren kann. Manches muss man schlicht und einfach vermeiden, um sich zu schützen, in anderen Fällen helfen indessen so einfache Dinge wie Ohrenstöpsel oder Sonnenbrille, aber auch beispielsweise kognitive Aspekte. So sind Reize, auch unangenehme, leichter zu ertragen, wenn man weiß, was einem bevorsteht (exakte Aufklärung und Information z. B. bei medizinischen Maßnahmen nützen hier). Und man kann schwierige Anforderungen leichter durchstehen, wenn man eine Aufgabe hat (z. B. Fotografieren bei schwierigen und anstrengenden Familienfeiern).

Das Thema Wahrnehmung ist insgesamt ein ganz wichtiger Bereich, der Hilfe erfordert und sich durchaus noch ausbauen lässt.

Bedürfnis nach Routinen, Ritualen und Struktur

Durch ihre ganz persönlichen Routinen und Rituale, die auf Außenstehende stupide und unsinnig wirken mögen, erfahren Menschen mit Autismus vor allem in anstrengenden Zeiten Entspannung und Wohlbefinden6), weil diese vertrauten Abläufe viel weniger Energie verbrauchen und man auf diese Weise entspannen kann. Diese immer gleichförmigen Aktivitäten sind also durchaus auch eine Ressource und es erscheint wichtig, auch autistischen Menschen beizubringen, wie sie ihre Kräfte gut einteilen und Überforderungen vermeiden können.

Für die Therapie heißt das, dass die Betroffenen sehr profitieren, wenn möglichst vieles gleich bleibt und es nur wenige Veränderungen gibt. Wichtige Veränderungen, die unumgänglich sind, sollten aber auf jeden Fall rechtzeitig mitgeteilt werden, damit sie nicht so viel Angst auslösen.

Weitere hilfreiche Maßnahmen:

  • Die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf einzelne Details kann sehr hilfreich sein (daher hilfreich als Entspannungsverfahren: Achtsamkeit)
  • Feste Struktur, klare, eindeutige Kommunikation
  • Sitzungen an gleichen Wochentagen, zur gleichen Uhrzeit, möglichst im selben Raum
  • Das penible Einhalten von Regeln, Plänen etc. ist keine Schikane, sondern dient der Angstreduktion!
  • Ein ruhiger Raum mit wenig sensorischen Herausforderungen ist wichtig (kein zu aufdringliches Parfüm, möglichst kein grelles Licht, wenig Straßenlärm etc.).

Autismus und Emotionen

Oft wird behauptet, Menschen mit Autismus hätten keine Gefühle. Aber das gehört in den Bereich der Mythen. Viele haben sogar sehr heftige Gefühle, sie brauchen aber oft ein bisschen Hilfe dabei, angemessen damit umzugehen. Es fällt ihnen nicht nur schwer, die Emotionen anderer zu erkennen, sie haben oft auch nur wenig Zugang zu ihren eigenen Gefühlen. Manche Emotionen können generell nicht gut wahrgenommen werden und es ist erschreckend, dass fast alle Betroffenen das Gefühl von Angst mit großem Abstand am häufigsten bei sich wahrnehmen.

Auch ich konnte meine Emotionen früher kaum beschreiben, meine Therapeutin kann ein Lied davon singen, es war für uns beide schwierig und mühsam und ist es manchmal auch heute noch. Probleme habe ich vor allem mit Ärger und Wut, das fällt mir nach wie vor schwer zu erkennen. Aber das regelmäßige Üben hat mir im Laufe der Zeit sehr geholfen. Meine Therapeutin hat mir dann, wenn ich nicht weiterwusste, immer wieder ein paar Möglichkeiten vorgeschlagen, wie man sich in verschiedenen Situationen fühlen und was man denken könnte. Das war sehr hilfreich für mich, denn alleine hätte ich keinen Zugang bekommen zu diesem Bereich.

Verschiedene therapeutische Ansätze

Autistische Störungen haben eine sehr große Bandbreite, alle betroffenen Menschen unterscheiden sich im Hinblick auf ihre Schwierigkeiten und Ressourcen, ihren Leidensdruck und hinsichtlich der Ziele und Wünsche für ihr Leben. Die Therapie besteht daher sinnvollerweise aus einer Kombination von unterschiedlichen Therapieansätzen, die individuell zusammengestellt werden:

  • Es werden therapeutische Maßnahmen angewandt, die einen strukturierenden und übungsbezogenen Charakter haben.
  • Wichtig ist außerdem die Psychoedukation, also die Aufklärung und Information über alles, was mit dem Autismus zusammenhängt.
  • In letzter Zeit häufiger angewandt wird die Ergotherapie, die viele autistische Menschen für sich als eine sehr hilfreiche Unterstützung entdecken.
  • Außerdem sind kreative Maßnahmen möglich, z. B. verschiedene kunsttherapeutische Techniken. Viele Betroffene können sich in der Malerei oder auch in der darstellenden Kunst sehr gut ausdrücken und profitieren sehr davon.
  • Individuell passende Entspannungstechniken sind wichtig.
  • Begleitend können tiergestützte Verfahren sinnvoll sein (z. B. mit Pferden, Hunden).
  • Daneben ist das familien- und umfeldbezogene Arbeiten notwendig (z. B. Beratung von Eltern, Pädagogen, Ausbildern, Arbeitgebern, Mitbewohnern).
  • Eine große Hilfe ist oft die Selbsthilfearbeit. Dafür gibt es inzwischen flächendeckend in ganz Deutschland sehr viele Selbsthilfegruppen, manche mit und manche ohne professionelle Moderation, damit jeder das passende Angebot für sich findet.
  • Darüber hinaus können im jeweiligen Einzelfall noch weitere Maßnahmen zur Anwendung kommen.

Weitere Hilfestellungen in der Therapie

Eine psychotherapeutische Behandlung von Menschen mit Autismus verlangt nach deutlich mehr konkreten Hilfestellungen bei organisatorischen Aufgaben und lebenspraktischen Anforderungen, als das üblicherweise im Rahmen einer therapeutischen Maßnahme der Fall ist. Bei Erklärungen muss man detaillierter vorgehen, viele unverstandene soziale Situationen müssen erläutert werden2).

In sozialen Interaktionen sind ja viele Kleinigkeiten gefordert, die die meisten Menschen wissen, ohne sie lernen zu müssen. Autistische Menschen wirken dagegen oft ungeschickt und müssen sich solche Dinge mühsam aneignen. Dazu gehören auch so vermeintlich einfache Dinge wie die Körperpflege oder eine der Situation angemessene Kleidung. Ich selbst erinnere mich gut daran, wie ich auf der Abschlussfeier des Studiums meines Bruders vor einigen Jahren ganz selbstverständlich in Trainingshose und Birkenstock-Sandalen erschien. Es war warm, ich fand diese Kleidung bequem und praktisch. Mein Bruder aber schimpfte sehr deswegen, ich glaube, er schämte sich für mich, was mir leidtat.

Wir haben eben oft nur wenige Möglichkeiten, uns mit Gleichaltrigen auszutauschen und uns auf diese Weise die Dinge anzueignen, die die anderen miteinander besprechen. Deshalb ist es hilfreich, solche Dinge mit dem Therapeuten erörtern zu können.

Dazu fällt mir eine Situation vor wenigen Jahren ein, als ich irgendwie erstmals auf die Idee kam, ich müsste mir als Frau ja eigentlich die Beine rasieren. Ich hatte keine Ahnung, wie ich das angehen sollte, deshalb fragte ich meine Therapeutin um Rat, mit der ich glücklicherweise auch solche ganz praktischen Dinge besprechen kann. Sie gab mir ein paar Erklärungen, aber insgesamt hatte sie offenbar keinen sehr guten Tag erwischt und empfahl mir, einfach zu einem bestimmten Drogeriemarkt zu gehen und mich dort umzusehen. Ich ging also bei nächster Gelegenheit dorthin und starrte in der Gegend herum, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass mich das voranbrachte. In der nächsten Stunde sprach ich sie also erneut darauf an, sie lachte und erklärte mir nun jeden einzelnen Schritt: Welchen Rasierer ich auswählen könnte, was ich beachten müsste usw. Mit diesen Tipps ging es ganz gut. Ich empfand dann übrigens einen anderen Drogeriemarkt als angenehmer, aber es war mir nicht klar, dass auch dieser möglich gewesen wäre, weil sie mir ja eine konkrete Kette genannt hatte.

Solche witzigen Anekdoten wird man öfter erleben, da wir eben ein sehr wörtliches Sprachverständnis haben und außerdem oft bei scheinbar leichtesten Anforderungen versagen, wenn man uns nicht einzeln jeden Schritt erklärt oder sogar demonstriert, während wir andere wesentlich anspruchsvollere Herausforderungen scheinbar mühelos meistern können. Meine Therapeutin und ich lachen in vielen Fällen über diese gemeinsamen Erfahrungen.

Entscheidend ist es, Schwierigkeiten wie auch Ressourcen zu erkennen. Die bestehenden Einschränkungen müssen benannt und immer wieder auch „betrauert“ werden, um schließlich möglichst gut damit umgehen zu können und Bewältigungsstrategien zu erarbeiten. Daneben ist es aber sehr wichtig, auch die eigenen Stärken und Ressourcen zu erkennen, um sie weiterentwickeln und gezielt nutzen zu können (z. B. in beruflicher Hinsicht). Generell spielt die Umgebung eine wichtige Rolle, ob diese Fähigkeiten zum Tragen kommen oder eher die bestehenden Schwierigkeiten. Es ist daher notwendig zu wissen, welche Umgebungsbedingungen für die Entfaltung der eigenen Potenziale hilfreich sind und welche eher hinderlich. Auch dies sollte in der Therapie erarbeitet werden.

Individualität und Klientenzentrierung

Insgesamt zeigt sich oft, dass eine als fruchtbar empfundene Psychotherapie mit autistischen Menschen unabhängig vom angewandten Therapieverfahren ist:

Tatsächlich hat sich ein störungsangepasstes, systemisch geprägtes Vorgehen mit einem tiefenpsychologisch geprägten Verständnis von Entwicklung und Erleben und einem jeweils bedarfsgerechten Angebot verhaltenstherapeutischer Interventionen sowie auch vielfältiger anderer psychotherapeutischer Methoden bewährt. Der Klientenzentrierung kommt dabei (…) eine besondere Bedeutung zu12).

Dazu gehört es auch, die ganz persönlichen Anpassungsstrategien zu nutzen, die der betroffene Mensch für sich entwickelt hat, um sich vor Überforderung zu schützen. Der soziale Rückzug, der rigide Umgang mit Regeln, das Vermeiden von Veränderungen, Zwänge und die Versuche, soziale Situationen zu kontrollieren, sind auf diese Weise zu verstehen, als Ressourcen wertzuschätzen und auch therapeutisch nutzbar.

Ein sehr wichtiges Behandlungsziel besteht darin, dass der Betroffene lernt, in einer geschützten, für ihn übersichtlichen und angenehmen Atmosphäre eine Beziehung aufzubauen und ein Gespür für den Umgang mit anderen Menschen zu entwickeln. Wichtig ist es, ihm ein Gefühl der Wertschätzung zu vermitteln, denn viele autistische Menschen haben in ihrem Leben bis dahin nahezu ausschließlich Ablehnung erfahren müssen. Man muss den Betroffenen selbst in die eigene Behandlung einbeziehen, also nach seinen ganz persönlichen Zielen und Wünschen fragen. Und auch die eigenen Besonderheiten müssen Beachtung finden. Ich selbst habe z. B. Probleme mit dem Blickkontakt und hatte ganz zu Anfang meiner Therapie zwei Sitzungen bei einer anderen Therapeutin verbracht, die mir gleich zu Beginn sagte, dass sie nicht mit mir spreche, wenn ich sie während des Kontakts nicht ansähe. Schnell habe ich damals gemerkt, dass sie nicht die richtige Therapeutin für mich sein würde.

Hilfe beim Leben in zwei Welten

Viele autistische Menschen empfinden ihr Dasein als ein „Leben in zwei Welten“5). Auf der einen Seite stehen sie selbst als autistischer Mensch, auf der anderen Seite „die anderen“, ohne dass es möglich wäre, eine gemeinsame Schnittstelle zu finden. Manche Betroffene entscheiden sich dann für ein zurückgezogenes Leben und verzichten fast vollständig auf Kontakt und auf ein Miteinander, wenngleich sie es sich nicht selten wünschen. Aber dieser stetige Rückzug führt letztlich oft zu Isolation, einem Gefühl der Einsamkeit und nachfolgend zu einer Depression. Andere autistische Menschen entscheiden sich dagegen für Kontakt und Zugehörigkeit, also für ein Leben „in der Normalität“, sie streben permanent nach Anpassung. Aber das heißt eben auch, dass sie alles, was sie als Personen ausmacht, zurückstellen. Das bedeutet viel Stress und mündet ebenfalls in Depressionen oder auch in weitere psychische bzw. psychosomatische Störungen. Wie auch immer man sich entscheidet, jede dieser beiden Alternativen macht folglich auf Dauer krank.

Die Lösung kann also nur in der Anleitung zu einer „Zwischenform“ bestehen. Das kann so aussehen, dass man zunächst die eigene Welt würdigt, die bei allen Unterschieden, mit Schwierigkeiten wie auch Ressourcen, als gleichwertig erkannt und gleichermaßen vom Therapeuten anerkannt werden soll. Von dieser eigenen Welt ausgehend erfolgt eine angeleitete Expedition in die Welt der anderen:

Auf eine Expedition bereitet man sich vor. Man versucht, möglichst viel über diese Welt herauszufinden, die man besuchen wird, eignet sich Wissen über die dortigen Lebensbedingungen, Sitten und Gebräuche, Sprachkenntnisse usw. an. Solchermaßen ausgestattet, besucht man die Menschen in ihrer „anderen“ Welt, stellt sich als Gast vor – und wird als interessierter „Besucher“ über vieles informiert, was man sonst nie erfahren hätte (und was die Gastgeber sich untereinander nie erklärt hätten, weil sie es für selbstverständlich nehmen). Man darf sich manchen Tritt in vermeintliche Fettnäpfchen erlauben und mit mehr Nachsicht rechnen, da man ja „nicht von hier“ ist. Jede Expedition hat aber auch ein Ende. Man kehrt zurück nach Hause, ruht sich aus, genießt, dass alles so ist, wie man selbst es für sich braucht. Und dann kann man daran gehen, die Erfahrungen und Erkenntnisse auszuwerten, die man in der Welt der anderen gesammelt hat.

Dabei kann es sehr hilfreich sein, jemanden an der Seite zu haben, der sich dort schon gut auskennt und bei der Deutung und Einordnung der neuen Eindrücke hilft (…). Durch ein solches Pendeln zwischen den unterschiedlichen, aber gleichwertigen Welten wird – und das ist letztlich die entscheidendste und heilsamste Erfahrung – das Erleben einer authentischen Schnittmenge entstehen: Man wird feststellen, dass es bei aller Unterschiedlichkeit doch ganz grundlegende Gemeinsamkeiten gibt in den Grundbedürfnissen, in den Grundfragen des Menschen und in Ansätzen zu Lösungen. Weil alle Beteiligten Menschen sind. Diese Erfahrung kann dann erstmals ein Erleben von Verbundenheit und Zugehörigkeit ohne Selbstverleugnung (…) ermöglichen12).

Hilfe im Hinblick auf die eigene Identität

Wichtig ist also die Unterstützung im Hinblick auf die eigene Identität. Dafür ist es wesentlich, sich selbst gut zu kennen, über die eigenen Stärken wie Schwierigkeiten möglichst detailliert Bescheid zu wissen, um realistisch aus der Fülle an Lebensentwürfen auswählen zu können und auf ganz eigene Weise, mit den eigenen Bedürfnissen und Voraussetzungen, glücklich werden zu können.

Auch bei der Lebensplanung kann eine Therapie enorm helfen. Ich selbst habe gerade in den letzten Jahren sehr große Fortschritte gemacht, und wenn ich daran denke, wie sehr sich meine kommunikativen Fähigkeiten, meine Selbstständigkeit und vor allem meine Lebensfreude und Lebensqualität erhöht haben, dann merke ich, dass sich dafür alle Anstrengungen gelohnt haben.

Vieles von dem, was ich früher durch mein zurückgezogenes und isoliertes Leben verpasst habe, kann ich mithilfe meiner lieben, geduldigen und engagierten Therapeutin im geschützten Rahmen nachholen. Sie lässt mich immer wieder an ihren eigenen Erlebnissen und Erfahrungen teilhaben, was für mich sehr wichtig ist.

Und sie hilft mir, ganz allein für mich zu entscheiden, was in meinem Leben wichtig ist. Früher, als ich noch nicht wusste, was mein Leben ausmacht, habe ich immer versucht, mich anderen anzupassen, aber ich war damals nicht glücklich. Gerade erst in den letzten Jahren habe ich gelernt, echt zu leben, mir selbst treu zu sein, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarten.

Natürlich ist es immer wieder unumgänglich, sich den Normen zu unterwerfen, um am sozialen und gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Aber es gibt eben auch ganz viele Situationen, in denen merkwürdig erscheinende Eigenarten als Facetten der menschlichen Vielfalt durchaus akzeptiert werden können. So liebe ich sehr schöne Weihnachtslieder, bekam aber immer gesagt, man könne sie nicht im Sommer hören, das passe nicht. Nun, so vieles passt nicht, aber in diesem Fall ist mir das inzwischen ziemlich egal. Es tut mir gut und entspannt mich, ohne Rücksicht auf die Jahreszeit nach einem anstrengenden Arbeitstag auf dem Nachhauseweg die schöne Musik anzuhören. Schließlich störe und gefährde ich dadurch niemanden. Aber ich habe doch mittlerweile gelernt, dass es sinnvoller ist, außerhalb der Weihnachtszeit an einer roten Ampel möglichst das Fenster zu schließen, während ich bei „Stille Nacht“ laut mitsinge.

Ich finde es also wichtig, den Betroffenen dabei zu helfen, ganz individuelle Wünsche und Bedürfnisse auszubilden. Manchmal lohnt es sich dabei durchaus, auch kreative Lösungen anzustreben, die von den Lebensentwürfen anderer Menschen abweichen. Einigen autistischen Menschen ist es auf diese Weise gelungen, ihr Glück in außergewöhnlichen Bereichen zu finden und ein erfülltes Leben zu führen.

Gern setze ich mich in ein nettes Café im Künstlerviertel unserer Nachbarstadt, das auf meinem Nachhauseweg liegt. Dort darf ich sein, wie ich bin, dort bin ich nur einer von vielen Menschen, die sich von der breiten Mehrheit unterscheiden und ihren Platz in dieser Welt suchen. Es ist sehr entspannend für mich, hier nach der Arbeit noch etwas zu trinken. Ich liebe es, solche Gegenden aufzusuchen, in denen das bunte Miteinander unterschiedlicher Menschen gelebt und als schön und bereichernd empfunden wird.

Ausblick

Insgesamt ist es wichtig, nicht aufzugeben. Im Laufe der Zeit sind mit viel Geduld viele Verbesserungen umsetzbar, die ein schönes und glückliches Leben ermöglichen. Ich selbst konnte in den letzten Jahren die ruhigste und friedlichste Zeit meines Lebens verbringen. Mit der Unterstützung, die ich aktuell in Form von Psycho- und Ergotherapie erhalte, komme ich ganz gut zurecht und bin unendlich dankbar dafür.

Zusammenfassend kann man sagen, dass uns heute eine Reihe von Interventionsmethoden zur Verfügung steht, die effektiv und effizient in den Alltag integriert werden können. Für jeden Betroffenen sollte individuell herausgefunden werden, welche Methoden für seine spezielle Situation zielführend und realisierbar sind. Intervention bei Autismus hat nicht den Anspruch, den Betroffenen vom Autismus zu befreien, doch sie kann einen wesentlichen Beitrag zur Entspannung manch belasteter Situation leisten und eine positive Entwicklung mit mehr Wohlbefinden, Lebensfreude, Kompetenzen und besserem Zurechtfinden in der Welt ermöglichen9).

Es geht also darum, die Lebensqualität von Menschen mit Autismus zu erhöhen und optimistische Lebensperspektiven zu schaffen. Offenheit, Neugier, Akzeptanz, Authentizität und eine ordentliche Portion Geduld sind aufseiten des Therapeuten wichtige Voraussetzungen dafür.

Literatur

1) Christensen, J. (2013): Prenatal Valproate Exposure and Risk of Autism Spectrum Disorders and Childhood Autism. JAMA, 309 16, S. 1696–1703)
2) Corman-Bergau, G. u. Saalfrank, B. (2015): Der Psychotherapieansatz im Bereich der AutismusSpektrum-Störungen muss ein anderer sein. Interview. Psychotherapeutenjournal, 2. S. 130–133
3) Gawronski, A., Pfeiffer, K. u. Vogeley, K. (2012): Hochfunktionaler Autismus im Erwachsenenalter. Verhaltenstherapeutisches Gruppenmanual. Beltz
4) Miller, M. (2013): Ergotherapie bei Frauen mit Autismus. In C. Preißmann (Hrsg.): Überraschend anders: Mädchen & Frauen mit Asperger. Trias, S. 171–182 1) Preißmann, Ch. (2007): Psychosoziale Versorgung erwachsener Menschen mit AspergerSyndrom und High-functioning Autismus. Posterpräsentation. Frankfurt: Internationales Autismus-Symposium
5) Preißmann, Ch. (2013): Asperger – Leben in zwei Welten. Betroffene berichten: Das hilft mir in Schule, Beruf, Freundschaft und Alltag. Trias
6) Preißmann, Ch. (2015): Glück und Lebenszufriedenheit für Menschen mit Autismus. Kohlhammer
7) Preißmann, Ch. (2017a): Autismus und Gesundheit. Kohlhammer
8) Preißmann, Ch. (2017b): Psychotherapie und Beratung bei Menschen mit Asperger-Syndrom. Kohlhammer
9) Sommerauer, M., Hartl, D. u. Engelhardt, C. (2015): Intervention / Interventionsmethoden IX. In G. Theunissen, W. Kulig, V. Leuchte u. H. Paetz (Hrsg.): Handlexikon Autismus-Spektrum. Kohlhammer, S. 209–214
10) Tebartz van Elst, L. (Hrsg.) (2013): Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter und andere hochfunktionale Autismus-SpektrumStörungen. Medizinisch-wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
11) Vogeley, K. (2012): Anders Sein: AspergerSyndrom und hochfunktionaler Autismus im Erwachsenenalter – Ein Ratgeber. Beltz
12) Wilczek, B. (2015): Erwachsene mit hochfunktionalem Autismus in der psychotherapeutischen Praxis – Herausforderungen und Chancen. Psychotherapeutenjournal, 2. S. 120–129

Dr. med. Christine Preißmann Dr. med. Christine Preißmann

Fachärztin für Allgemeinmedizin, Psychotherapie, Notfallmedizin, Suchtmedizin, Diagnose Asperger-Syndrom als Erwachsene
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