Professionelle Distanz als Wirkfaktor

©zinkevychIn der Praxis werden wir oft mit Schilderungen von Patienten konfrontiert, die uns und unsere eigene psychische Belastbarkeit extrem fordern. Die Themen sind vielseitig. Oft verbergen sich dahinter Einzelschicksale, die selbst beim Zuhören an die eigene Substanz gehen. Sie reichen von sexuellem Missbrauch, körperlicher und psychischer Misshandlung, posttraumatischen Belastungsstörungen, Traumata, Trauer, Mobbing, Gefühl der Hilflosigkeit, Selbstverletzung bis hin zu Suizidalität.

Ohne Selbstreflexion, Supervision und eine professionelle Distanz können wir diesen Anforderungen auf Dauer nur schwer gerecht werden. Es gilt, rechtzeitig Vorkehrungen zu treffen und uns bzw. unsere eigene psychische Gesundheit zu schützen. Nur so gelingt uns der Spagat zwischen konstruktiver Hilfestellung und gesunder Abgrenzung.

Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist die klare Trennung zwischen Empathie und Mitleid.

Beispiel 1:

Ich wurde vom Weißen Ring zur Erstintervention bei einer jungen Frau beauftragt, die Opfer sexueller, physischer und psychischer Gewalt geworden war. Sie schilderte unter Tränen detailliert die Übergriffe und verbalen Attacken, zeigte mir die Narben ihrer Selbstverletzungen und Suizidversuche. Auch ihr Gefühlsleben beschrieb sie sehr ausführlich – nichts wert und schmutzig zu sein, Panikattacken und die ständige Angst, dass sie der Täter ausfindig machen könnte. Besonders setzte ihr die Tatsache zu, dass sich ihre eigene Familie von ihr abgewandt hatte, ihr die Schuld am Geschehen gab und sie als „Nestbeschmutzerin“ bezeichnete.

Mir tat ES (= Umstände) sehr leid, dass ihr diese Übergriffe widerfahren waren und auch, dass sie bis dato keine Unterstützer hatte. Meine Aufgabe war es, diese Schilderungen aushalten zu können und im Rahmen der Erstintervention Möglichkeiten aufzuzeigen, die ihr auf ihrem Weg weiterhalfen. Ich konnte die Gefühle der jungen Frau in diesem Kontext sehr gut nachempfinden und habe ihr dies auch mitgeteilt.

Allerdings habe ich stets darauf geachtet, dass die persönliche Grenze zwischen uns nicht verletzt wird. Zu keiner Zeit habe ich ihr vermittelt, dass SIE (= Person) mir leidtut. Mitleid wäre in dieser Situation wenig hilfreich gewesen – im Gegenteil – es hätte schlimmstenfalls bewirkt, dass sie sich noch bedauernswerter gefühlt hätte und sie noch tiefer in die Opferrolle gedrängt hätte.

Stattdessen habe ich, aus dieser Distanz heraus, hervorgehoben, was mutig und positiv war: Dass sie zur Polizei gegangen ist, dass sie, obwohl vom eigenen Umfeld Hilfe verweigert wurde, dennoch die Kraft hatte, sich mit dem Weißen Ring in Verbindung zu setzen. Ich habe ihr den Vorschlag gemacht, professionelle psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, was sie guthieß.

Aus Unsicherheit und Selbstzweifeln scheute sie sich allerdings vor dem Anruf in einer Praxis, um einen Termin zu vereinbaren. Daraufhin haben wir dieses Telefonat „geübt“ und sie hat in meinem Beisein und mit meiner Unterstützung im Hintergrund, auf die sie ggf. zurückgreifen konnte, den Anruf getätigt. Aufgrund der akuten Krise hat sie einen Erstkontakt innerhalb von zwei Wochen bekommen.

Ein winziger Schritt in Richtung Selbststeuerung, der uns nicht gelungen wäre, wenn meine Konzentration auf Mitleid gelegen hätte.

Beispiel 2:

©Monkwy BusinessEin 17-jähriger junger Mann kam wegen depressiver Verstimmung zu mir in die Praxis. Im Laufe des Gesprächs schilderte er, dass er den frühen Tod seiner Mutter nicht verarbeitet habe. Diese starb innerhalb weniger Monate, als er dreizehn Jahre alt war. Im Vorfeld hatte ihn niemand von der Ernsthaftigkeit der Lage in Kenntnis gesetzt. Er hatte die Mutter im Krankenhaus besucht und am Folgetag sagte ihm sein Vater, dass diese in der Nacht gestorben sei.

Alle Erwachsenen im persönlichen Umfeld waren mit der eigenen Trauer beschäftigt. Er selbst zog sich mehr und mehr zurück und ließ niemanden mehr an sich heran. Das Grab habe er seit der Beerdigung nicht mehr besucht. Mit der Zeit habe er gelernt, zu funktionieren und zu verdrängen. In letzter Zeit plagten ihn Albträume: Er stehe am offenen Grab der Mutter und erlebe Horrorszenarien, sehe sie da unten in der Kälte liegen und schreien.

Auch in diesem Fall konnte ich die Tragik des Erlebens des damals 13-Jährigen gut nachempfinden und auch, dass diese eine hohe Belastung für ihn darstellte. Auch ihm hätte es nicht geholfen, wenn ich nur Mitleid empfunden hätte. Ich hätte ihm gespiegelt, welch armer Mensch er ist. Dadurch hätte sich seine Situation meiner Meinung nach nicht verbessert.

Meine Aufgabe war es, die Schilderungen auszuhalten und ihn bei der Bewältigung zu begleiten. Dies kann nur dann gelingen, wenn ich zu dem Zeitpunkt professionell agieren und meine Energie und Konzentration auf die Hilfe zur Verarbeitung legen kann und nicht auf die Verarbeitung meiner eigenen Betroffenheit.

Empathie: ja – Mitleid: nein

Keinem, weder dem Patienten (immer m/w) noch uns selbst ist gedient, wenn wir „zu viel“ Anteil nehmen. Im Berufsalltag sollten wir immer wieder reflektieren, ob wir unseren Klienten und ihrer Problematik gegenüber Empathie oder Mitleid empfinden.

Als Empathie bezeichnet Carl Rogers (klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie) die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen hineinversetzen zu können. Dazu gehört genaues Zuhören, Erkennen, wie der Patient seine Problematik erlebt, und die Fähigkeit, das Geschilderte mit dessen Augen zu sehen. Das impliziert immer auch die Wahrung der Distanz gegenüber der Person und der Problematik. Das Erzählte darf nicht in unseren persönlichen Bereich übertreten.

Im Alltag hilft uns dabei die Selbstreflexion: „Was empfinde ich bei den Schilderungen des Patienten?“

Empathie: Ich kann erkennen, dass der Patient unter dem Erlebten (= Situation) leidet. Aus seiner Sicht und aus dem Kontext kann ich nachempfinden, dass die Situation für ihn sehr belastend ist. Ich möchte im Rahmen meiner Möglichkeiten Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Die Schilderungen treffen mich nicht persönlich. Ich sehe diese sachlich und distanziert.

Mitleid: Der Patient (= Mensch) tut mir unendlich leid. Ich leide mit ihm und empfinde ähnliche Gefühle und körperliche Reaktionsmuster wie die, die mir geschildert werden. Am liebsten würde ich den Patienten trösten und in den Arm nehmen. Die Geschichte löst Empfindungen wie Wut und/oder Traurigkeit in mir aus, als hätte ich sie selbst erlebt. Auch nach dem Gespräch muss ich immer wieder an die Problematik denken. Sie belastet mich psychisch und physisch und ist kräftezehrend.

Es steht wohl außer Frage, welche Empfindung für uns selbst und unsere Gesundheit förderlicher ist.

Stellt sich nun die Frage, welche Haltung sich für den Klienten als konstruktiv erweist.

Ein Therapeut, der vermitteln kann, dass er den Betroffenen mit seiner Problematik ernst nimmt, der professionelle Distanz zeigt und sich nicht von den Schilderungen schockieren lässt, sondern auch dann noch Stärke zeigt, wenn traumatisch erlebte Themen benannt werden? Der vor dem Gehörten nicht zurückschreckt, sondern verstehen kann, dass sein Gegenüber einen hohen Leidensdruck mitbringt? Der zugewandt ist und die „Legitimation erteilt“, weitersprechen zu dürfen, und das Gehörte aushält? Der auch dann noch in der Lage ist, professionell zu agieren, wenn der Patient in Tränen ausbricht?

Oder: ein Therapeut, der mitfühlt und mitleidet. Der große Betroffenheit zeigt, wenn Tabuthemen zur Sprache kommen. Der diese Betroffenheit auch nonverbal zeigt. Der den Eindruck vermittelt, durch Schilderungen an seine psychischen Grenzen zu kommen.

Metapher aus der Supervision

„Wenn du siehst, dass einer in einem lecken Boot sitzt
und dieses droht unterzugehen,
darfst du dich nicht mit in das Boot setzen.
Du würdest ihn und dich selbst gefährden.
Wirf ihm anstelle dessen aus sicherer Distanz
einen Rettungsring zu und ziehe ihn an Land!“

Quelle unbekannt

Fortbildungstipp: Supervision und Selbsterfahrungskurse für Menschen in helfenden Berufen.

Gabriele KemmerGabriele Kemmer
Heilpraktikerin für Psychotherapie, Psychologische und Systemische Beraterin, Praxis in Tauberbischofsheim

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