Hilfreiche Interventionen – neu oder bewährt

2. Der "nährende Satz"

Angebot einer für Patienten hilfreichen Kernbotschaft

In dieser Reihe stelle ich Interventionen vor, die sich bei uns in der Valere-Klinik sehr gut bewährt haben. Meist resultiert schon innerhalb einer Sitzung eine deutliche Besserung. Einige Methoden haben wir selbst entwickelt, andere übernommen (z. B. aus dem NLP) oder weiterentwickelt. Wie sie durchgeführt werden, kann im Rahmen einer Hospitation bei uns beobachtet werden. Bei Interesse einfach anrufen oder auf die Website gehen. Hospitationen können nur komplett (13 Tage) gebucht werden; es fallen lediglich die Kosten für Ü + VP an.

Die Zielsetzung jeder Intervention ist

  • noch in der Sitzung den Erfolg wohltuend zu spüren
  • eine nachhaltige Wirkung durch Bedeutsamkeit
  • eine hohe Aufmerksamkeitsfokussierung

Dabei wird im Auge behalten

  • die therapeutische Beziehung, gerade auch bei Provokationen
  • der Wunsch des Patienten
  • die Entwicklung des Patienten
  • die Selbstwirksamkeit, Realisierungsgrenzen
  • die systemischen Wechselwirkungen bei Erfolg (Preis der sozialen Systeme)

Folge 2: der „nährende Satz“

Vorgang: Angebot einer für die Patienten hilfreichen Kernbotschaft.

Indikation: Bei quälenden Gedanken (Zwangsgedanken) oder Bildern, auch bei Impulsen, die den Patienten fremd oder unerklärlich sind, oder überhaupt immer dann, wenn der therapeutische Prozess ins Stocken gerät. Auch sehr gut geeignet bei präverbalen Traumata.

Ziel: Die Patienten können innere Vorgänge anschließend besser verstehen, annehmen oder auch zurückstellen; Feindbilder sich selbst gegenüber verschwinden lassen, und zwar eher nebenher, also ohne explizite Hinweise. Innere Blockaden werden in Ruhe(!) deutlich, z. B. „Ein Teil in mir sagt Nein, wenn eine gute Botschaft kommt!“ Dann gäbe es schon ein Thema für die nächste Sitzung.

Dauer: ca. 15 bis 30 Minuten, also noch viel Zeit zum Nachbesprechen

Setting: sowohl in der Gruppe als auch Einzelsitzung

Erlernen: für Kollegen (immer m/w) sehr schnell: einmal zuschauen reicht meistens

Erfolg: fast immer schon in der Sitzung deutlich spürbar

Motivation: Gerade bei zweifelnden Patienten erhöht dieses Feature deutlich die Motivation zur Psychotherapie, denn sie spüren sofort den Erfolg oder zumindest mehr innere Klarheit.

Voraussetzung: Aufseiten der Patienten keine besonderen Voraussetzungen, außer die übliche Fähigkeit, sich auf einen „normalen“ therapeutischen Prozess einzulassen. Allerdings sind Anwendungen bei Psychose oder Autismus noch nicht erforscht.

Körperkontakt: Bei diesem Format erfolgt eine Körperberührung an den Schultern und der Stirn.

Subtext: Ohne explizite Ankündigung ergibt sich eine deutliche Entschleunigung der inneren Impulse, also der Gedanken, Bilder und Gefühle. Die „Arbeit, sich zu konzentrieren“, wird von außen übernommen.

Der Ablauf

1. Anleitung in der Gruppe

Alle Patienten konzentrieren sich auf ihre Kindheit, betrachten „von außen“ eine negative Situation und das Kind, das sie waren; sie schauen diesem Kind in die Augen und erspüren, welche Ermutigung es braucht. Zum Beispiel:

  • Du darfst hier sein!
  • Du darfst leben!
  • Die Welt ist ein guter Platz.
  • Für dich ist gesorgt.
  • Ich sorge für dich.
  • Ich beschütze dich.
  • Ich verstehe dich.
  • Ich ermutige dich.
  • Deine Gefühle sind in Ordnung!
  • Du bist so in Ordnung, wie du bist.
  • Bei Fehlern ist es in Ordnung, um Verzeihung zu bitten.
  • Niemand darf dir wehtun!
  • Ich schenke dir meinen Respekt!
  • Deine Gedanken und Gefühle haben einen Sinn.
  • Wenn du fällst, helfe ich dir beim Aufstehen.
  • Vor Gefahren schütze ich dich, notfalls gegen deinen Willen, aber immer liebevoll.
  • oder Ähnliches

Eine Minute Zeit geben, bis die Patienten sich ihren Satz ausgesucht haben und diesen aufschreiben lassen. Dann Paare bilden: A liegt auf dem Rücken, B kniet am Kopf: B berührt beide Schultern des Partners und sagt mehrfach den von A ausgesuchten Satz, etwa bei jedem dritten Atemzug, ca. zwei Minuten lang.

Dann eine Minute lang den Satz sagen ohne Berührung. Danach die Stirn von A berühren und mit jedem Satz von der Nasenwurzel zu den Haaren ausstreichen, ca. zwei Minuten lang. Dann legt B seine Hände zwischen den Kopf von A und Kopfkissen, Handfläche zum Kopf, zwei Minuten schweigen. Anschließend zwei Minuten Austausch, dann Wechsel. Nach dem zweiten Durchgang zehn Minuten Austausch, verbal.

2. Anleitung für eine Einzelsitzung

Analog wie für die Gruppe, der Therapeut übernimmt die Position von B. Hilfreich ist eine Isomatte oder Decke für A und ein Meditationskissen für B.

Stolpersteine: Bislang sind keine besonderen Vorkommnisse, Abweichungen oder Risiken aufgetreten.

Konsequenz des Features: Anschließend traten, soweit bekannt, die anfangs angegebenen Symptome deutlich schwächer auf.

Hinweis: Oft ist es sinnvoll, die Patienten den Grad ihres Leidens (den sog. SUD) zu Beginn der Stunde und am Ende skalieren zu lassen, z. B. zwischen 0 = kein Leiden und 10 = maximales Leiden. Danach noch einmal drei Sitzungen später – gerade der selbst definierte Erfolg motiviert ganz wunderbar!

Metaebene: Anstatt in der Psychotherapie nur zu sprechen (und womöglich nur zu sitzen), versuchen wir von der Grundidee her immer, nervlich gleichzeitig mehrere Kanäle anzuregen:

  • sensorisch-afferent: Augen, Ohren, Tasten
  • motorisch-efferent: Bewegung, Sprache, Augenfokussierung, Körperhaltung
  • modulierend: Nähe – Distanz, stehen – sitzen – gehen, laut – leise, schnell – langsam

Vor jeder Intervention wird vorher um Erlaubnis gebeten; das heißt jedoch nicht, dass sie im Detail vorgestellt wird. Ganz im Gegenteil: Gerade Überraschungs-Interventionen bewirken oft einen besseren Effekt.

Fallvignette/Erklärung des Vorgehens

Der Patient kommt mit dem Auftrag, er wolle mit seiner Überzeugung, nichts(!) zu können, klarkommen. Wörtlich: „Ich bin sehr empfindlich, wenn mich jemand auf einen Fehler hinweist. Am Schluss denke ich selber, dass ich nichts kann, das ist mir völlig unerklärlich.“

Therapeut (Th.): „Welche Botschaft wäre denn hilfreich gegen die Überzeugung, nichts(!) zu können?“

Patient (P.): „Los!! Mach endlich!“

Th.: „Darf ich das gleich testen?“

P.: „Gut!“ (nickt dabei)

Th.: (mit lauter, scharfer Stimme): „Los, mach endlich!“ (fünfmal wiederholt). „Jetzt bitte 30 Sekunden lang nachspüren.“ „Fühlt sich das jetzt kräftiger an?“ Eine „Ja-Nein-Frage“ ist besser als: „Wie fühlt sich das an“ – denn „wie“ provoziert zur Weitschweifigkeit

P.: „Nein, weniger.“

Th.: „Dieser Satz führt also zur Schwächung?“ (mit neutraler, nüchterner Stimme)

P.: „Ja!“

Th.: „Darf ich einen Satz anbieten, der schon oft geholfen hat?“ Eine demütige Frage, der Patient bestimmt, wie es weitergeht und doppelter Subtext: „Ich habe etwas Hilfreiches für dich“, und „Aber ich sage es nur, wenn ich es sagen soll“.

P.: „Ja bitte!“

Th.: „Lieber im Stehen? Lieber im Liegen?“

P.: „Lieber im Liegen.“

Th.: „Darf ich Sie an der Schulter berühren?“

P.: „Ja“. (Positionen wie oben unter A und B beschrieben)

Th.: „Ich bin stolz darauf, wenn ich sehe, was du kannst.“ (5-10-mal wiederholen)

Wichtig: keinesfalls sagen „du kannst gut X oder Y oder Z!“, denn das würde sofort den Widerspruch provozieren – außerdem klingt es betulich, fast schon überfürsorglich. Daher auf Widerspruchsfreiheit achten! Dem Satz „ich bin stolz darauf ...“ kann nicht widersprochen werden!

Zweitens: Hier wurde die Nebensatz-Verstärkung eingebaut, so liegt der Kern dieser Aussage „beiläufig“ („... was du kannst“) – dadurch wird die Wirkkraft erhöht. Dann weiter wie in der Anleitung beschrieben.

Variante

Der Patient spricht den nährenden Satz zu seinem inneren Kind selbst mehrfach aus (ca. 12-15-mal). Noch mal fünf Minuten Schweigen. Der Therapeut macht währenddessen seine Dokumentation). Dann:

Th.: „Welche Impulse sind jetzt da? Bilder? Gefühle? Gedanken?“

P.: „Jetzt ist alles klarer.“

Th.: „Was ist klarer?“

P.: „Zum ersten Mal kann ich in Ruhe klar sehen, dass ein Teil von mir diese guten Sätze blockiert, auch wenn sie von außen kommen, z. B. von meiner Frau.“

Th.: „Darf ich Ihnen eine sehr hilfreiche Übung für zu Hause anbieten?“ (falls P. mit Nein antwortet, die große Autonomie würdigen!)

P.: „Ja, gerne!“

Th.: „Gut, ich sage es Ihnen - aber nur, wenn ich mich darauf verlassen kann, dass Sie sich nicht wundern, wenn sich dieses Thema in den nächsten Wochen verbessern wird.“ (Der Patient verspricht, sich nicht zu wundern - damit gute Platzierung des Subtextes!)

Th.: „Also, das ist eine sehr tief greifende Übung; je nachdem, wie Sie vorankommen wollen, können Sie diese Übung einmal wöchentlich oder einmal täglich anwenden.

Sie funktioniert so: Man bittet seinen Partner, diesen hilfreichen Satz auszusprechen (...); und dann antwortet „man“ (hier durchaus im Allgemeinen „man“ bleiben: damit wird ohne viel Aufwand die Allgemeingültigkeit zusätzlich verstärkt): „Danke, mein lieber Schatz, dass du mir hilfst, meine inneren Blockaden zu erkennen, denn so kann ich dich davor schützen.“

(Unausgesprochener Subtext: Damit erhält der Mann die Aufgabe, seine Frau zu beschützen. Bei funktionierenden Partnerschaften ist das ein wunderbares therapeutisches Band. Nebenbei: Es ist sehr wahrscheinlich, dass durch diese Übung das Paar-System gestärkt wird, denn die (liebende) Frau bekommt etwas Konkretes zu tun; gleichzeitig verringert sich das Risiko, dass sie abgeblockt wird und sich dann abgelehnt fühlt, mit allen Konsequenzen.)

Damit war die Stunde zu Ende.

Dr. Walter Hofmann Dr. Walter Hofmann
Facharzt für Psychotherapie, Chefarzt Valere Privatklinik, Dachsberg im Südschwarzwald

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