Gratifikationsdefizit – Mangel an Anerkennung

„Es ist nicht gesagt, dass es besser wird, wenn es anders wird.
Wenn es aber besser werden soll, muss es anders werden.“
Georg Christoph Lichtenberg
1742–1799

fotolia©blacksalmonWelch ein sperriges Wort, werden Sie vielleicht jetzt denken. Gratifikation? Davon kann man ein Defizit haben? Und irgendwie ist das Wort Gratifikation auch nicht unbedingt ein umgangssprachlich oft genutztes Wort.

Es klingt scheinbar eher altmodisch (lateinisch: gratificatio, Gefälligkeit). Vielleicht klingt Prämie, Bonus, Sonderzulage, Sonderzuwendung oder gar das englische Wort „Incentive“ vertrauter? In der Fachsprache des Arbeitsrechts ist der Begriff Gratifikation hingegen ein durchaus gebräuchlicher Begriff. In der Psychologie übrigens seit einigen Jahren ebenso; hier wird jedoch vielmehr der Begriff „Gratifikationsdefizit“ oder in der gesteigerten, extremeren Form „Gratifikationskrise“ benutzt.

Gratifikation verbindet man wohl eher mit Berichten über Millionen-Boni und hohe Sonderzahlungen an Banker, Vorstände von Aktiengesellschaften und anderer in der Öffentlichkeit stehender Personen. Es scheint eher ein Luxusproblem einiger weniger zu sein. Da gibt es drängendere Probleme, mögen Sie vielleicht meinen.

Selbst wenn ab und zu an die Öffentlichkeit gelangt, dass auch einmal Boni gestrichen werden, Sonderzuwendungen entfallen oder Aktienpakete nicht ausgezahlt werden, hält sich das Mitleid der Öffentlichkeit mit den Betroffenen dabei sehr in Grenzen. „Die haben eh‘ schon genug“, „Das geschieht denen auch mal recht“, so etwas oder Ähnliches ist dann oftmals von den scheinbar unbeteiligten Menschen zu hören, die meist fälschlicherweise davon ausgehen, dass sie persönlich ein Gratifikationsdefizit nie betreffen könnte.

Doch was passiert, wenn es nicht um prominente Personen geht, sondern Sie selbst betroffen sind? Und ich meine nicht, dass Sie dazu Topverdiener oder in einer exponierten Position sein müssen. Was macht es wohl mit Ihnen ganz konkret, wenn Ihr Arbeitgeber Ihnen beispielsweise nach vielen Jahren regelmäßiger Zahlung von Weihnachtsgeld plötzlich dieses nicht mehr auszahlt?

Wenn Ihnen für eine besondere Anstrengung etwas versprochen wurde (mehr Geld, ein Firmenwagen, eine Führungsposition …) und dies trotz Erreichung aller Ihrer vereinbarten Ziele nicht gewährt wird? Oder noch schlimmer: Was bedeutet es für Sie, wenn Ihr Arbeitgeber Ihren mehr als verdienten Lohn nicht mehr auszahlen kann, weil die Firma zahlungsunfähig ist?

Wenn Sie als selbstständiger Unternehmer lange keinen Urlaub gemacht und an den Wochenenden gearbeitet haben – mit dem Ziel, Ihre Aufträge erfolgreich zu Ende zu bringen, aber leider Ihr Auftraggeber insolvent wurde und Ihnen nichts mehr bezahlen kann?

Vielleicht sind Sie aber auch Alleinerziehend? Und trotz Ihres 24-Stunden-Engagement, Ihres Organisationstalents und Ihrer permanenten Verausgabung werden Sie üblicherweise von der Gesellschaft nur wenig mit Geld oder Prestige belohnt – stimmt‘s?

Vielleicht kennen Sie auch das: Man erwartet für erbrachte Leistungen zumindest Anerkennung oder gar Lob, bekommt jedoch Kritik trotz Höchstleistungen. Stattdessen erfolgt eine Rückstufung innerhalb der Hierarchie eines Unternehmens (Beschäftigungsverhältnis mit geringerem Status) und infolgedessen der Entfall der mit dem Status verbundenen Gratifikationen.

Hierzu zählt auch die generelle Unzufriedenheit mit der Bezahlung (Unterbezahlung) oder auch über lange Zeit fehlende Aufstiegschancen oder Qualifikationsmöglichkeiten; dies zieht oft eine nicht unerhebliche Beeinträchtigung der intrinsischen Motivation mit sich. Das Streben nach Anerkennung und Kontrolle wird durch ausbleibende immaterielle und materielle Belohnungen zutiefst enttäuscht. Die Balance zwischen Anstrengung und Belohnung ist nicht mehr gegeben. Die folglich tief enttäuschten Erwartungen des Betroffenen fordern zwangsläufig auch ihren psychischen Tribut.

Ich ziele mit diesen Szenarios nicht auf die finanziellen Folgen ab, sondern vielmehr auf die Auswirkung solcher Vorgänge auf die Psyche der Betroffenen. Gratifikationskrisen gelten als starke psychische Belastungen. Mit den dazugehörenden psychischen (u. a. Depressionen), somatischen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen und weitere) und psychosomatischen (diverse Symptome) Beschwerden, die in ihrer Intensität sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können und von jedem Betroffenen auch unterschiedlich empfunden werden.

Mit anderen Worten: Ein Gratifikationsdefizit kann auftreten, wenn Anerkennung (finanziell, emotional) und Unterstützung (z. B. von Vorgesetzten, Kollegen oder durch die Gesellschaft) fehlen, trotz erheblicher Anstrengungen – oft über einen längeren Zeitraum. Kurzum: Es kann jeden treffen.

Erkrankungen infolge des Gratifikationsdefizits sind umso wahrscheinlicher, je höher die Diskrepanz zwischen hoher Verausgabung und niedriger Belohnung ist.

Zwei Faktoren scheinen Krankheiten im Zusammenhang mit einer Gratifikationskrise besonders Vorschub zu leisten:

  • das gleichzeitige Auftreten von hoher Verausgabung und niedriger Belohnung,
  • und je länger die Erfahrung einer beruflichen Gratifikationskrise dauert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, zu erkranken.

Weitere bekannte Risikofaktoren wie Übergewicht, Zigaretten rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum und auch Bewegungsmangel tun dann ihr Übriges dazu.

Es gibt jedoch Maßnahmen, damit es nicht zu einer wirklichen Krise kommt.

So können rein materielle Gratifikationsdefizite oft durch andere Maßnahmen wie persönliche Anerkennung (ehrlich ausgesprochenes Lob im Einzelgespräch oder vor einer Gruppe, Gewährung eines Führungskräfte- oder Fachseminars und/oder persönliches Weiterbildungsseminar ...) zumindest teilweise kompensiert werden.

Vor allem die Ebene der positiven zwischenmenschlichen Beziehungen ist eine nicht zu unterschätzende Quelle der Resilienz; übrigens nicht nur in Bezug auf Gratifikationsdefizite.

Ist das Gratifikationsdefizit einmal eindeutig als Stressor erkannt, kann ein Stressmanagement-Training helfen, nicht von einem Gratifikationsdefizit in eine -krise zu schlittern. Auch die Erweiterung des Handlungsspielraums am Arbeitsplatz kann manchem helfen, Gratifikationsdefizite auszugleichen. Die jeweils passende Maß- nahme ist genauso individuell, wie es die betroffenen Menschen selbst sind.

Was aber m. E. für vom Gratifikationsdefizit oder gar von der Gratifikationskrise betroffene Menschen immer empfehlenswert ist: Holen Sie sich zeitnah die kompetente Unterstützung durch einen Psychologen oder Psychotherapeuten.

Die nötige Psychohygiene sollte bereits im Erstgespräch als wichtiger Punkt gerade bei solchen Klienten dazugehören. Wenn der Klient verstanden hat, dass es sich bei einer Gratifikationskrise um ein ernst zu nehmendes Problem handelt und es Möglichkeiten gibt, auch wieder aus dieser Krise herauszukommen, wird er jenseits der bestehenden gesellschaftlichen Klischees beginnen können, an diesem komplexen Thema zu arbeiten.

Günter Kaindl Günter Kaindl
Heilpraktiker für Psychotherapie, Praxis für Psychotherapie in München

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