Märchen ... Mythen ... Träume und Tarot!

Angela Straube im Gespräch mit dem Verleger und Autor Johannes Fiebig

Foto ©Jennifer Lorenzen-Peth

Auf der Frankfurter Buchmesse im Herbst 2018 verabschiedete sich der Verleger Johannes Fiebig nach rund 30-jähriger Tätigkeit ins Rentnerleben, „in den dritten Lebensabschnitt“, wie er selbst sagt, um sich neuen Projekten zu widmen.
Fiebig ist Tarotexperte und hat als Verleger die bedeutendsten Autoren für Orakel, Symbol- und Lebensdeutung betreut. Ich hatte die Möglichkeit zu einem ausführlichen Interview.

Verlagsgründung ohne Kapital, aus ideellen Gründen

1989 gründete Fiebig zusammen mit seiner Frau Evelin Bürger den Königsfurt Verlag (heute Königsfurt-Urania Verlag). Als Kind hat ihm seine Patentante Bücher von Lisa Tetzner geschenkt: „Die schönsten Märchen der Welt für 365 und einen Tag“ (Tetzner war eine emanzipierte Frau der 1920er-Jahre, die durch die Dörfer zog, Märchen erzählte und viele Bücher sowie eigene Märchen verfasst hat). Als Schüler dann gab es in der Psychologie-AG erste Berührung mit den Archetypen, und in Köln hatte er neben den Hauptstudien in Sozialwissenschaften und Geschichte auch Psychologie und Sozialpsychologie studiert. Das Kapital für die Verlagsgründung stammte aus den Autorenhonoraren für ihre ersten Bücher. 1984 veröffentlichten Bürger und Fiebig das Buch „Tarot. Spiegel Deiner Möglichkeiten“, das sich in den folgenden Jahren mehr als 300 000 Mal verkaufen sollte.

„Es gab damals eine neuartige, massenhafte Begeisterung für die Deutung des Tarots. Das Gleiche galt zwar auch für Träume, Mythen und Märchen. Doch speziell in der Tarotdeutung stand diese neue Praxis völlig ohne Theorie, ohne adäquate Literatur dar“, so Fiebig. Die neue Praxis war eine kreative, selbstständige Anwendung der Karten im Sinne eines „Spiegels“ der Selbsterfahrung. Aber die wenigen Bücher, die Anfang der 1980er-Jahre im deutschsprachigen Buchhandel zu bekommen waren, boten fast ausschließlich okkultistische oder wahrsagerische Inhalte.

fotolia©emmapeel34Grundlegung neuer Deutungsstandards

Fiebig und Bürger wurden in dieser Situation zu Pionieren einer neuen Symboldeutung. Ihre Entscheidung, das Tarot und später noch viele andere Orakel sowie Märchen, Mythen, Träume zu ihrem Beruf zu machen, bedeutete für sie auch, etliche Deutungen neu zu suchen und Maßstäbe neu zu setzen.

Zu diesen neuen Maßstäben, die heute weltweit Eingang in die Literatur gefunden haben, zählt die „Tageskarte“ im Tarot – der tägliche Gebrauch der Tarotkarten, ganz ähnlich der Traumdeutung, in der man sich gern mit Traumserien und nicht nur mit Einzelträumen befasst. Vor allem aber wurde die „Doppeldeutung“ zu einem Eckpfeiler der neuen Deutung. Jedes Symbol, jedes Detail (ob in einem Märchen, einem Traum oder einem Tarotbild) besitzt vielfache Bedeutungen, kann Positives und Negatives (und diverse Zwischentöne) anzeigen, kann z. B. warnen oder ermutigen. Darauf aufbauend wurde und wird ein neuer selbstständiger Dialog zwischen Bild und Betrachter oder Traum und Träumer/-in möglich und nötig, der sich von hergebrachten, oftmals „schubladenhaften Deutungen“ unterscheidet.

Anleihen bei Erich Fromm

fotolia©namoshVon Erich Fromm erschien 1951 das Werk „Märchen, Mythen, Träume. Eine Einführung in das Verständnis einer vergessenen Sprache“. Fromm erklärt darin, warum es für Erwachsene wichtig ist, sich mit Märchen, Mythen und Träumen zu beschäftigen. Das Buch ist heute in der konkreten Anwendung überholt, in den 1970er-Jahren kamen dann die C.-G.-Jung-Schüler, durch die wir heute viel mehr kennen als Fromm 1951. Aber Fromm schrieb sein Buch damals mehr oder weniger zur Völkerverständigung nach dem Zweiten Weltkrieg, indem er sich die Frage stellte, wie die verschiedenen Völker eigentlich zusammenkommen können, und zu dem Schluss kam, dass sie zu ihren Wurzeln finden müssten.

Der Königsfurt-Urania Verlag arbeitet als Partnerverlag mit der Europäischen Märchengesellschaft zusammen (Rheine bei Münster, Gründung 1956 unabhängig von Erich Fromm, aber aus demselben Gedanken heraus). Regeln der Traumdeutung wurden von J. Fiebig und E. Bürger auf die Tarotdeutung übertragen, und das wurde ihr Markenzeichen. Sie hatten damit schnell Erfolg.

„Sind Sie Psychologe oder Esoteriker?“, wurde Johannes Fiebig oft gefragt, weil er und seine Frau sich in psychologischaufklärerischem Sinne auf esoterischem Gebiet bewegt haben. Das war damals und ist eigentlich bis heute relativ neu. Damals gab es als Verlag nur den Diederichs Verlag, der auch ähnlich viel über Märchen und Mythen aufgearbeitet hat und im weitesten Sinne aufklärerisch arbeitete.

Fiebig und Bürger waren federführend, diesen Ansatz auf das Tarot und später auch auf sogenannte Grenzwissenschaften zu übertragen. Dabei haben sie vieles weiterentwickelt und dazu beigetragen, diese „Grenzwissenschaften“ zu entmythologisieren und dabei auch Grundbegriffe weiterzuentwickeln.

Ein besonderes Interesse hat J. Fiebig an „Zaubermärchen“, in denen es eine Verwandlung gibt. Da ändert sich ein Charakter, dadurch gibt es dann die Verwandlung und Erlösung, wodurch dann wiederum das „Happy End“ möglich wird.

Das „Happy End“, das ja eigentlich das „Happy Beginning“ ist, bei dem dann das Leben freier und erlöster losgehen kann.

Die Bilder im Märchen sind sehr gut zu übertragen auf die Situationen des Menschen. Wenn z. B. ein Mensch im Märchen zu Stein wird, so kann dies im psychologischen Sinne bedeuten, dass jemand wie versteinert durchs Leben geht, eine Trauma-Situation. Wenn es dann aber tatsächlich eine Lösung gibt, ist es genau das, was Johannes Fiebig interessiert: Wie und wodurch geschieht dieser Wandlungsprozess? Dieses ist heute auch gut in der Therapie zu verwenden.

J. Fiebig sieht an derselben Stelle die Probleme und deren Lösungen. Es ist eine Wandlung nötig; da, wo der Mensch seine Hemmungen, seine Neurose, seine Störung hat, da sollte er, sobald er wieder die Kraft dazu hat, diese angehen, den Schmerz aushalten, ihn erinnern, wiederholen, durcharbeiten, um dann, so wie im Märchen Aschenputtel, die guten ins Töpfchen und die schlechten ins Kröpfchen zu legen. An diesem Punkt, an dem es schmerzt, kann er schauen, was daran gut ist und was schlecht. Dadurch geschieht die Wandlung. Und das ist letztendlich das, was viele Menschen spüren: Dass die Märchen nicht nur die Sehnsucht nach einer heilen Welt spiegeln, sondern dass in ihnen auch Menschheitswissen in volkspopulärer Form wiedergegeben ist, was eine Hoffnung mitteilt, die berechtigt ist. Dass, wenn diese Wandlung gelingt, man auch alte Probleme loswerden und alte Wünsche erfüllen kann.

Bei Johannes Fiebig gingen Schreiben und Geschäftsführung all die Jahre gut zusammen, aber nun freut er sich auf den „Ruhestand“, der mehr Zeit für das Verfassen von Büchern bedeutet.

Seine kürzlich veröffentlichte Box „Du bist, was du vergisst“, die wir im Magazin 06.18 bereits vorgestellt haben, ist sehr zu empfehlen und arbeitet mit reduzierten Darstellungen von 15 Alltagsgegenständen. Hier geht es auch um die Symbolik der abgebildeten Karten und die Bedeutung für uns, wenn ausgerechnet diese Karte vergessen wird.

Ich frage Johannes Fiebig, was er bewirken möchte, und erhalte eine sehr persönliche und von Herzen kommende Antwort.

Er glaubt, dass wir zurzeit vor einem großen kulturellen Wandel stehen, einfach, weil die Kultur danach ruft. Die Individualisierung braucht als Gegengewicht ein neues Wir.

Rein biologisch ist es so, dass wir, wenn man die DNA anschaut, ca. 85 % unserer Gene nicht nur mit anderen Menschen, sondern auch mit anderen Lebewesen gemein haben. Das Individuelle ist also so betrachtet winzig klein. Die andere Tendenz, dass man das Gemeinsame betont im Sinne des aufgeklärten Bürgers, das ist die große neue Chance in einer Zeit des sich vergaloppierenden Kapitalismus, der immer Einzelne bevorzugt, während alle anderen Verlierer sind, was auf Dauer nicht bestehen kann. Wenn wir aber keine Religion mehr haben, brauchen wir die Verabredung dazu, etwas zu tun. Darin liegt eine große Chance.

Fiebig möchte im weitesten Sinne dazu beitragen, dass Menschen mit ihren Emotionen und dem, was sie antreibt, bewusster umgehen können, um dann in der Lage zu sein, einen Beitrag dazu zu leisten, sich für kulturelle Anliegen zu verabreden – im Sinne der „Kulturkreativen“ („cultural creatives“) nach dem amerikanischen Soziologen Paul H. Ray und der Psychologin Ruth Anderson.

Johannes Fiebig glaubt daran, dass wir eine Chance haben, wenn diese Gruppe sich in freien Stücken dazu entschließt, sich zusammenzutun und etwas auf die Beine zu stellen, etwas Großes zu bauen.

In der heutigen Zeit ist es so, dass man auch mit Emotionen bewusst umgehen kann, und es ist eine Notwendigkeit, einen bewussten Umgang mit dem sogenannten Unbewussten zu kultivieren.

Wir können lernen, mit Emotionen und Leidenschaften bewusst umzugehen, uns die Abgründe der Seele anzuschauen und auch, was da an tollen Sehnsüchten ist; uns viel mehr erlauben und Boshaftigkeiten und Fehlentwicklungen unter Tabu zu stellen.

Manchmal entstehen über die Schwächen die wahren Stärken.

Und: Du bist, was du vergisst!

Johannes Fiebig
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Angela StraubeAngela Straube
Paarcoach, Künstlerin

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