Kreative Pausen verbessern unser Wohlbefinden

fotolia©JenkoAtamanAn langen Winterabenden zu malen, zu basteln oder zu singen ist etwas aus der Mode gekommen. Dabei sind diese kreativen Tätigkeiten archaische und elementare Ausdrucksbedürfnisse des Menschen. Sie heben nachweislich die Stimmung und fördern unser Wohlbefinden.

Kreativität – gut für unsere Stimmung

„Täglich kreativ tätig zu sein, kann für das Wohlergehen unserer Psyche sorgen“, lautet das Fazit einer Studie, die im „The Journal of Positive Psychology“ veröffentlicht wurde.1) Je länger sich die Teilnehmer kreativ beschäftigt hatten, desto zufriedener, ausgeglichener, aber auch enthusiastischer und energiegeladener fühlten sie sich am nächsten Tag. Weiterhin führte die positive Stimmung dazu, sich auch am Folgetag einer kreativen Entspannungsphase hinzugeben. Dies erhöhte die positive Wirkung erneut. Bereits eine einmal am Tag eingelegte kreative Entspannungsphase ist nach Aussage der Studie ausreichend.

Einfach mal wieder gestalterisch tätig zu werden, zu Papier, Bleistift oder Pinsel zu greifen, könnte nach diesen Forschungsergebnissen ein ebenso einfaches wie hilfreiches Mittel gegen aufkommenden Energiemangel sein. Vor allem in der dunklen Jahreszeit, wenn der Winterblues um sich greift. Die Produktion des Neurotransmitters Serotonin ist stark vom Lichteinfall abhängig. Aufgrund der kürzeren Tage und des geringeren Lichteinfalls ist die Produktionsmenge unseres körpereigenen Glückshormons im Winter reduziert. Parallel dazu wird in lichtarmen, dunklen Phasen die Produktion des Schlafhormons Melatonin erhöht. Die Folge: wachsende Müdigkeit und Stimmungstiefs.

Kreativität – gut für unsere Gesundheit

Im Rahmen eines Pilotprojekts des Instituts für Musikpädagogik IfMP wurde die Frage untersucht, ob Singen nicht nur die Stimmung verbessern, sondern sogar die Immunkompetenz erhöhen kann.2) Die statistisch signifikanten Ergebnisse des Projekts unterstützen die Vermutung, dass aktives Singen eine deutlich stärkere Wirkung aufweist als das bloße Anhören von Musik.

Ähnliche Ergebnisse lassen sich auch im Rahmen der bildenden Kunst nachweisen. In einer experimentellen Studie3) wurde der Einfluss der bildenden Kunst auf die Konzentration des Stresshormons Cortisol von 39 gesunden Erwachsenen untersucht. Die Teilnehmer stellten Speichelproben zur Verfügung, um den Cortisolspiegel vor und nach 45 Minuten künstlerischer Tätigkeit zu bestimmen. Die Teilnehmer gaben am Ende der Sitzung ergänzend schriftliche Antworten zu ihren Erfahrungen. Die Ergebnisse zeigen, dass kreative, malerische Tätigkeit zu einer statistisch signifikanten Senkung des Cortisolspiegels führt. Die schriftlichen Antworten der Teilnehmer zeigten zudem, dass sie die Tätigkeit als entspannend, angenehm und hilfreich empfunden haben, um neue Aspekte des Selbst kennenzulernen, sich von Zwängen zu befreien und einen Lösungsprozess zu entwickeln. Positiv wurde auch der Flow, das Aufgehen in der Tätigkeit, erwähnt.

Es gibt bisher leider nur wenige Studien zur Wirkung von kreativer Aktivität auf das Immun- bzw. Stresssystem. Oft fehlt ihnen auch die wissenschaftliche Anerkennung oder die Ergebnisse sind zwar sichtbar, aber nicht statistisch abgesichert. Dennoch zeigen bereits die wenigen vorhandenen Studien, dass künstlerische oder gestalterische Tätigkeiten zu einem verbesserten Wohlbefinden beitragen können. Und dies selbst bei Personen, die sonst kein Interesse an diesen Themen haben. Es scheint aber entscheidend zu sein, dass der kreativen Tätigkeit aktiv, z. B. als Hobby, und nicht nur rezeptiv nachgegangen wird.

Kreativität – die ungenutzte Ressource

Es gibt viele Definitionen für den Begriff Kreativität. Ursprünglich von dem Lateinischen „creare“ abgeleitet, bezeichnet Kreativität im allgemeinen Sprachgebrauch vor allem die Eigenschaft eines Menschen, schöpferisch bzw. gestalterisch tätig zu sein. Im Sinne dieser persönlichen und nicht kommerziellen Kreativität muss das Resultat weder nützlich noch originell sein – einzigartig ist es auf jeden Fall.

Diese schöpferische Kreativität ist eine Fä- higkeit, eine innere Ressource, die wir einfach nur immer wieder aktivieren müssen. Die Schwierigkeit ist, dass wir meist verlernt haben, wie. Viele trauen sich nicht mehr, unbeschwert und einfach zum Zeitvertreib zu malen oder zu singen – das Ergebnis einer meist ergebnisorientierten künstlerischen Erziehung. Das gelungene Bild oder Werk steht im Vordergrund. Trauen Sie sich! Vergessen Sie künstlerische Bewertungsmaßstäbe! Das Werk muss allein Ihnen gefallen! Wer denkt: „Ich kann das nicht“, scheitert schon an seiner inneren Haltung. Bei persönlicher innerer Kreativität geht es nicht um das Ergebnis. Es geht allein um die Freude beim Tun. Vergleichbar mit den derzeit populären achtsamkeitsbasierten Verfahren, konzentriert man sich während der gestalterischen Tätigkeiten auf das „Hier und Jetzt“ – negative oder demotivierende Gedanken werden eingeschränkt.

Im schöpferischen Tun verbessern wir zudem spielerisch die kognitive Anpassungsfähigkeit an ständig neue Anforderungen und somit insgesamt unser lösungsorientiertes Denken. Der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther beschreibt in seinen Vorträgen und Büchern, wie plastisch unser Gehirn bis ins Alter reagieren kann. Seine These: „Sobald ein Mensch anfange, etwas Neues zu machen, verändere sich sein Hirn. Aber nur unter der Voraussetzung, dass der Mensch Begeisterung aufbringe“.4) Hilflosigkeit und negative Gefühle existieren beim künstlerischen oder gestalterischen Tun parallel zu der Fähigkeit, diese immer wieder selbstbestimmt und aktiv umgestalten zu können. So müssen die „Angst vor dem leeren Blatt“ überwunden, Farben bzw. Materialien ausgewählt oder „misslungene“ Stellen überarbeitet werden etc. All dies tun wir beim kreativen Gestalten in einem ständigen Wechsel von bewusstem und unbewusstem Zustand. Diese paradoxe Situation kann alte Gefühls- und Denkmuster auflösen und eine entspannende Wirkung hervorrufen. Die Aufmerksamkeit wird umgepolt: weg von der Problemorientierung hin zum autonomen Handeln!

Auch negative Erlebnisse und Gefühle können künstlerisch verarbeitet werden – so z. B. im Rahmen einer Kunsttherapie. Wir ordnen die Wahrnehmung von Kunstwerken in eine andere Kategorie von Erlebnissen ein als die der alltäglichen Realität. Diese kognitive Distanzierung schafft eine Art Sicherheitsraum, in dem negative Emotionen unter fachkundiger Anleitung erbzw. ausgelebt werden können. Im Rahmen der Gestaltung können erlebte negative Emotionen unter Umständen sogar zu einer positiven Kraftquelle werden. Denn vor allem tiefe emotionale Bewegtheit kann von uns Menschen auch dann als positiv und lustvoll erlebt werden, wenn ausschließlich traurige Gefühle vorherrschen. Allein das intensive Gefühlserlebnis wird in diesem Fall als lustvoll erlebt. Dazu kommt, dass die Farben eines Bildes oder die Ästhetik einer Skulptur negative Emotionen für den Betrachter positiv erlebbar machen können. Auch die Suche nach einer tieferen Bedeutung kann negativen Gefühlen etwas Sinnvolles und Positives geben.5)

Kreativität – gut für das Körper-Seele-Netzwerk

Im Rahmen moderner wissenschaftlicher Forschungsansätze lassen sich die bisher geschilderten positiven Aspekte von Kreativität bzw. eines kreativ gestalterischen Tuns in einen medizinischen, immunologischen und psychologischen Gesamtzusammenhang bringen.6) Der Mensch wird in der aktuellen medizinischen Sichtweise als ein komplexes „Netzwerk“ gesehen und nicht mehr in Einzelteilen analysiert. Psyche, Nervensystem, Hormonsystem und Immunsystem stehen nach neuesten Forschungen in sehr viel engerem Informationsaustausch, als man bis vor wenigen Jahren angenommen hatte. Dieser noch junge Ansatz der Psycho-Neuro-Endokrino-Immunologie“, kurz PNI, unterscheidet sich mit dieser Sichtweise von dem linearen Ursache-Wirkungs-Prinzip vieler klassischer wissenschaftlicher Disziplinen.

Nach den Thesen der PNI steht alles in einem Zusammenhang, in einer dynamischen Wechselbeziehung. Nicht nur die inneren Systeme des Menschen, sondern im Sinne eines psychosozialen Gedankens auch die Einflüsse und Auswirkungen der Umwelt, der sozialen Umstände und persönlichen Erlebnisse.

Gemäß des oben dargestellten Gedankens der psychoneuroimmunologischen Wechselwirkung von Gesundheit und Krankheit ruft die durch kreative Aktivitäten veränderte emotionale Grundhaltung psychologische Effekte hervor, die – kombiniert mit den zugehörigen physischen Aspekten wie Bewegung oder Koordination – physiologische Effekte, wie Auswirkungen auf das Nerven-, Hormon- und Immunsystem bewirken. Und umgekehrt. So wurde in einer Studie mit Jazzmusikern anhand von Hirn-Scans nachgewiesen, was passiert, wenn wir unserer Kreativität freien Lauf lassen: Der dorsolaterale präfrontale Kortex, der in unserem Gehirn für Planung und Verhaltenskontrolle zuständig ist, wird entlastet und wir fühlen uns frei, losgelöst und erfüllt.7)

Bei so viel Einflusskraft von künstlerischkreativer Tätigkeit auf die Psyche des Menschen sollten kunsttherapeutische Disziplinen nicht nur als begleitende Therapien Beachtung finden, sondern verstärkt eine Chance als eigenständige und anerkannte therapeutische Intervention erhalten.

Literatur:

Die Hinweise 1) bis 7) können bei der Autorin angefordert werden.


Alles trist und grau? Werden Sie künstlerisch kreativ.

  • Gönnen Sie sich jeden Tag eine kurze kreative Entspannungspause. 10 bis 15 Minuten sind ausreichend.
  • Fertigen Sie eine kleine Skizze, ein Bild oder eine Collage an. Oder gehen Sie an die frische Luft und machen ein Foto mit dem Handy.
  • Führen Sie ein künstlerisches Tagebuch in Form einer Lose-Blatt-Sammlung oder eines einfachen Schulheftes. Wichtig ist, dass die Wahl des Heftes oder der Skizzenpapiere Sie nicht zu einer „Es-muss-aberschön-werden-Einstellung“ verleitet. Das einfachste Material ist gut genug.
  • Nehmen Sie Bleistifte, Kugelschreiber oder Farben, die in Ihrem Haushalt vorhanden sind. Gehen Sie nicht extra in den Kunsthandel!
  • Kritzeln oder malen Sie einfach drauflos, was Ihnen gerade in den Sinn kommt. Skizzieren Sie die positiven ebenso wie die negativen Seiten der dunklen Jahreszeit oder machen Sie den Winterblues selbst zum Thema.

Wie schalte ich in den Kreativmodus um? Zwei Tipps aus meiner Praxis.

Sie haben keine Idee?

Kritzeln Sie einfach mal ein Blatt mit Bleistiftlinien voll. Einerlei, ob mit Schwüngen, abgewinkelten Linien, Schraffuren oder planlosen Bewegungsspuren. Verdichten Sie das Bild immer weiter, schaffen Sie Verbindungen oder Kontraste. Was entsteht?

Sie blockieren sich?

  • Versuchen Sie alles mit der linken Hand bzw. als Linkshänder mit der rechten Hand zu malen.
  • Malen Sie 10 Blätter in 10 Minuten, d. h. 1 Minute pro Blatt, ohne nachzudenken.
  • Nehmen Sie ein ungewöhnliches Handwerkzeug für den Farbauftrag, z. B. einen Schwamm, einen Stock, einen Löffel etc. Probieren Sie alles aus, was Sie zu Hause in den Schubladen finden.

Karin ChristophKarin Christoph
Heilpraktikerin für Psychotherapie mit Praxis in Essen, zertifizierte Psychologische Beraterin, Dozentin an der Paracelsus Schule Essen, freie Künstlerin und Kunsttherapeutin, Biologin, Wirtschaftswissenschaftlerin (M. Sc.)
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Fotos: fotolia©JenkoAtaman