„Du bist perfekt, so wie du bist!“

FP 0518 Komplett Big Page16 Image1Stellen Sie sich vor, eines Tages käme völlig überraschend Ihr Chef auf Sie zu und würde Sie mit den Worten ansprechen: „Frau/Herr Müller, was ich Ihnen schon immer einmal sagen wollte: Sie sind perfekt, so wie Sie sind!“

Sicherlich wären Sie völlig überrascht, vielleicht auch etwas beschämt oder würden sich eventuell sogar gefoppt fühlen. Doch beim In-sich-Hineinhorchen in einem ruhigen Moment werden Sie feststellen, dass es möglicherweise eine Sehnsucht in Ihnen nach solch einer bedingungslosen Form der Wertschätzung und Anerkennung gibt.

In uns Erwachsenen wohnt immer auch eine kindliche Version unseres erwachsenen Selbst, die sich danach sehnt, uneingeschränkt angenommen und gemocht zu werden. Dieses Bedürfnis kennen auch unsere Kinder sehr gut.

Sie sind häufig verunsichert in unserer vielseitigen und schnelllebigen Welt, die sehr auf Leistungsorientierung und Perfektionismus ausgerichtet ist. In dieser Fülle von Einflüssen seinen Platz zu finden und seinen Weg zu gehen, ist eine große Herausforderung. Um sich dieser zu stellen, benötigt man Selbstbewusstsein, innere Stärke und Zuversicht. Diese Eigenschaften entwickeln sich am besten, wenn sich Kinder geliebt, wertgeschätzt und sicher fühlen. Sie profitieren von einer Erziehung, bei der die Eltern regelmäßig in ein „Beziehungskonto“ einzahlen.

Was sich erst einmal sehr sachlich und monetär anhört, ist vielmehr dazu gedacht, die Beziehung zwischen Eltern und Kind zu pflegen, zu festigen und damit eine stabile Basis zu schaffen, mit der auch schwierige und konfliktreiche Phasen des Lebens besser überstanden werden können.

Kinder möchten sich vor allem auch dann geliebt fühlen, wenn sie gerade nicht das machen und nicht so funktionieren, wie es die Erwachsenen gerne hätten. Diese Sicherheit und Geborgenheit können Eltern vermitteln, indem sie ihren Kindern unabhängig von der jeweiligen Situation kleine Beziehungszeichen zukommen lassen. Hier gilt der Grundsatz: Schenken Sie Ihrem Kind mindestens einmal täglich ein gutes Wort und Ihre liebevolle Zuwendung in Form von Komplimenten, mit der Zubereitung eines Lieblingsgerichts oder mit Ihrem gemeinsamen Lieblingsspiel. Um klassische Geschenke sollte es dabei jedoch nicht gehen, sondern um persönliche Zuwendung in verschiedenster Form.

Mit diesen Beziehungszeichen überraschen wir unsere Kinder zum einen positiv, zum anderen setzen wir damit ein Zeichen, dass die Liebe und Verbundenheit zwischen uns an erster Stelle steht und somit jeden Streit und Konflikt überlagert.

Gerade wenn es einmal schwierig wird, vergessen wir manchmal, wie viel Zuneigung wir eigentlich für unsere Kinder empfinden. Hilfreich ist es dann, diese Gefühle wieder bewusst zu aktivieren.

FP 0518 Komplett Big Page16 Image2Dies funktioniert dann sehr gut, wenn wir uns in Erinnerung rufen, wie sehr wir uns unsere Kinder einst gewünscht haben, wie groß die Freude bei Bekanntgabe der Schwangerschaft und der Geburt war und wie unglaublich es sich angefühlt hat, unseren kleinen Schatz zum ersten Mal im Arm zu halten.

Mit dieser Strategie können wir negative Gefühle in konfliktreichen Phasen überlisten und geduldig auf unser Kind zugehen. Die wichtigste Botschaft für unseren Nachwuchs ist hierbei: Ich bin meinen Eltern wichtig und sie sind sehr an der Beziehung zu mir interessiert.

Vielleicht fällt Ihnen die Vorstellung noch schwer, gerade in solch angespannten Situationen wertschätzende Beziehungszeichen auszusenden. Eventuell haben Sie Sorge, dabei Ihr Gesicht zu verlieren oder den Respekt Ihres Kindes einzubüßen.

Hierbei hilft ein Bild zur besseren Veranschaulichung. Ein verletztes Bein benötigt einen Verband, um zu heilen. Die Beziehung braucht ebenso ein heilendes Band, wenn durch Konflikte Verletzungen und Risse entstanden sind. Das Zauberband in diesem Zusammenhang sind liebevolle Gesten. Diese stärken sowohl die beteiligten Persönlichkeiten als auch die Beziehung zueinander.

Wir Eltern haben dabei das „Heft in der Hand“ und entscheiden immer selbst, wann wir Beziehungszeichen einsetzen. Wenn es für uns stimmig ist und es für uns sinnvoll erscheint, investieren wir damit in die Beziehung zu unseren Kindern und schaffen besondere Momente der Verbundenheit und des Miteinanders. Als Eltern stark zu sein bedeutet in diesem Zusammenhang, dass wir unsere Zuneigung nicht vom Verhalten unserer Kinder abhängig machen. Mit dieser Haltung vermitteln Sie Ihrem Kind, dass Ihnen ein gutes Verhältnis viel wichtiger ist, als sich ständig nur über Auseinandersetzungen oder Angewohnheiten des Kindes zu ärgern. Diese Basis der Wertschätzung entzieht bildhaft gesprochen dem Feuer das Benzin, verhindert demnach einen Großbrand im Sinne von eskalierenden Konflikten und gibt Raum für kreative Lösungsmöglichkeiten.

Neulich durfte ich miterleben, wie eine Freundin bei ihrem Sohn ein Beziehungszeichen eingesetzt hat. Völlig ohne Zusammenhang sagte sie zu ihm, als er gerade den Raum betrat:

„Luis, wenn ich dich noch
mal bestellen könnte, würde
ich dich ganz genauso
bestellen, wie du bist.“

Der Junge ging mit einem breiten Grinsen zur Tür hinaus und sein ganzer Körper strahlte Selbstbewusstsein aus, während ich tief berührt von dieser Szene war.

Statt unsere Kinder zu perfektionieren und an die Gesellschaft anpassen zu wollen, sollten wir sie vielmehr darin bestärken, dass sie genau richtig sind in ihrem Sosein. Der deutschsprachiger Sänger Tim Bendzko formuliert dies treffend in einem Liedtext mit den Worten: „… sich zu verstellen, hat keinen Sinn, weil unser Spiegelbild bleibt, wie wir sind. Du kannst dein wahres Ich ruhig zeigen, du bist perfekt, wie du bist.“

Mir als Mutter ist diese Haltung in der Erziehung besonders wichtig, wie sich in meinem eigenen Beispiel zeigt. Mein Sohn hat die Besonderheit, dass seine Schulterblätter etwas hervorstehen und somit sichtbarer sind als bei anderen Kindern. Er war sich dessen gar nicht bewusst, bis er beim Schulsport in der Umkleide mehrfach darauf angesprochen wurde. Dadurch wurde er darauf aufmerksam, dass er sich in dieser Sache von anderen Kindern unterscheidet, und war davon verunsichert. Als er mir davon erzählte, tröstete ich ihn mit dem folgenden Sprichwort aus Frankreich: „Ein Kind ist ein Engel, dessen Flügel im gleichen Maße schrumpfen, wie seine Füße wachsen.“
(https://www.aphorismen.de/zitat/132498)

Danach sagte ich zu ihm, dass er für mich ganz besonders und ein ganz außergewöhnlicher Engel ist. Denn bei ihm sind die Engelsflügel sogar noch etwas sichtbar. Er strahlte mich an und war auf einmal stolz auf seine Besonderheit, anstatt sich dafür zu schämen.

Wir alle wünschen uns für unsere Kinder, dass sie später einmal als gefestigte Persönlichkeiten ihren Weg im Leben gehen, dass sie wissen, was sie wollen, und dass sie echt und authentisch sind, ohne sich hinter Fassaden zu verstecken und von der Gesellschaft erwünschte Rollen zu spielen, nur um anerkannt und gemocht zu werden. Durch liebevolle Beziehungszeichen können wir sie dabei unterstützen, das Fundament für ein gesundes Selbstwertgefühl, innere Stärke und Widerstandskraft aufzubauen.

Carolin OrtCarolin Ort
Heilpraktikerin für Psychotherapie, staatl. anerkannte Erzieherin, staatl. anerkannte Sozialpädagogin, Sozialarbeiterin (B. A.)
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Fotos: fotolia©Robert Kneschke, fotolia©kebox