Binge-Eating-Essstörung

Sucht ist Leiden – nicht der schwache Wille, keine Lust oder Gier, sondern eine Reaktion auf etwas Unaushaltbares.

fotolia©Picture-FactoryEine Klientin, nennen wir sie Frau X, meldete sich telefonisch mit den Worten „Können Sie mir helfen? Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll, ich war schon in der Klinik und habe eine ambulante VT (Verhaltenstherapie) gemacht. Jetzt geht es schon wieder los; ich habe immer noch Binge Eating und ich glaube, ich fresse mich tot!“

Bei unserem Erstgespräch erzählte sie von ihrem stationären Aufenthalt und der dort erlebten Sicherheit. Sport, Einzel- und Gruppengespräche gehörten zum Pflichtprogramm, 3 x täglich wurden Tellergerichte serviert, sie setzte sich stets an den gedeckten Tisch. In der darauffolgenden ambulanten VT lernte sie, wie man ein Esstagebuch führt und Mahlzeiten über den Tag strukturiert. Sie entwickelte wieder Freude am Genuss und lernte, auf Hunger- und Sättigungsgefühle zu achten. Es lief gut, auch wenn viele Fragen noch ungeklärt blieben.

Eine Sucht besteht dann, wenn unerträgliche emotionale Spannungen durch Substanzaufnahme oder süchtiges Verhalten gelöst werden müssen und diese Spannungen willentlich nicht beherrscht werden können. Das gewählte Suchtmittel schützt den Süchtigen vor unerträglichen Gefühlen der inneren Leere, Angst, Hilflosigkeit, Wertlosigkeit, des Schmerzes und der unendlichen Sehnsucht nach Wärme, Geborgenheit und Schmerzlosigkeit.

Bei Essstörungen, die Übergewicht hervorrufen, wird dem Betroffenen häufig fehlende Disziplin und übermäßiger Genuss angedichtet. Ein generelles Überangebot an (ungesunder) Nahrung, Essen als Stimmungsaufheller, Essen als Suchtverlagerung (z. B. nach dem Aufhören mit dem Rauchen) oder ein falsches Bild von gesunder Ernährung suggeriert durch Werbung gelten als Ursache für Essstörungen.

Frau X beschrieb mir ihre Symptomatik wie folgt: gieriges Verschlingen von riesigen Mengen an hoch kalorischen, fetthaltigen, kohlenhydratreichen Lebensmitteln in sehr kurzer Zeit. Manchmal dauerte ein Essanfall nur wenige Minuten, oft auch bis zu zwei Stunden. Sie erlebte absoluten Kontrollverlust über die konsumierte Menge und es war ihr nicht möglich, die Essanfälle zu unterdrücken. Oft setzte eine regelrechte Vernichtung von Nahrungsmitteln ein. Dies geschah immer zu Hause, heimlich – die Scham, dabei gesehen oder beobachtet zu werden, ist einfach zu groß.

Binge Eater haben kein echtes Hunger- und Sättigungsgefühl mehr, sie beschäftigen sich unentwegt gedanklich mit Essen. Die Fressattacken werden als sehr belastend, aber auch oft für kurze Momente als entspannend erlebt. Sie sind mit Ekelgefühl gegen sich selbst, mit Niedergeschlagenheit, Scham und Schuldgefühlen verbunden. Begleitet wird der Betroffene von einer negativen Selbsteinschätzung des eigenen Körpers und des eigenen Aussehens.

Ein Binge Eater weiß selbstverständlich um die Folgen seiner Fressattacken: Fettleibigkeit, Herz-/Kreislauf-Störungen, Bluthochdruck, Diabetes, Schnarchen, Schlafapnoe, Speiseröhrenentzündungen durch anhaltendes Sodbrennen, Magenerweiterung, chronische Übersäuerung sind keine Seltenheit. Depressionen, Angst-/Zwangs- und Schlafstörungen sowie Grübeln gehören zu den psychischen Begleiterscheinungen. Aber er ignoriert sie, zumindest während der Anfälle, weil er sich seinen Fressattacken gegenüber ohnehin absolut ohnmächtig fühlt.

In der Öffentlichkeit lässt sich diese Essstörung gut verbergen, die Betroffenen scheinen ein normales Essverhalten zu haben. In dunklen Stunden hingegen werden die Vorräte geplündert. Oft mischen sie sich für Normalesser unmögliche Kreationen aus dem, was der Haushalt noch hergibt. Zum Kochen bleibt keine Zeit, der Fressdruck ist viel zu groß, er muss sofort auf der Stelle befriedigt werden.

fotolia©Picture-FactoryFrau X hat einen BMI von 40,4 bei einer Körpergröße von 165 cm und einem Gewicht von 110 kg. Ihr Arzt hat ihr mit der Diagnose Adipositas dringend zu einer Gewichtsabnahme geraten. Diese Diagnose macht ihr starken Druck und sie hat Angst, es nicht zu schaffen. Wer 40 kg Übergewicht hat, möchte nicht unbedingt langsam und gesund abnehmen. Er möchte vielmehr, dass es endlich ein Ende hat und einfach nur aufhört. Die Rückfälle von Frau X beginnen nun schon beim Frühstück; bereits eine ungeplante, zusätzlich gegessene Scheibe Aufschnitt lässt Versagensgefühle aufsteigen und es folgt in der nächsten Sekunde der gefürchtete Deichbruch. Mit Gedanken wie: „Jetzt ist es sowieso egal“, verwirft sie alle guten Vorsätze für den Tag.

Der amerikanische Physiologe und Erforscher der Alkoholsucht, Elvin Morton Jellinek, beschreibt den Ablauf der Sucht in vier Phasen: Für die Binge-Eating-Essstörung lassen sich durchaus Parallelen erkennen:

1. In der Vor-Binge-Eating-Phase ist das Essen sozial motiviert; zur Erleichterung innerer Anspannungen greift der Betroffene zum Schokoriegel oder zum Snack zwischendurch. Das soziale Umfeld toleriert dieses Verhalten mit einem Lächeln und dem Wohlwollen, dass Schokolade bekanntlich Stress abbauend wirkt. Ein erstes Muster entsteht.

2. In der Prodromalphase beginnt eine zunehmende gedankliche Ausrichtung auf „entspannende“ Lebensmittel. Das heimliche und vor allem gierige Essen findet hier bereits Einzug. Es bauen sich Schuld- und Schamgefühle auf und die sehr hoch kalorische und ungesunde Ernährung hinterlässt erste deutliche Spuren von Gewichtszunahme.

3. In der kritischen Phase erlebt der Betroffene zunehmenden Kontrollverlust. Er bemerkt, dass er nun nicht mehr abstinent sein kann. Er braucht die Droge, um seinen Tag zu überstehen. Damit verbunden ist ein weiterer sozialer Rückzug, um die Fressgelage ungestört ausleben zu können. Es baut sich eine weitere Verhaltenseinengung auf. Versuche, die Kontrolle über das eigene Essverhalten wiederzuerlangen, scheitern permanent und kläglich. Depressive Verstimmungen, Selbstmitleid und Opferhaltung werden zu täglichen Begleitern.

4. Die chronische Phase ist geprägt von ständigem Beschäftigtsein mit Planung, Einkauf (Hamsterkäufen) und Konsum der Drogen. Der Binge Eater braucht immer mehr hoch kalorische Lebensmittel, um seinen Fressdruck zu befriedigen. Gesunde Lebensmittel werden völlig zugunsten der ungesunden vernachlässigt. Auch frühere Interessen (Bewegung in der Natur, sportliche Aktivitäten etc.) fallen dem Drogenkonsum zum Opfer.

Ich habe Frau X eingeladen und ihr eine Möglichkeit aufgezeigt, mit ihren inneren Anteilen bzw. mit ihrer süchtigen Seite Kontakt aufzunehmen. Die Arbeit mit Stühlen und Imaginationen kannte sie bisher nicht. Sie war sehr überrascht, wie einfach es war, ihre inneren Bilder und Informationen wahrzunehmen. Ihre süchtige Seite zeigte sich als eine große imaginäre Plexiglaswand und nahm auf einem der bereitgestellten Stühle Platz. Sie freute sich sehr, endlich gesehen zu werden und nannte uns ihren Namen „Elli“.

Im Verlauf der Sitzung zeigte sich ein weiterer Anteil in Form eines imaginären silbernen Dolches, der sich bei ihr vor etlichen Jahren (gefühlt) quer in ihren Körper gebohrt hatte. Er stellte sich als „Olaf“ vor. Für Frau X fühlte es sich an, als hätte er sich in ihr eingenistet wie ein Parasit, um sie als Wirt zu benutzen. Olaf nahm auf einem weiteren Stuhl in unserer Mitte Platz, war zunächst sehr hochnäsig und fühlte sich uns überlegen. Frau X merkte schnell, dass Olaf zwar maßgeblich an ihrer Essstörung beteiligt war, aber nicht wirklich zu ihr gehörte. Es war ihr unangenehm, ihn mit sich zu tragen.

Nachdem Frau X dieses wahrgenommen und kommuniziert hatte, verlor Olaf an Kraft und begann von sich aus, auf Perlengröße zu schrumpfen ...

Im Nachgespräch unserer Sitzung erinnerte sie sich an einen Glaubenssatz aus ihrer Kindheit und konnte einen Zusammenhang zu Olaf herstellen. „Iss schön, dann bist du wenigstens artig“, hatte ihre Mutter immer zu ihr gesagt. Sie erzählte weiterhin, dass sie als Kind häufig wütend war und mit Essen beruhigt wurde, gleichzeitig aber auch ihre Mutter sehr liebte. Um ihrer Mutter nicht weh zu tun, tauschte sie ihre Wut gegen Essen ein, um ein artiges Kind zu sein und die Liebe ihrer Mutter nicht zu verlieren.

Elli und Olaf gingen während der Sitzung sogar mit Frau X ins Gespräch; dieses Erlebnis gestaltete sich sehr emotional, es flossen sehr viele Tränen. Am Ende der Sitzung gab ich ihr eine kleine silberfarbene Kugel als Symbol für Olaf. Sie legte Olaf in eine kleine rote Schachtel, wo er zwar sichtbar bleibt, aber keine Chance mehr hat, sie zu benutzen.

Frau X hat nach jahrelanger Suche nun einen Zugang zu sich selbst und ihren verdrängten Gefühlen gefunden. Sie hat sich inzwischen mit ihrer süchtigen Seite angefreundet und betrachtet sie mit Liebe und Respekt. Heftige Essanfälle hat sie keine mehr. Sie hat erfahren, dass ihr eine gewisse Abstinenz guttut, um weiter zu genesen. Deshalb sagt sie liebevoll: danke Elli und danke Olaf!

In meiner weiteren Arbeit entstand der nachfolgende Abschiedsbrief an einen Keks. Ich habe ihn verfasst, stellvertretend für alle, die sich liebevoll mit dem Thema Abstinenz beschäftigen möchten.


fotolia©Valeri ZanAbschiedsbrief an einen Keks

Nun liegst du vor mir, dunkelbraun und wunderschön. Dein Glanz ist nicht zu übersehen und deine stille Macht begleitet mich auf Schritt und Tritt. Du bist in meinem Kopf, schon morgens wenn ich die Augen öffne, denke ich an dich. Noch ehe ich die Füße aus dem Bett auf den Boden bringe, sendest du Signale.

Ich kann dir widerstehen, ganz sicher – wenigstens bis zur Mittagszeit; heute glaube ich ganz fest daran, dass es mir gelingt. Ich habe dich in meinem Kopf, ich trage dich in meinen Gedanken immer bei mir, eingebettet in Wohlgefallen, in Harmonie und Trost. Du bist ein Teil meines Lebens, ein ganz besonderer Teil. Du warst immer für mich da, gabst mir Halt und Fülle. Ich habe dich geliebt, und – ich tue es immer noch.

Deine kleinen braunen Schokoladenaugen sehen mich an, ja sie zwinkern mir förmlich zu. Ich lächele zurück und weiß im Stillen, was du alles kannst. Und tatsächlich, ich höre dich manchmal sogar rufen, „Schau, ich bin für dich gemacht, koste von mir und meinem Zauber, ich werde dich bestimmt nicht enttäuschen.“

Dein Duft ist unbeschreiblich schön, süß und begehrenswert. Er erinnert mich an meine Kinderzeit, an mein Zuhause, an die vielen unbeschwerten Stunden voller Glück. Schon damals warst du ein guter Freund, ein verlässlicher Partner und immer da, wenn ich dich brauchte. So wurde ich groß mit dir, auch deine Familie und alle deine Freunde, Verwandten und Bekannten durfte ich kennenlernen. Mein Haus war reich gefüllt mit deinesgleichen, sie gingen ein und aus und ich liebte auch sie, so wie dich selbst.

Deine Schattenseiten sah ich nicht, vielleicht wollte ich sie auch nicht sehen. Du brachtest wie nebenbei die Bequemlichkeit mit, daran gewöhnte ich mich schnell. Ihr beide tatet mir gut, ich fand Ruhe und Entspannung bei euch. Manchmal berauschte ich mich tagelang an eurer Gunst, oberstes Gebot schien der Genuss zu sein.

Es kamen viele dunkle Zeiten in mein Leben. Selbst in diesen Zeiten hast du mich nicht verlassen. Dafür danke ich dir sehr, warst du doch ein treuer Freund. Dann kam die Zeit, da konntest du manchmal nicht mehr unterscheiden, ob und wann ich dich brauchte und wann nicht. Du wurdest aufdringlich in deiner Art, das gefiel mir nicht. Eine geballte Ladung Trost folgte der nächsten. Ich habe dir immer öfter sagen müssen, dass mir diese Enge nicht gefällt, doch du hast dich meinen Worten verschlossen.

Die Bequemlichkeit wich und die Belastung hielt Einzug in mein Dasein. Eine Belastung ungeahnten Ausmaßes sollte es werden. Und wo warst du, mein treuer Freund? Wo waren deine Güte, dein Trost und deine Milde geblieben? Ich erkannte dich nicht wieder, dein liebes Gesicht verzerrte sich allmählich zu einer Fratze, ich bekam Angst vor dir und deinem Gefolge. So sehr ich auch versuchte, die Türen verschlossen zu halten, ihr fandet allesamt einen Weg zu mir. Ihr wusstet genau, wie ihr es anstellen musstet. Ob es die wöchentlichen Einkäufe im Supermarkt, die Geburtstagsfeiern, die Familienfeste oder ganz banale Treffen unter Freunden waren, ihr wart bereits da, bevor ich ankam.

In einer andauernden Ambivalenz gefangen, brannte in mir eine unsagbare Gier, gepaart mit einer Sehnsucht nach Abstinenz und Heilung. Ich verschlang mein Leben mit deiner trügerischen Hilfe. Längst blieb die Heiterkeit aus; allmählich erkannte ich die Gefahr, die hinter deinem hübschen Gesicht verborgen lag.

Es brauchte nicht Tage oder Wochen, noch Monate, nein es brauchte Jahre der harten Arbeit an mir selbst, um zu verstehen, dass du nicht länger mein Freund sein kannst. Du hast deinen Glanz verloren, es tut mir fast ein wenig leid, dich so zu sehen. Wie enttäuschend muss es für dich sein, stehen gelassen zu werden, keine Beachtung zu finden, wo du dich doch über alle Maßen um nichts anderes bemühst.

Oh glaube mir, ich bin ganz nah bei dir, gut kann ich deinen Schmerz verstehen und ich leide fast ein wenig mit dir. Wie unsagbar schwer muss es für dich sein, so ganz ohne Zuwendung, ohne Liebe, Trost und Harmonie dein kleines Leben zu fristen. Du bist der Freund der Kinder, der Geplagten und Gestressten, gehst selbst in Königshäusern ein und aus, dein Leben könnte nicht reicher sein. Dennoch bist und bleibst du nur ein Keks!

Monika SchönewaldMonika Schönewald
Heilpraktikerin für Psychotherapie, zertifizierte Psychologische Beraterin (VfP), Fachberaterin für Suchterkrankungen, Systemische Aufstellungsleiterin, Praxis in Göttingen
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Fotos: fotolia©Picture-Factory, fotolia©Valeri Zan