Über Vollgas zu al dente? Kochen auf vielen Arbeitsfeldern erschöpft!

fotolia©Wordley Calvo StockFallstudie: Der Klient Herr S. ist 36 Jahre alt, seit sieben Jahren verheiratet, ein Kind. Er ist ausgebildeter Journalist und arbeitet seit drei Jahren bei einem Onlinemagazin als verantwortlicher Redakteur für die Berichterstattung über Technik, Fortschritt und Wissenschaft. In der Freizeit geht er gerne segeln, liest Fachliteratur und trifft sich ab und zu mit Freunden aus der Schulzeit.

Herr S. vereinbarte einen Termin zur Vorstellung für eine „Kurzberatung“, nachdem er beim Hausarzt wegen einer immer stärker werdenden Erschöpfung vorstellig geworden war. Nach organischer Abklärung konnte keine Ursache für die Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und Schlaflosigkeit in den späten Abendstunden sowie am frühen Morgen ermittelt werden.

Ich schickte ihn zuerst zur konsiliarischen Mitbeurteilung an einen Facharzt für Psychosomatische Medizin, der keine krankheitsrelevante Symptomatik sah und stattdessen eine „Entschleunigung“, z. B. in Form einer Rehabilitationsmaßnahme, vorschlug. Diese wollte der Klient allerdings nicht beantragen, fürchtete er während der Abwesenheit doch um seinen Job. Entsprechend bittet er nun um ein „prägnantes“ Coaching, das das aus seiner Sicht als „Burnout“ hervorgetretene Syndrom wieder „zurückdrängt“.

Anamnese

In der Befragung über die Lebensgeschichte des Klienten zeigt sich früh eine hohe Abhängigkeit von seinem Vater. Dieser war selbstständiger Architekt und versorgte die Familie mit vier Kindern, von denen der Klient das zweitjüngste unter einem jüngeren Bruder, einer älteren Schwester und dem ältesten Bruder ist. Auf einem hohen Lebensstandard forderte der Vater jedoch Gehorsam und Leistung ein, was sich bereits in einer ständigen Erwartungshaltung während der Schulzeit ausdrückte.

Ansonsten sind keine einschneidenden Ereignisse in der Historie zu erkennen. Im Gespräch zeigt sich der Klient eher besorgt um seine jetzige Situation, wäre er doch stets „fit“ gewesen und habe für sich gesorgt. Er treibe Sport und ernähre sich auch gesund, seine Frau achte darauf. Sie sei überaus fürsorglich, teilweise überschreite dies schon die Grenze zu einer Ängstlichkeit, die mit gewisser Kontrolle „jeden Schrittes“ einhergehe. Sie habe in erster Ehe eine Fehlgeburt erlitten, die sie nach eigenen Angaben sehr verändert habe. Seither könne sie nicht mehr „locker“ sein, berichtet der Klient, der bei der Darstellung der Lebensgeschichte der Ehefrau deutlich angefasster wirkt als bei der eigenen.

Beschwerdebild

Die Problematik lasse sich an seinem ver- änderten „Energiehaushalt“ erkennen, wie der Klient mitteilt. Demnach sei er morgens noch relativ belastungsfähig, seine Motivation und Kraft, sowohl körperlich als auch mental, lasse gegen Mittag aber erheblich nach und erhole sich auch erst wieder gegen Abend. In der Zeit dieser Erschöpfung habe er große Probleme, seine Arbeit zu verrichten. Er berichtet von einer wiederkehrenden Leere im Kopf, es sei plötzlich alles „weiß“, keine Inhalte, keine Zusammenhänge mehr, als ob das „Gedächtnis“ kurzfristig gelöscht wurde. Er beginne dann häufig zu schwitzen und fühle sich ausgelaugt wie nach einer schweren Grippe oder einem sehr intensiven Saunagang.

Die Muskulatur werde schwach und falle ab, ihm fehle dann die Kraft für jeden Handgriff. Wenn er abends aus dem Büro komme, helle sich die Stimmung ebenso wie die Leistungsfähigkeit tendenziell wieder leicht auf. Er habe dann das Problem, nicht „runterzukommen“, und schlafe schlecht ein, obwohl er versuche, sich mit Lesen oder Fernsehen abzulenken. Der Schlaf sei dann aber erholsam, er wache nur bereits wieder früh auf, liege dann mehr als eine Stunde wach und beginne über den neuen Tag zu grübeln. Dabei erlebe er stets ein leichtes Beklommenheitsgefühl.

Insgesamt beschreibt der Klient seine Schwierigkeiten nachvollziehbar und anschaulich. Er wirkt glaubwürdig und ein gewisser Leidensdruck wird erkennbar. Sein Wille zu einer möglichen Veränderung ist gegeben. Er scheint einsichtig darüber, dass an mehreren „Stellschrauben“, wie er sagt, nun „gedreht“ werden müsse. Das sei ihm klar geworden, als nicht einmal mehr die progressive Muskelentspannung geholfen habe, die ihm ein Facharzt empfohlen hatte.

Herangehensweise

Zwei Termine wurden zu Gesprächen über seine Lebensgeschichte, die aktuelle Situation, Problematik und Zielsetzung verwendet. Letztere besteht vor allem darin, die Erschöpfung durch eine Klärung „seelischer Blockaden“ anzugehen. Nachdem medizinische und psychotherapeutische Ursachen als wegweisende Grundlagen für die momentane Lage ausgeschlossen wurden, spricht nichts gegen eine beratende Aufarbeitung möglicher Konfliktfelder. Diese ergaben sich bereits in biografischer Hinsicht.

So war der Einfluss des Vaters als prägend beschrieben worden. Der Klient berichtete von zahlreichen „Ich-Botschaften“, die von dem vor zwei Jahren verstorbenen „Papa“, wie er mehrfach betitelt wurde, genutzt wurden. Sprachlich ist ein überaus wohlwollendes Verhältnis zum Vater zu erkennen, das aber nicht auf Gegenseitigkeit beruht haben dürfte. Nach der Bitte, typische Satzanfänge zu benennen und aufzuschreiben, die dieser im Alltag heranzog, ergab sich ein deutliches Bild: „Ich erwarte von dir …“, „Du solltest dich anstrengen …“, „Du muss darauf achten …“ waren nur einige ausgewählte.

Wie hat sich diese einfordernde Haltung in der Verquickung einer durch die finanzielle, soziale und familiäre Abhängigkeit zum Vater noch gesteigerten Einwirkung auf den damals noch recht jungen S. ausgewirkt? Nach eigenen Angaben wurde der Vater „heroisiert“ und musste schon deshalb keinen Widerspruch dulden, weil er vom Klienten freiwillig als eine unantastbare Person gesehen wurde. Nach dessen Meinung zwar nicht aus Furcht, aber aus Respekt vor der Lebensleistung, dass der Vater es mit einer freiberuflichen Beschäftigung geschafft habe, eine große Familie zu ernähren und sie zusammenzuhalten. Dass dabei aber gewisse Kommunikations- und gleichsam Gedankenmuster auf das Kind übertragen worden sein könnten, davon zeigt sich der Klient zunächst überrascht.

fotolia©WoGiIn der fünften Stunde wird deshalb ein Herd auf ein großes quadratisches Papier gezeichnet. Der Klient wird gebeten, die verschiedenen Kochfelder als seine unterschiedlichen Lebensinhalte anzusehen: „Beruf“, „Familie“, „Freizeit“, „persönlicher Sinn“. Nun möge er die „Regler“ einzeichnen, auf welchen die Stufen für die Energiezufuhr einzelner Platten momentan eingeschaltet seien. Die Aufgabe braucht zur Bewältigung insgesamt über eine halbe Stunde, nachdem sich S. immer wieder selbst korrigiert und die Belastung in den einzelnen Alltagsbereichen herunterzuspielen versucht. Der „Herd“ wird nach der fertigen Montage fotografiert und das Bild bis zur nächsten Sitzung als Hausaufgabe zur näheren Reflexion mitgegeben.

Die sechste Stunde kennzeichnet sich durch die Auswertung: Die „Herdplatten“ können maximal „Stufe 9“ erreichen. Das Feld „Beruf“ hat der Klient immerhin mit „8“ versehen. Auf die Frage, was denn da so stark kochen würde, antwortete der Klient, dass er sich im Büro momentan mit vielen Herausforderungen „verzettele“. Bei „Freizeit“ ist es „Stufe 7“. Hier erklärt S., er habe mittlerweile so viele Freunde, vor allem auch über die sozialen Netzwerke, dass er deren Hoffnungen auf eine Pflege des Kontakts oftmals gar nicht erfüllen könne.

Bei „Familie“ hat der Klient den Regler ebenfalls auf „7“ eingestellt. Seine Frau meine, er arbeite zu viel, habe keine Zeit mehr für die Kinder. Sie mache ihm auch Vorwürfe, wenngleich sie es nicht böse meine, aber sie habe ja recht. Bei „Sinn“ findet sich ebenfalls eine „8“, weil er meint, dass er im Augenblick gar nicht darüber nachdenken könne, ob ihm sein Beruf noch Spaß mache, und er außerdem wichtige Haltepunkte im Leben kaum mehr bedienen könne, sodass Segeln z. B. dem Beruf weichen musste. Der Klient wirkt nach der Bearbeitung seines „Kochfelds“ erschöpft. Er beschreibt den körperlichen und seelischen Zustand ähnlich, wie er ihn auch nachmittags erlebe.

Die siebte Stunde wird deshalb zu einer Aussprache genutzt. Dem Klienten wurden einige Fragen zur derzeitigen Situation gestellt, die er zunächst zu Hause für sich selbst beantworten sollte, die ihn gleichzeitig aber auch in einer verwirrenden Art und Weise zum Nachdenken anregen dürften: „Wie werden Nudeln eigentlich richtig gar?“, „Wie erreiche ich, dass sie ‚al dente‘ werden?“, „Braucht es Vollgas und Höchstleistung für das beste Ergebnis?“. „Und warum versuchen Köche, nicht auf möglichst allen Herdplatten gleichzeitig zu kochen bzw. überall die größten Stufen der Herdplatten zu wählen, um das ideale Menü auf die Teller zu bringen?“

Der Klient begreift rasch die Zusammenhänge zu seiner eigenen Situation und weist entsprechend in der achten Stunde beachtliche Erkenntnisse vor. Er gesteht ein, dass er den Überblick über sein „Kochfeld Leben“ verloren haben dürfte. Er sei an zu vielen Plätzen aktiv, könne sich aber keinem seiner „Töpfe“ richtig zuwenden, es sei immer nur ein kurzer Moment, in dem er sich mit den Problemen befasse, obwohl jeder Bereich mehr Aufmerksamkeit verdiene.

In der neunten und zehnten Stunde werden die Resultate zusammengefasst und das weitere Vorgehen besprochen. Das Ziel ist, eine Kochplatte nach der anderen in der Reihenfolge der individuellen Dringlichkeit auf eine Energieversorgung von „Stufe 5“ und „6“ zu bringen, damit langfristig ausreichend Leistung vorhanden ist, um jedem einzelnen Bereich seine Würdigung entgegenbringen zu können, ohne dabei erneut „auszubrennen“.

Er wollte zunächst mit dem „Beruf“ beginnen. Sich also gezielt der Arbeitsstelle widmen, dort kurzzeitig die volle Energie einbringen, um sich eine Übersicht zu verschaffen und danach Projekte aussortieren zu können, die nach ihrer Wichtigkeit im Blick bleiben, zurückgestellt bzw. vollends fallen gelassen werden. So soll es auch auf den anderen „Kochplatten“ gelingen, zwischen „bedeutsam“ und „unwichtig“ trennen zu können und sich von Ballast zu lösen, in den unnötige Leistung fließt und damit alle Töpfe regelmäßig zum Überkochen bringt.

Er stellt abschließend eine Verbindung zu den väterlichen Einflüssen her, die ihn aufforderten, immer alles zu geben, ohne dabei auf sich zu achten.

Nachbetrachtung

Nach dem Kurzcoaching mit zehn Stunden kann der Klient in die weitere Bearbeitung seiner Problematik in Eigenregie entlassen werden. Ihm wird der Hinweis auf alternative Entspannungsformen wie autogenes Training oder Feldenkrais mit auf den Weg gegeben, die ihm bislang unbekannt waren.

Zudem wird ihm angeboten, nach der Bearbeitung jeder „Kochplatte“ ein neues Foto über die aktuelle „Stufe“ zu senden, auf welcher die derzeitig verwendete Energie und die noch zu bewältigenden Inhalte eingetragen werden.

So bleibt ein Kontakt über vier Monate, in denen sich die Erschöpfungssituation mit Konzentrationsproblemen und den Schlafproblemen deutlich verbessert hat.

Dennis RiehleDennis Riehle
Psychologischer Berater (VFP), Personal Coach, Konstanz

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Fotos: fotolia©Wordley Calvo Stock, fotolia©WoGi