HERZWESEN® – starke Begleiter in der Familientherapie

fotolia©STUDIO GRAND QUESTErstgespräch mit den Eltern

Eine Mutter hat in meiner privaten Beratungspraxis für einen ersten Gesprächstermin angefragt. Bereits bei der telefonischen Kontaktaufnahme gibt sie detaillierte Informationen zum ADHS ihres Sohnes, inklusive eines diagnostischen testpsychologischen Befunds des SPZ, den sie an mich weiterleitet. Im Eingangsgespräch erklären die Eltern ihr Interesse am sozial-emotionalen Kompetenztraining „HERZWESEN® – Lernen mit allen Sinnen“ damit, dass sie eine Chance sähen, Dinge leicht, spielerisch und mit dem Herzen zu betrachten.

Die Mutter berichtet, dass Alf bereits in der Vergangenheit im Kindergarten auffälliges Verhalten zeigte und sich wenig in Tagesabläufe einfügen konnte. Zu Schulbeginn hatten die Eltern auf Anregung der aufnehmenden Grundschule zunächst eine umfassende Beratung durch ihre Kinderärztin bekommen, waren bei der Erziehungsberatung und schließlich wurde sowohl von einem SPZ als auch von einem niedergelassenen Psychologen die Ausschlussdiagnose „ADHS mit Störung des Sozialverhaltens“ gestellt. Der Vater befürchtet, dass sein Sohn dabei sei, sich bereits in der 2. Klasse durch sein Verhalten in eine Außenseiterposition in der Schule zu manövrieren.

Beide stimmen auf meine Nachfrage hin zu, dass es auch in der Familie täglich zu Konflikten komme, vor allem mit seinem knapp zwei Jahre jüngeren Bruder. Bei der Mutter wird ein Leidensdruck spürbar, als sie davon erzählt, dass Alf unter starken Selbstzweifeln leide und bereits mehrfach in der Schule und bei Freizeitveranstaltungen am Nachmittag gemobbt worden sei.

Der multimodale Therapieansatz bei ADHS

  • Zusammenarbeit von Facharzt, Psychologen, Therapeuten, Eltern, Lehrern
  • Psychoedukation über das Störungsbild ADHS
  • Problemanalyse und Benennung der Therapieziele
  • Verbesserung der äußeren Bedingungen, z. B. Alltagsstruktur, Reizreduktion
  • Therapiemaßnahmen mit dem Kind
  • Einbeziehung der Familie
  • Ergänzende Behandlung bei Lernschwierigkeiten oder weiteren Störungsbildern
  • Gegebenenfalls begleitende Medikation

Diagnostik und Medikation

In der klinischen Ambulanz einer Kinderund Jugendpsychiatrie wird Alf zunächst weiterbehandelt. Eine Einstellung mit einem Methylphenidat (MPH) wird vonseiten der Eltern befürwortet. Der Junge bekommt nun täglich eine retardierte Form dieses verschreibungspflichtigen Medikaments in einer Dosierung, die Unterricht, Mittagessen und Hausaufgaben in der Nachmittagsbetreuung der Schule bis zum frühen Nachmittag abdeckt. Seitdem habe sich in der Familie und der Schule alles beruhigt, sagt die Mutter mir und sie wirkt dabei erleichtert.

Psychoedukation und ihre Bedeutung

Die Eltern sind beide als Mediziner tätig und berichten, dass sie ihrem Sohn trotz seiner guten kognitiven Fähigkeiten nicht helfen können, seine Schwierigkeiten mit anderen Kindern in Gruppensituationen zu überwinden und sein Selbstbewusstsein zu stärken. Ganz wichtig ist den Eltern daher die Psychoedukation zum Thema „Wie sag‘ ich meinem Kind, dass es ADHS hat?“

Hier motiviere und stärke ich die Eltern, auch wenn sie selbst ein profundes Wissen über ADHS mit seinen Leitsymptomen Impulsivität – Unaufmerksamkeit – Hyperaktivität haben. Das längst überfällige Gespräch mit ihrem Sohn über seine Krankheit wird geführt und zwar so, dass die Eltern die positiven Seiten seiner Störung betont haben und so seine Ressourcen darin erfahrbar werden. Denn trotz des medizinischen Wissens und all der Literatur, die die Eltern gelesen haben, sind sie ziemlich ratlos, wie dieses Gespräch kindgerecht und stärkend geführt werden kann.

Einbindung der Bezugspersonen

In einem weiteren Gespräch berichtet die Mutter davon, dass Alf trotz Medikation durch seine impulsive Art öfter unangemessen in Konfliktsituationen reagiere und dann keine alternativen Verhaltensweisen entwickeln könne. Der Vater spricht davon, dass ihnen vor allem seine oft scheinbar grundlose Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit, die er teilweise drastisch äußert („Ich bin scheiße“) Sorgen mache.

Innerhalb des Anamnesegesprächs, für das ich mir in der Regel 1½ Stunden Zeit nehme, werden auch konkrete Fragen zu den Inhalten des Trainings erörtert. Von besonderem Interesse ist es für die Eltern, wie Konflikte in der Schule oder in der Familie Eingang in das Training finden bzw. welchen Raum diese auch außerhalb des Trainings finden können. Ich erkläre, dass Störungen bzw. Konflikte Vorrang vor der Planung einer Trainingsstunde haben. Die Kindesmutter nimmt dies als positiv wahr und fragt nun nach dem konzeptionellen Ablauf des Trainings, der Integration und dem Transfer des Erlernten innerhalb der Familie. In verschiedenen Situationen der letzten Zeit, die sie beschreibt, habe sie nicht gewusst, wie sie sich genau verhalten solle, um bereits erlernte Übungen aus anderen Trainings kontextspezifisch einzusetzen, um die Lernerfolge ihres Kindes zu unterstützen.

Ziel des Trainings: Stärkung des Selbstwerts, Verringerung von Impulsdurchbrüchen

Vor dem Training haben die Eltern einen Fragebogen zu Verhalten, Emotionen, Motivation ausgefüllt, sodass ich gut die Problem- und auch Ressourcenfelder von Alf erkenne. Dies ist mir wichtig, um das Kind im Training da abzuholen, wo es gerade steht – ohne Über- und Unterforderung. Da zwischen dem Erstgespräch und dem Start des Trainings einige Wochen vergangen sind, ergänze ich im zweiten Elterngespräch die aktuellen Entwicklungen und stelle fest, dass einige Situationen in der Schule nach den Sommerferien stark eskaliert sind und Alf mehrfach vom Unterricht ausgeschlossen worden ist.

Das sozial-emotionale Kompetenztraining

In der ersten Sitzung mit Alf entscheide ich mich, ihn einen Steckbrief schreiben zu lassen und ermutige ihn, sein eigenes HERZWESEN zu malen. Im Steckbrief lässt er die Benennung von Freunden, Hobbys und eigenen Stärken aus. Er ist emotional blockiert und wirkt durch sein mangelndes Selbstbewusstsein stark verunsichert und durch eine depressive Stimmung bewegt. Sein gemaltes HERZWESEN ist bunt, zeigt eine Vielfalt und ich arbeite zunächst ressourcenorientiert mit ihm seine Stärken heraus.

Ich frage ihn: „Was gefällt dir denn an deinem HERZWESEN?“ Er erzählt es lebendig, sodass gleich ein Zugang zu den HERZWESEN-Handpuppen geebnet worden ist. Gerade mit ihrem Einsatz gelingt es dem Jungen, mit einzelnen Facetten seiner Persönlichkeit mehr in Kontakt zu kommen und sein Selbstbewusstsein Schritt für Schritt zu stärken. Das soziale Kompetenztraining binde ich in seine Stundenabläufe, die sehr flexibel sind und doch einen sicheren Rahmen geben, mit kleinen Konzentrations- und Entspannungsübungen ein.

Die Geschichten der HERZWESEN, die z. B. auch davon erzählen, wie Dinge, die zuerst schwierig erscheinen, wieder leicht werden können, machen ihn jedes Mal besonders glücklich. Mal findet er sich im HERZWESEN „Blue-mi“, dann in „Prinz Knopf“ wieder, wenn er davon spricht, dass er ähnliche Konflikte in seiner Familie erlebe. Er findet es spannend, wie die HERZWESEN-Familie damit umgehe.

Bedeutung der HERZWESEN®-Handpuppen

0218 alles A4 big Page46 Image2Die beiden HERZWESEN geben sehr genau wieder, welche Potenziale auch in Alf sind. Er kreiert eine eigene Geschichte, in der „Blue-mi“ fröhlich und leicht unterwegs ist, er Spaß und Freude am Leben hat. Wichtig ist ihm, dass er auch einen besten Freund hat, den „Prinz Knopf“, der gerne träumt, Dinge mit viel Fantasie ausprobiert und manchmal dabei an seine Grenzen stößt.

Für Alf haben die HERZWESEN einen hohen Wiedererkennungswert im Übertragungsprozess. Gerade hier lernt er, die doch so belastenden Erfahrungen der Vergangenheit und aktuelle Konflikte mit den Handpuppen auszuagieren und neue Handlungsspielräume für Lösungen entstehen zu lassen. Er sagt mit Nachdruck: „Ich möchte einen Freund finden, der ehrlich ist, zu dem ich Vertrauen aufbauen kann und wir respektvoll miteinander umgehen!“ In den Rollenspielen mit den HERZWESEN spielen wir immer wieder nach, wie Alf in seinem Verhalten als Klassenclown versucht, die Aufmerksamkeit der anderen Kinder zu bekommen, und so hofft, Freunde zu finden. Das hilft ihm, sich besser zu verstehen und nicht schlecht über sich zu denken. Auch erkennt er darin eine große Ressource, Dinge, die ihn neugierig machen, freudig und leicht zum Ausdruck zu bringen.

Hier wird ein deutlicher Zuwachs an Kompetenzen erkennbar, auch wenn es in der Zeit immer wieder Rückfälle in alte Verhaltensmuster gibt, die neue Teufelskreise begünstigen. Diese veranlassen die Eltern dazu, insbesondere für ihn problematische Situationen in der Nachmittagsbetreuung der Schule mit seiner Pädagogin sowie der leitenden Mitarbeiterin der OGS-Betreuung und mir im Gespräch herauszuarbeiten. Ich entwickle mit Alf alternative Handlungsmöglichkeiten gegen für ihn bisher ausweglose Situationen. Auch hier berichten die Eltern, dass er weniger in Konflikte gerät, die aus „alten“ Verhaltensmustern entstehen, und sich nun auch mehr Kindern zuwendet, mit denen er früher nicht gespielt hat.

Der Aufbau von Selbstwert ist unerlässlich

Was Alf selbst im Laufe des Trainings abermals äußert, ist seine Verunsicherung über andere Kinder. Es fällt ihm schwer, hier seine Gefühle auszusprechen – zu schmerzlich sind seine Erfahrungen. Mit den HERZWESEN findet er ohne „große Worte“ Ausdrucksmöglichkeiten. „Ich weiß gar nicht mehr, wem ich vertrauen und wer mein Freund werden könnte und bei wem ich lieber auf Abstand bleibe“, sagt er sehr deutlich. „Wenn ich darüber nachdenke, dann sei so etwas wie eine unaufhörlich rasende und knatternde Lokomotive in meinem Kopf“, erzählt er weinend und beschreibt damit das Gedankenkarussell in seinem Kopf so eindringlich, dass sein ganzer Leidensdruck spürbar wird.

Alf findet in der Kontinuität der Begleitung in diesem Einzeltraining mit seinen immer wiederkehrenden Abläufen und Übungen mehr zu sich selbst. Ihn freut es sehr, wenn er auch mal keine Lust haben darf, wenig motiviert ist und sich einfach „doof“ findet. Dass dies in Ordnung ist und auch zu ihm gehört, findet er spannend. Denn er spürt, dass er in dieser Einzelbegleitung eine „ungeteilte Aufmerksamkeit“ erfährt, die ihn auch offener im Umgang mit seinen Sorgen mir gegenüber werden lässt.

So kann er für ihn sehr schwierige Themen, z. B. seine zeitweilige „Enkopresis“ und „Enuresis“ mit mir besprechen. Die Vertraulichkeit in Gesprächen hilft dabei auch, nachzufragen, ob er es nicht merke oder rieche, wenn dieses Malheur passiert sei. Und er antwortet sehr ehrlich, dass er es teilweise nicht mehr spüre, andere Male sei es ihm jedoch so peinlich gewesen, dass er einfach gehofft habe, dass die anderen nichts mitbekommen haben. Der Mutter fällt es sehr schwer, ihren Sohn damit zu konfrontieren, weil sie eine große Scham bei ihrem Sohn vor „in die Hose machen“ und der Entdeckung durch andere Kinder vermutet.

Im Laufe einiger Monate wird es zuerst in seinem Umfeld, dann auch von ihm selbst deutlicher wahrgenommen, dass er sehr viel weniger seine früheren Äußerungen wiederholt, mit denen er seine gefühlte Unzulänglichkeit beschrieben hat. Manchmal ist er nach der Trainingsstunde so motiviert, dass er die Atemübungen, Gedankenstopp-Übungen aus der Verhaltenstherapie sowie viele kleine andere Übungen zur Lenkung der Aufmerksamkeit seinen Eltern zeigt und sie diese gemeinsam machen.

0218 alles A4 big Page46 Image1Unterstützung der Elternkompetenzen bei Konflikten in der Familie

Ich arbeite mit Familien auch in der Hausbesuchspraxis und erlebe Konflikte in der Familie, die ich im Familientraining im Beisein der Eltern mit den Kindern kläre und so die Eltern tatsächlich ein Training on the Job bekommen. Auch hier werden im Familientraining mit den HERZWESEN®- Handpuppen problematische Situationen zwischen den Geschwistern und der Familie, z. B. bei den Mahlzeiten, nachgespielt. Das Hineinschlüpfen in die Rolle eines HERZWESENs, sagen die Eltern nach einem Rollenspiel, habe auch sie als Erwachsene mit einer Leichtigkeit erfüllt, die ihnen erlaube, auch mal spielerisch ohne erhobenen Zeigefinger ihre Gefühle zu zeigen.

Wie die Mutter erstaunt sagt, habe dies sowohl bei den Kindern als auch bei ihnen beiden für Überraschungen gesorgt. Durch das Nachspielen können eingefahrene problematische Verhaltensmuster von allen gut erkannt werden und auch neue Verhaltensweisen ausprobiert und getestet werden, wie diese sich auf den Partner und die Kinder auswirken. Im Elterngespräch nach einem Rollenspiel sagt der Vater, dass der Rollentausch mit den Kindern besonders erfrischend gewesen sei, denn so haben die Kinder ihre für sie problematischen Verhaltensweisen deutlich vorgespielt und ähnlich wie bei den Eltern seien zunächst Ratlosigkeit, dann Wut und schließlich Verzweiflung oder auch Resignation spürbar gewesen. „Es ging also richtig zur Sache und hat Freude gemacht“, sagt er abschließend dazu.

Insgesamt begleite ich die Familie zwei Jahre engmaschig. Die Institutsambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie hat die medizinische Betreuung und weitere Diagnostik in regelmäßigen Abständen sichergestellt; auch hier werde ich in Form von ärztlichen Befundberichten eingebunden.

Abschlussgespräch mit den Eltern

Die Eltern berichten zusammenfassend davon, dass ihr Sohn und auch die Familie sehr von dem sozial-emotionalen Kompetenztraining HERZWESEN®–Lernen mit allen Sinnen profitiert habe. Alf habe gelernt, sich selbst besser wahrzunehmen, seine Verhaltensweisen zu erkennen, zu reflektieren und auch Alternativen zu entwickeln. Insbesondere sei er nicht mehr allen Sinneseindrücken willenlos ausgeliefert (Zitat der Mutter: „ADHS-Kinder haben ihre Antennen überall und werden dadurch reizüberflutet.“), sondern könne besser einschätzen, was ihm guttue und wo es besser sei, sich nicht einzulassen.

Der ganzheitliche Ansatz habe tatsächlich alle Sinne ihres Kindes erfasst und Alf je nach Gestaltung der einzelnen Therapiesitzungen spielerisch oder kognitiv angesprochen. Sie seien in den Jahren der ständigen Krisen sehr erschöpft und manchmal auch verzweifelt gewesen. Jetzt können sie auch wieder ihren Sohn mit all seinen Eigenschaften als großen Schatz sehen. Die familientherapeutische Begleitung habe ihnen allen Unterstützung gegeben, die Krankheit von Alf und das damit verbundene „Aufmischen“ – so nennen sie es – in der Familie nun auch als Chance wahrzunehmen, ihre Familienbande zu stärken.

Alf ist heute ein aufgeschlossener 13-jähriger Teenager, der seinen Weg schulisch und privat gut weitergeht.

Fazit

0218 alles A4 big Page44 Image1Gerade das Thema ADHS wird oft in Ausbildungsgruppen, die ich begleite, nachgefragt. Auch im klinischen Kontext, der Ambulanz einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, habe ich mit dem Einsatz des Konzepts HERZWESEN®–Lernen mit allen Sinnen und den HERZWESEN, kleinen beseelten Wesen, nicht nur die Herzen der Kinder und Eltern berührt. Der ganzheitliche Ansatz und die Offenheit des Lernkonzepts, mit seinem sicheren Rahmen, der Raum für individuelle, familienspezifische Bedürfnisse, Wünsche und Themen zulässt, ist auch für die Ärzte und Psychotherapeuten erfahrbar geworden.

Marie-Anne RaithelMarie-Anne Raithel
Heilpraktikerin für Psychotherapie, Coachin DVNLP, EMDR-Therapeutin, Traumapädagogin, zertifizierte Fortbildung Universitätsklinikum Ulm: Kinderschutz in Institutionen und Arbeit mit traumabelasteten Kindern und Jugendlichen, Dozentin der Paracelsus Schule Aachen
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