Ich bin nicht mehr Herr meiner selbst – depressive Episode nach traumatisch erlebtem klinischen Befund

fotolia©Wordley Calvo StockFallstudie: Frau S., Anfang vierzig, verheiratet und Mutter von zweijährigen Zwillingen in Elternzeit, kam zu mir in die Praxis, nachdem sie aufgrund der langen Wartezeit keinen Therapieplatz bei einem klinischen Psychotherapeuten gefunden hatte. Sie hatte meinen Flyer von ihrem Hausarzt bekommen.

Beim Ersttermin wirkte die Patientin sehr kritisch und verzweifelt. Gleich nach den ersten Sätzen begann sie zu weinen und schilderte, keinen klaren Gedanken mehr fassen zu können. Sie wisse selbst nicht, was mit ihr los sei, ihr ginge es doch gut, ihr Mann sei aufmerksam, sie habe gesunde Kinder, keine finanziellen Probleme ...

Im Anamnesegespräch schilderte sie einen Besuch beim Gynäkologen vor einem halben Jahr. Sie hatte ihn wegen eines Knotens in der Brust aufgesucht und nach einer Ultraschalluntersuchung habe dieser einen „komischen“ Befund erhoben, der weiterer Abklärung bedurfte. Das Warten auf die Termine der Folgeuntersuchungen hätte sie stark belastet, seitdem leide sie unter Panikattacken und Ängsten, die sich auch nicht gebessert hätten, nachdem die Biopsie Entwarnung gegeben hatte. Im Gegenteil, die psychischen Beschwerden nahmen zu. Sie sei immer weniger belastbar, sehe keinen Sinn in ihrer Arbeit, fühle sich als unfähige Mutter, schlechte Ehefrau und mit ihrer Hausarbeit sei sie zunehmend überfordert. Sie weine viel und breche scheinbar grundlos in Tränen aus. Sie fühle sich schlapp, energielos und fremdgesteuert. Von Suizidgedanken und -erwägungen distanzierte sie sich glaubhaft.

Die Mimik war flach mit ausgeprägten Nasolabialfalten und hängenden Mundwinkeln. Sie wirkte auf mich, als wäre sie in sich zusammengesunken.

Auffällig war, dass sie von mir klare Aussagen darüber erwartete, wie lange die Therapie dauern würde und ob ich ihr garantieren könne, dass „das alles etwas bringt“. Diese Garantie konnte ich ihr nicht geben. Ich erklärte ihr meinen Ansatz und dass eine Besserung von vielen Faktoren abhinge, dass ich ihr jedoch anbieten könne, sie gerne auf diesem Weg unterstützend zu begleiten.

Beim Folgetermin bat ich Frau S. zunächst, mir ihr aktuelles Empfinden zu schildern, was in etwa den Schilderungen im Erstgespräch entsprach. Danach fragte ich sie, ob sie mit mir über ihre Diagnose beim Gynäkologen sprechen möchte. Sie berichtete, dass sie zu diesem Zeitpunkt schon sehr unter dem Stress der häuslichen Situation gelitten habe. Ihre Zwillinge kamen als Frühchen zur Welt, sie ließen ihr kaum Raum für andere Aufgaben, seien auch heute noch sehr infektanfällig und schliefen kaum eine Nacht durch. Ihr Mann arbeite im Außendienst und sei viel unterwegs. Es gebe häufig Streit mit ihm. Sie fühle sich dabei immer mehr als Versagerin, ein Gefühl, dass schon damit begonnen habe, dass sie unfähig war, ihre Kinder auszutragen und zu stillen. Dieses Gefühl versuche sie mit Perfektion im Haushalt wettzumachen. Gleichzeitig beneide sie ihren Mann wegen seiner Freiheiten und seiner Coolness.

Als sie den Knoten in der Brust bemerkt hatte, war sie sicher, dass dies ihr Ende bedeutete, sie sei unheilbar krank, müsse sterben und sei wieder nicht in der Lage, ihren Pflichten gerecht zu werden. Diese Überzeugung habe sich verstärkt, je länger sie auf das Ergebnis der Biopsie warten musste. Die erwartete Erleichterung danach sei nicht eingetreten. Seitdem leide sie zunehmend unter depressiven Symptomen, Albträumen und Panikattacken. Vor der Geburt der Kinder arbeitete sie als Teamleiterin in einem großen Unternehmen. Eine Arbeit, die ihr Bestätigung und Anerkennung verschaffte und ihr jetzt fehle.

Diese beiden Termine nutzte ich dazu, um der Patientin Zeit und Raum für die Schilderung ihrer Situation zu geben, ihr nach Möglichkeit Sicherheit und ein Gefühl von Verstandenwerden zu vermitteln und stabilisierend zu wirken. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass es sinnvoll wäre, die depressive Episode auch medikamentös zu behandeln. Ich erklärte ihr diese Möglichkeit, die Wirkweise der Medikamente, dass diese durchaus als Unterstützung hilfreich wären, dass die Verordnung durch einen Arzt erfolgen müsse und sie sich Gedanken darüber machen könne. Gleichzeitig fragte ich sie, ob ich Kontakt mit ihrem Hausarzt aufnehmen dürfte und sie mich dafür von der Schweigepflicht entbinden würde, was sie ausdrücklich befürwortete. Wir vereinbarten weitere Termine in kurzen Intervallen.

Gespräch mit dem Hausarzt

Ich nahm telefonisch Kontakt zum Hausarzt der Patientin auf. Auch er hatte den Eindruck, dass eine Therapie mit Antidepressiva hilfreich wäre und er gab mir weitere anamnestische Informationen. Er leitete die medikamentöse Therapie mit Mirtazapin ein. Die folgenden kurzen Feedback-Gespräche mit dem Arzt waren für alle Seiten hilfreich.

Therapieverlauf

Ich arbeite in erster Linie nach systemischem Ansatz und klientenzentriert gesprächs-psychotherapeutisch nach Rogers. Zunächst waren die Zielsetzung und der Auftrag der Patientin zu klären: „Ich will wieder Ordnung in meine Gedanken bringen, will glücklich sein, wieder Energie haben und Freude am Leben. Ich will nicht mehr das Gefühl haben, fremdgesteuert zu sein, und ich will die Angst loswerden.

Methoden

Ich schildere im Folgenden eine komprimierte Zusammenfassung der therapeutischen Arbeit.

Die Dosierung des Antidepressivums erfolgte in enger Absprache mit dem Hausarzt. Ich appellierte immer wieder an Frau S., diese nicht eigenständig zu verändern. Bei Fragen konnte sie sich jederzeit an mich wenden. Frau S. hat das Medikament gut vertragen und nach anfänglichen Zweifeln auch als Unterstützung akzeptiert, nachdem sich eine Besserung der Symptome zeigte.

Visualisierung

Wir arbeiteten viel über Visualisierungs techniken. Häufig, vor allem bei Patienten mit Selbstzweifeln und hoher Frustration, erkläre ich zu Beginn, dass ich eine Lösung in kleinen Schritten für sinnvoll halte. Ressourcen müssen erst wieder erkannt und neu aktiviert werden. Verbliebene Kräfte gilt es zu schonen und sinnvoll zu nutzen.

Als sehr hilfreich zeigten sich Visualisierungstechniken am Flipchart, wie etwa eine Waagschale, die eine Seite „gefüllt“ mit der Belastung, die andere mit Kräften und Ressourcen. Wenn man der Belastungsseite ständig etwas auflädt, ohne die Kräfteschale zu füllen, entsteht ein Ungleichgewicht, das auf Dauer sehr destruktiv ist.

Auch nachhaltig war die Darstellung eines riesigen Erdhügels, dem sich eine kleine Person mit aller Kraft entgegenstemmt und doch keine Veränderung bewirkt. Die ses Bild lasse ich auf die Patienten wirken und frage, was ihrer Meinung nach sinnvoll wäre. Ich zeichne ihnen als Hilfsmittel eine Schaufel und einen Eimer und lasse dieses Bild wirken, so auch bei Frau S.

Grafisch (Kuchen/Kuchenstücke) erfassten wir die „Baustellen“, die zur Dauerbelas tung der Patientin führten. Mittels Skalierung beschrieb Frau S. die Tragweite dieser Belastungen. Sie wählte nach eigenem Empfinden eine nach der anderen aus und wir erarbeiteten Lösungsmöglichkeiten in kleinen Schritten. Zunächst differenzierten wir die unterschiedlichen Belastungen mit tels W-Fragen, z. B.:

• Was macht Sie unzufrieden in der Paarbeziehung? • Was wünschen Sie sich von Ihrem Partner? • Wann sind Sie besonders gestresst mit den Kindern? • Was sollte sich ändern?

Netzwerkkarte

Diese ließ die Patientin mögliche Unterstützer erkennen. Auch hier halfen wieder gezielte Fragestellungen:

  • Wer kann Ihnen wann und wie helfen?
  • Was können Sie tun, um diese Hilfe zu bekommen?
  • Was hält Sie davon ab, um diese Hilfe zu bitten?

Timeline

Um die vorhandenen Kräfte und Ressour cen erkennbar zu machen, bot ich Frau S. an, eine Timeline zu erstellen. Auf einer Lebenslinie zeichnete sie Wendepunkte in ihrem Leben ein. Danach betrachteten wir einzelne Situationen genauer unter dem Aspekt, welche Fähigkeiten ihr in der Ver gangenheit halfen, schwierige Situationen zu meistern. Auch die positiven Erfahrun gen und Erkenntnisse, die sie aus bewältig ten Situationen mitgenommen hat, reflek tierten wir genauer. Indem wir den Fokus auf ihre Stärken legten und sie sich derer bewusst wurde, sah sie ihre Situation weni ger aussichtslos, sich selbst weniger hilflos.

Regeltransformation nach Virginia Satir

Mithilfe dieser Transformation reflektierten wir den Drang nach Perfektion am Flipchart:

  • Ich muss immer perfekt sein!

Ihrem Gefühl folgend transformierte Frau S. diese Regel in mehreren Schritten:

• Ich muss perfekt sein! • Ich kann perfekt sein! • Ich kann perfekt sein – wenn ich es will! • Ich kann perfekt sein – wenn ich es für nötig halte!

Die letzte Transformation war für die Patientin stimmig, sie spürte nach und auf ihr momentanes Gefühl angesprochen erwiderte sie, dass sie sich durch die Verinnerlichung weniger fremdgesteuert fühle. Zur Unterstützung im Alltag wollte sie das Blatt mit der neuen Regel an einem für sie passenden Ort zu Hause aufhängen.

Reframing

In einer weiteren Sitzung betrachteten wir ihre Einstellung zur Mutterrolle. Frau S. fiel es schwer, ihre Kinder in die Obhut anderer zu geben. Ihre Eltern, die im Nachbarort wohnen und zu denen sie ein ausgesprochen gutes Verhältnis hat, hatten ihr mehrfach angeboten, regelmäßig die Enkeltöchter zu betreuen, damit Frau S. mehr Zeit für sich habe und dass dies außerdem eine ausgesprochene Freude für sie wäre. Das scheiterte an ihrer selbst auferlegten Verpflichtung, sich als gute Mutter bedingungslos um die Kinder zu kümmern:

„Schließlich habe ich sie in die Welt gesetzt, dann kann ich sie doch nicht einfach abschieben, wenn sie mir lästig sind!“

Hier nutzte ich das Reframing:

„Können Sie sich vorstellen, dass Sie den Kindern eine Freude bereiten, wenn sie zu Oma und Opa dürfen?“

„Tun Sie Ihren Kindern nicht auch etwas Gutes, wenn sie selbst erschöpft sind und ihre Reserven wieder neu füllen, z. B. schlafen?“

Diese Fragen regten ein Umdenken an.

„So habe ich das noch nie gesehen!“, antwortete sie nachdenklich.

Auch hier wollte Frau S. versuchen, diese Möglichkeit in kleinen Schritten zu nutzen.

Kommunikation in der Partnerschaft

Auch die Wünsche und Bedürfnisse in der Beziehung zum Partner wurden thema tisiert und nach konstruktiven Möglich keiten gesucht. So nehmen sich Herr und Frau S. nun regelmäßige Auszeiten, gehen gemeinsam Essen oder „auf ein Glas“ ohne die Kinder, um so in neutraler Umgebung ins Gespräch zu kommen. „Ich würde gern mit meinem Mann über viele Dinge sprechen, weiß aber nicht wie!“

Im Folgenden übten wir, wie Kommunikation gelingen kann. Beispiel: Ich-Botschaften, weg von anklagender Kritik hin zur Sachebene, wichtige Gespräche nicht zwischen Tür und Angel zu führen, versuchen, sich in die Lage des Partners zu ver setzen, frühzeitig über Unstimmigkeiten zu sprechen, nicht erst wenn die Wut die Oberhand hat ...

Zwischen diesen einzelnen Angeboten fanden immer wieder Reflexionstermine statt, in denen das Erleben und die Versuche zur Veränderung, Bedenken, Fragen zur Medikation und kleinere sowie größere Enttäuschungen Raum fanden. Die Termine wurden mit der Zeit von einer auf zwei Wochen ausgedehnt, später auf drei und vier Wochen, immer mit der Option, mich bei Schwierigkeiten früher zu kontaktieren.

Klötzchen-Skulptur

Nach neun Monaten trafen wir uns zum vorerst letzten Termin. Als Abschluss stell te Frau S. zwei Klötzchen-Skulpturen; die Situation zu Beginn der Therapie und die momentane Situation, mit der Fragestellung, was sich in der Zeit der Therapie verändert habe. Dieses machte ihr nach ei gener Aussage noch einmal deutlich, welch positive Entwicklung eingetreten war. Sie hadert heute nicht mehr mit ihrer Situation, sondern sieht sie als Chance, die sie genutzt hat, durch die sie gezwungen wurde, der Problemspirale die Stirn zu bieten.

Fazit

Durch die positiven Erfahrungen der ange wandten Veränderungsmaßnahmen fühlt sie sich gefestigt und ist sich jetzt wieder ihrer Stärken bewusst, die vorher durch die starke Belastung „verschüttet“ waren. Die Antidepressiva hat sie nach Absprache mit dem Hausarzt abgesetzt.

Die depressive Symptomatik besteht nicht mehr, das zeigt sich auch sehr deutlich an ihrer Körperhaltung und Mimik.

Sie hat eine Ausbildung zur Entspannungstherapeutin begonnen, beschreibt sich heute als glücklich und gereift, mit wieder gewonnenem Selbstwertgefühl und „neu em Handwerkszeug“, das sie in belastenden Situationen nutzen kann. Sie hat für sich erkannt, dass eine gute Mutter nicht zur Selbstaufgabe gezwungen ist, sondern im Gegenteil auch die Selbstfürsorge nicht vernachlässigen sollte. Frau S. hat in drei Monaten einen Reflexionstermin verein bart: „Das Wissen um diese kleine Hilfestellung gibt mir Sicherheit!“

Ich betrachte die Entwicklung und den Therapieverlauf als sehr gelungen. Aus schlaggebend war meiner Meinung nach die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Hausarzt, was in unserer Berufsgruppe ein großes Glück ist. Auch die Tatsache, dass ich Frau S. von Anfang an gesagt habe, dass der Prozess in kleinen Schritten verläuft und ich keine Aussage über Dauer und Erfolg machen kann, wertete sie im Nachhinein als sinnvoll.

Ebenso wirkte das stetige Reflektieren der Erfolge, auch wenn sie noch so klein waren, mancher Frustration entgegen. Das Augen merk auf die Stärken zu legen, lernen die Schwächen anzunehmen und damit umzu gehen, festigte das Vertrauen in sich selbst.

Nicht zu vergessen der Faktor Zeit! Meistens dauerten unsere Termine zwei Stunden.

Und ganz wesentlich war die vertrauens volle Beziehung, die sich mithilfe der Gesprächsregeln nach Carl Rogers während der Therapie entwickelt hatte: Kongruenz, Empathie, Akzeptanz, Spiegeln der eigenen Empfindungen.

Gabriele KemmerGabriele Kemmer
Heilpraktikerin für Psychotherapie, Psychologische und Systemische Beraterin, Praxis in Tauberbischofsheim
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Foto: fotolia©Wordley Calvo Stock