Krebserkrankungen – neue Hoffnung durch Mentaltherapie

fotolia©HERREPIXKrebs ist eine der gefürchtetsten Krankheiten unserer Zeit. Leider ist es oft so, dass ein Mensch, der Krebs hat, vom Augenblick der Diagnose an einen alle seine anderen Eigenschaften und Rollen überschattenden Stempel bekommt.

Er tauscht seine menschliche Identität gegen eine Krebsidentität. Die gesamte soziale Umwelt – auch die Ärzte – nehmen oft nur die physische Tatsache des Krebsleidens wahr. Die Behandlung richtet sich auf den Körper des Patienten, nicht auf seine Person.

In dem hier vorgestellten Behandlungskonzept gehe ich von der Voraussetzung aus, dass Krankheit keine rein körperliche Störung, sondern ein Problem des ganzen Menschen, auch seiner geistigen, emotionalen und sozialen Bereiche ist. Gerade die gefühlsmäßige und geistige Verfassung spielt eine wichtige Rolle hinsichtlich der Anfälligkeit für Krankheiten und umgekehrt der Chance, wieder gesund zu werden oder zumindest trotz der Krankheit ein erfülltes Leben zu führen.

Ursachen von Krebserkrankungen aus medizinischer Sicht

Viele Menschen verbinden mit Krebs die fehlgeleitete Vorstellung, hier handele es sich um einen starken, widerstandsfähigen Eindringling, der imstande sei, den Körper restlos zu vernichten. Seine biologische Beschaffenheit jedoch steht im Gegensatz zu dieser Vorstellung. Krebszellen sind eher schwach, unsicher, ungeordnet. Die entartete Zelle kommuniziert nicht mit benachbarten Zellen, sondern breitet sich unkontrolliert aus. Aufgrund falscher genetischer Informationen ist sie nicht imstande, die Funktion einer gesunden Zelle zu erfüllen. Die falsche Information wird an die Tochterzelle weitergegeben. Es entsteht ein abnormer Zellhaufen, aus dem sich der Tumor entwickelt. Physiologisch wäre es, wenn das Immunsystem des Körpers die Tumorzellen erkennen und zerstören würde, ein Vorgang, der im gesunden Körper täglich millionenfach stattfindet.

Die Schulmedizin neigt dazu, vor allem äußere Faktoren für die Entstehung von Krebs verantwortlich zu machen.

  1. Carcinogene Substanzen (Schadstoffe, Chemikalien, Reizstoffe)
  2. Strahlung (z. B. Röntgen, Radioaktivität)
  3. Ernährung
  4. Genetische Prädisposition

Aber keiner dieser Faktoren liefert eine ausreichende Erklärung bzw. eine plausible Antwort auf die Fragee: Wer bekommt Krebs und wer nicht?

Wir müssen also nicht nur fragen: Was verursacht Krebs? Sondern auch: Was bewahrt uns vor Krebs? Was hält uns eigentlich gesund? Und hier kommt das natürliche Abwehrsystem unseres Körpers, das Immunsystem, ins Spiel, einer der wichtigsten Faktoren der Gesundheit, wenn es richtig funktioniert.FP 0118 Inhalt End A4 Page42 Image1

Ein ganzheitliches Modell der Krebsentwicklung und der Krebsheilung

Das Leib-Seele-Modell (s. Abb. 1) entstammt dem Ansatz von O. Carl Simonton, einem bekannten Krebsforscher aus den USA. Es soll zeigen, wie psychische und physische Zustände beim Entstehen von Krebs zusammenwirken.

Das limbische System, das Zentrum für Emotionen, Trieb- und Instinkthandlungen, registriert alle körperlichen Gefühle und Empfindungen, u. a. Stress und Stresswirkungen. Der Weg, auf dem das limbische System den Körper beeinflusst, erfolgt zunächst über den Hypothalamus. Die Signale des limbischen Systems auf den Hypothalamus werden auf zweierlei Weise übersetzt.

  1. Ein Teil des Hypothalamus beeinflusst die Koordinierung und die Steuerung des Immunsystems. Diese natürliche Abwehr ist darauf ausgerichtet, krebsartige Zellbildungen einzuschließen und zu zerstören. Aus medizinischen Untersuchungen wissen wir, dass jeder Mensch zeitweilig Krebszellen in seinem Körper erzeugt. Doch erst die Hemmung des Immunsystems kann Krebswachstum zur Folge haben. Der emotionale Stress lähmt, vermittelt über das limbische System und den Hypothalamus, das Immunsystem und macht den Körper anfällig für Krebs.

  2. Der Hypothalamus wirkt entscheidend auf die Hypophyse ein, die wiederum dieFP 0118 Inhalt End A4 Page42 Image2Nebenniere (endokrines System) zu erhöhter Cortisolausschüttung veranlasst.

Das so entstehende hormonelle Ungleichgewicht kann eine vermehrte körpereigene Produktion von anomalen Zellen begünstigen und zugleich das Immunsystem behindern, diese Zellen unschädlich zu machen. In dem Moment, in dem die körpereigene Abwehr am schwächsten ist, steigt die Produktion der anomalen Zellen – mit lebensbedrohlichen Folgen.

„Wo aber Gefahr ist,
wächst das Rettende auch.“
Friedrich Hölderlin

Auf dem gleichen Wege, auf dem problematische Gefühle – oft ausgelöst durch Stress – in krankhafte Zustände übersetzt werden, kann umgekehrt die Wiederherstellung der Gesundheit durch die Entwicklung positiver Gefühle eingeleitet werden. Abb. 2 veranschaulicht die Interaktion zwischen Körper und Seele im Verlauf der Genesung.

Entwicklung heilender Bilder und Umgang mit Stress

Dies geschieht, indem die oft negativ besetzten Bilder zum Krebsgeschehen und zur medizinischen Behandlung erkannt und hinterfragt werden. Unter Anleitung können die Patienten (immer m/w) allmählich wirkmächtige heilende Bilder entwickeln. So kann der Glaube an die Wirksamkeit der Behandlung und der körpereigenen Abwehr heranreifen und gestärkt werden (s. Fallstudie).

Ferner sollten die Patienten Möglichkeiten finden, besser mit Stresssituationen umzugehen. Die Auswirkung veränderter Sichtweisen kann so eine Haltung erzeugen, die von Hoffnung und Gesundungserwartung geprägt ist.

Neurologische Auswirkungen

Diese behutsam entwickelten Gefühle werden vom limbischen System genauso registriert wie zuvor die Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Von dort aus werden Signale an den Hypothalamus gesendet, die den ver- änderten emotionalen Zustand melden. In der Folge hebt der Hypothalamus die Hemmung des Immunsystems auf, sodass die Körperabwehr gegen die Krebszellen erneut mobilisiert werden kann.

Auch die Hypophyse empfängt positive Signale vom Hypothalamus und informiert die übrigen Teile des endokrinen Systems. Auf diese Weise stellt sie das hormonale Gleichgewicht im Körper wieder her. Die Chance für den Rückzug der Krebserkrankung ist gegeben.

Fallstudie

Bei einem 52-jährigen selbstständigen Arzt, verheiratet, zwei Kinder, war ein Plasmozytom diagnostiziert worden, eine bösartige Vermehrung von Plasmazellen, also solchen Zellen im Knochenmark und im Blut, die für bestimmte Bereiche der körpereigenen Abwehr zuständig sind. Eine Chemotherapie war angesichts der erhobenen Befunde zu diesem Zeitpunkt noch nicht indiziert.

Symptome

Der Patient zeigte eine stark geschwächte Abwehr seines Körpers, weil gesunde Plasmazellen an ihrer Arbeit gehindert wurden. Die bösartigen Plasmazellen führten zu Knochenabbau und einer Behinderung der Blutbildung. Die von ihnen produzierten pathologischen Eiweißmoleküle beeinträchtigten die Nervenfunktion. Dieses erzeugte brennende Schmerzen (Parästhesien) auf verschiedenen Hautarealen. Der Patient berichtete von stark verminderter Belastungsfähigkeit, häufigen Erschöpfungssymptomen und anhaltender Unruhe durch die Unsicherheit der Prognose. Er habe in den letzten drei bis vier Jahren die tägliche Arbeitszeit von durchschnittlich elf Stunden als äußerst anstrengend empfunden, seine Arbeitsbelastung aber nicht angemessen reduziert. Er sah einen Zusammenhang zwischen Stress im Berufsalltag und dem Krebsleiden, was den Einstieg in die Therapie einfacher machte.

Erste Übungsphase: Rollenspiele und Entspannung

Zunächst lernte der Patient in Rollenspielen, sich im Berufsalltag stärker abzugrenzen und durch sensibilisierende Übungen seine Überforderung zu erkennen. Durch unsere Gespräche motiviert, fand er Kollegen, die ihn entlasteten.

Entspannungsverfahren, mit denen der Patient bereits vertraut war, halfen beim Einstieg in die weiteren Übungen.

Zweite Übungsphase: Visualisierung

Der Patient führte die Übungen in mehreren Schritten durch.

FP 0118 Inhalt End A4 Page43 Image1Zunächst entwarf er ein Bild seiner Leukozyten, die er sich als ein riesiges Heer von starken weißen Müllmännern mit imponierenden Muskelpaketen vorstellte. Diese traten den entarteten Plasmazellen, die zahlenmäßig in der Minderheit waren, kraftvoll entgegen und verschlangen sie mit großem Appetit.

Die entarteten Plasmazellen dagegen stellte er sich als einzelne, graue, unregelmäßig geformte Gebilde ohne Widerstandskraft vor, die deshalb auch leicht zu vernichten sind (Bild A).

FP 0118 Inhalt End A4 Page43 Image2Im zweiten Schritt imaginierte er, dass die Erythrozyten und die Thrombozyten, die nicht mehr von den überzähligen Plasmazellen verdrängt wurden, wieder in ausreichender Zahl vorhanden waren und genügend Platz hatten, um ihre natürlichen Aufgaben zu erfüllen. Er stellte sich die Erythrozyten wie kleine U-Boote vor, die sich in der Lunge mit Sauerstoff auffüllen und über die Blutbahn schließlich den Körper mit ausreichend Sauerstoff versorgen (Bild B).

FP 0118 Inhalt End A4 Page43 Image3Die Thrombozyten waren in seiner Vorstellung kleine Betonplatten, die sich bei einer Gefäßverletzung an die verletzte Stelle begeben und sie abdichten (Bild C).

Im dritten Schritt entwarf er eine visuelle Vorstellung von der Entstehung der Plasmazellen. Zunächst forderte er die Lymphozyten auf, ausschließlich kraftvolle, funktionsfähige Plasmazellen in ausreichender Anzahl zu produzieren, die die richtigen Abwehrkörper (Immunglobuline) herstellen und ihn so zuverlässig schützen.

 

Stärkung der Hoffnung/Zielsetzungen

Die letzte Übung zielte auf die Stärkung der Hoffnung, wieder gesund zu werden. Er sah sich bei Tätigkeiten, denen er nachgehen würde, wenn er wieder gesund wäre: Familienunternehmungen, Ski- und Radfahren, Fernreisen, souverän und vital beruflich tätig sein.

Der Patient arbeitete sehr engagiert und konsequent morgens und abends etwa eine halbe Stunde lang. Sogar tagsüber nutzte er dazu kurze freie Zeiten. Gemeinsam entwickelten wir zu den Bildern einen Text, den wir auf einer CD festhielten.

Der Patient berichtete in den Sitzungen, wie angenehm er die Übungen empfinde, dass sie ihn erfrischten und regenerierten. Er empfand dies als erhebliche Verbesserung seiner Lebensqualität.

Langfristige Veränderungen

Nach etwa acht Wochen zeigten die Blutwerte eine außergewöhnlich positive Wendung an. HB-, Thrombo- und Calciumwerte hatten sich normalisiert. Daraus war ersichtlich, dass die Plasmazellen keine Zerstörungen im Knochenmark mehr anrichteten, dennoch war weiterhin eine erhöhte Anzahl der Zellen im Blut nachweisbar. Es kam zu einer deutlichen Verbesserung des subjektiven Beschwerdebildes, jedoch zu keiner vollständigen Gesundung innerhalb des dreijährigen Behandlungszeitraums.

Eine positive Einstellung ist wichtig

Das Beispiel wirft die Frage auf: Was ist das für ein geistig-seelischer Mechanismus, der dabei auf der körperlichen Ebene zur Wirkung kommt?

Die wichtigste Voraussetzung für einen nachhaltigen Gesundungsprozess ist die positive Einstellung des Patienten, der Glaube an die Genesung oder zumindest Stagnierung des Zustands.

Das ist nicht leicht in einer Gesellschaft mit negativen Einstellungen zu Krebs, die bei Patienten und ihren Angehörigen nachvollziehbare Ängste hervorrufen. Menschen machen im Allgemeinen negative Erfahrungen, die die Gültigkeit ihrer Einstellungen zu „beweisen“ scheinen. Doch viele negative Erfahrungen wären womöglich vermeidbar gewesen, wenn sie nicht zum Teil durch negative Erwartungen hervorgerufen worden wären.

Voraussagen, die sich selbst erfüllen

Das Phänomen der Selffulfilling Prophecy kennen wir alle aus unserer Alltagserfahrung. Wenn wir bestimmte Ereignisse erwarten, verhalten wir uns so, dass wir das Eintreten des Erwarteten begünstigen (z. B. Erfolgs- oder Misserfolgsorientierung bei Prüfungen). Auch eine Studie von 0. Carl Simonton mit 152 Patienten ergab, dass positive Erwartungen positive Ergebnisse hervorbringen. Patienten mit einer schlechten Prognose und einer positiven Einstellung erholten sich schneller als Patienten mit einer günstigen Prognose und einer negativen Einstellung. Ferner gab es bei Patienten mit positiver Einstellung weniger unerwünschte Nebenwirkungen.

Wie also entwickelt man als Krebspatient eine positive Sichtweise, die für den Genesungsprozess so förderlich ist?

Für einen krebskranken Menschen gehört viel Mut und innere Stärke dazu, sich angesichts eines häufig pessimistisch eingestellten Umfeldes zu einer positiven Haltung emporzuarbeiten. Der erste Schritt zur Änderung der Erwartungshaltung besteht darin, sich seiner Einstellung und ihrer möglichen Auswirkung erst einmal bewusst zu werden und ehrlich gegenüber sich selbst zu sein.

Ziele setzen

Um gegen eine resignative Haltung anzugehen, ist es wichtig, sich Ziele zu setzen, denn Ziele aktivieren den Lebenswillen. Der Wille zu leben, ist dann stärker, wenn es etwas gibt, wofür man lebt. Indem sich Patienten konkrete, erreichbare, positiv formulierte und in der eigenen Macht stehende Ziele stecken, setzen sie ihre Verpflichtung, wieder gesund zu werden, in Handeln um und übernehmen Verantwortung für ihre Zukunft. Durch diese Selbstbehauptung wirken sie Gefühlen der Hilf- und Hoffnungslosigkeit entgegen und geben ihren Kräften eine Richtung, auf die sie sich konzentrieren. Bei aufkommenden Zweifeln, das Ziel zu erreichen, ist es wichtig, zu erkennen: Der Wert eines Ziels bemisst sich nicht darin, ob es erreicht wird, sondern in der Teilnahme am Leben, in der Hingabe an das Ziel. Dann wird das verbleibende Leben selbst angesichts des vielleicht nahenden Todes sinnvoll. Der Tod wird also als Möglichkeit einbezogen und gerade diese Konfrontation setzt Energien für das Leben frei.

Auch Einwände der Patienten gegen das zugrunde liegende Konzept sollten sehr ernst genommen werden. Es ist wichtig, dass sie sich Zeit nehmen für das Überdenken und die Auseinandersetzung mit den vorgestellten Ideen. Nur so besteht die Chance, die neuen Ansichten in die eigene Persönlichkeit zu integrieren, sodass die Erkenntnis reifen kann: Ich selbst beeinflusse meine Einstellung! Oder wie es Marie von Ebner-Eschenbach treffend ausdrückt:

„Wenn es einen Glauben gibt,
der Berge versetzen kann,
dann ist es der Glaube an die
eigene Kraft.“

Literatur

  • Simonton, O. Carl: Wieder gesund werden
  • Simonton, O. Carl: Auf dem Wege der Besserung
  • Diegelmann, Christa: Psychoonkologie – Schwerpunkt Brustkrebs

Gabriele SaurGabriele Saur
Heilpraktikerin für Psychotherapie, lösungsfokussierte Therapie, Verhaltenstherapie, mentale Krebs- und Schmerztherapie, Praxis in Münster
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