Seelische Gesundheit braucht Öffentlichkeit, Pflege und Humor

©Paul RipkeEckart von Hirschhausen:
Vortrag auf dem DGPPN-Kongress 2016 in Berlin

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, einige mögen sich wundern und denken: Was will denn diese Fernsehnase auf einem wissenschaftlichen Kongress? Ich will DANKE sagen!

Psychiatrie ist kein einfaches Fach. Aber wichtig! Sie bekommt in der Öffentlichkeit wenig Anerkennung. Und von Patienten und Angehörigen auch nicht immer. Chirurgen und Arzthelferinnen bekommen die Flasche Cognac und das Mon Chéri zugesteckt. Psychiater müssen sich ihren Alkohol selber kaufen.

Ich möchte Danke sagen als Kollege, als öffentliche Person und als Angehöriger, der auch erfahren musste, wie schwer es ist, in akuten Krisen für psychisch kranke Menschen in meinem erweiterten Umfeld einen Therapieplatz zu bekommen. Und nach der Krise erst recht.

Psychiater retten Leben. Jeden Tag. Ohne Herzkatheter, ohne Transplantation, ohne spektakuläre Interventionen erreichen sie Spektakuläres. Warum dankt es ihnen so selten jemand? Warum sind die Klischees über Psychiatrie hartnäckiger als die Krankheiten? Und wie können alle Profis und Laien, denen seelische Gesundheit am Herzen liegt, die Öffentlichkeit und die Fachwelt besser erreichen?

In der öffentlichen Wahrnehmung ist ein gebrochener Arm immer ein besseres Gesprächsthema als ein Knacks in der Seele. Wobei Burnout wenigstens so klingt, als hätte man für etwas gebrannt.

Woran liegt es, dass sich viele nicht zu einem Facharzt für Seelenheilkunde trauen? Die Ängste vor dem „Für verrückt erklärt werden“ und „Weggeschlossen und abgeschossen“ halten sich hartnäckig, geprägt durch alte Filme wie „Einer flog über das Kuckucksnest“. Viele, die abfällig von „Klapse“ und „Irrenhaus“ reden, haben nie eine moderne psychiatrische Klinik von innen gesehen.

Mein erstes Krankenpflegepraktikum machte ich auf einer psychiatrischen Aufnahmestation in der Nähe meiner ehemaligen Schule. Und mein größtes Aha-Erlebnis bei den Aufnahmegesprächen hatte ich, wenn die Patienten ihre Adressen angaben, denn diese Straßenzüge kannte ich alle. Mir wurde klar: Psychose, Depression, Sucht und Suizid schlagen direkt in meiner Nachbarschaft zu, überall.

Mir wurde klar, wie häufig psychiatrische Krisen sind und dass sie jede Gesellschaftsschicht in jedem Alter treffen können. Nie werde ich eine Patientin vergessen, die sichtlich verwirrt war, weil sie die Stimmen in ihrem Kopf nicht mehr sortieren und abstellen konnte. Sie sang die ganze Zeit Werbe-Jingles vor sich hin – „Schneekoppe!“ Ich dachte mir, wie dieser klebrige Sound, weil er eben „eingängig“ ist, Eingang gefunden hat in tiefe unbewusste Regionen unseres Gehirns. Und da hocken diese sinnlosen Musikfetzen und warten nur darauf, dass die Großhirnrinde den Geist aufgibt und sie freie Bahn haben.

Seitdem schalte ich das Radio aus, wenn Werbung kommt – denn ich will niemals „Seitenbacher“ schreiend in ein Krankenhaus.

Mein zweites Aha kam, als ich merkte, dass viele Patienten sehr froh waren, dass es Menschen gab, die sich mit der Krankheit, die sie hatten, auskannten. Wenn man nicht mehr weiß, wo die eigenen Gedanken herkommen, muss sich das sehr bedrohlich anfühlen. Und dann ist es erleichternd, auf einen erfahrenen und zugewandten Menschen zu treffen, der einem vermittelt: „Sie sind nicht der Erste, das, was Sie haben, hatten wir hier schon öfter, es muss sich keiner dafür schämen, das lässt sich behandeln und geht wieder weg. Haben Sie Geduld.“

Sicher gibt es auch Aufnahmestationen, auf denen diese wichtigen menschlichen Begegnungen aufgrund von Personalknappheit, Überlastung und einem sehr stark biologisch geprägten Verständnis nicht stattfinden. Aber die meisten Psychiatrien sind deutlich besser als ihr Ruf – was bei so einem schlechten Ruf auch nicht wahnsinnig schwer ist.

Ich fand die Psychiatrie immer viel spannender als die Gastroenterologie, denn was Menschen in ihrem Innersten beschäftigt, lässt sich mit einem Gespräch oder mit einer Darmspiegelung herausfinden, je nachdem, wo man das Innerste vermutet. Eine der heißesten Thesen der letzten Jahre lautet, dass es zwischen Darm und Depression eine Verbindung gibt, dass Stoffe aus den Bakterien sich über das Blut bis ins Gehirn auswirken, dass der Trauerflor der Depressiven von ihrer Darmflora gespeist wird. Die Patienten, die sagten „Ich fühle mich Scheiße“, haben das intuitiv vorweggenommen.

Suizid ist bis heute ein Tabu. Dank besserer Aufklärung und Behandlung der Erkrankungen dahinter ist die Anzahl der Suizide in den letzten 30 Jahren von jährlich ehemals 18 000 auf 10 000 gesunken, da stagniert sie momentan. Aber hey, 8 000 Menschenleben gerettet – jedes Jahr – darauf könnte man stolz sein. Andere Fächer hätten das gefeiert, oder hab ich da die Party verpasst?

Wer sind die berühmtesten Depressiven in Deutschland? Robert Enke, Hannelore Kohl und Gunter Sachs. Alle tot. Und deshalb nicht die besten Vorbilder.

In England setzt sich der Star-Schauspieler und Komiker Stephen Fry öffentlich für seelische Gesundheit ein und bekennt, dass er selber lange unerkannt unter seiner bipolaren Störung gelitten hat. In Amerika hat der bekennend bipolare Trainer Tim Ferriss über eine Million Downloads bei ITunes für seinen Podcast über „life hacks“, wie er seinen Alltag gestaltet. Es hat ihrer Karriere nicht geschadet, sich zu outen. Er eröffnet seine Vorträge mit seiner Leidensgeschichte und erzählt, wie froh er darüber ist, als er vor der Situation stand, sich das Leben zu nehmen, es nicht getan zu haben. Bruce Springsteen redet in seiner Biografie offen über seine Depressivität, auch die Sängerin Adele, die eine neue Generation anspricht. Ebenso Robbie Williams und Lady Gaga.

Wo sind die deutschen Prominenten, die Suizide überstanden, Krisen gemeistert haben und erfolgreich behandelt wurden? Die sind in Ihren Krankenhäusern und in Ihren Praxen! Also: Wenn Sie jemanden kennen, der dazu bereit ist, ermuntern Sie ihn von gut behandelten und gut überstandenen depressiven Phasen anderen zu erzählen. Gute Vorbilder können auch Leben retten. In Deutschland sind solche Pioniere der wunderbare Komiker Torsten Sträter vom Satiregipfel, der Fußballer Uli Borowka und die Sängerin Sarah Connor.

Ein großer Schritt war in Deutschland die Gründung der Telefonseelsorge, bei der seit 60 Jahren Tag und Nacht geschulte Ehrenamtliche erreichbar sind. „Sorgen kann man teilen“ lautet das Motto. Aber die Berater bleiben aus guten Gründen anonym. Da Jugendliche sich gerne anderen Jugendlichen anvertrauen, gibt es auch tolle Projekte wie „Freunde fürs Leben“, die Gleichaltrige zu Beratern befähigen, die aufklären und zuhören.

Wieso lernen wir in Deutschland eigentlich so viel in der Schule, was man im Leben nie mehr braucht? Und so wenig über das, was einem garantiert einmal passieren wird, nämlich mit einem Menschen in einer akuten Krise zu reden? Ich habe in 13 Jahren Schule viel über Punische Kriege gehört, aber nichts über Panikattacken, Psychosen oder Depressionen. Langsam tut sich etwas: Die Initiative „Irrsinnig menschlich“ schickt jeweils zwei Berater in Schulen und redet mit den Kindern oder Jugendlichen über alles, was sonst selten zur Sprache kommt. Der Clou: Einer der beiden Berater ist „Betroffener“, der sich aber erst am Ende der Stunde offenbart. Und dann staunen erst einmal alle. Das Erlebnis, dass man sich mit jemandem, der schon mal in der Psychiatrie war, „ganz normal“ unterhalten kann, bleibt in Erinnerung.

Matthias Berger, inzwischen Emeritus in Freiburg, hat den „Schülerkongress“ ins Leben gerufen, organisiert mit den „Lokalen Bündnissen“ und einem engagierten Leiter einer Tanzschule. Er sagt: „Wer Abitur macht, hat in der Regel rund 1 300 Stunden Schulsport hinter sich, mit dem Ziel, dauerhaft körperlich fit zu bleiben – doch die wenigsten lernen in der Schule auch nur ansatzweise, wie sie mit psychischen Krisen bei sich und anderen umgehen können.“

Was tun bei Schlafstörungen? Wie reagiert man, wenn sich jemand selbst verletzt oder nach dem Essen erbricht, um abzunehmen? Woran lässt sich erkennen, wenn Traurigkeit zur Depression wird? Wir sollten Jugendliche nicht als „psychologische Analphabeten“ ins Leben schicken.

Aber das sind alles bislang Einzelaktionen ohne Breitenwirkung. Jeder, der von Ihnen Kinder in der Schule hat, kennt einen Schulleiter in der Nähe. Und jeder andere kann die leicht herausfinden. Ganz niederschwellig lässt sich in den Projekttagen vor den Zeugnissen oder auch einfach eine Stunde im Unterricht in jedem Halbjahr organisieren, in der SIE in die Schulen gehen und aus Ihrer Praxis erzählen. Warum sind die Bücher von Oliver Sacks weltweit Bestseller? Weil Menschen sich für Menschen interessieren, die anders ticken, wenn man es verständlich macht. Inzwischen tauchen Patientengeschichten auch in Deutschland in den Bestsellerlisten auf wie „Lieber Matz, Dein Papa hat ´ne Meise“ von Sebastian Schlösser oder „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle. Auch das Buch und die Fernsehbeiträge über „Irre – Wir behandeln die Falschen“ von Manfred Lütz hat mit seiner hohen Verbreitung gezeigt, wie groß der Bedarf nach einer anderen Art der Vermittlung ist.

Aufklärung ist das eine, Zugang zu Therapien das andere. Jetzt mal unter uns: Wie glaubwürdig ist so ein Kongress wie dieser, wenn man das ganze Jahr den Zusammenbruch der ambulanten Versorgung beklagt – und dann tagelang 5 000 Fachkräfte aus der Fläche nach Berlin abzieht, und keiner merkt da draußen den Unterschied?

Im Ernst: In Deutschland kann es skandalöse Wochen und Monate dauern, bis man einen Facharzttermin oder Therapieplatz bekommt. Inzwischen haben viele erkannt, welches Potenzial in der Onlineberatung und -aufklärung steckt, gerade für Menschen, die sich schwertun, einen Arzt aufzusuchen und Hilfe zu holen. Klar ist die Onlinetherapie kein Ersatz für eine echte menschliche Begegnung, aber manchmal besser als nichts. Sinnvoll erscheint mir die Kombination aus therapeutischer Betreuung und einer Vertiefung und Übungen, die online dazukommen. Eine aktuelle Smartphone-Anwendung hat Kristina Wilms mit 28 Jahren entwickelt: „aryaapp.co“, um im Rahmen einer Verhaltenstherapie ein digitales Krankheitstagebuch zu führen. „Ich selbst lebe mit einer Depression und ich habe mir immer eine App wie Arya gewünscht“, so die studierte Betriebswirtin. Ihre Vision: „Wir stellen uns eine Gesellschaft vor, in der psychische Erkrankungen nicht länger ein Grund für unnötiges Leiden darstellen.“

Mit „Deprexis“ ist ein Online-Tool bereits in der Erstellung. Und international erprobt ist das Programm: „I fight depression“, das in einer deutschen Version einsetzbar ist. Wir holen auf! – und vielleicht gibt es irgendwann auch ein deutsches Programm mit einem ansprechenden deutschen Titel.

fotolia©xavier gallego moreiDenn – letzter Punkt. Seelische Gesundheit darf auch Spaß machen. Mir fehlt in der ganzen Debatte auch der Humor. Ich hatte das Glück, den Begründer der „Provokativen Therapie“ noch live zu erleben: Frank Farrelly. Ich durfte auch die Witwe von Viktor Frankl kennenlernen, dem Begründer der Logotherapie und Autor von „... trotzdem Ja zum Leben sagen“. Auf die Frage, was Viktor für ein Mensch war, sagte sie sofort: „Ein Kasper! Der Humor war ihm ganz wichtig. Im KZ haben sie sich immer verabredet, sich jeden Tag einen Witz zu erzählen, um die Freiheit im Kopf zu feiern.“ Und die schönste Definition von Psychotherapie fand ich bei einem Vortrag von Carl Hammerschlag, der als Psychiater in den USA, weil er nicht nach Vietnam wollte, in ein Indianerreservat zwangsversetzt wurde und deren Heilungsrituale studierte. „Psychotherapy is: Finding a new ending to an old story.“ Man könnte auch sagen: eine Pointe. Ein neuer Punkt.

Mit Barbara Wild gibt es eine wunderbare Vertreterin des therapeutischen Humors in der Psychiatrie. Ihr Buch dazu ist bereits in der zweiten Auflage erschienen. Sie arbeitet erfolgreich mit Humorgruppen sowohl bei Depressiven als auch bei psychosomatischen Herzpatienten. Mich wundert nach wie vor, wie hartnäckig sich Vorurteile gegen Humor in Deutschland halten, was vielleicht an einer starken psychoanalytischen Tradition liegt. Salopp gesagt: Nicht immer, wenn einer eine Schraube locker hat, liegt es an der Mutter. Humor ist nicht nur Verdrängung und Fehlleistung, Humor ist vor allem stimmungsaufhellend und Resilienzfördernd!

Mit meiner Stiftung HUMOR HILFT HEILEN haben wir bereits 10 000 Pflegekräfte aus verschiedenen Einrichtungen mit einem dreistündigen Workshop „Humor in der Pflege“ trainiert, wie sie in Stresssituationen gelassener reagieren können, authentisch in Kontakt gehen, achtsamer mit sich und anderen werden und Stimmung auf Station als wichtige Ressource begreifen. Und es freut mich sehr, dass mit den Alexianern in Berlin jetzt ein großer Arbeitgeber der Psychiatrie sich entschieden hat, seinen Mitarbeitern ebenfalls diese Schulungen anzubieten. Wir können an den Widersprüchen der Welt verzweifeln oder wir können darüber lachen.

Humor ist die Fähigkeit, ähnlich wie Achtsamkeit oder Meditation, sich selber aus einer anderen Warte wahrzunehmen, die Perspektive zu wechseln und die Wirklichkeit emotional und kognitiv umzustrukturieren. Während meines praktischen Jahres in Südafrika kam in einer überfüllten Station mit 40 Patienten auf mich Hänfling im weißen Kittel ein massiver schwarzer Mann mit seinen Kumpels zu und sagte: „Doktor, Doktor, Sie müssen mich entlassen!“ Ich tat, was man als Arzt schnell lernt, ich tat wichtig. Dazu holte ich die Akte und sagte: „Aber sie hören ja noch Stimmen!“ Er zögerte keine Sekunde und antwortete: „Ja, aber die Stimmen sagen mir, Sie sollen mich entlassen!“ Und das er mich dabei angrinste und anfing, zu lachen, war ein wichtiges Zeichen seiner Besserung.

Seien Sie stolz auf Ihre Profession, nehmen Sie sich und ihre erfolgreich behandelten Patienten mit in die Öffentlichkeit, gehen Sie in die Schulen, pflegen Sie die Pflege, nutzen Sie die digitalen Chancen und behalten Sie ihren Humor. Das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen, wir brauchen Sie heute – und in Zukunft!

Ihr Eckart von Hirschhausen

Anmerkungen

DGPPN, Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V.

Nachdruck (Auszug) eines Artikels mit freundlicher Genehmigung durch den Verlag: Die Psychiatrie 3/2017 ©Schattauer GmbH

Fotos: ©Paul Ripke, fotolia©xavier gallego morei


Dr. Eckart von Hirschhausen (Jahrgang 1967) studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus in Berlin, London und Heidelberg. Seine Spezialität: medizinische Inhalte auf humorvolle Art und Weise zu vermitteln und gesundes Lachen mit nachhaltigen Botschaften zu verbinden. Seit über 20 Jahren ist er als Komiker, Autor und Moderator in den Medien und auf den Bühnen Deutschlands unterwegs.

Durch die Bücher „Arzt-Deutsch“, „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“, „Glück kommt selten allein …“ und „Wohin geht die Liebe, wenn sie durch den Magen durch ist“ wurde er mit über 5 Millionen Auflage einer der erfolgreichsten Autoren Deutschlands. Sein neues Buch „Wunder wirken Wunder – Wie Medizin und Magie uns heilen“ wirft einen humorvollen Blick auf die bunte Wunderwelt der Heilkunst.

Eckart von Hirschhausen moderiert die ARD-Wissensshows „Frag doch mal die Maus“ und „Hirschhausens Quiz des Menschen“.

Hinter den Kulissen engagiert er sich mit seiner Stiftung HUMOR HILFT HEILEN für mehr gesundes Lachen im Krankenhaus, in Forschungs- und Schulprojekten.

Als Botschafter und Beirat ist er für die „Deutsche Krebshilfe“, die „Deutsche Bahn Stiftung“, „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“, die Mehrgenerationenhäuser und „Phineo“ tätig.

Mehr über Eckart von Hirschhausen unter www.hirschhausen.com