Vom Umgang mit Psychopharmaka

2017 04 Unglueck1Das folgende Buch empfehle ich Ihnen wärmstens: „Unglück auf Rezept – die Anti-Depressiva-Lüge und ihre Folgen“. Dr. Peter und Sabine Ansari haben über zehn Jahre lang auf diesem Gebiet geforscht und sind zu ganz erstaunlichen Ergebnissen gekommen. Grundüberzeugungen zum Thema Psychopharmaka, die in unserer Gesellschaft ihren lang angestammten Platz haben, werden gründlich infrage gestellt und teilweise widerlegt. Dazu wurden sämtliche verfügbaren Studien zu diesem Thema unter die Lupe genommen.

Die Resultate ihrer akribischen Recherche sind erschütternd und bahnbrechend zugleich – widerlegen sie doch unsere tief verwurzelten Annahmen über die Psychopharmaka. Laut Ansari belegen Studien eindeutig, dass die Wirkung von Psychopharmaka in den meisten Fällen auf dem Placeboeffekt beruhen.

Des Weiteren wird im Kapitel die „Serotoninlüge“ aufgedeckt, dass es im Gehirn von Depressiven kein biochemisches Ungleichgewicht gibt, das es ins Gleichgewicht zu bringen gilt. Laut Ansari beseitigen Antidepressiva weder eine Depression noch senken sie die Suizidrate.

Zudem wird an verschiedenen Fallstudien deutlich gemacht, zu welch erheblichen psychischen Ausnahmezuständen es im Rahmen des Absetzsyndroms kommen kann. Diese Tatsache wird allerdings in weiten Teilen der Fachwelt allzu oft negiert. Hält sich doch hartnäckig die Meinung, Antidepressiva machten nicht abhängig. Demzufolge werden Entzugsprobleme fälschlicherweise als Rezidiv deklariert.

All diese Aussagen werden in sechs Kapiteln eindrucksvoll belegt. Wie ist es dann aber möglich, dass sich trotz dieses Kenntnisstands nichts an der Verschreibungspraxis geändert hat?

Laut Ansari werden Antidepressiva nicht wegen ihrer guten Wirkungsweise verschreiben, sondern weil die Pharmaindustrie seit Einführung der neueren Substanzen (SSRI) Anfang der 1990er-Jahre diese Medikamente mit massiven Marketingmaßnahmen, manipulierten Studien und der „Gehirnwäsche einer ganzen Generation von Psychiatern“ (Professor Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen im Vorwort) auf den Markt gedrückt hat, um Milliardenumsätze generieren zu können.

Dieses Buch kam genau zum richtigen Zeitpunkt! Lange schon scheint mir die gängige Praxis, nach einem zehnminütigen Erstgespräch beim Psychiater oder Neurologen mit nichts als einem Rezept ausgestattet wieder von dannen zu ziehen, als unangemessen – ja, fahrlässig. Auf diese Weise hat sich die Zahl derer, die zu Psychopharmaka greifen, in den letzten 25 Jahren in Deutschland drastisch erhöht: von 570 000 im Jahr 1991 auf aktuell 4 000 000 Menschen.

In mir keimt die Frage auf, warum, vorausgesetzt, die Psychopharmaka stellen ein effektives Heilmittel dar, die Anzahl der Leidenden nicht mit der massiv ansteigenden Psychopharmakagabe sinkt? Dieser Fragestellung spüre ich nach – sensibilisiert durch ein sehr persönliches Erleben aus meiner Praxis:

Die Geschichte einer 87-jährigen Frau, die seit 40 Jahren hoch dosiert Psychopharmaka einnahm. Grund war eine ehemals diagnostizierte Major Depression. Während all der Jahre wurde ihre persönliche Leidensgeschichte nie näher betrachtet – im Sinne eines nachhaltigen Prozesses, der zum besseren Selbstverständnis und im weiteren Verlauf zu mehr Selbstwirksamkeit und hilfreichen Coping-Strategien hätte führen können.

Stattdessen bestand die Hilfe ihrer Neurologin im Ausstellen von Rezepten mit den immer selben Mitteln. Und mit zunehmendem Alter eine weitere Diagnosestellung, die „Alzheimer-Demenz“ lautete. Die alte Dame dissimilierte zunächst über einen längeren Zeitraum. Hatte sie doch ihr halbes Leben schon unter der Stigmatisierung ihrer depressiven Erkrankung gelitten. Am Ende jedoch konnte sie die Anzeichen nicht länger verbergen und berichtete ihren Töchtern davon, die sich in der Folge um sie kümmerten. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem die Patientin schwer verunglückte und mit einem Halswirbelbruch in die Klinik kam.

Was zunächst wie ein Fluch schien, entpuppte sich als Segen. Nach Absetzen der Medikamente auf der Intensivstation und einem leider höchst unerfreulichen Absetzsyndrom stellten die Ärzte und Psychologen der Klinik nach intensiven Tests fest: Die Patientin litt nicht an einem demenziellen Syndrom, sondern an den Nebenwirkungen der Psychopharmaka!

Dieser Fall macht deutlich, wie massiv sich die Nebenwirkungen der Psychopharmaka darstellen können. In diesem Sinne ist es mir ein tief empfundenes Anliegen, Sie einzuladen, sich über den aktuellen Forschungsstand der Psychopharmakologie zu informieren. Denn auch, wenn es reizvoll erscheinen mag, dem persönlichen Leid allein durch das Nehmen einer Pille ein Ende zu bereiten, hat dieses weitverbreitete Konzept der Symptomsuppression doch nichts mit einer Heilung im eigentlichen Sinne zu tun.

Wäre es nicht ein nachhaltigeres Konzept, der persönlichen Geschichte und der Umgebung jedes einzelnen einzigartigen Patienten mehr Aufmerksamkeit zu schenken?

Als die Psychiatrie aufhörte, sich genau dafür zu interessieren, und glaubte, anhand von objektiven Kriterien eine psychische Erkrankung diagnostizieren zu können, entstand durch diese veränderte Auffassung eine inflationäre Diagnoseverteilung.

Früher wurden traurige Menschen getröstet, heute versucht man das Leid durch Medikamente zu bekämpfen. Es gibt allerdings kein Medikament, das uns vor leidvollen Erfahrungen schützt!

Mit nachdenklichen Grüßen!

Beate KohlmeyerBeate Kohlmeyer
Heilpraktikerin für Psychotherapie,
zertifizierte Psychologische Beraterin, Hannover
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