Hochsensible Kinder in der Familie - Teil 2

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Geschwister

Es scheint eher die Regel als die Ausnahme zu sein, dass in Familien mit mehreren Kindern einige hochsensibel sind und einige nicht. Aus dieser Konstellation können sich zusätzliche Schwierigkeiten im Zusammenleben ergeben. Und auch wenn alle Kinder in einer Familie hochsensibel sind, so unterscheiden sie sich doch im jeweiligen Temperament und in der Ausprägung ihrer Hochsensibilität. (Wir erinnern uns: den Hochsensiblen gibt es nicht.)

Hochsensible Kinder kommen im Allgemeinen mit ihren Geschwistern gut zurecht, wozu auch ihr ausgeprägtes Harmoniestreben beiträgt. Problemfelder, wie Eifersüchteleien auf nachfolgende Geschwister, sind weniger häufig. Hochsensible Kinder neigen eher dazu, sich fürsorglich um ein nachfolgendes Geschwisterchen zu kümmern.

Wenn es Konflikte zwischen hochsensiblen und nicht hochsensiblen Geschwistern gibt, dann oft deshalb weil die Eigenschaften und Temperamente in der Familie nicht gleichermaßen gewürdigt werden oder weil der hochsensible oder der nicht hochsensible Anteil eine Bevorzugung erfährt. Obwohl Eltern sich normalerweise bemühen, keines der Kinder zu bevorzugen, bleibt es nicht aus, dass sie persönlich eine Vorliebe für ein bestimmtes Temperament haben. Eltern sollten hochsensible und nicht hochsensible Kinder nicht zwingen, etwas zusammen zu unternehmen, nicht zuletzt auch deshalb, weil Hochsensible im Allgemeinen viel Raum für sich selbst brauchen. Es ist jedoch wichtig, einen toleranten und höflichen Umgang miteinander zu etablieren.

Dazu gehört auch, ihnen Konfliktlösetaktiken zu vermitteln mit Richtlinien wie

  • sich gegenseitig zuhören,
  • sich ausreden lassen,
  • Auszeiten hochsensibler Kinder erkennen,
  • kreative, faire Kompromisse finden, die die Kinder möglichst selbst entwickeln sollten,
  • als Erwachsene auf die Einhaltung dieser Regeln achten.

Elterliche Unterstützung in den verschiedenen Lebensphasen

In den jeweiligen Lebensphasen eines hochsensiblen Kindes können Eltern verschiedene Arten der Unterstützung geben. (Die Pubertät habe ich dabei ausgeklammert. Die wäre ein eigenes Thema.)

Babyalter

Wie schon erwähnt, reagieren hochsensible Babys auf jede noch so geringe Veränderung und richten eine verstärkte Aufmerksamkeit auf alles, was in ihrer Umgebung vor sich geht. Darüber hinaus reagieren sie viel stärker als nicht hochsensible Babys auf die Stimmungen ihrer Bezugspersonen.

Wichtig ist deshalb, ein möglichst ruhiges Umfeld zu schaffen und das Baby nicht durch ständige Stimulation zu überfordern. Dazu gehört z. B., Geräusche in der Umgebung zu reduzieren und feste Alltagsabläufe zu schaffen, die dem Baby gefallen und auf die es sich verlassen kann. Vor allem die Zeit vor dem Schlafen sollte möglichst ruhig gestaltet werden.

Kleinkind und Vorschulalter

fotolia©andriano_czIn diesem Alter sehen sich Kinder vor neue Aufgaben und Herausforderungen gestellt, die Anpassung verlangen und das Entwickeln neuer Strategien. Veränderungen sind für hochsensible Kinder oft besonders problematisch, da im Übermaß neue Eindrücke auf sie einstürmen. Man sollte aber darauf vertrauen, dass sie damit zurechtkommen und sie auf ihre Art meistern. Entwickeln Sie mit Ihrem Kind individuelle Problemlösestrategien und überlassen Sie es ihm, zu entscheiden, wann welche Veränderungen eintreten. Ermuntern Sie Ihr Kind, Neues auszuprobieren, und bemühen Sie sich, eine ausgewogene Balance zwischen Schutz und Ermutigung zu finden. Wichtig ist es, einfach da zu sein und Übergänge, z. B. in die Kita, vorzubereiten und zu begleiten. Die Angst vor den neuen sozialen Situationen kann dadurch reduziert werden, dass man dem Kind das Szenario vorher erklärt, es langsam heranführt und den Gefühlen und Gedanken des Kindes viel Aufmerksamkeit schenkt. Eventuell können geeignete Freunde oder ein anderes Kind dabei helfen.

Auch in dieser Phase ist es wichtig, sich wiederholende Abläufe zu schaffen, die dem hochsensiblen Kind Sicherheit bieten. Ein wichtiger Aspekt ist, den Grad der Erregung eines hochsensiblen Kindes richtig einzuschätzen, zu registrieren, wann das Kind eine Auszeit braucht, und Reizquellen wie „zeitgemäße“ mediale Ablenkungen (Fernsehen, Computerspiele etc.) von vornherein auszuschalten oder zu reduzieren. Keine leichte Aufgabe in der heutigen Zeit!

Zudem sollten die grundlegenden natürlichen Bedürfnisse stärker berücksichtigt werden. Das bedeutet ausreichend Schlaf, körperliche Aktivitäten als Ausgleich und eine gesunde Ernährung. Hunger z. B. kann bei hochsensiblen Kindern schon zu einer Überreizungsreaktion, Unlust und Konzentrationsproblemen führen – wie bei erwachsenen Hochsensiblen übrigens auch.

Schulalter

Zu diesem Zeitpunkt sind hochsensible Kinder schon besser in der Lage, ihre Affekte selbst zu regulieren. Trotzdem brauchen sie in dieser Phase vermehrt Unterstützung, um den Übergang in die Schule und damit weiter hinaus in die Welt zu bewältigen. Vorbereitung auf die Schulsituation, ein geordnetes, geregeltes und ruhiges Umfeld sowie aufmerksames Zuhören sind in dieser Phase wichtiger denn je.

Empfindliche Themen sind Kritik und Strafe. Hochsensible Kinder sind von sich aus schon sehr motiviert, sich „richtig“ zu verhalten. Sie haben den vielen Hochsensiblen innewohnenden Hang einerseits zu höheren Idealen als auch zur Perfektion und Vervollkommnung der eigenen Person. Strenge Kritik und Strafen sind also unangemessen. Verhaltensänderungen sind eher durch ein aufmerksames, einfühlendes Gespräch zu erreichen. Trotzdem müssen natürlich Grenzen gesetzt und eingehalten werden.

Hochsensible Kinder fallen im Allgemeinen in der Schule selten durch schwerwiegende Verhaltensprobleme auf. Die Schulsituation ist für sie durch die vielen Menschen und langen Unterrichtsstunden jedoch anstrengender als für nicht hochsensible Kinder. Zusätzlich werden sie von anderen durch ihre Zurückhaltung und ihre ganz eigene Art der Kommunikation oft als „komisch“ wahrgenommen, was manchmal bis hin zur Ausgrenzung und zu Mobbing führen kann. In dieser Situation reicht hochsensiblen Kindern aber schon ein einziger guter Freund/ eine einzige gute Freundin, um das Ganze auszugleichen.

Für Eltern kann es vorteilhaft sein, sich sensible Lehrer oder Betreuer als Verbündete zu suchen. Insgesamt sollten sie sich in den sozialen Prozess aber nicht zu sehr einmischen. (Denken Sie an das In-Watte-Packen …)

Ein besonderes Problem ergibt sich dann, wenn Eltern angehalten werden, wegen des Andersseins ihres Kindes psychologische Beratung hinzuzuziehen. Dabei kann es passieren, dass hochsensible Kinder in Schubladen gesteckt werden, in die sie gar nicht gehören, weil das Thema Hochsensibilität nach wie vor zu wenig bekannt ist und ihr Verhalten nicht richtig zugeordnet wird. Das reicht von der Diagnose „Depression“ bis hin zu „Asperger“ und „AD(H)S“.

Zu den beiden Letzteren eine kurze Anmerkung. Auf das Sichzurückziehen der hochsensiblen Kinder sind wir ja schon eingegangen. Sie spielen auch gerne mal für sich allein und haben manchmal „ausgefallene“ Hobbys und Themen, mit denen sie sich intensiv beschäftigen. Das allein reicht oft schon aus, um den Verdacht einer autistischen Störung nahezulegen. Tatsache ist aber, dass im Gegensatz zu Kindern mit autistischen Störungen hochsensible Kinder sehr wohl den Kontakt zu anderen Menschen suchen und sich nicht prinzipiell abschotten. Auch haben sie normalerweise keine motorischen Probleme und sie sind mit einer ausgeprägten Fantasie gesegnet. Alles Kriterien, die Hochsensibilität von Asperger abgrenzen.

Ähnlich verhält es sich mit AD(H)S. Ich hatte schon erwähnt, dass hochsensible Kinder zu unterschiedlichsten Bewältigungsstrategien neigen, wenn sie überreizt sind. Rückzug ist eine davon, Zappeligkeit, Ablenkbarkeit und Aggressionsausbrüche können andere sein. Deshalb sind sie immer in Gefahr, diagnostisch in die Schublade „AD(H)S“ gesteckt zu werden. Im Unterschied zu AD(H)S-Kindern können sich hochsensible Kinder aber nach einer Ablenkung wieder gut auf anstehende Themen fokussieren und sich z. B. bei den Hausaufgaben gut konzentrieren, wenn sie ein ruhiges Umfeld haben. Vorsicht bei Diagnosen ist also geboten!

Wie man mit Kindern über Hochsensibilität spricht

Am wichtigsten ist es, über diese besondere Begabung zu sprechen und sie nicht zu ignorieren. Ein hochsensibles Kind merkt aufgrund seiner sozialen Antennen ganz schnell, dass es anders ist. Deshalb gibt es einige Tipps, wie man mit hochsensiblen Kindern darüber spricht:

  • Es ist günstig, das Thema in kleine Häppchen einzuteilen und altersgerecht darüber zu sprechen.
  • Weisen Sie darauf hin, dass es auch andere Hochsensible gibt – immerhin sind es 15 bis 20 % der Bevölkerung.
  • Bei der Lösung von Problemen sollten Sie sich auf die Lösung der speziellen Probleme konzentrieren und nicht auf den Wesenszug.
  • Die Hochsensibilität sollte nicht als Begründung bei Versagen oder Misserfolgen herhalten müssen – und auch nicht als Waffe bei Konflikten.
  • Heben Sie immer wieder Situationen hervor, wo die Hochsensibilität von Vorteil war. So entwickelt ein hochsensibles Kind einen gesunden Selbstwert.
  • Und nicht zuletzt sollte man beim Gespräch mit anderen darauf achten, was das Gegenüber zu dem Thema sagt, und entsprechend mit Äußerungen über Hochsensibilität reagieren. Wie gesagt – es ist ein Thema, das nach wie vor zu wenig bekannt ist!

Es gäbe zu diesem Thema noch vieles zu sagen, was aber den Rahmen des Artikels sprengen würde.

Hoffentlich konnte ich Sie etwas neugierig machen!

Die folgende Literatur möchte Ihnen ans Herz legen, wenn Sie sich weitergehend mit dem Thema beschäftigen wollen.

Literatur

  • Aron, Elaine N.: Sind Sie hochsensibel?. mvg Verlag, 2013 – Grundlagenbuch zum Thema
  • Aron, Elaine N.: Das hochsensible Kind. mvg Verlag, 2008
  • Sellin, Rolf: Mein Kind ist hochsensibel – was tun?. Kösel, 2015

Sonstige Kontakte

Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität e. V. (IFHS)
www.hochsensibel.org

Silke HelbichSilke Helbich
Psychologische Beraterin (VFP), Systemische Coachin, NLP-Masterin (DVNLP), Konfliktlotsin

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