Ab in die Klinik – der etwas andere Urlaub

2017 02 Klinik2Bericht über eine Hospitation: Valere psychosomatische Privatklinik im Südschwarzwald, 19. bis 26. Januar 2017.

Erschöpfende Anreise, ja, so kann ich das nennen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich als Hospitantin oder vielleicht doch besser gleich als Patientin anmelden soll.

Den Klinikleiter und Chefarzt Walter Hofmann hatte ich bei einer Fortbildung kennengelernt. Ich erfuhr, dass er eine Privatklinik eröffnet und dort eine Kurzzeittherapie von 12 Tagen anbietet. Ich wurde sehr neugierig. Denn genau das wäre manchmal eine Chance für meine Patienten, die dringend eine stationäre „Auszeit“ benötigen, sich aber scheuen, für mehrere Wochen aus dem Arbeitsprozess auszusteigen oder die Familie allein zu lassen.

Nach kurzem Überlegen nehme ich das Angebot an, dort zu hospitieren und mir dieses Therapiekonzept genauer anzuschauen. Selbst leide ich inzwischen auch an Überlastung und den ersten Stressfolgestörungen. Eigentlich ist das genau das Richtige, denn ich kann mir auch nicht vorstellen, mal mehrere Wochen meine Praxis zu schließen, flachzuliegen und mich in einer Klinik wieder aufpäppeln zu lassen.

Dies würde bei einer Selbstständigkeit Verdienstausfall bedeuten und ich müsste zudem noch alle familiären Verpflichtungen organisieren. Somit bin ich in einer Doppelrolle unterwegs: Ich fühle mich wie eine Patientin und bin gleichzeitig eine neugierige und gespannte Therapie-Hospitantin.

Als ich vor dem Eingang des mitten in der Natur stehenden Hauses aus dem Taxi steige, werde ich gleich mit einer Umarmung von Walter Hofmann, dem Chefarzt, ganz herzlich empfangen. Daneben steht Helga, die Leiterin der Hauswirtschaft, mit einem strahlenden Lächeln. Sie nimmt mich an die Hand und meint: „Ich zeige dir jetzt erst einmal dein Zimmer. Damit du einen Einblick in die Patientenaufnahme bekommst, führe ich dich genauso ein, wie ich es bei den Patienten auch tue. Dies ist dein Zimmer und es wird während des Aufenthalts deine Privatsphäre sein. Ich komme nur, wenn du ein Schild vor die Tür hängst oder mir sagst, dass du etwas brauchst.“

Diesen persönlichen und geschützten Raum lerne ich im Laufe der Woche noch sehr schätzen. Ein Rückzugsort während meiner bewegenden Tage hier.

2017 02 Klinik1Ein Herz liegt auf meinem Bett: „Schön, dass du da bist.“

Ein Buch und ein Stift liegen bereit, ein persönliches Fach im Therapieraum, eine mit meinem Namen beschriftete Trinkflasche, mein eigener Kopfhörer, um mir meine persönlichen Trancen aus den Hypnose-Einzelsitzungen nochmals anhören zu können.

Diese vielen kleinen Aufmerksamkeiten wirken auf mich sehr angenehm und ich fühle mich sofort wohl und willkommen.

Schon nach dem ersten Tag erlebe ich eine familiäre Atmosphäre, obwohl sich die Menschen erst seit ein paar Stunden kennen. Der wertschätzende Umgang im Therapeutenteam und gegenüber dem Personal überträgt sich auf die gesamte Gruppe. Wie eine Crew starten alle gemeinsam in den Tag. Schon um 7 Uhr treffen wir uns zur morgendlichen Bewegungseinheit: Patienten und Therapeuten walken miteinander, meditieren, tanzen oder bewegen sich beim Indoor-Training zusammen. Das sportliche Bewegungsangebot wird ganz der individuellen Leistung angepasst.

Die gemeinsamen Mahlzeiten der Patienten und Therapeuten finden an einer großen schön gedeckten Tafel statt, natürlich gibt es auch ein Buffet. Das Engagement des Hauswirtschafts- und Küchenteams ist täglich spürbar. Hochwertige Lebensmittel aus der Region und mit viel Liebe zubereitete Vollwertgerichte sind eine Selbstverständlichkeit. Ich spüre, dass hier der Gast König ist, und so fühle ich mich auch. Es entsteht ein Wirgefühl auf Augenhöhe, bei dem sich sehr schnell eine große Offenheit und Vertrauen entwickeln.

Die Gruppe trägt dadurch schon nach kürzester Zeit auch sehr intensive therapeutische Prozesse jedes Einzelnen mit. Es wird viel gearbeitet, geweint, sich gegenseitig unterstützt und auch gelacht, gesungen und musiziert. Meine Befürchtung hat sich in Luft aufgelöst, dass ein Therapiekonzept mit so intensiver Arbeit, sprich täglich ein bis zwei Einzelsitzungen und von morgens 9 Uhr bis abends 20.30 Uhr Gruppenarbeit, die Patienten überfordern könnte. Dazu trägt sicher dieser sehr geschützte, liebevolle Rahmen bei und auch die Haltung der Therapeuten. Niemandem wird etwas aufgezwungen, der Patient bleibt eigenverantwortlich und steuert selbst die Intensität.

Das Therapiekonzept der Klinik ist schulenübergreifend und multimodal. Es kommen die verschiedensten Therapiemethoden zum Einsatz. Neben der klassischen Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie arbeiten die Therapeuten zusätzlich mit Hypnosetherapie, Gestaltarbeit, körperorientierten Methoden, systemischer Therapie, Verfahren der Ego-State-Therapie, Psychodrama, EMDR und vielem mehr. Dieser Therapieprozess schließt sowohl bewährte als auch neue Verfahren mit ein, die je nach Patient ganz individuell abgestimmt werden.

Ich will gerade schon wieder den Begriff „Patient“ schreiben, merke aber, dass diese Beschreibung eigentlich gar nicht wirklich passt. Hier werden die Menschen mit ihrer Persönlichkeit und ihren Stärken gesehen, nicht mit der Krankheit und dem Defizit. Belastende Symptome und Beschwerden werden sehr ernst genommen, aber immer mit dem Blick darauf, wie sie heilen und vor allem wie die eigenen Selbstheilungskräfte geweckt werden können.

Besonders beeindruckt mich die Entwicklung eines Patienten mit zeitweisem dissoziativen Stupor und psychogenen Bewegungsstörungen. Die Symptomatik trat nach einem Einbruch in seinem Haus auf, und dieser führte wahrscheinlich zu einer Retraumatisierung einer Misshandlung in der Kindheit. Schon nach wenigen Tagen erlebe ich diesen anfangs sehr unsicheren Mann in einer neuen kraftvollen Ausstrahlung und sicheren aufrechten Haltung. Die Symptome sind verschwunden, was ihn wieder in Stabilität bringt. Ich hätte nie gedacht, dass dies in so kurzer Zeit möglich ist.

Bei den Teamsitzungen am Abend findet ein intensiver Austausch statt. Dadurch ist gewährleistet, dass die Patienten auch bei drei verschiedenen Therapeuten in ihrem persönlichen Prozess bleiben können, ohne immer wieder alles in jeder Einzel- oder Gruppensitzung neu erzählen zu müssen. Sie haben die Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit auf ganz unterschiedliche Art und Weise und mit verschiedenen Therapeuten-Persönlichkeiten an ihre Thematik herangehen zu können.

Vorbereitung auf die Zeit danach

Schon fünf Tage vor der Abreise ist morgens an der großen Metaplantafel das Thema „Rückfallprophylaxe“ für die Gruppenarbeit angeschrieben. Hier in diesem geschützten Rahmen ist es einfach, in die Verhaltensänderung zu gehen. Die Entwicklungsschritte sind deutlich bei jedem Einzelnen zu erkennen und zu spüren, egal mit welchem Thema er gekommen ist, ob mit Burnout, Ängsten, krank machenden beruflichen oder privaten Beziehungskonflikten, Depression oder einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Nach einem kurze Warm-up in der Gruppe sollen wir unser Buch zur Hand nehmen und uns folgende Fragen notieren: Was müssen andere tun oder sagen, damit ich wieder in mein altes Verhaltensmuster falle und z. B. hochgehe wie eine Rakete, meine Grenze nicht stecke oder in eine depressive Stimmung verfalle, nicht mehr schlafen kann usw.? Nach kurzem Überlegen fällt mir da gleich so einiges ein. Auch die Frage: „Was muss ich selbst tun oder denken, um wieder in meine schwierige und belastende Situation zu geraten?“, beschäftigt mich.

Jetzt wird mir klar, weshalb schon so früh mit der Vorbereitung auf die Zeit danach begonnen wird. Denn nun ist noch genügend Raum da, genau diese persönlichen Fallen auszuhebeln, um nicht nach kürzester Zeit wieder am gleichen Punkt zu stehen wie vor dem Klinikaufenthalt.

Unser Gesundheitssystem täte gut daran, solch ein innovatives Therapiekonzept zu unterstützen. Aber da laufen die Mühlen leider sehr schleppend. Es ist nicht nur für die Patienten eine große Zeitersparnis, sondern wäre auch für Krankenkassen eine enorme Kostenreduzierung. Allerdings scheinen hier die Verhandlungen noch etwas schwierig zu sein und nicht alle privaten Krankenkassen übernehmen die Kosten. Der zuständige Verband der privaten Krankenversicherungen mauert, mit der Begründung, es stünden keine ausreichenden diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten zur Verfügung.

Das stimmt bei den erzielten Ergebnissen ganz offensichtlich nicht, denn andere Kliniken, die diese Mittel angeblich besitzen, weisen im statistischen Durchschnitt eine Verweildauer von über 40 Tagen auf für ähnliche Behandlungen. Diese Begründung erscheint also wenig plausibel.

Trotz der bürokratischen Hürden sind die Klienten überzeugt und begeistert von der schnellen Hilfe und der Unterstützung, die sie hier bekommen.

Eine Patientin erzählt mir, dass sie schon zum zweiten Mal hier ist. Im ersten Modul habe sie die belastenden Konflikte mit ihrer Mutter bearbeitet. Und dieses Mal möchte sie die Muster ihrer immer wiederkehrenden schwierigen Paarbeziehungen bearbeiten. Sie bezahlt den Aufenthalt selbst und es sei ihr Urlaub. Zwei Wochen auf die Malediven zu fliegen, würde sie genauso viel kosten, aber die Erholung sei dann nur von kurzer Dauer. Der Urlaub in der Valere Klinik sei kein Strandurlaub in der Hängematte, sondern ein Trecking durchs abenteuerliche eigene Seelenleben, und sie komme gestärkt mit einem Rucksack voller Erfahrungen und Hilfsmittel für das weitere Leben wieder nach Hause.

Um die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit wissenschaftlich zu belegen, läuft eine Studie mit der Universität Ulm, bei der die anerkannten Testverfahren GAF (Globale Erfassung des Funktionsniveaus) und ISR (ICD-10-Symptom-Rating) zum Einsatz kommen. Die Patienten werden zu Beginn und am Ende ihres Klinikaufenthalts nach ihrem Befinden befragt, außerdem nach drei und sechs Monaten nochmals von der Klinik angeschrieben.

Um eine fundierte Aussage treffen zu können, wird eine Vielzahl von langfristigen Daten benötigt, die bisher noch nicht vorliegen, weil die Klinik erst vor einem guten Jahr eröffnet wurde. Da müssen wir leider noch etwas warten. Ich bin überzeugt, dass die Wirksamkeit und die Nachhaltigkeit positiv ausfallen werden.

Die Zeit in der Valere Klinik wird bei mir noch lange nachwirken und ich nehme für mich persönlich und meine Arbeit in meiner Praxis viele Anregungen mit. Trotz der langen Tage, der vielen Erlebnisse und Eindrücke fühle ich mich erholt und wieder voller Kraft.

2017 02 Klinik3Fahre ich nun als Hospitantin oder therapierte Patientin wieder heim? Diese Frage beschäftigt mich auf meinem Heimweg. Ich kann sie nicht beantworten und das ist auch egal.

Ich danke dem gesamten Team, den Therapeuten und dem wundervollen Hauswirtschaftsteam für die tolle Zeit in der Valere Klinik.

Sabine Mayer-BolteSabine Mayer-Bolte
Heilpraktikerin für Psychotherapie, InBalance – Praxis für emotionale Gesundheit, Biberach

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Fotos: fotolia©snyGGG