Beziehungen brauchen Grenzen

2017 02 Bezieh1„Du wirst ja wohl nicht weiterhin in der Art und Weise mit der Frau reden, die du unter allen anderen für dich ausgewählt hast, damit sie mit dir zusammen ist und dein Leben teilt – was ich übrigens sehr gerne tue. Aber bitte wähle einen anderen Tonfall. Denn so, wie du das gerade zu mir gesagt hast, war das sehr kränkend für mich.“ Worauf der Mann – etwas verdutzt – (und zu unserem Erstaunen) meinte: „Stimmt, in dem Ton sollte ich wirklich nicht mit dir reden. Ich versuch’s noch mal anders.“

Grenze gesetzt. Grenze gewahrt. Leider haben viele Menschen – Frauen wie Männer – wenig Talent, Grenzen so zu setzen, dass der Gesprächspartner sie akzeptieren, verstehen und wahren kann.

In unsere Praxis kommen immer wieder Paare zum Beziehungscoaching mit einer auffallenden Paarkombination an „Persönlichkeitsstrickmustern“. Da ist z. B. SIE (und auch ER) scheinbar vorwiegend aus den drei emotionalen Fäden der Zugänglichkeit, Herzlichkeit und Empathie gestrickt. Damit fällt es ihnen superleicht, mit Menschen Freundschaften zu schließen – auch mit denen von der Sorte „eher unangenehm“. Aber gerade die fühlen sich durch das beeindruckende Einfühlungsvermögen und das entgegengebrachte Verständnis fast magisch angezogen. Und so wird auch schon mal „Strandgut“ mit nach Hause gebracht – sehr zum Unbehagen der anderen Mitbewohner oder Nachbarn. „Ist ja nur für ein paar Tage.“ Grundsätzlich positiv gepolt, suchen solche Personen stets das Gute im Menschen und werden schnell fündig. Zudem sind sie ausgesprochen gute Zuhörer und zwischenmenschliche Probleme lösen, das können sie obendrein. Bloß die eigenen nicht. Da sind sie nämlich zu tolerant und zu geduldig. Und wenn sie dann doch mal etwas stört, dann sagen sie es meist so indirekt, dass der andere gar nicht recht versteht, was er jetzt eigentlich anders machen soll. Offene Kritik ist bei ihnen verpönt, weil sie das als persönlichen Angriff (miss-)verstehen. Das geht gar nicht!

Zugängliche und andere Persönlichkeitstypen

2017 02 Bezieh2Nicht selten findet sich solch ein Personentyp im Stadium ernsthafter Überforderung bei uns ein. Alle wollen etwas von ihm. Menschen sind ihm wichtig, die lässt man nicht hängen ... „Aber ich kann nicht mehr, mir geht die Puste aus, es wird mir zu viel, mir reicht’s.“ So klingt Zugänglichkeit ohne Grenzziehung. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Wer nicht Nein sagen kann, muss oft eine Suppe auslöffeln, die nicht er, sondern andere ihm eingebrockt haben.

Wenn nun so jemand mit einem Partner (immer m/w) zusammenkommt, der mit einem ganz anderen emotionalen Strickfaden gewebt worden ist, z. B. dem der Eigenständigkeit und ICH-Stärke, dann kann es durchaus sein, dass man (immer m/w) Worte wie diese zu hören bekommt: „Stell dich nicht so an, sei doch froh, dass dich alle mögen.“ Klingt ein wenig herzlos, kalt und grob, oder? Aber ganz oft laufen einem genau solche Typen zu wie ein ausgesetzter Hund: „Was bist du denn für einer? Was für ein süßes, kleines, goldiges Kerlchen! Zu wem gehörst du denn? Zu niemandem? Na dann nehm ich dich fürs Erste mal mit.“

Oder nehmen wir an, ein anderer Partner sei mit der „Persönlichkeitswolle“ der Richtigkeit gestrickt. Dem kann man es eh schon kaum recht machen. Und dann hört man ein grantiges: „Was willst du eigentlich von mir? Da bist du selbst schuld, wenn du nicht Nein sagen kannst.“ Der sachlichselbstdiszipliniert gewebte Mensch sagt vielleicht: „Tja, da musste jetzt durch.“ Was aber alle gemeinsam haben: Früher oder später kommt Frust auf. Weil man selbst ja „viel zu kurz“ kommt. Bei all den Ansprü- chen, die der Chef, die Kinder, die Verwandten, die Kirche und obendrein all die vielen neuen „Freunde“ haben. Und uns drängt sich manchmal der Verdacht auf, dass die einen womöglich gar keinen Partner abbekommen würden, wenn es die anderen nicht gäbe.

Zum Glück gibt es aber auch noch andere Typen, z. B. jene, bei denen sich alles um Zuwendung dreht, aber ihr eigenes Bedürfnis danach spielen sie herunter. Da kümmern sich dann beide ganz beherzt um andere – und bleiben selbst auf der Strecke. Oder solche, die gelernt haben, mit Spannungszuständen klarzukommen – bis der Faden reißt. Und dann kracht’s – aber gewaltig. Wieder andere lehnen Aggressionen komplett ab – das arme Paar! Das hat der anstürmenden Anspruchsflut gar nichts entgegenzusetzen und ihm bleibt dann nur die Flucht, meist jedoch in unterschiedliche Richtungen statt gemeinsam. Zum Glück gibt es noch die Entgegenkommenden: Mit so einem Partner kann man sich um die ganze Welt kümmern. Leider verliert man einander aus den Augen. Und mit den Menschen, die mit dem Faden der Beliebtheit gestrickt sind, können es alle so gut, dass Neid und Konkurrenz aufkommen – auch wieder nicht gut.

Ohne Abgrenzung gibt’s Emotionsbrei

Die Psychagogin Christa Meves beklagte schon vor Jahren, dass unsere Zeit an Maß- und Grenzenlosigkeit leide und der Mensch die Abwesenheit von Grenzen als Gleichgültigkeit und Nichtverwahrtsein erfährt – oder als Vereinnahmung und Eingemeindetwerden. Das gilt auch für die Liebe. Denn bei allem Eins-werden-Wollen geht es immer auch darum, dass jeder einzelne Partner er selbst ist und bleiben kann. In Beziehungen, in denen es an Grenzen fehlt, verliert man zwangsläufig den Bezug zu den eigenen Gefühlen und hält dann die Gefühle des anderen für die eigenen. Oder man verschließt sich und spürt gar nichts mehr.

In der Psychologie spricht man von Konfluenz. Zu beobachten ist das, wenn zwei Flüsse zusammenfließen, dann sieht man keine Grenze mehr zwischen ihnen, weil sich das Wasser vermischt. Als wir unseren Sohn in Florida besuchten, machten wir einen Tagestrip nach Key West und zurück nach Miami. Unter den insgesamt 42 Brücken traf das wärmere türkisblaue Wasser des Golfs von Mexiko auf das tiefblaue Wasser des kühleren Atlantiks und vermengte sich. Zu sagen, wo der Atlantik aufhört und der Golf anfängt, war unmöglich. In Paarbeziehungen heißt dieses Phänomen Verschmelzung (wie das Wachs zweier Kerzen, die nahe beieinanderstehen und schon lange brennen, ineinanderfließt). Irgendwann haben die Partner dann keine eigene Stimme mehr, keine eigene Meinung, keinen eigenen Stand; alles ist von den Emotionen des anderen durchdrungen und fließt in einen untrennbaren Emotionsbrei. Wenn der eine etwas will – meist mit fragendem Blick –, ist er schon von der Bestätigung und Zustimmung des anderen abhängig. Und wenn der nicht will, dann eben nicht – und der Frust wächst.

Wer nicht bei sich bleiben kann, lässt sich leicht vom anderen vereinnahmen und über sich verfügen. Ihm werden die Spielregeln diktiert. Das hat zwar den Vorteil, dass man sich so geschickt aus der Verantwortung stehlen kann. Aber der Nachteil ist: Man kann nicht mehr tun und lassen, was man von innen heraus für sich als stimmig verspürt.

Und das Ende vom Lied: Wer sich dauernd anpasst, verliert mit der Zeit die eigene Kontur, er verschwimmt und büßt sein Gefühl für sich selbst ein. In einer „grenzenlosen Liebe“ passiert es schnell, dass Autonomie, Individualität und Persönlichkeit auf der Strecke bleiben; aber kann dies das Ziel einer Partnerschaft sein?

Die Schweizer Psychologin Verena Kast spricht von einem Differenzierungsprozess, der die Entwicklung der individuellen Persönlichkeiten zum Ziel hat. Dabei geht es auch um ein Erkennen dessen, was vom anderen her in sich einströmt. Es geht um Abgrenzung, um ein angemessenes Verhältnis von Offenheit und Schutz, von Nähe und Distanz, von Grenzsetzung und Überbrückung der Grenzen (ein Thema, das die deutschen und europäischen Bürger nicht erst seit Einsetzen des Flüchtlingsstroms beschäftigt).

Ein Zuviel an Abgrenzung wirkt herzlos, ein Zuwenig erscheint als Schwäche. Zu viel lässt die Beziehung austrocknen und einfrieren, zu wenig führt zur „Verpappung“. Ein klammernder Partner (der Volksmund spricht von „Klette“) erstickt die Liebe, engt ein und macht überdrüssig. Echte Liebe braucht eine gewisse Unverfügbarkeit.

Dietrich Bonhoeffer hat es auf den Punkt gebracht: Wer nicht einsam leben kann, wird sich schwertun, gemeinsam zu leben. Und wer nicht in der Gemeinsamkeit leben kann, wird in der Einsamkeit eingehen. (Freie inhaltliche Zusammenfassung der Thesen seines Buchs „Gemeinsames Leben“.)

Grenzen ermöglichen Frieden

2017 02 Bezieh3„ICH werde am DU“, schrieb der Philosoph Martin Buber. Soll heißen: Ich finde mein wahres Selbst erst, wenn ich aus dem engen Ego ausbreche und mich auf den ganz anderen einlasse. Und nirgends begegnet einem das ganz andere intensiver als in einer sexuellen Liebesbeziehung. Damit eine solche Liebe gelingt, braucht es Grenzen: die eigenen und die des anderen. Ein anderes Wort dafür ist Einfriedung. Darum geht’s: Dass Friede sei. Demarkationslinien müssen nicht nur geachtet und respektiert, sondern sogar geliebt werden. Und damit verbunden ist zugleich, dass immer wieder neue Versuche unternommen werden, die Kluft zu überbrücken, die Hürden zu nehmen und die Zäune zu durchschreiten.

Besser leben und lieben, braucht klare Abgrenzungen. Aber das soll nicht heißen, dass sich ein Paar gegenseitig in die Enge drängt und beide dort stecken bleiben. Es meint viel mehr, dass sie nicht über ihre Verhältnisse leben, dass jeder sein inneres Maß zu bewahren und sich vor Überlastung zu schützen weiß. „Das geht mir zu weit“, ist ein durchaus legitimer Satz und sollte in einer guten Beziehung offen und ohne Bedrängnis ausgesprochen werden können.

In allen zwischenmenschlichen Beziehungen kommt es zu Interessenkonflikten. Das lässt sich nicht vermeiden. Denn wo man eng beisammen ist oder gar zusammenarbeitet, gibt es Kämpfe um individuelle Gestaltungs- und Entfaltungsräume. Und wo Verbindlichkeit gefordert ist, braucht es Freiräume. Wo man sich dauernd nahe ist, kann es vorkommen, dass man jemandem auch mal zu nahe tritt. Und wo man sich gar reibt, muss man auch mal auf Distanz gehen können, dazu braucht es Rückzugsmöglichkeiten. Sich schützen heißt aber nicht, gegenüber dem anderen unempfindlich oder gar pampig zu werden.

Was es braucht, ist eher eine große Klarheit und Konsequenz, gepaart mit innerer Ruhe und Gelassenheit, um nicht schroff und kühl rüberzukommen. Es geht darum, selbst zu bestimmen – und dem anderen klarzumachen –, was man in sich hineinlassen kann und will und wo man sich selbst besser hüten sollte und möchte, um sein eigenes Leben aufrechterhalten zu können.

Männer, so hört und liest man immer wieder, fühlen sich schnell verletzt und ziehen sich dann in ihre „Höhle“ zurück, um dort ihre Wunden zu lecken und den Schmerz abklingen zu lassen.

Frauen hingegen, so heißt es, wollen die Situation eher schnell durch Kommunikation klären. Denn sie wissen: Überbrückung geschieht durch die Stimme. Mit Sprechen kann man die Person auf der anderen Seite erreichen. Aber das gelingt nur, wenn man in guter Beziehung zum anderen steht – und das ist gerade dann oft nicht der Fall. Aufgeweichte und überrannte Grenzen oder gar Übergriffe verursachen meist tiefe Verletzungen. Denn man fühlt sich dann einfach nicht mehr sicher.

Machtkämpfe

Eigentlich ist eine Grenze ein Tabu, welches auf gar keinen Fall ohne ausdrückliche Einwilligung überschritten werden darf. Dennoch geschieht es. In langfristigen monogamen Liebesbeziehungen wie der Ehe kommt es sogar sehr häufig vor. Dann sind diese „Machtkämpfe“ zu beobachten. Dabei geht es meist um Dinge wie Einrichtung, Erziehung, Freizeitgestaltung, Urlaub etc. oder um belanglosere, wie was im Fernsehen geschaut wird. Aber immer geht es um Geltung: Was soll gelten? Oder besser: Wer soll gelten? Das wird dann am sonntäglichen „Tatort“, an der samstäglichen „Sportschau“ oder an den täglichen „Tagesthemen“ festgemacht. Wer bestimmt, der gilt. Der andere zwangsläufig nicht. So ist die Denkart.

Und dann und wann kribbelt es halt, dann juckt es: „Wollen wir doch mal sehen ...“ Es wird aufgerüstet am „Grenzposten Sportschau“. Geschütze werden in Stellung gebracht und los geht es mit gezielten Verbalsalven des Wortgeschwaders Mutter und Töchter: „Während der Papa immer bequem vor der Glotze sitzt, müssen wir wieder mal alles allein machen ...“

Wie das weitergeht und wie es ausgeht, können wir uns lebhaft ausmalen. Schließ- lich waren wir wahrscheinlich schon mal Zeuge eines solchen Gefechts: des Versuchs, Macht zu gewinnen. Denn genau darum geht’s. Die Grenzen sollen neu gezogen werden – aber ohne Verhandlungen. Sondern mit Druck! Das reizt zum Zorn.

Denn kaum eine Kraft ist stärker, wenn es darum geht, sich gegen Übergriffe zu verteidigen. Schließlich muss man sich ja vor der Entfremdung vom eigenen Selbst schützen. (Wir schreiben das mit einem Augenzwinkern ... aber wenn Sie sich das mal ein wenig auf der Zunge zergehen lassen, schmecken Sie womöglich den Charme der Wahrheit, der sich darin befindet.)

Fazit

Notorische „Grenzverletzer“ schließen sich durch ihr Verhalten langfristig selbst aus. Demut wäre angesagt: als Ja-Sagen zu den mir gesetzten Schranken. Ein gutes Gespür für Grenzabstände, für die richtige Nähe, für die Unversehrtheit der Person, für die Heiligkeit des emotionalen Bereiches (da, wo die Seele wohnt – oder gar der Geist Gottes) sowie der Respekt und die Fähigkeit, achtsam zu sein und rücksichtsvoll mit dem anderen umzugehen, ist unerlässlich für gute Beziehungen – nicht nur in der Partnerschaft.

In diesem Sinne verstehen wir Keuschheit als respektvolle Zurückhaltung an fremden Grenzen. Diese ist in der Liebe eine hochgeschätzte und willkommene Tugend.

Literatur

  • Schellenbaum, Peter: Das Nein in der Liebe. Abgrenzung und Hingabe in der erotischen Beziehung. dtv, ISBN 978-3-423-35023-5
  • Grün, Anselm & Robben, Ramona: Grenzen setzten – Grenzen achten. Herder, ISBN 978-3-451-05844-8

Herbert und Gisela RufferHerbert und Gisela Ruffer
Heilpraktiker für Psychotherapie mit Praxis in Landshut, Wochenend-Intensivtherapie für Einzelpersonen und Paare

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Fotos: fotolia©contrastwerkstatt