Neue Erfahrungsmöglichkeiten für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung

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„Ich lass mir etwas einfallen!“ Ich versuchte, meiner Stimme Zuversicht zu geben, dabei fiel mir gerade so gar nichts ein. Ein Pausenfüller sollte her, irgendetwas, das zwischen den Reden auf der Jubiläumsfeier unserer Einrichtung für geistig behinderte Erwachsene ein bisschen Schwung hereinbringen würde.

fotolia©eccoJeden Tag ab 9 Uhr nach dem Frühstück saßen die meisten wieder auf ihren angestammten Plätzen. Ich schaute in ihre Gesichter, in denen sich Erfahrungen eingegraben hatten. Im Hintergrund spielte ein melancholisches Lied im Radio. Die Körperhaltungen schienen die Musik zu spiegeln ...

Und so begann ich, eine einfache und bekannte Kindergeschichte aus unserer Bibliothek als Drehbuch umzuschreiben und passende Musik für die Handlungen auszuwählen. Die Rollen waren damit für mich klar, aber kann man eine Rolle wählen und spielen, wenn man nicht einmal genau weiß, wer man selber ist?

Es gab da natürlich auch die selbstbewusste Erika, rüstige 70 Jahre mit unverkennbarem rheinländischen Dialekt und flinken tippelnden Bewegungen. Sie schien schon vieles zu wissen, wollte gern für sich und andere entscheiden. Sie konnte fließend lesen, besuchte einen Sprechkurs, kochte, backte, engagierte sich im Beirat und in der Kirche oder strickte und trennte alles wieder auf.

Oder Hans, der seine Postkarten anschaute. Er wollte niemanden teilhaben lassen.

Hinter der offenen Tür auf einem winzigen Sessel versteckte sich Ruth. Sie schaute mich mit wachen Augen an, in denen der Schalk aufblitzte, wenn sie „ist recht, ist gleich“ murmelte. Wie passten diese Augen zu ihrer Antwort?

Ich wollte ihnen neue Erfahrungsmöglichkeiten bieten.

Eine Geschichte erfahrbar machen

2017 01 Vorhang3Es gibt die Lebhaften. Sie scheinen zu verstehen, sie erinnern Namen und Handlungen. Hilft das den Leisen? Sind sie nur zu leise oder sind sie verlangsamt?

  1. Versetzen wir uns an den Ort. Ich nahm die Oceandrum (Ozeantrommel) und ließ die Kugeln rollen. Jetzt sollten sie es übernehmen, laut, leise, schnell, langsam. Genug für einen Anfang, manche erkannten das Meer, manche wiederholten das Gehörte, manche hörten die Wiederholung, manche schauten fasziniert den rollenden Kugeln zu.

  2. Eine Woche später brachte ich eine Wasserschüssel, ein Glas und ein Tuch mit. Nasse Hände, trockenes Handtuch. Was passierte, wenn das Handtuch ins Wasser fiel? Die Erfahrung, dass ein Tuch im umgestülpten Glas unter Wasser trocken bleibt, grenzte an Zauberei. Was ist Luft? Wo ist Luft, wir machten Luftblasen mit Strohhalmen in der Wasserschüssel. Wir atmeten. Wir atmeten und hörten die Oceandrum, um uns herum war das Meer.

  3. In der nächsten Woche brachte ich rote glitzernde Tücher mit. Ich ließ sie herumgehen, ließ sie befühlen. Ich befestigte ein Tuchende an meinem Kopf und hielt das andere Ende in einer Hand. Ich begann, mich zum Klang der Oceandrum im Zimmer zu bewegen. Ich schwang gleichmäßig das Tuch, ich atmete. Irgendwo in einer Ecke des Meeres lebte ein Schwarm kleiner roter Fische ...

Es funktionierte! Ständige Wiederholungen gaben Sicherheit. Sie ließen sich ein. Sie schlüpften in eine von ihnen gewählte Rolle, in der sie fröhlich oder ängstlich sein durften und dies körperlich darstellen konnten. Die Musik mit ihren Stimmungen half ihnen dabei. Und am Ende war der Applaus eine völlig neue Erfahrung.

Wir gründeten eine Theatergruppe und knüpften an die vorangegangenen Wochen an. Wieder half mir die Musik, Stimmungen und Bewegungen bei den Darstellern zu erzeugen. Einige brauchten den Impuls der vertrauten Betreuerin. Viele schafften ihre neue Rolle alleine, kannten ihren Einsatz. Nun konnten Kulisse und Kostüme selber ausgesucht und gestaltet werden. Kleine Dialoge entstanden, nach einem halben Jahr konnte ein neues Stück im Haus aufgeführt werden.

Vorhang auf ... für Frederick!

Margit Sabine FritzscheMargit Sabine Fritzsche
Geprüfte Psychologische Beraterin (VFP), spezialisiert auf Kreativitätsförderung bei geistig behinderten Erwachsenen

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