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2016 04 Traum3Berufschancen für Psychologische Berater und Heilpraktiker für Psychotherapie Gespräch mit dem VFP-Präsidenten Dr. Werner Weishaupt

Seit Jahren steigt die Zahl der Psychologischen Berater und der Heilpraktiker für Psychotherapie: Der VFP verzeichnet aktuell knapp 10 000 Mitglieder. Gleichzeitig klagen laut Medienberichten immer mehr Menschen über psychische Probleme und kritisieren lange Wartezeiten bei kassenärztlich zugelassenen Fachleuten. Dreht die Gesellschaft langsam durch?

fotolia©Photographee.euDas wohl nicht, sagt Dr. Werner Weishaupt. Doch im Gegensatz zu früher sind die Menschen eher bereit, sich ihren psychischen Schwierigkeiten zu stellen. Ein Coaching in Anspruch zu nehmen, ist kein Makel mehr, sondern für viele ein selbstverständliches Mittel, um das berufliche Fortkommen zu fördern. Gleichzeitig wächst die Zahl derer, die Interesse haben, anderen Menschen in diesem Bereich fundiert zu helfen. Doch bietet der „Markt“ auch Nachwuchskräften langfristig eine Perspektive?

Unbedingt, ist Dr. Weishaupt überzeugt. Er sieht den „Markt“ differenziert: zum einen den Bereich Beratung/Coaching. Dort geht es meist um die Bewältigung aktueller Konflikte, um Probleme in Familie und Beruf, um Lebensplanung, Krisen oder Spannungen im System – sei es in der Familie, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz. „Dort zu unterstützen kann schon recht umfangreich werden, ohne dass es sich zu einer Therapie entwickelt“, sagt der VFP-Präsident.

In diesem Bereich des „Markts“ ist der Bedarf parallel zur wachsenden Bereitschaft, Hilfe und Unterstützung anzunehmen und auch aktiv zu suchen, enorm gestiegen. Ähnlich sieht es im zweiten Segment aus, in dem es um seelische Störungen und Beschwerden geht, einschließlich psychosomatischer Symptome. Sind diese Fälle schulmedizinisch abgeklärt und gibt es keinen organischen Befund, suchen sich Betroffene immer häufiger selbst Hilfe und sind – anders als frühere Generationen – weniger bereit, sich ihrem „Schicksal“ zu fügen.

Vergleicht man diese Situation mit der Zahl kompetenter Fachleute, zeigt sich, dass die Berufschancen für Psychologische Berater und Heilpraktiker für Psychotherapie ausgesprochen gut sind: „Es gibt – bundesweit! – etwa 5 500 ärztliche Psychotherapeuten, 15 000 psychologische Psychotherapeuten und rund 4 000 Kinder- und Jugendpsychotherapeuten mit Kassenzulassung.“ Die betreuen pro Jahr rund vier Millionen Patienten. Der Bedarf liegt laut Kassenärztlicher Vereinigung aber viermal höher; die KV spricht bei psychischen Problemen und Unterstützungsbedarf von einer „Volkskrankheit“. Entsprechend beträgt die durchschnittliche Wartezeit auf einen Therapieplatz stolze 80 Tage. Außerdem ist die Situation regional sehr unterschiedlich. Wer auf Zeit keinen Therapieplatz bekommt, greift gezwungenermaßen früher oder später zur Selbsthilfe – nicht selten mit üblen Folgen wie Drogen-, Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch.

Doch dass die Zahl von Fachleuten mit Kassensitz steigt, ist unwahrscheinlich – aus Kostengründen. Dabei bezahlen die Kassen ohnehin längst nicht alles, was Sinn machen würde: „Die Kosten für Familientherapie, Sexualtherapie, Paartherapie werden z. B. gar nicht erstattet“, sagt Dr. Weishaupt. „Das heißt, wer sich in diesem Bereich fachlich profiliert, hat beste Berufsperspektiven!“

Zu den bereits genannten kassenärztlich zugelassenen Fachleuten kommen weitere 18 000 Psychiater und Neurologen. Diese betreuen aber überwiegend Menschen mit massiven psychischen Erkrankungen: „Rund 30 % dieser Patienten leiden unter Persönlichkeits- und Belastungsstörungen. Weitere 17 % unter affektiven Psychosen, z. B. schweren Depressionen. 15 % sind schwer suchtkrank. 12 % haben eine schizophrene Störung.“ Mit anderen Worten: Auch die – mit bundesweit 18 000 ohnehin überschaubare – Zahl der Psychiater und Neurologen ist kaum geeignet, den Bedarf in der Breite der Bevölkerung zu decken. Von dem meist stark medikamentös ausgerichteten Behandlungsschwerpunkt ganz zu schweigen.

Was bleibt also Menschen mit vergleichsweise „üblichen“ neurotischen Beschwerden wie Angst- oder Panikstörungen, Erschöpfungsdepression, Zwängen, psychisch bedingten Schmerz- oder Funktionsstörungen, Liebeskummer und Sinnleere? „Wer Hilfe sucht und nicht ewig warten will oder kann, der geht zu einem Naturheilpraktiker oder sucht sich Unterstützung bei der wachsenden Gruppe der Heilpraktiker für Psychotherapie“, weiß der VFP-Präsident. „In Deutschland gibt es inzwischen rund 10 000 Heilpraktiker für Psychotherapie, die ganz überwiegend in der eigenen Praxis arbeiten und ein gutes Auskommen haben.“

Der Psychologische Berater oder die Heilpraktikerin für Psychotherapie ist also ganz klar ein Beruf mit Zukunft. Aber nicht unbedingt ein Selbstläufer. Dr. Weishaupt: „Viele Berufsanfänger sind erst mal offen für alles, wollen allen Menschen helfen, die ein Problem im Leben haben. Langfristig ist aber die zielgruppenorientierte Arbeit erfolgversprechender – auch mit Blick auf die Klienten.“ Diese Zielgruppenorientierung ist eine hochgradig individuelle Angelegenheit, so der Verbandspräsident: „Es gibt, wie gesagt, große regionale Unterschiede, was die Versorgung mit Fachleuten und Spezialisten angeht. Außerdem herrscht in bestimmten Bereichen allgemein ein besonderer Mangel, z. B. bei der Psychotherapie für Kinder und Jugendliche.“

Mancher sagt „Kinder liegen mir nicht so“, oder „Mit Kindern kann ich nicht arbeiten.“ Da muss Dr. Weishaupt lachen: „Das ist eine optische Täuschung! Wenn wir mit Erwachsenen arbeiten, haben wir mit den inneren Kindern der Erwachsenen Kontakt!“ Und: Obwohl kein ausgewiesener Kindertherapeut, hatte er selbst bis zu 40 % Kinder in seiner Praxis. „Wer mit Kindern arbeitet, arbeitet auch mit den Eltern. Häufig spiegeln die Kinder ja auch Störungen im System.“

Möglich und gegebenenfalls durchaus sinnvoll ist auch eine Spezialisierung auf bestimmte Methoden (z. B. Gestalttherapie, Kinesiologie, Arbeit mit Klangschalen, Entspannungstherapie). Wer mit einer oder wenigen Methoden besonders gut arbeiten kann, sollte eine solche Spezialisierung in Betracht ziehen, sagt Dr. Weishaupt – durchaus auch in Verbindung mit einer bestimmten Zielgruppe.

Interessant ist auch ein Blick auf „das, was es schon gibt“. Gemeint sind damit nicht nur Praxen von Kollegen: „Vielleicht gibt es im Ort eine Musikschule, aber keine Musiktherapie. Oder es gibt ein gern genutztes Freizeitangebot für Ältere, aber keine psychologische Unterstützung für Senioren.“

Was die Zielgruppenorientierung angeht, ist die Analyse des „Markts“ das eine, die Selbstreflexion das andere. „Es ist sehr sinnvoll, die eigene Biografie zu berücksichtigen.“ Denn: „Wer selbstbestimmte Erfahrungen gemacht, reflektiert und verarbeitet hat, verfügt über einen Kompetenzvorsprung jenseits der Ausbildung. Er oder sie weiß eben aus eigenem Erleben, wie sich ein Mensch fühlt, dem Ähnliches widerfährt. Da lässt sich leichter helfen und man findet einfacher einen Zugang zum Klienten.“ Dr. Weishaupt nennt „klassische“ Beispiele wie den alkoholkranken Vater, aber auch biografische Themen, die sich auf den ersten Blick vielleicht nicht als berufsrelevant darstellen: häufige Umzüge, ein Geschwister mit einer Behinderung, ein Zwilling.

Selbstreflexion bei der Frage der Praxisausrichtung geht aber auch in die andere Richtung: Neben dem, was man selbst mitbringt und wo besondere Interessen liegen („Begeisterung zieht andere an!“), sollten Berufseinsteiger auch darauf achten, was sie nicht wollen, mit welchen Themen sie sich nicht auseinandersetzen und welche Klienten sie lieber nicht in ihrer Praxis haben möchten. „Es bringt nichts, sich in diesem Bereich zu etwas zu zwingen, was einem nicht oder noch nicht liegt“, ist der VFP-Präsident überzeugt. „Die Arbeit macht unter solchen Umständen wenig Freude und der Erfolg der Arbeit wird leiden.“

Zuweilen entwickelt sich der berufliche Weg durch die Rücksichtnahme auf eigene Interessen auch anders als gedacht. Beispielsweise kann sich aus einem ursprünglich ehrenamtlichen Engagement neben der Praxistätigkeit eine Anstellung oder ein Honorarvertrag ergeben. „Man sollte“, so der VFP-Präsident, „grundsätzlich offen bleiben. Gerade auch mit Blick auf mögliche Kooperationen.“ Kooperationspartner könnten Volkshochschulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung sein, aber auch Unternehmen, bei denen das Thema „Mitarbeitergesundheit“ einen immer größeren Stellenwert einnimmt. Ebenfalls wichtig: Kontakte! Kontakte zu Kollegen, aber auch zu öffentlichen Einrichtungen und Beratungsstellen.

Die Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Karriere als Psychologischer Berater oder Heilpraktiker für Psychotherapie sind in Deutschland also günstig wie selten. Es braucht aber neben Fachkompetenz auch ein Mindestmaß an unternehmerischem Denken: „Sich gerade in der Anfangszeit allein auf die Begeisterung von Freunden und Familie zu verlassen, wird selten genügen“, ist Dr. Weishaupt überzeugt. „Auch wenn man keinen Start-up-Kredit benötigt, ist eine solide Finanzplanung wichtig. Und die umfasst nicht allein die Kosten für die Lebenshaltung, sondern auch die laufenden Kosten für die Praxis, Anschaffungen und Marketing.“ Das Thema Marketing verdiene für sich noch einmal besondere Aufmerksamkeit: Man kann noch so überzeugt von sich sein und sein Handwerk bestens beherrschen: Wenn niemand weiß, dass es die Praxis gibt und was sie bietet, werden die laufenden Kosten das junge Unternehmen schnell „auffressen“. Dr. Werner Weishaupt: „Es braucht im Schnitt ein bis zwei Jahre, bis eine Praxis läuft. Das muss einkalkuliert werden.“

Vor diesem Hintergrund empfiehlt der VFP-Präsident, den Start in die Selbstständigkeit gut vorzubereiten. Das klingt nach Binsenweisheit, ist aber keine: „Ohne den derzeitigen Arbeitgeber zu benachteiligen, kann und sollte man vor dem Start die Finanzplanung, den Marketingplan, die Suche nach geeigneten Räumen und den Kontaktaufbau abgeschlossen haben.“

Jens Heckmann Jens Heckmann
Fachmann für Öffentlichkeitsarbeit/Unternehmenskommunikation, er berät seit Jahren VFP-Mitglieder in Marketingfragen
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