Wege aus dem Albtraum!

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Begleitung und Therapie traumatisierter Menschen

 

Aus der Eröffnungsrede des VFP-Präsidenten Dr. Werner Weishaupt zum 51. Psychotherapie-Symposium des VFP in Leipzig, 21.-23.10.2016


Das Rahmenthema für das Symposium haben wir in Kooperation mit der Paracelsus Schule Leipzig gefunden. Es ist aktuell wegen der Flüchtlingsdramen und der hohen Zahl offensichtlich traumatisierter Menschen – hat auch bei uns den Blick geöffnet für Menschen, die in ähnlicher oder auch anderer Weise betroffen sind. Selbst Politiker nehmen das wahr. Gleichwohl fehlt es an allen Ecken und Enden an Therapieplätzen und anderen Unterstützungsmaßnahmen. Die „Willkommenskultur“ hat sich schon wieder sehr gewandelt …

Das Thema Traumatherapie ist aber auch in gewisser Weise ein „Modethema“ in der Psychotherapie. Einerseits hat man in Forschung und Praxis entdeckt, wie viele Menschen betroffen sind und wie sich Traumata auswirken – aber auch wie sie sich behandeln lassen. Andererseits scheinen Traumatherapeuten die „höheren Weihen“ zu haben, gelten als besonders qualifiziert. Wer nur „normale“ Psychotherapie macht, hat in manchen Fachkreisen nicht so viel Ansehen.

Diese berufspolitischen Eitelkeiten und Konflikte verstellen jedoch den Blick auf das, worum es eigentlich geht und was der Untertitel unseres Symposiums zum Ausdruck bringt: die Begleitung und Therapie traumatisierter Menschen. So schnell, so gut und so schonend wie möglich und so umfassend und nachhaltig wie nötig.

Stattdessen wurde bis vor 2 Jahren darum gekämpft, dass nur Ärzte und Diplompsychologen die für die Trauma-Auflösung schon länger bewährte Technik des EMDR erlernen durften! Andere Interessenten am „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“ wurden von vornherein abgelehnt: Die Fachgesellschaft EMDRiA e. V. fordert z. B. immer noch als Voraussetzung für die Ausbildung dort eine Approbation!

Wissen lässt sich zum Glück aber nie nur exklusiv halten. So hat z. B. der deutschamerikanische Arzt Dr. Dietrich Klinghardt mit seiner Farbbrillenmethode im Rahmen der Psycho-Kinesiologie die EMDR-Technik schon genutzt und gelehrt, bevor die Bücher von Francine Shapiro erschienen waren. Und die Trainer Besser und Siegmund aus Hamburg lehren seit Jahren ihre „wingwave“-Methode als Instrument für das Coaching. Warum sollten Psychologische Berater und Heilpraktiker für Psychotherapie diese Methoden nicht auch anwenden? So können sie ihren Klienten und Patienten doch viel effektiver helfen! Und diese wenden sich an sie: Wir spielen eine nicht mehr wegzudenkende Rolle bei der psychotherapeutischen Versorgung der Bevölkerung. Angesichts der üblichen Wartezeiten von 3 bis 6 Monaten, paradoxerweise für Kinder und Jugendliche oft 12 Monate – obwohl ihnen schnell geholfen werden müsste und die Wartezeit lt. Gerichtsurteil nicht länger als 6 Wochen sein dürfte – sind immer mehr Menschen bereit, die Hilfe für die Lösung ihrer Probleme und Symptome aus der eigenen Tasche zu bezahlen.

Wie sollte eine Traumatherapie aufgebaut sein?

In der Fachliteratur werden dazu 4 Phasen vorgeschlagen:

  1. Anamnese/Diagnostik/Beziehungsaufbau/Instruktion
  2. Stabilisierungs-/Vorbereitungsphase/Ressourcenmobilisation
  3. Traumaexposition/Traumasynthese
  4. Trauer- und Neuorientierungsphase

Dieser Aufbau ist natürlich gut durchdacht und soll den Gegebenheiten und langsam wachsenden Fähigkeiten der Betroffenen gerecht werden. In der Praxis jedoch lässt sich dieses Schema nur selten so einhalten, denn die Menschen kommen mit ganz unterschiedlichen Anliegen in die Praxen – wie das folgende Schaubild zeigt.

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Das heißt: Es gibt natürlich Klienten, die wissen, dass sie ein Trauma erlebt haben, und die das nun endlich angehen und verarbeiten wollen. Mit ihnen können wir die oben genannten Schritte der Traumatherapie gemeinsam gehen.

Es gibt aber auch die, die unter den Folgen traumatischer Erfahrungen leiden, das aber auf der bewussten Ebene nicht (mehr) präsent haben. Sie melden sich wegen aktueller Beschwerden und vermuten nicht, dass ein früher erlebtes Trauma ursächlich dafür sein kann. Sie werden vielleicht erst im Laufe eines Beratungs- oder Therapieprozesses „fündig“ oder überrascht davon, was sie in jüngeren Jahren schon alles erlebt und durchgemacht haben.

Dann kommen Menschen zu uns, die einen aktuellen Leidensdruck im gesundheitlichen, sozialen oder seelischen Bereich haben und mehr ahnen als wissen, dass, wann und ggf. von wem sie traumatisiert worden sind. Hier wirken zum einen die Selbstschutzmechanismen der Psyche, zum andern spielt aber auch eine Rolle, dass die „innere Aufzeichnung“ des Geschehens während der Traumatisierung nur sehr eingeschränkt funktioniert.

Schließlich haben wir mit Patienten zu tun, die uns wegen ganz anderer Beschwerden aufsuchen – nicht wissend und nicht ahnend! Und auch wir als Berater und Therapeuten begegnen erst einmal nur dem kompensatorischen Ich, das sie in Reaktion auf das Trauma und zum Zweck des seelischen Überlebens entwickelt haben. Insofern besteht auch für beide die Gefahr, schockiert zu werden!

2016 04 Wege3Auf unserem Symposium bekommen Sie Anregungen und Hilfestellungen für jede Situation – mit einem breiten Methodenspektrum – durch Referentinnen und Referenten, die als Experten selbst in der Traumatherapie erfahren sind.

Ich wünsche uns allen anregende Lernerfahrungen voneinander und miteinander!