Bogenschießen für die Seele

2016 04 Bogen1

Sport tut gut – nicht nur unseren Patienten (immer m/w), sondern auch uns als Therapeuten. Beim Sport sind wir ganz bei uns, sind vertieft in unser Handeln und präsent. Glückshormone werden ausgeschüttet, wenn wir nicht aus falschem Ehrgeiz zu viel tun.

Wie kann Bogenschießen unser Selbst beeinflussen?

fotolia©vectorfusionartAuch wenn der Bogen in Deutschland nicht unter das Waffengesetz fällt, so ist der Umgang mit diesem Sportgerät nicht ungefährlich. Daher gibt es im Bogensport klare Regeln: Wann wird geschossen, wie stellt man sich auf, wie stellt man die Ziele auf und wie verständigt man sich mit seinen Sportkameraden? Die Sicherheit wird großgeschrieben! Besonders Kinder und Jugendliche profitieren von Regeln und Grenzen, die im „normalen“ Leben oft nicht mehr gefordert werden. Die Freude am gemeinschaftlichen Tun kann nur entstehen, wenn sich alle an die Regeln halten.

Bogenschießen ist kein Mannschaftssport, obwohl man ihn mit anderen zusammen betreibt. Wir sind also im Kontakt mit unseren Kameraden, aber wenn wir das Ziel vor Augen haben, sind wir ganz bei uns: der Geist, der Körper, der Bogen mit den Pfeilen und das Ziel … eine Einheit! In diesem Moment gibt es nur uns – in unserer ganzen Fülle des Seins.

Bogenschießen erschließt sich zu Anfang leicht. Jeder von uns hat Indianerfilme gesehen oder Indianer gespielt. Oder man hat Robin Hood bewundert, der die Reichen um ihre Güter erleichterte und den Armen gab. Als Kind haben wir uns Bogen und Pfeile aus Stöcken gebastelt, der heimische Wald war unser „Jagdrevier“. Heute ist das Bogenschießen durch Film und Fernsehen wieder präsent und populär.

Hat man die erste Hürde geschafft und sich z. B. in einem Verein zu einem Schnupperkurs angemeldet, bekommt man die nötige Ausrüstung geliehen. Lässt man sich auf die Bewegungen der Vorbereitung, des Spannens, Zielens und Lösens ein, stellen sich schnell Erfolgserlebnisse ein.

Der Pfeil geht tatsächlich dorthin, wo er hin soll! Ich habe dies mit Anleitung und Hilfsmitteln ganz alleine geschafft! Dies löst ein Glücksgefühl aus, wie es heute in unserer arbeitsteiligen Berufswelt nur noch selten gelingt. Denn wir haben den gesamten Vorgang des Schießens absolviert und nicht nur einen Teil davon. Das kann so weit gehen, dass Menschen ihren eigenen Bogen, Pfeile und Zubehör bauen (dies kann man in Kursen erlernen) und dieses Material auch benutzen. Aber man kann diesen Sport natürlich auch sehr gut mit gekauftem Equipment ausüben.

Ist aller Anfang leicht, so ist es im Bogenschießen wie in jeder anderen Sportart auch: Möchte man sich verbessern, muss man üben. Dies fordert und fördert Geduld, Konzentration, die körperliche und geistige Entwicklung und das Selbstbewusstsein. Wir trainieren nicht „eine Stunde“, sondern jeder einzelne geschossene Pfeil gibt uns eine Rückmeldung über unser Denken und Tun. „Dranbleiben“, auch wenn es schwer ist – das kann man beim Bogenschießen lernen. Denn man erhält so viel zurück! Versinkt man in seiner Aufgabe, ist man ganz im Hier und Jetzt. Nach und nach stellt sich sogar der Flow ein, ein Zustand des völligen Aufgehens in seiner Tätigkeit. Der Psychologe Siegbert A. Warwitz erklärt: „Das Urbild des Menschen im Flow ist das spielende Kind, das sich im glückseligen Zustand des Bei-sich-Seins befindet.“

Wir schießen dann nicht nur mit dem Bogen – wir sind der Bogen, der Pfeil, das Ziel … Dies verschafft eine tiefe Befriedigung und tut der Seele gut. Und es macht einfach eine Menge Spaß!

Bogenschießen kann sehr gut im therapeutischen Umfeld, in der Sozialarbeit und im Wellnessbereich eingesetzt werden: im Schulsport, zur Burnout-Prophylaxe oder -Behandlung, bei der Arbeit mit „schwierigen“ Kindern, in der Psychotherapie, in Coaching-Gruppen, in der Achtsamskeitspraxis, als Zen-Übung ... Auch für Menschen mit Handicap eignet sich das Bogenschießen. An der Schieß- linie treffen sich gleichberechtigt Nichtbehinderte und Rollifahrer, Gehörlose und Menschen mit fehlenden Gliedmaßen (die den Sport mit Hilfsmitteln ausüben). Menschen mit geistiger Behinderung können ebenfalls Bogenschießen, wenn sie die Sicherheitsregeln verstehen und umsetzen können. Es gibt sogar besondere Ausbildungsmöglichkeiten für Blinde!

Das Bogenschießen ist so vielseitig, dass sich für jeden die passende Spielart findet. Dies reicht vom Langbogen aus einem Stück Holz gefertigt über den Jagdbogen mit verschiedenen laminierten Hölzern, dem Blankbogen aus modernen Materialien wie Carbon und Metall bis hin zum Olympischen Recurve oder Compoundbogen. Man kann intuitiv oder mit Visier schießen. Weitere Möglichkeiten sind der Reiterbogen (den man natürlich auch ohne Pferd benutzen kann) oder das japanische Kyudo. Alle diese Bögen können in verschiedenen Disziplinen genutzt werden. Es gibt das „klassische“ Scheibenschießen, wie es z. B. bei den Olympischen Spielen ausgeübt wird. Eine weitere Möglichkeit ist das 3-D- und Feldbogenschießen. Statt auf einen Platz geht man mit seiner Ausrüstung in den Parcours. Dies ist ein Gelände (häufig ein Wald), in dem Tierattrappen (3D) oder Scheiben (Feldparcours) gestellt sind. Hier verbindet sich gewissermaßen Wandern mit Bogenschießen, denn man geht von Ziel zu Ziel, bis die Runde beendet ist. Schießt man nicht gerade in der Halle, ist man draußen in der Natur. Wenn man einen Ganzjahressport betreibt, erlebt man die Jahreszeiten sehr intensiv.

Habe ich Ihr Interesse geweckt? Dann erkundigen Sie sich nach einem Einsteigerlehrgang. Dieser wird regelmäßig von Vereinen (auch ohne Vereinsmitgliedschaft) und Bogensportgeschäften angeboten. Eine gute Übersicht gibt es auf www.bogenschiessen.de.

Gerade am Anfang ist es sinnvoll, eine gute Einführung in den Sport zu bekommen. Danach kann man autodidaktisch, im Verein oder mit einem Trainer weiterlernen. Möchte man Bogenschießen therapeutisch einsetzen, geht der Weg ebenfalls über den Einsteigerkurs und die eigene Entwicklung als Bogenschütze. Man sollte eine gewisse Erfahrung haben, bevor man verschiedene Lehrgänge zur Trainerausbildung im meditativen oder therapeutischen Bogenschießen besucht.

Der Weg ist das Ziel …?

Das Bogenschießen ist ein Weg – und so paradox es klingt, es hat kein „Ziel“, denn unsere persönliche Entwicklung endet nie! Dafür erleben wir eine tiefe Befriedigung, wenn wir uns auf uns selbst besinnen und auf unser Fühlen und Handeln einlassen. Die reine Freude am Tun – dann ist es auch völlig egal, ob wir eine bestimmte Punktzahl erreichen. Denn wir schießen nie gegen einen Gegner, sondern immer nur gegen uns selbst. Ich bin nicht 5. im Wettbewerb X, ich bin Bogenschütze!

Die Entwicklung des Selbstwertgefühls und des Selbstbewusstseins gelingt mit jedem einzelnen Pfeil.....

Andrea C. SchäferAndrea C. Schäfer
Tierpsychologin und Tierheilpraktikerin, DFBV-Bogentrainerin

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