Ängste loslassen. Vertrauen schaffen. Freiheit erleben. Glaube included.

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Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Rund ein Jahr schmückte das Usambaraveilchen mein Küchenfenster, als ich eine wichtige Entdeckung machte. Im Schatten der einst zwei eng aneinandergesetzten Pflänzchen wuchs ein weiteres, noch sehr kleines heran. Die großen, dicken Blätter der „Eltern“ ließen ihm nicht die geringste Chance, sich zu entwickeln, und so beschloss ich – zuerst schweren Herzens, da es ein „Überbleibsel“ meines verstorbenen Partners war – das kleine von den beiden mächtigen zu trennen.

Inzwischen ist aus diesem verkümmerten Pflänzchen ein stattliches Usambaraveilchen geworden, dessen erste Blüten sich mit Freude ausbreiten und der Sonne entgegenstreben. Mutig trennte ich kürzlich dank dieser Beobachtung auch die beiden Ursprungspflanzen – und siehe da – sie begannen unmittelbar und sofort ihre eigene Kreativität zu entfalten.

Tja – die Natur, unser Lehrer

fotolia©SyBSicher haben Sie schon erkannt, dass es hier um Befreiung, Loslösung und Entwicklung geht. In wie vielen Bereichen scheinen wir festzuhängen, gefangen und den eigenen Ängsten ausgeliefert zu sein. Kinder unterliegen den Beziehungsmustern der Eltern bis hin über mehrere Generationen; in Beziehungen sind wir schwach und zum Teil unterwürfig, befürchten, die Liebe des Partners zu verlieren, wenn wir zu uns selbst stehen und eigene Interessen formulieren; Abhängigkeiten machen uns fühlbar klein und lassen uns den Draht zur Welt zunehmend verlieren.

Sich zu befreien – innerlich, wie äußerlich, den Prozess der Loslösung aktiv anzugehen und der persönlichen Entwicklung Raum zu geben – all das sind Aufgaben, die letztlich unser Leben bereichern, wenn wir uns dafür entscheiden und den Mut aufbringen, einen neuen Weg zu gehen. Der Wunsch, dies zu tun, liegt in jedem von uns verankert, doch es sind in erster Linie die Ängste vor dem Unbekannten, die uns daran hindern, aufzubrechen.

Eine nicht zu unterschätzende Ressource ist der Glaube. Er gibt Kraft, Mut, (Lebens-)Sinn und schenkt uns spürbaren Halt.

Ich, Claudia Pest, habe mich auf den Weg gemacht und einen großen Mann unserer Zeit befragt:

Pater Anselm Grün. Er ist Benediktinermönch, ehemaliger Cellerar der Abtei Münsterschwarzach und Verfasser von rund 300 aktuell verfügbaren Lebens- und Glaubensbüchern. Pater Anselm kennt die Probleme und Schwierigkeiten der Menschen aus sehr vielen persönlichen Gesprächen.

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Lieber Pater Anselm, Ihre Bücher und Texte greifen exakt unser aktuelles Thema auf. Ich freue mich sehr, dass Sie mir ein Stück Ihrer Zeit schenken, um meine Fragen zu beantworten.

Eine Frage vorweg: Wie ist es möglich, dass wir Frieden in uns tragen trotz Kriegen, Unruhen, Hass und Anfeindungen im Außen?

Der Mensch wird eben nicht nur durch das Äußere bestimmt, sondern wir haben in uns einen Ort der Stille und in diesen können wir uns zurückziehen. Da sind wir im Frieden mit uns selbst und das ist eine wesentliche Hilfe des Glaubens, der uns sagt, in unserem Raum, wo Gott in uns wohnt, da haben andere Menschen mit ihren Ansprüchen, ihren Problemen und auch ihren Anfeindungen keinen Zutritt, da sind wir frei von den Erwartungen anderer Menschen und wir sind auch heil und ganz. Die Menschen können uns hier (zeigt aufs Herz) emotional verletzen, aber in diesen inneren Raum können andere nicht eindringen und auch das äußere Geschehen hat da keinen Zutritt.

Zu unserem Thema: ein Mensch, der seine Lebenssituation erkannt hat. Oft ist es ein langer Prozess, bis man den Mut findet, sich genau zu betrachten, dass etwas und was genau schiefläuft. Was raten Sie diesem Menschen?

Viele haben Angst, ihre eigene Wahrheit anzuschauen. Das Erste ist, ihnen die Angst zu nehmen mit der Zusage, es darf alles sein. Wir bewerten nicht, es ist so, wie es ist. Wir schauen nur hin, wie wir damit umgehen. Viele haben sofort Angst, sie sind dann krank oder sie werden eingeordnet, pathologisiert, und es ist wichtig, erst einmal eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, dass alles, was in ihnen ist, sein darf.

Das Problem ist definiert. Ängste beeinflussen das weitere Handeln, halten uns davon ab, den nächsten Schritt zu tun. An welchem Punkt setzt man an, um diese Hürde zu überwinden?

Es gibt zwei verschiedene Formen von Angst. Die eine Angst, die uns sagt, der Schritt ist noch nicht fällig, wir können das noch nicht. Und es gibt die Schwellenangst. Immer, wenn wir eine neue Schwelle überschreiten, gibt es Angst, und da ist es wichtig, zu sagen: „Gut, du hast Angst, aber wenn du dir vorstellst, du hast die Schwelle überschritten, wie geht es dir dann?“ Da merkt man, es entsteht Weite und man muss diese Angst überschreiten, damit in einem Weite und Freiheit und Lust am Leben entsteht.

Auch lieb gewonnene Gewohnheiten sind ein großes Hindernis in unserer Entwicklung. Welches „Instrument“ gibt uns der Glaube an die Hand, dieses Muster zu durchbrechen, und woraus schöpfen wir die Kraft, durchzuhalten?

Bei den Gewohnheiten müssen wir unterscheiden: Es gibt ja auch gute Rituale. Rituale können zur Gewohnheit werden, die uns im Leben Struktur und Halt geben, aber es gibt eben auch die Gewohnheiten, an denen wir uns festklammern und die uns hindern, etwas Neues zu wagen, und da ist immer wichtig zu fragen, was macht mir Angst vor dem Neuen? Traue ich mir das nicht zu oder kommt da das verletzte Kind hoch oder das überforderte Kind, dem seine Eltern nichts zugetraut haben, und da wäre es wichtig zu sagen: In jedem ist auch die Lust, etwas Neues zu wagen. In jedem ist auch die Angst, das ist ebenfalls wichtig. Wir sollen die Angst nicht verteufeln, aber dem anderen Mut machen, dass er mehr diesem Pol, dieser Lust auf das Neue, Lust, etwas zu wagen, traut.

Woraus können wir Kraft schöpfen? Wenn wir den Glauben haben, überwinden wir zwar die Angst, aber welche Möglichkeit gibt es, in Augenblicken des Verzagens, der Unsicherheit neue Kraft und Vertrauen zu erlangen?

Die Mönche haben die sog. antirhetische Methode entwickelt bei solch negativen Einreden der Angst: „Das wird sowieso nicht klappen“ oder „Mit mir ist nichts los“ oder „Ich bin zu langsam“, „Ich bin nicht fähig dazu“.

Wenn man solche Gedanken hat, soll man sich ein Wort aus der Bibel sagen, z. B. 2. Korinther, 5,17: „Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“

Natürlich kann ich sagen, das ist nur ein Wort, aber wenn ich glaube, heißt das für mich nicht, ich muss daran glauben, sondern glauben heißt auch, zu experimentieren.

Ich experimentiere mal. Wenn das stimmt: „Christus ist eine neue Schöpfung – das Alte ist vergangen, es wurde neu“, dann spüre ich, dass ich auch mit dem Mut in Berührung komme, etwas Neues zu wagen.

Die Worte der Bibel wollen uns in Berührung bringen mit der Weisheit der Seele, die oft überdeckt und zugeschüttet ist von den vielen Meinungen, die wir in der Gesellschaft hören.

Und der Glaube ist eine andere Sichtweise; … dass wir die Sichtweise, die uns die Gesellschaft anbietet, mal durchbrechen und unser Leben von Gott her sehen. Das tut uns besser, denn diese Sichtweise von Gott her wird unserem Wesen gerechter als die vielen Sichtweisen, die uns von außen aufgedrängt werden.

Immer wieder ist Flucht unser scheinbarer Rettungsanker. Letztlich erkennen wir jedoch, dass sich nichts Wesentliches geändert hat, und sind noch frustrierter. Was muss uns klar werden, damit wir wahrhaftig vorwärtskommen?

Viele haben Angst vor der Realität, viele fliehen heute auch in Aktivismus, sie versuchen, alles Mögliche zu verändern.

Für mich ist wichtig: Im Verändern liegt auch etwas Aggressives; ich muss ein anderer Mensch werden, es muss alles ganz anders werden. Und für mich ist die christliche Antwort auf diese Sucht, sich ständig verändern zu müssen: Verwandlung. Und Verwandlung ist sanfter, d. h. ich würdige mich so, wie ich geworden bin, es darf alles sein, aber ich bin noch nicht der oder die, die ich vom Wesen her bin. Oder religiöser ausgedrückt: Ich bin noch nicht dieses einmalige Bild, das Gott sich von mir gemacht hat. Und ich denke, Verwandlung schafft nicht so viel Angst.

C. G. Jung sagt: „Wer sich nicht wandelt, der bleibt stehen, der erstarrt innerlich.“ Aber viele haben Angst vor dem Neuen, vor dem ständigen Sichwandeln, weil sie dann ihre Identität verlieren – wer sind sie noch?

Und verwandeln heißt: Ich darf der sein, der ich bin. Das Ziel der Veränderung ist, ein anderer zu werden, das Ziel der Verwandlung ist, immer mehr ich selbst zu werden. Und deswegen ist es wichtig, bei den Menschen, die Lust an der Verwandlung zu wecken, dass sie immer mehr sie selbst werden und dass sie nicht irgendetwas abwerten bei sich, schlechtmachen oder verurteilen. Das erzeugt die Angst.

Alte Beziehungsmuster, generationsbedingte Reaktionen und Verhaltensweisen halten uns in unserem Tun gefangen. Wie machen wir uns frei davon und was verhilft uns zu der notwendigen Stärke, uns gegen Anfeindungen von außen zu wappnen?

Das Erste ist, mir einzugestehen, was mich prägt. Klar sind es diese Lebensmuster aus der Vergangenheit, von den Eltern; – die prägen uns, und es ist ja auch gut, was uns prägt. Aber wo hindert es uns, unseren eigenen Weg zu gehen, wo haben wir uns nur angepasst und wo haben wir uns verbogen? Natürlich, wenn wir uns verwandeln, dann verunsichert das die anderen, und es kann sein, dass wir dann abgelehnt werden. Dann ist eben wichtig, mir einzugestehen: Ja, ich habe das Bedürfnis, bei allen beliebt zu sein. Aber wenn ich das Bedürfnis zu Ende denke, ich will bei allen beliebt sein, geht es mir dann gut oder muss ich mich dann ständig verbiegen, und das tut mir auch nicht gut.

Und das andere ist, zu ermutigen. Wenn es für mich stimmt, wenn ich authentisch bin, verunsichert es zwar am Anfang die anderen. Die anderen möchten gerne, dass ich der Alte bleibe, aber auf Dauer werden die Beziehungen besser, auf Dauer stimmt es, und nur um des lieben Friedens willen eine Beziehung aufrechtzuerhalten, die eigentlich nicht stimmt, das tut beiden nicht gut.

Intensive Verbindungen (in Partnerschaften, Eltern-Kind-Beziehungen …) verhindern oftmals die eigene persönliche Entwicklung. Was ist – dem anderen und sich selbst gegenüber – legitim zu tun, um das eigene Leben zu leben und parallel die Beziehung nicht aufs Spiel zu setzen?

Also, wenn ich sage, ich möchte ganz ich selbst werden, darf das nicht egoistisch geschehen, nämlich so: „Ich habe jetzt meine Wünsche.“

Hans Jellouschek spricht von der Tyrannei des Authentisch-sein-Müssens. Wenn ich authentischsein so verstehe „Ich kann jetzt nicht mit Ihnen gehen, weil ich gerade ein anderes Gefühl habe“, dann ist das Narzissmus und ein Kreisen um die eigenen Gefühle, die ich absolut setze. Ich selbst bin immer in Beziehung mit anderen und so muss ich auch die Beziehung berücksichtigen. Ich kann nicht einfach egoistisch um mich kreisen, sondern muss auch fragen, was stimmt in der Beziehung zu anderen.

Die Realitätskontrolle ist sicher auch wichtig, ob es stimmt oder nicht. Wenn ich also in meiner Selbstwerdung nur egozentrisch um mich kreise und alle Beziehungen abschneide, dann ist das sicher ein Zeichen, dass das nicht mein wahres Selbst ist, sondern ein egoistisches Selbst-sein-Wollen.

Dieses Sichwandeln soll immer letztlich auch zum Segen werden für die Beziehung. Das ist eine Herausforderung an den anderen, damit der andere wachsen kann, aber es ist nie eine Ablehnung des anderen. Es geht darum zu spüren, was ist nur Anpassung und was ist echte Rücksichtnahme.

Und in der Beziehung leben heißt auch immer, ich habe „Ja“ gesagt zum anderen und ich vertraue darauf, dass der andere eine Herausforderung ist für mich selbst – und diese Herausforderung nehme ich an.

Also Selbstwerdung heißt nicht, alleine im Zimmer für mich auszudenken, was gut ist, sondern bedeutet, immer in der Begegnung zu spüren, wo passe ich mich negativ an und wo lasse ich den anderen ganz er selbst sein und bin ich ganz ich selbst. Das ist ein Wachsen und ein gegenseitiges Wachsen und ich denke, darum geht es, und nicht um dieses egozentrische Nur-auf-die-eigenenGefühle-Achten.

Ursula Nuber hat ein Buch geschrieben: „Die Egoismus-Falle“. Wer immer nur auf die eigenen Gefühle achtet, der gerät in die Egoismus-Falle, der ist nicht in Beziehung – und in Beziehung zu sein, gehört wesentlich zum Menschen.

Der Glaube wird von vielen tabuisiert, abgelehnt, als veraltet bezeichnet. Dennoch birgt er, wenn man sich offen damit auseinandersetzt, eine große Chance der Lebenshilfe in sich. Was hilft dem Menschen, Vorbehalte zu überwinden, um durch einen „neuen“ Glauben ins Leben (zurück-)zufinden?

Zunächst ist wichtig, mit ihm darüber zu sprechen, was stört ihn denn am Glauben. Meistens sind es ja negative Erfahrungen. Oft erlebe ich, dass viele den Glauben damit verbinden, dass sie als Sünder abgestempelt worden sind: Du bist schlecht, du bist sündig usw. Das sind pessimistische Haltungen. Oder, dass sie denken, sie müssen etwas glauben, was die Kirche sagt. Das sind einfach negative Formen des Verständnisses vom Glauben. Und die Frage ist, was heißt „Glauben“ eigentlich? Glauben heißt, dass ich getragen bin von Gott, und das ist eine wesentliche Hilfe.

Viele Menschen kommen heute nicht zurecht, sie bewerten sich ständig selbst. Sie kommen in Stress, weil sie sich abends fragen: „War das gut, hätte ich das anders machen sollen?“ Und Glaube heißt: Ich halte mein Leben Gott hin und glaube, dass Gott mein Leben in Segen verwandeln kann; auch das nicht optimal geführte Gespräch.

Glauben heißt auch: Ich muss nicht alles selbst machen. Psychologen sprechen da heute vom „überforderten Selbst“; – dass der Mensch sich selbst überfordert mit allen Ansprüchen an sich selbst und der Glaube ist die Erfahrung, bedingungslos geliebt zu sein von Gott; – dass ich in der Begegnung mit Gott verwandelt werden kann, aber dass ich nicht selbst alle Probleme aufarbeiten muss.

Aufarbeiten klingt ja auch nach Anstrengung. Und der Glaube ist da wesentlich menschenfreundlicher: Ich darf so sein, wie ich bin, und ich halte mich hin und es kann alles verwandelt werden in mir; – das ist eine wichtige Form. Und Glaube heißt: Ich bin nicht alleine; – es gibt auch eine Tradition.

Ein Psychologe, Daniel Hell, sagt: „Ein Grund der Depression ist die Wurzellosigkeit“; – dass die Menschen keine Wurzeln mehr haben, weder in ihren Vorfahren noch eben im Glauben, und „in ihren Vorfahren“ heißt auch, in der Glaubens- und Lebenskraft der Vorfahren seine Wurzeln zu haben – und die haben eben geglaubt und: Was haben sie geglaubt? – Was hat ihnen der Glaube gegeben?

Wichtig ist, bei den Widerständen gegen den Glauben einfach mal zu spüren, wogegen rebelliere ich eigentlich? Rebelliere ich gegen alte Erfahrungen, negative Erfahrungen, die ich gemacht habe, oder rebelliere ich dagegen, dass ich mich auf den Weg machen müsste? Glauben heißt ja immer: sich der eigenen Wahrheit stellen, und möchte ich lieber so einfach gleichgültig dahinleben, aber dann ist der Glaube eine Verunsicherung.

Und manchmal ist die Ablehnung des Glaubens die Ablehnung, man will sich nicht verunsichern lassen, man hält an seinem Leben fest und merkt doch, dass es nicht stimmt.

Gläubige Menschen werden durchaus darauf angesprochen, dass sie es sich zu „einfach machen“. Sie bekommen zu hören: „Schiebst du damit nicht ein Problem einfach an Gott ab, anstatt deine eigene Verantwortung wahrzunehmen?“

Natürlich gibt es immer Fehlformen des Glaubens, dass ich meine, Gott macht alle Dinge. Aber Verantwortung heißt ja Antwort geben: Ich lass mich von Gott rufen und ich habe nicht nur Verantwortung für mein eigenes Leben, sondern ich gebe eine Antwort auf den Ruf Gottes und die Verantwortung zu übernehmen heißt gerade: sich rufen zu lassen, sich herauslocken zu lassen und nicht einfach sein eigenes Lebensgebäude aufzubauen, sondern zu spüren: Wer bin ich wirklich?

Und wenn ich diese Frage zu Ende denke „Wer bin ich wirklich?“, dann bleibe ich nicht bei der Psychologie stecken, denn dieses „Ich“, die Frage nach dem „Ich“, nach dem „Wer bin ich?“ führt mich in einen tieferen Grund, wo ich nicht mehr genau weiß, wer ich wirklich bin. Und da ahne ich, dass ich letztlich gut gehalten bin von Gott, von einem tieferen Grund. Glaube ist einfach die Offenheit für das Geheimnis und das gehört zum Menschen. Wenn einer kein Geheimnis mehr hat, wenn er meint, er könnte alles erklären, dann verliert er etwas Wesentliches an seinem Menschsein, denn Menschsein heißt immer, über sich hinauszugehen.

Sie sind in Ihrem Leben vielen verzweifelten Menschen begegnet. Gibt es einen Satz, einen immer gültigen Rat, den Sie diesen mit auf den Weg geben können?

Erst einmal ist es für mich wichtig, wenn ich jemanden begleite, auch wenn er eine noch so schwierige Kindheit hatte mit noch so tiefen Verletzungen, dass ich als Begleiter immer die Hoffnung habe, seine Wunden können in Perlen verwandelt werden.

Natürlich weiß ich, dass es oft lange dauert, und manche haben wirklich sehr zu tragen an ihrem Schicksal, aber ich kann nur begleiten, wenn ich Hoffnung habe. Hoffnung, dass dieser Mensch kostbar ist, dass seine Wunden auch ein Schatz werden können. Er hat etwas Schlimmes erfahren, aber das macht ihn auch wertvoll.

Paulus sagt, wir hoffen auf das, was wir noch nicht sehen, aber ich hoffe trotzdem, dass in diesem Menschen sich etwas entwickeln kann. Und zu dem, der zu mir kommt, sage ich: „Ja, es ist dein Leben, mit allen Höhen und Tiefen, aber es ist auch ein einmaliges Leben und macht dich zu diesem Menschen, der du bist.“

Und ich würde ihm auch diese Hoffnung mit auf den Weg geben, dass all seine Wunden auch in Perlen verwandelt werden können, dass er mit dem, was er erfahren hat, auch sensibler geworden ist, dass die Wunden ihn aufgebrochen haben für sein wahres Selbst, dass sie ihn befreit haben von Rollen und Masken und dass er ein Segen sein kann für andere.

Lieber Pater Anselm, ich danke Ihnen recht herzlich für dieses interessante Interview, das für viele ein Anstoß sein kann, sich neu zu orientieren.

Jeder Mensch entscheidet für sich selbst, welchen Weg er beschreitet. So individuell wie das eigene Leben ist, werden auch die nächsten Schritte sein. Letztlich ist es gleichgültig, auf welche Ressource wir zurückgreifen – Hauptsache, wir bleiben nicht starr im bisherigen Verhalten stecken, sondern richten unser Augenmerk auf die Möglichkeiten, die unser Leben bietet.

Abtei MünsterschwarzachIch wünsche Ihnen Mut zum Leben
– Mut zu sich selbst
– Mut zum und Freude am Glauben.

Pater Anselm Grün
Benediktinermönch und ehemaliger
Cellerar der Abtei Münsterschwarzach
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Claudia C. Pest
Freie Publizistin, Psychologische Beraterin
und Entspannungs-/Schlaftrainerin
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